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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 73
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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Fünftes und letztes Bändchen.

68. Huldigung dargebracht der Wahrheit und den Manen des Hrn. Feldmarschalls Grafen von Lacy24 Octavseiten, gedruckt zu Lausanne; in sehr wenig Exemplaren, Französisch und extra Deutsch; schon beynahe vierzig Jahre, so gut als gar nicht mehr bekannt, und dabey von besonderer Wichtigkeit. Hier wird Joseph zugleich geschildert. Der Herr Verfasser, 1767 geboren, 1767, der Fürst D***, lebt noch, zur Freude Aller die ihn kennen..

Rien n'est beau que le vrai; le vrai seul est aimable.
Boileau.    

Inhalt. – Auszug aus dem Journal de l'Empire vom 20. October 1811. –Widerlegung dieses Artikels von einem gewesenen österreichischen Officier. – Historische Nachricht über den Herrn Feldmarschall Grafen von Lacy. – Nachträgliche Anmerkungen.

Vorläufige Anmerkung. Man wird sehr leicht bemerken: daß der Verfasser der Widerlegung des in dem Journal de l'Empire vom 20. October 1811 aufgenommenen Artikels, sehr entfernt war, sich in eine Streitfrage über Militärgrundsätze und Systeme einzulassen und eben so entfernt, die Vorzüge von Massen-Operationen gegen Zertheilungs-Operationen zu verkennen. Er hat blos einen biographischen Irrthum berichtigen und demnach versichern wollen; erstens: »Daß Feldmarschall Lacy nicht der Urheber eines Systems der Streitkräfte-Vertheilung war;« zweytens »daß er an den Planen, welche die alliirten Armeen in den ersten Feldzügen der Revolution gegen Frankreich befolgt haben, keinen Antheil gehabt hat.« Da aber die negativen Beweise stets Schwierigkeiten unterworfen sind, so stünde es vielmehr jenen zu, welche die hier widerlegten zwo Thatsachen behaupten wollten, die Beweise ihrer Angaben zu liefern.


I.
Auszug aus dem Journal de l'Empire

vom 20. October 1811.

Verschiedenes.

Kriegskunst und Geschichte.

Abhandlung über die großen militärischen Operationen u. s. f.

Von Herrn General Baron v. Jomini.

Zweyte Auflage.

(Zweyter Artikel.)

.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   Friedrich aber war mehr ein geschickter General, als ein großer Kriegsmann   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   Die in Europa seit Friedrichs Tode vergessene Kriegskunst bestand, im Augenblicke der Revolution, darin: Truppen in Lustlagern manoeuvriren zu machen und in allen Details des Dienstes eine kleinliche Regelmäßigkeit zu bringen. Zu dieser dürftigen Gewohnheit gesellte sich ein System der Vertheilung der Streitkräfte, das der Feldmarschall LascyEs sollte heißen Lacy.im Türkenkriege einführte und das, zur Beschützung einiger Dörfer im Banat, dem Kaiser Joseph die Hälfte seiner Armee verlieren machte. Dieses unglückliche System wurde bey den österreichischen Armeen – den einzigen die damahls Krieg führten – bis zur Ankunft des Feldmarschalls LaudonEs sollte heißen Loudon. befolgt, der, durch ein entgegengesetztes und den Grundsätzen angemessenes Benehmen, sich würdig bewies, die größten Unternehmungen zu leiten. Aber der Tod dieses Generals ließ Lascy seinen ganzen Einfluß, und die coalisirten Armeen, hauptsächlich nach seinen Planen geführt, fielen in die nähmlichen Irrthümer zurück und traten abtheilungsweise auf der ganzen Strecke von Frankreichs Gränzen auf.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   Kaum hatte Dumouriez den, durch die üble Jahrszeit und Mangel an Lebensmitteln schon ermüdeten Feind genöthigt, das französische Gebiet zu räumen: kaum hatte er die Schlacht von Jemappes – natürliche Folge dieses Rückzuges – gewonnen, so . . . . . Die Alliirten . . . . . . . zerstreuten sich ihrerseits auch: die einen (1793) gehen rechts, Dünkirchen belagern, die andern Maubeuge im Centrum, indeß die Preußen und Wurmser Landau blokiren und bis unter den Mauern von Straßburg erscheinen . . . . . . . Beyderseits beging man einen großen Fehler, indem man große Anstrengungen nach Flandern wendete, indeß die Positionen der Maaß den Franzosen den Schlüssel der Niederlande und den Österreichern die Grundlinie ihrer Operationen zum Eindringen in Frankreich darbothen.  . . . . . . General Jomini, entschuldigt die Fehler der ersten Feldzüge der Revolution, wenn sie aus Ursachen entstunden, die den Kriegsereignissen fremd waren . . . . . . . Unglücklicherweise hat er nicht immer sehr sichere Daten über die geheimen Ursachen der Ereignisse gehabt, die er vielleicht als Nebendinge bey seinem Plan ansah.


