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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 75
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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70. Friedrich II. über Joseph II.

Ich komme so eben von einer langen Reise zurück. Ich bin in Mähren gewesen und habe da den Kaiser besucht, der im Begriff steht, eine große Rolle in Europa zu spielen. Er ist an einem bigotten Hofe geboren, und hat den Aberglauben abgeworfen; ist in Prunk erzogen, und hat einfache Sitten angenommen; wird mit Weihrauch genährt, und ist bescheiden; glüht von Ruhmbegierde (?), und opfert seinen Ehrgeitz der kindlichen Pflicht auf, die er wirklich äußerst gewissenhaft erfüllt; hat nur Pedanten zu Lehrern gehabt, und doch Geschmack genug, Voltaire's Werke zu lesen, und ihr Verdienst zu schätzen. Er sagte mir einmahl beynahe einen ganzen Gesang aus dem Pastor fido und einige Verse aus dem Tasso her. (Aus einem Briefe des Königs an Voltaire den 16. September 1770.)

Der Kaiser wollte ein vollkommenes Incognito beobachten; er nahm den Nahmen des Grafen von Falkenstein an, und man glaubte, ihm nicht mehr Ehre erweisen zu können, als wenn man ihm in Allem zu Willen wäre. Dieser junge Fürst affectirte eine Offenherzigkeit, die ihm natürlich schien; sein liebenswürdiger Character verrieth einen frohen Sinn, mit dem er eine große Lebhaftigkeit verband; aber bey aller Begierde zu lernen, hatte er nicht die Geduld, sich zu unterrichten, welches indessen nicht hinderte, daß nicht Bande der Freundschaft zwischen beyden Monarchen geknüpft worden wären. Der König sagte dem Kaiser, er sehe diesen Tag als den schönsten seines Lebens an, denn er würde die Epoche der Vereinigung zweyer Häuser ausmachen, die zu lange Feinde gewesen wären, und deren gegenseitiges Interesse es erfordere, sich einander eher beyzustehen, als sich aufzureiben. Der Kaiser antwortete: Für Österreich gebe es kein Schlesien mehr. – Hierauf ließ er auf eine gute Art etwas davon fallen, daß, so lange seine Mutter lebe, er sich nicht schmeicheln dürfe, einen hinlänglichen Einfluß bey ihr zu erlangen, um seine Wünsche auszuführen. Jedoch verhehlte er nicht, daß bey der jetzigen Lage der Sache in Europa weder seine Mutter noch er jemahls zugeben würden, daß die Russen im Besitz der Moldau und Wallachey blieben. Er schlug hierauf vor, solche Maßregeln zu nehmen, daß Deutschland eine völlige Neutralität behaupte, im Fall sich ein Krieg zwischen England und Frankreich entspänne &c. &c. Der König, um sein Verlangen nach der Erhaltung des guten Vernehmens zwischen Preußen und Österreich zu bezeugen, nahm das Anerbiethen des Kaisers an, und die beyden Fürsten machten sich wechselseitig schriftlich anheischig, diese Neutralität zu behaupten. Diese Verschreibung war eben so unverletzlich, als es ein in aller Form gemachter, und mit den Unterschriften der Minister ausgeschmückter Vertrag seyn kann. Der Kaiser versprach im Namen seiner Mutter und in dem seinigen, und der König verpfändete sein Ehrenwort dafür, daß, wenn der Krieg zwischen Frankreich und England ausbräche, sie mit aller Treue den zwischen Preußen und Österreich glücklich hergestellten Frieden erhalten wollten, und daß, wenn andere Umstände oder Unruhen dazu kämen, deren Veranlassung man unmöglich voraussehen könnte, sie von beyden Seiten die vollkommenste Neutralität in Ansehung ihrer beyderseitigen Besitzungen beobachten wollten. Diese Versprechungen, worüber man ein sorgfältiges Stillschweigen beobachtete, wurden zu Neisse, zur gemeinschaftlichen Zufriedenheit beyder Monarchen unterzeichnet.