II.
Widerlegung des vorstehenden Artikels.

Von einem gewesenen österreichischen Offizier, der die Feldzüge von 1788 und 1789 gegen die Türken – das erste Jahr in der Suite des Feldmarschalls Lacy, daß zweyte Jahr in der des Feldmarschalls Loudon, dann auch die ersten Feldzüge der Revolution in der Champagne und den Niederlanden gemacht hatDiese Widerlegung ist schon in öffentlichen Blättern erschienen..

Ich werde es gewiß nicht unternehmen, die vom Herzoge von Braunschweig, bey seinem Eintritt in Frankreich gewählte, Operationslinie weder zu rechtfertigen, noch selbst zu erklären; aber ich getraue mich zu glauben: daß es die geringe, zur Besetzung des verschanzten Lagers vor Mons unzulängliche Anzahl Truppen, und nicht eigentlich der Rückzug aus der Champagne war, was dem General Dumouriez den Gewinn der Schlacht von Jemappes erleichterte. Beyläufig zwölf- bis vierzehntausend Österreicher unter den Befehlen Sr. königl. Hoheit des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen machten ihm lebhaft diesen Sieg streitig, der seitdem in Frankreich selbst »ein geräumiges, von einem finsteren Strahl des Ruhms erleuchtetes Grab« genannt wurdeIm Moniteur.. Ich konnte es auch nicht zur Absicht haben – selbst wenn ich das dazu erfoderte Talent besäße – die Operationen der Alliirten im Elsaß und in den Niederlanden aufzuklären; eben so wenig die Plane, nach denen 1793 die Belagerung von Dünkirchen unternommen und die Blokade von Maubeuge ungezwungenerweise aufgegeben wurde; noch auch die Unthätigkeit darauf der Armee in den Niederlanden, während die französische Armee nach Elsaß marschirte, und wie die Alliirten 1794 dem Vortheil einer Linie von befestigten und genommenen Plätzen entsagten und sie hinter sich setzten, um zuerst vom Centrum aus zu operiren, indem sie ihre Flanken blos gaben, dann große Anstrengungen nach Flandern wendeten, statt – wie General Jomini bemerkt – ihre Operationen auf die Maas zu gründen. Vielleicht daß der künftige Geschichtschreiber, von den geheimen Ursachen dieser Ereignisse besser unterrichtet – über welche Herr Al . . . L . . . . mit Recht bedauert, daß General Jomini nicht immer sehr sichere Daten gehabt hat – sie unter die großen Wirkungen kleiner Ursachen reihen und sie durch die Irrthümer und Fehler von einzelnen erklärt finden wird.

Feldmarschall Lacy war bekanntermassen, als General-Quartiermeister, die Seele der Operationen des Feldmarschalls Daun in dem denkwürdigen siebenjährigen Kriege: man verdankte ihm insbesondere die glorreichen Siege von Hochkirchen und Maxen. Friedrich II. selbst würdigte, in seinen Briefen an seine Generale, die Talente und die Thätigkeit des Feldmarschalls Lacy. Er war es, der 1778 und 1779 die Operationen der österreichischen Armeen in Böhmen leitete; und wenn auch höhere Befehle ihm damahls nicht erlaubten, angriffsweise fürzugehen, so bewies dieser Feldzug wenigstens, daß er die Vertheidigungs-Kriegskunst in einem hohen Grade besaß. Es würde ihm gegen Feldherren wie Friedrich II. und Prinz Heinrich, wohl nicht gelungen seyn, wenn er sich dem System der Vertheilung der Streitkräfte überlassen hätte, dessen Einführung im Türkenkriege man ihm ungerechterweise zugemuthet hat.

Kaiser Joseph commandirte in eigener Person 1788. Die österreichischen Armeen waren nicht die einzigen die damahls Krieg führten: Sie hatten an dem Kriege von 1768 zwischen Russen und Türken keinen Antheil genommen; in diesem Kriege aber war Österreich mit Rußland verbunden. Das rechtsseitige Armeecorps in Croatien war unter den Befehlen des Fürsten Carl von Liechtenstein, und später des Feldmarschalls Loudon; die große österreichische Armee an der Save vom Kaiser befehligt, unter welchem sich Feldmarschall Lacy befand; das linksseitige Corps in Banat vom General Wartensleben commandirt. Ein anderes in Siebenbürgen unter den Befehlen des Generals Fabris, dann des Fürsten von Hohenlohe, vertheidigte diese bergigte und wichtige Provinz, und unterhielt die Verbindung mit dem österreichischen Armeecorps, das unter den Befehlen des Herzogs von Sachsen-Coburg mit dem von Suwarow commandirten russischen rechten Flügel vereinigt war, da Fürst Potemkin damahls vor Oczakow stand.

Man wird gewiß nicht behaupten, daß es besser gewesen wäre, keine Truppen in Croatien zu haben, dem ganz kriegerischen und mit festen Plätzen angefüllten Bosnien entgegen, oder im Banat in der Nähe der Festungen Belgrad, Orsova und Widdin, oder in den Engpässen Siebenbürgens, die sich hinter der Verbindung zwischen den zwey großen alliirten Armeen befanden. Es waren übrigens nicht einige Dörfer im Banat, die von den Türken in diesem Feldzuge verbrannt wurden; sie verheerten das ganze Mehadyerthal, das rechte Donauufer, und verbrannten Pancsova, eine bevölkerte und reiche Handelsstadt: so daß man vielmehr hätte wünschen können, daß das Banat besser besetzt gewesen wäre, als es in der That war. Wenn man sich die Standtabellen der Truppen in diesem Feldzuge an der Save und Donau verschaffen könnte, so würde man sehen, daß das nördliche Ufer dieser Flüsse, mit Ausnahme der hauptsächlichen Übergangsplätze und der Nähe der feindlichen Festungen, nicht viel mehr mit Truppen besetzt war, als dieß in Friedenszeiten gegen die Pestseuche und gegen die Streifereyen der Einwohner der Fall ist. Und was die, aus Mangel an festen Plätzen in erster und selbst in zweyter Linie, besetzten Puncte betrifft, getraue ich mir zu zweifeln, daß der größte Feldherr unsrer Zeit sie unbesetzt gelassen haben würde, und urtheile so nach der hohen Weisheit, welche die Vermehrung der Befestigung am Rhein zu der Zeit befahl, wo sie an der Weichsel siegte – nil actum reputans, si quid superesset agendum. Und wenn auch übrigens einige mindere wichtige Zwischenpuncte etwas mehr besetzt gewesen wären, als es nöthig war, so waren es nur kleine Abtheilungen der Hauptcorps, die man verstärkte Vorposten nennen könnte; und müßte man die Ursache davon nicht in dem System des Feldmarschalls Lacy, sondern in der bekannten Sorgfalt Josephs II. für seine Unterthanen und zwar gegen einen Feind suchen, der in seinen Streifereyen eben so wenig die Gesetze der Menschlichkeit, als die der Kriegskunst beobachtete.

Es gibt – wenn ich mich nicht irre – keine allgemeine Regel für, noch wider die Vertheilung der Streitkräfte; die Eigenheiten des Terrains entscheiden darüber. Es ist allerdings nicht nöthig, sich zu zerstreuen, um eine gerade Linie im flachen Lande zu vertheidigen; aber könnte man Engpässe unbesetzt und Flüsse unbeobachtet lassen wollen? Der General, der 1799 Sr. kaiserl. Hoheit dem Erzherzog Carl in der Schweiz folgte, würde sich wahrscheinlich besser darin behauptet haben, wenn er das von diesem Prinzen angenommene System befolgt hätte, als da er ein ganz entgegengesetztes annahm.

Feldmarschall Loudon, der 1789 den Oberbefehl übernahm, da Kaiser Joseph selbiges Jahr nicht an der Spitze seiner Armee erschien, beendigte diesen Feldzug mit der Einnahme von BelgradEr nahm auch Orsova. Die übrigen hauptsächlichen Thaten in diesem Kriege waren die von den Österreichern und Russen vereinigt gewonnenen Schlachten von Foksan und Martinestie durch den Herzog von Sachsen-Coburg und Suwarow; die von dem General Clerfait gewonnene Schlacht bey Calafat; ruhmvolle Gefechte unter dem Fürsten von Hohenlohe an der siebenbürgischen Gränze; Sabaecs, Dubitza, Novi, Berbir, Czettyn durch die Österreicher – Oczakow und Ismael durch die Russen mit Sturm erobert, und die durch den Fürsten Repnin bey Maczyn gewonnene Schlacht.. Beweggründe, die der Tactik fremd waren, hatten den Kaiser gehindert, die von dem Feldmarschall Lacy vorbereitete und angetragene Belagerung am Anfange des vorjährigen Feldzugs zu erlauben. Aber in allem, was das nördliche Donau- und Save-Ufer betraf, befolgte Feldmarschall Loudon, der in seinen alten Tagen äußerst behutsam geworden war, was 1788 beobachtet worden, mit Ausnahme der aus dem Übergange selbst über die Save und der Belagerung von Belgrad natürlicherweise entstandenen Veränderungen.