Die zweyte Zusammenkunft des Königs und Kaisers geschah im Lager von Neustadt in Mähren. Man fand keinen einzigen Österreicher, der nicht irgend ein Zeichen von Animosität gegen die Russen hätte blicken lassen. Der Kaiser erschien dem König noch immer in demselben Lichte, wie das erste Mahl in Neisse. Der Fürst Kaunitz, der ebenfalls anwesend war, hatte lange Conferenzen mit Seiner preusischen Majestät, in welchen er mit Emphase das System seines Hofes entwickelnd, es für ein Meisterstück der Politik ausgab, dessen Schöpfer er sey. Er stellte hierauf die Nothwendigkeit dar, sich den ehrgeizigen Absichten Rußlands zu widersetzen, und erklärte, die Kaiserinn würde es niemahls dulden, daß die russischen Armeen die Donau überschritten, noch daß Rußland solche Acquisitionen mache, durch welche es zum Grenznachbar von Ungarn würde. Er gestand, daß die Vereinigung Preußens mit Österreich der einzige Damm sey, den man dem ungeheuern Strom, welcher ganz Europa zu überschwemmen drohe, entgegen setzen könne. Als er aufgehört hatte, zu sprechen, antwortete der König, daß er stets bemüht seyn werde, die Freundschaft Ihrer kaiserlichen Majestäten, welche ihm unendlich schätzbar sey, zu erhalten, bath aber andererseits den Fürsten Kaunitz, die Pflichten zu bedenken, welche dem König durch die Allianz mit Rußland auferlegt worden seyen, und wie es ihm unmöglich sey, sich von solchen loszusagen obgleich in eben diesen Verbindlichkeiten gerade die vornehmsten Hindernisse lägen, in die ihm eben gemachten Vorschläge des Fürsten einzugehen. Der König fügte hinzu, daß es sein einziger Wunsch sey, zu verhindern, daß der Krieg zwischen den Russen und Türken ein allgemeiner werde, daß er sich zu dem Behuf zum Vermittler zwischen den beyden kaiserlichen Höfen erbiethe, daß es sogar Zeit sey, daran zu denken, wie man bey der gegenseitigen Unzufriedenheit einen offenen Bruch verhindern könne. Um jedoch den Wiener Hof in der günstigen Stimmung zu erhalten, fand es der König angemessen (à propos), dieselben Versicherungen, welche er dem Kaiser Joseph gegeben hatte, zu erneuern, auch einigen kleinen Chicanen zwischen den Grenzbeamten ein Ziel zu setzen, dazu versprach man dem Kaiser, der offene Mittheilung aller dem Berliner Hofe gemachten und künftigen Eröffnungen verlangte, freundliche Gewährung. Da jedoch Alles das zwischen dem König und Kaunitz allein verhandelt wurde, so fand es der König schicklich, den Kaiser von dem in Kenntniß zu setzen, was gesagt und abgemacht worden war. Es schien, daß dieser Monarch, wenig gewohnt an solche Rücksichten, für diese Aufmerksamkeit dem Könige Dank wußte.

Des andern Tags kam ein Curier von Constantinopel mit Briefen des Caimacan vom 12. August, durch welche der Großherr die Höfe von Berlin und Wien einlud, die Vermittlung zu übernehmen, um die zwischen der Pforte und Rußland herrschenden Mißhelligkeiten auszugleichen. Es war in dieser Depesche ausdrücklich bemerkt, daß die Pforte sich nur im Fall des Dazwischentretens der beyden Höfe zu irgend einem Friedensschluß herbeylassen würde.