Feldmarschall Lacy hat an den Plänen der alliirten Armeen gegen Frankreich keinen Antheil gehabt, er hat deren Resultate geahndet, und in dieser Hinsicht dem Herzog von Braunschweig im Frühjahre 1792 zu Mainz, sowohl über die, seiner Meinung nach, unzulänglichen Streitkräfte überhaupt, als auch über die entworfenen Operationen, Vorstellungen gemacht; aber er wurde nicht gehört.

III.
Historische Nachricht über den Feldmarschall Grafen von Lacy.

Der Verfasser der Widerlegung des in dem Journal de l'Empire vom 20. October 1811 aufgenommenen Artikels hat blos dem Triebe seines Herzens gefolgt, indem er die Vertheidigung seines Generals übernahm. Er achtete sich dazu besonders zu einer Zeit verbunden, wo sehr oft der Tadel mit eben so viel Ungrund verschwendet wird, als man in Lobeserhebungen Übertreibung anbringt. Wer schweigt, scheint einzugestehen; und wenn Zeitgenossen sich weder durch Gefühle der Dankbarkeit, der Wahrheit, noch der Gerechtigkeit, bewogen fänden, Irrthümer zu berichtigen, so würde die Geschichte diese Irrthümer aufnehmen, und jene Männer, die das meiste gethan hätten, um in der Meinung der Nachwelt ehrenvoll zu leben, würden ungerechterweise des ihren Bemühungen gebührenden Preises beraubt seyn.

Der Verfasser obiger Widerlegung maßt sich nicht an, der Geschichtschreiber des Feldmarschalls Lacy zu werden; die wahrhafte Geschichte dieses großen Kriegsmanns würde zugleich sein Lob seyn. Der Verfasser ist übrigens in diesem Augenblicke von den dazu benöthigten Materialien zu sehr entfernt, selbst um eine Skizze zu entwerfen und die vorzüglichsten Thatsachen dazu zu sammeln. Er wird sich demnach begnügen, aus dem Gedächtnisse zu sprechen, wo er nicht als Augenzeuge sprechen könnte.

Feldmarschall Lacy, aus einem der edlen Geschlechter entsprossen, die Wilhelm dem Eroberer nach England folgten, und dessen Vorfahren einer sich durch die denkwürdige Vertheidigung eines festen Schlosses in Frankreich berühmt machte, war der Sohn des Eroberers von Azow, das Feldmarschall Münich nicht bezwingen konnte. Als Held gebaut und zum Kriege geboren, war seine Gestalt Ehrfurcht befehlend; er trat zuerst als Grenadier-Hauptmann und Volontär in dem Successionskriege Marien Theresiens auf. Reich an Fähigkeiten und Glücksgütern, voll Begierde sich zu bilden und auszuzeichnen, hatte er eine Equipage in Italien, eine andere in Böhmen, eine dritte in Deutschland; er flog aus einer Gegend in die andere, je nachdem er hoffen konnte, sich bey einer Schlacht oder Belagerung einzufinden, und in der Zwischenzeit übte er seinen Blick und seinen Muth in ritterlichen Unternehmungen: von seinen Kameraden, oder auch nur von seinen Reitknechten begleitet, recognoscirte er, beunruhigte die feindlichen Vorposten, überfiel Vedetten und Pikete und machte Gefangene. Die Denkschriften jener Zeit sprachen von diesem militärischen Zeitvertreib des Feldmarschalls Lacy, in seiner Jugend. Er erhielt in dem Zeitraume seiner Laufbahn viele Wunden; außer mehreren Pferden, die ihm unter dem Leib erschossen wurden, verlor er deren drey, blos in der Schlacht bey Velletri. Darin wurde er nur durch den berühmtesten seiner Schüler, den Fürsten Johann von Liechtenstein, diesen österreichischen Achill, übertroffen – und war mit 76 Jahren deshalb eifersüchtig – welcher in der Schlacht an der Trebbia vier Pferde verlor.

Allein die Tugenden eines Kriegers waren nicht die einzigen, die der Feldmarschall Lacy besaß: man sah ihn eben so liebenswürdig, selbst munter, in der Gesellschaft, als furchtbar auf dem Schlachtfeld. Er war edel, voll Zartgefühl, großmüthig; der sanfteste Gebieter; der zugänglichste, mittheilendeste, unterrichtendeste Anführer; der standhafteste, vortrefflichste FreundSein Jugendfreund, der Oberststallmeister Fürst von Dietrichstein und die Frau Fürstinn Franz von Liechtenstein sind nicht mehr, um es zu bezeugen; ihre Kinder könnten es bestätigen. Aber die Frau Fürstinn Carl von Liechtenstein, aber der Herr Fürst de Ligne, welche seine und des Kaisers Joseph Gesellschaft bildeten, werden ihrem Freunde diese Gerechtigkeit widerfahren lassen.; der unerschütterlichste Beschützer (er würde nicht aufgehört haben, es gegen einen Undankbaren zu seyn, obschon er selbst äusserst dankbar war). Grenadier-Hauptmann zugleich als Graf Pellegrini, hörte dieser, eine Nacht, da er in einer Stadt in Italien die Ronde machte, Lärmen in einem Wirthshause und fand daselbst den Grafen Lacy, der seiner betrunkenen Soldaten nicht Meister werden konnte und im Begriffe war, ihr Opfer zu werden. Diesen zwar wichtigen, jedoch blos zufälligen Dienst vergaß er durch sechzig Jahre nicht, und großentheils war es diesem, daß Graf Pellegrini nacheinander, neben seiner Tapferkeit und seinen Diensten, die Auszeichnungen zu verdanken hatte, die er erhielt. Er starb 1796 als Feldmarschall, Chef des Ingenieur-Corps, Inhaber eines Infanterieregiments seines Nahmens, Großkreuz des militärischen Marien-Theresien-Ordens und Ritter des goldenen Vliesses.

Ich würde sagen: »daß der Löwe keinen Geschichtschreiber hatte,« wenn ich nicht hätte sagen hören, daß der verstorbene General Browne, ein Schwestersohn des Feldmarschalls Lacy, die Geschichte, wo nicht des Successions- doch des siebenjährigen Krieges und der Feldzüge von 1778 und 1779 geschrieben habe. Ist dies, so muß sich das Manuscript in der Kriegskanzley zu Wien befinden und jeder Militär müßte wünschen, daß diese Geschichte gedruckt würde. Da sie aber unter den Augen des Feldmarschalls Lacy geschrieben worden wäre, so ist vorauszusehen, daß sie dem, von dem Antheil, den er an den Ereignissen hatte. ununterrichteten Leser minder die Geschichte des Feldmarschalls scheinen würde. Aber seine Gegner selbst und besonders Friedrich II. haben ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Einst schrieb der König einem seiner Generale: »er könne ruhig seyn, da General Lacy die Armee verlassen habe um nach Wien zu gehen; bey dessen Rückkehr aber solle er auf seiner Hut seyn, indem er gewiß nur sich in die Hauptstadt begeben habe, um einen neuen Angriffsvorschlag genehmigen zu machen.« Es käme übrigens den noch lebenden und vom siebenjährigen Kriege unterrichteten Zeugen, und jenen, denen diese Umständlichkeiten am meisten überliefert wurden, zu: die Lücken zu füllen, welche die bekannte Unbefangenheit des Feldmarschalls Lacy in dieser Geschichte verursacht hätte. Ich will nur bemerken, daß er mit 39 Jahren Feldmarschall wurde: daß niemand ihm den Ruhm des Vorschlags und des Gewinns der Schlacht von Hochkirchen streitig gemacht hat, wo Friedrich II. in seinem Lager überfallen und geschlagen wurde, hundert Kanonen verlor, was diesen großen Feldherrn dennoch nicht hinderte, seinen Sieger stutzen zu machen, indem er nur eine oder zwo Stunden weit vom Schlachtfelde und mit den einzigen vier Kanonen stehen blieb, die er gerettet hatte. Es ist hier der Ort, anzumerken: daß Feldmarschall Lacy auch in einem hohen Grade die Kunst der Lagerung, der Zeit- und Distanzen-Berechnung, der Approvisionirungs-Details und jene Vorsicht besaß, die allein einen geschickten Generalen zum großen Feldherrn machtUnd in dieser Hinsicht verdiente Friedrich II. gewiß auch, daß Herr Al . . . L . . . . nicht ausgesprochen hätte: »er sey kein großer Feldherr gewesen.«. Seinen Terrain, durch sich selbst, oder durch seine Offiziere vom Generalstab, die er in Athem zu halten wußte, vollkommen kennend: kaum war er in einer Position angekommen, kaum hatte er seinen Vortrab aufgestellt, seine Vorpostenlinie geordnet und die nothwendigen Verschanzungen anbefohlen, als schon eine, oder selbst zwo Positionen auf einen oder zween Märsche rückwärts, vorbereitet und verschanzt wurden, um die Armee im Nothfalle aufzunehmen. Nie selbst überfallen oder umgeben, war ihm der Ruhm zu Theil geworden, bey Maxen fünfzehntausend Preußen das Gewehr niederlegen zu heißen.