Der Kaiser gestand, daß er diese Vermittlung nur den Bemühungen des Königs von Preußen verdanke, und er zeigte ihm dafür seine Erkenntlichkeit. Denselben Tag hatte der König eine Zusammenkunft mit dem Fürsten Kaunitz; er ermangelte nicht, ihm wegen dieser günstigen Begebenheit Glück zu wünschen, da sie ihn einigermaßen beruhigen und selbst die Eifersucht, welche die Fortschritte Rußlands in seinem Gemüth erregt hatten, vermindern konnte. Er sagte ihm, daß diese Nachgiebigkeit der Pforte dem Wiener Hofe die Bestimmung der Bedingungen, welche sie zwischen beyden Mächten aufsetzen wolle, freystelle. Der Minister nahm dieses Compliment mit affectirter Gleichgültigkeit auf und sagte, daß er dieses Benehmen der Pforte billige, aber im Grunde wurde keine Vermittlung mit lebhafterem Eifer ergriffen. (Oeuvres post.; Memoires.)

Über Josephs Selbstansicht des großen Vorzugs nationaler Einheit in Frankreich.Dieß veranlaßte die für Joseph niederschlagende Vergleichung zwischen diesem unter Einem Haupte vereinigten Staats-Körper und der deutschen Reichsverfassung, wo er zwar Kaiser war, worin sich aber Könige und Souveräne befanden, welche mächtig genug waren, sich ihm zu widersetzen, ja selbst Krieg mit ihm zu führen. Hätt' es in seiner Gewalt gestanden, er würde unverzüglich alle Provinzen des Reichs zu seinen Domänen geschlagen haben, um sich zum Souverän dieses Staatskörpers zu machen und damit seine Macht über die Macht aller Monarchen Europens zu erheben. Dieser Plan beschäftigte ihn unaufhörlich, und er war der Meinung, das Haus Österreich müsse denselben niemahls aus den Augen verlieren. Dieser herrschsüchtige Grundsatz war es, aus welchem seine brennende Begierde, Bayern zu besitzen, floß; und ungeachtet es schien, als wenn der Tod des Churfürsten von Bayern eben nicht so bald erfolgen dürfte, so sparte doch der Kaiser nichts, um den Churfürsten von der Pfalz und seine Minister in sein Interesse zu ziehen &c. &c. Der österreichische Hof war zu gefährlich und zu mächtig, als daß man ihn hätte vernachlässigen dürfen &c. &c. Joseph hatte zween Generale, Lacy und Loudon, die sich in dem vorigen Krieg Ruf erworben hatten. Sein Kriegsheer war besser versehen und auf einem bessern Fuß, als jemahls. Er hatte die Zahl der Feldkanonen vermehrt und sie bis auf zweytausend gebracht. Seine Finanzen, welche noch die erstaunlichen Kosten des letzten Krieges fühlten, waren nicht auf einem ganz soliden Fuß. Man schätzte die Staatsschulden auf hundert Millionen Thaler, deren Interesse man auf vier Procent herabgesetzt hatte, und trotz allem Gelde, welches man von den Provinzen – – erpreßte, und in Wien zusammenbrachte, behielt die Kaiserinn, nach Abzug aller festgesetzten Ausgaben und angewiesenen Jahrgelder, nicht mehr als zwey Millionen übrig, womit sie nach Gefallen schalten konnte. Es blieb also kein anderer Fond, als vier Millionen Reichsthaler, die der Feldmarschall Lacy an der Erhaltung der Armee erspart hatte; aber durch die Pünctlichkeit, womit die Wiener Bank die Zinsen für die von dem Hof angenommenen Capitalien bezahlte, hatte sie ihren Credit, sowohl in Holland als Genua, dergestalt gegründet und befestigt, daß, wenn der Hof es für dienlich fand, seine Zuflucht zu neuen Anleihen zu nehmen, er sich schmeicheln konnte, neue Hülfsquellen zu finden. Man rechne zu diesem festgestellten Credit eine Armee von 170,000 Mann, die beständig auf den Beinen war, und jeder Leser wird eingestehen, daß Österreich damahls eine ungleich furchtbarere Macht besaß, als die vorigen Kaiser, selbst Carl V. nicht ausgenommen, je gehabt hatten.