Edelmüthig eifernder, nicht neidischer oder gehässiger Bewunderer des Feldmarschalls Loudon, war er sein erster Lobredner, und dieser andere große Feldherr, eben so bieder, aber von minder gelassenem Character, sah nur in so ferne die Vorzüge seines Rangsältesten wirklich mit einiger Unbehaglichkeit, als er selbst, ungeachtet der für sich habenden größeren Anzahl von glänzenden Thaten, sich die Überlegenheit seines Nebenbuhlers in der unermeßlichen Gesammtheit dessen eingestand, was die Kriegskunst in sich faßtDie Kriegskunst wird stets den Feldmarschall Lacy zu den Meistern zählen, deren Beyspiel lehrreich war; und die Geschichte wird nicht anders von ihm sprechen können, ohne die Wahrheit zu verletzen, deren Character sie stets haben sollte..

Eben so sorgfältig in der Vorbereitung, als geschickt in der Führung des Krieges, öffnete dem Feldmarschall Lacy der Friede von Hubertsburg und die Stimme des Feldmarschalls Daun, der ihn Marien Theresien als ihren nutzbarster Diener andeutete, einen neuen Wirkungskreis. Österreich hatte seit dem Prinzen Eugen von Savayen, keinen Hofkriegsraths-Präsidenten gehabt, wie Feldmarschall Lacy, der auch stets davon ein Muster bleiben wird, wie er es auch in dem Amte eines General-Quartiermeisters war. Er organisirte die Armee nach einem neuen Reglement, das der damahligen Zeit ganz angemessen, und in welchem der Hauptzweck mit einer erstaunlichen Öconomie und mit einer bis dahin unbekannten Rechnungs-Evidenz erreicht war. Man werfe ihm nicht die Vervielfältigung der Schreiberey vor: er reformirte sie vielmehr, als daß er sie eingeführt hätte, und, als er, nachdem er seit langen Jahren das Kriegspräsidium verlassen hatte, das Commando der Armee unter Kaiser Joseph 1788 übernahm, erkannte er nicht mehr seine Organisation, und war der erste der über die viele Schreiberey klagte, welche sich nach und nach während dem Frieden in den Kanzleyen eingeschlichen hatte. Diese Uneigenheit schien daraus entstanden zu seyn, daß die Nachfolger des Feldmarschalls und ihre Untergebenen aus dieser Schreiberey ihr Hauptgeschäft und gewissermaßen ihre Unterhaltung gemacht hatten, die Feldmarschall Lacy – sie aus das zur guten Ordnung und zur Evidenz nöthige beschränkend – blos als ein nothwendiges Übel angesehen hatteFeldmarschall Loudon, der die Details haßte, entledigte sich ihrer in dem folgenden Feldzuge, da er dem ersten nach ihm, launig genug sagte: »ich bitte Euer Excellenz, sich mit den Kleinigkeiten abzugeben.«. Dieses Übel aber wurde sehr groß, wenn es sich bis auf den Chef der Armee ausdehnte und ihm eine Zeit raubte, die er den höheren Theilen der Kunst schuldig war.

Feldmarschall Lacy konnte es, durch seine Vorstellungen und durch die während dem siebenjährigen Kriege gemachte Erfahrung, nicht bewirken, daß der Vorschlag einer Festung zu Pleß, bey Nachod, an der schlesischen Gränze, angenommen wurde. Es war doch einer der Haupteingänge in Böhmen, und wo eine Festung von zwölftausend Mann Besatzung, sammt einem zur Aufnahme eines Corps von zwanzigtausend Mann verschanzten Lager, eine Armee, von achtzigtausend Streitern ersetzt hätte. Erst nach dem Teschner-Frieden wurde sein Vorschlag in dieser Hinsicht gewürdigt. Er, der die seiner Monarchinn durch den berühmten General de GrivauvalBey der Belagerung von Schweidnitz. geleisteten Dienste nicht vergessen hatte, vertraute den Entwurf und die Ausführung einem französischen Ingenieur, Herr von QuerlondeEr starb in einem hohen Alter als pensionirter Feldmarschall-Lieutenant; und sein Sohn, Ingenieur-Oberst-Lieutenant wurde bey der Belagerung von Valenciennes erschossen.. Die zu Pleß gebaute Festung wurde Josephstadt benannt; man vermehrte Königgrätz, eine ältere, nicht weit rückwärts von ersterer entfernte, und baute eine andere mit Nahmen Theresienstadt gegen die sächsische Gränze zu. In Josephstadt mitten im Arsenal, ließ Kaiser Joseph das Brustbild des Feldmarschalls Lacy mit folgender, ihrer Einfachheit wegen, schönen Innschrift, aufstellen;

DE TUTISSIMAE ARCIS FUNDANDAE,
CONSILIO ET LOCO,

zum Gedächtniß zwanzigjähriger, endlich befolgter Rathgebung.

Zwey andere, von dem nähmlichen Monarchen den Feldmarschällen Lacy und Loudon, in dem Saal des hofkriegsräthlichen Gebäudes zu Wien, gesetzte Brustbilder gereichen, durch ihre Innschriften, eben so sehr diesem Fürsten, als seinen beyden Helden zum Lobe. Der zweyte erhielt:

FORTI, FELICI, ET CIVUS OPTIMI EXEMPLUM;

der erstere;

QUI BELLI AEQUE AC PACIS ARTIBUS PERITUS,
ILLIS VINCERE, HIS PATRIAM INVICTAM
REDDERE DOCUIT –

und der Kaiser – der kein illustre ingratJedermann kennt die Verse: »L'amitié que les rois, ces illustres ingrats,« u. s. w. war. endigte, indem er sagte:

Der bayrische, mehr politische als militärische und, von seinem Anfange an, durch die französischen und russischen Unterhandlungen gestörte Krieg erlaubte dem Feldmarschall Lacy nur, die Talente eines Fabius zu zeigen.

Es war im Jahre 1788, wo Feldmarschall Lacy zum letztenmahl an der Spitze der österreichischen Armeen, nicht als Oberbefehlshaber, sondern mit seinem Fürsten und als dessen Lieutenant erscheinen sollte. Der Krieg von 1778 hatte einen fünf und zwanzigjährigen Frieden nur wenig unterbrochen. Es gab also viele Zöglinge des Mars, viele Liebhaber, die nie Flintenschüsse gehört hatten. Man war gierig nach den ersten die statt haben würden. Der Kaiser, feurig und zu sehr geneigt, die Gefahren mit seinen Truppen zu theilen, setzte sich aus, wie ein Grenadier; der Feldmarschall, der ihn nicht zurückhalten konnte, folgte ihm mißbilligend. Die erste Kriegsthat war die Einnahme von Sabács. Der Feldmarschall, wohl wissend, daß die Türken ihre Mauern gut zu vertheidigen pflegen, wollte diesen kleinen Platz nach den Regeln genommen haben. Es entstand ein Plänkeln auf dem Glacis: der Kaiser schickte den Fürsten Joseph PonyatowskiDer nähmliche, der sich in dem polnischen Revolutionskriege gegen die Russen berühmt machte und seitdem 1809 die warschauische Armee mit Auszeichnung commandirte. dahin, um Bericht; dieser fand ein Gefecht im Gange, setzte sich an die Spitze der Angreifenden und wurde sogleich schwer verwundetMan erfuhr nachher, daß die Türken ihn für den Kaiser angesehen hatten. In der That trug er auch die nähmliche Uniform, und einen Orden.. Fürst Carl de Ligne, Ingenieur-Major – »ostendent terris hunc tantum fata, nec ultra esses sinent« – nahm den Degen seines Freundes und bestieg, der erste, die escarpeEr wurde bey dieser Gelegenheit Oberst-Lieutenant und Marien-Theresienordens-Ritter. Im nähmlichen Feldzuge, eine Nacht wo es Verwirrung gab, rettete ihm Feldmarschall Lacy das Leben, indem er einen Soldaten mit der Pistole niederschoß, der schon nach dem Fürsten gezielt hatte. Dieser erwarb sich, das nächste Jahr, das St. Georgenkreuz der dritten Classe, und blieb in dem ersten Feldzuge der Revolution 1792.. Die Umgebung des Kaisers folgte dieser Bewegung: er selbst vergaß so sehr seine Stelle, daß er sich bey dem Übergang über den Graben befand; der Feldmarschall, der Anfangs getadelt hatte, was er »einen Panduren-Streich« nannte, wollte ihn ausgeführt haben, und es war schön, den ehrwürdigen Greis zu sehen, wie er die Stärke seiner Jugend wieder fand, und unter dem Muscetenfeuer, Palissaden ausriß, um sie in den Graben zu werfen. Jedermann kennt die estampe: »Ziethen sitzend vor seinem Könige«: aber in einem Zelte, während einem Lustlager. Man wird den höheren Antheil fühlen, den es bey den Zeugen erregen mußte, als der Angriff auf Sabács vorgerückt war, den Kaiser zu sehen, wie er die Ermüdung seines alten Dieners wahrnahm, um sich sah, ein Faß bemerkte, es ihm selbst brachte, und ihn nöthigte, sich darauf zu setzen.