Der stolze österreichische Hof, der immer die andern zu beherrschen strebte, warf sein Auge nach allen Seiten umher, um seine Gränzen zu erweitern, und die Staaten in seine Monarchie zu verschlingen, die ihm am bequemsten lagen. Nach dem Orient zu dachte er darauf, Servien und Bosnien mit seinen weit ausgebreiteten Ländern zu verbinden. – Gegen Mittag, reizte ihn die Begierde, einen Theil vom Gebiethe der Republik Venedig an sich zu ziehen; und er wartete nur auf eine Gelegenheit, Triest und das Mailändische auf eine passende Art mit Tyrol zu vereinigen. Dieß war noch nicht genug; er versprach sich sogar. nach dem Tode des Herzogs von Modena, dessen Erbinn mit einem Großherzog vermählt war, Ferrara, welches die Päpste besaßen, zurück zu fordern und dem König von Sardinien die Landschaften Tortonese und Alessandria abzunehmen, weil sie immer den Herzogen von Mayland gehört hatten.

Gegen Abend war Bayern ein ungemein reizender Bissen; da es in der Nachbarschaft von Österreich lag, eröffnete es diesem den Weg nach Tyrol. Gehörte ihm Bayern, so sah das Haus Österreich die Donau beständig in seinem Gebieth fließen. Man muthmaßte überdieß, daß es dem Interesse des Kaisers zuwider seyn würde, die Vereinigung von Bayern und Pfalz unter einem Souverän zuzugeben; und da diese Erbschaft den Churfürsten von der Pfalz allzumächtig gemacht haben würde, so war es ungleich vortheilhafter, wenn der Kaiser dieselbe für sich nahm. Wenn man von dort die Donau hinauf ging, stieß man auf das Herzogthum Würtemberg, an welches der Wiener Hof sehr rechtskräftige Ansprüche zu haben glaubte.

Alle diese Erweiterungen würden eine Art von Gallerie gemacht haben, welche von Wien aus, immer von einer zur andern, bis an die Ufer des Rheins geführt hätte, wo das Elsaß, das vor Alters einen Theil des Reichs ausmachte, wieder einzuziehen war, und dieses führte nach Lothringen, welches unlängst noch ein Eigenthum der Vorfahren Josephs gewesen war. Wenn wir uns gegen Mitternacht wenden, finden wir jenes Schlesien, dessen Verlust Österreich nicht vergessen konnte, und dessen Besitz es wieder erlangen wollte, sobald sich die Gelegenheit dazu fände.

Der Kaiser wußte seine umfassenden Entwürfe nicht zu verbergen. Seine Lebhaftigkeit verrieth ihn häufig. Um davon ein Beyspiel zu geben, ist es hinlänglich, zu erzählen, daß der König von Preußen gegen Ende des Jahres 1775 einige heftige Krankheitsanfälle hatte, welche dem österreichischen Minister am preußischen Hofe, von Swieten, so gefährlich schienen, daß er dem Kaiser melden zu dürfen glaubte, es gehe zu Ende mit dem König, und er werde kein neues Jahr mehr erleben. Sogleich setzten sich alle österreichischen Truppen in Bewegung; der Punct ihres Zusammentreffens war in Böhmen bestimmt, und der Kaiser erwartete mit Ungeduld die Bestätigung dieser Neuigkeit, um sogleich in Sachsen einzufallen, und von da über die Grenzen von Brandenburg zu schreiten, worauf er dem Nachfolger die Alternative stellen wollte, entweder Schlesien dem Hause Österreich wieder abzutreten, oder vernichtet zu werden, ehe er sich zur Wehre setzen könnte.

Alle diese Dinge, welche ganz offen geschahen, wurden bald überall ruchbar und vermehrten die Freundschaft zwischen den beyden Höfen nicht, wie man sich wohl denken kann. Diese Scene war um so sonderbarer, da der König von Preußen nur an einem gewöhnlichen Gichtanfalle litt und schon genesen war, ehe man nur die österreichische Armee versammelt hatte. Der Kaiser ließ hierauf alle seine Truppen in ihre gewöhnlichen Quartiere zurückkehren. Ein Jahr darauf machte er die Reise nach Frankreich. (Oeuvres posthumes et Memoires.)

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