Man glaubte damahls, daß die Belagerung von Belgrad sogleich vor sich gehen würde; allein der Kaiser, welcher das Blut seiner Soldaten eben so sehr, als das seine wenig schonte, hätte gerne gesehen, daß die Russen über die Donau gegangen wären, wie sie es thun konnten, statt einen Feldzug und eine Armee vor Oczakow zu verlieren, das sie dann in einem Tage nahmen. Dieser Monarch fühlte auch schon damahls, daß sein Ende nicht entfernt sey und sah vor, daß ihm die Zeit gebrechen würde, die großen Unternehmungen zu beendigen, die sein großer Geist und seine Liebe zu seinem Volke ihn hatte entwerfen machen: Er ahndete, daß seine Plane nicht fortgeführt, daß seine Meinungen über Preußen – die erst achtzehn Jahre darnach ihre Bestättigung erhielten – nicht getheilt werden würden; auch würdigte er, nach seinem vollen Werthe, den Anfang der französischen Revolution.

In Ermanglung von Siegen, jedoch, werden jene, die sich dem Kaiser damahls am meisten genaht haben, nie das Gedächtniß seiner Güte, seiner Menschlichkeit, seiner Wohlthätigkeit, seiner unermüdeten Thätigkeit bis zu seiner letzten Stunde, seiner Selbstvergessenheit, seiner Einfachheit, seines Edelmuths und seiner Seelenstärke verlieren. Sie werden auch nicht seine Gerechtigkeit gegen den Feldmarschall Lacy vergessen; denn, obschon dieser Letztere den Beweis davon vernichtet hat, so bleibt es doch stets lebend in unserm Gedächtniß, jenes rührende Schreiben, das Joseph II. auf dem Todtenbette an ihn erließ: um ihm für seine Rathschläge zu danken und ihm das Zeugniß zu geben, daß er sich ihrer stets zu erfreuen gehabt habe, und sich ihrer stets zu erfreuen gehabt haben würdeDer Kaiser, indem er seine Freunde seinen Verwandten und Alliirten zugesellte, schrieb auch ein rührendes Lebewohl an die Damen, bey denen er seinen Abend zuzubringen pflegte. Daselbst war er nicht Souverän, war er nur der liebenswürdigste, artigste, interessanteste Gesellschafter.. Kein Monarch, wenn nicht Heinrich IV. von Frankreich, ist aufrichtiger beweint worden; kein Monarch hat in der That mehr Freunde gehabt, als Joseph II.

Feldmarschall Lacy überlebte ihn zwölf Jahre; eben so viele seinen Nebenbuhler im Ruhm, den Feldmarschall Loudon, und einige seinen Neffen und Zögling, den General Browne, welcher, mit einer besseren Gesundheit, den Fußstapfen seines Oheims gefolgt haben würde und von der ganzen Armee bedauert starb. General Browne wurde zu Neu-Waldek, dem Landsitze des Feldmarschalls Lacy, des österreichischen Cincinnatus ganz würdigen Schöpfung, begraben. Er selbst wurde, nach seinem letzten Willen, neben seinem Neffen beygesetzt. Die Sorge dieses Grabes ist den Fürsten von Schwarzenberg anvertraut; der Lorbeer wird also nicht aus Vernachläßigung darauf wachsenJedermann weiß die Antwort in der römischen Geschichte, die diesen Gedanken gab..

Möge der Schatten eines Helden mit Wohlgefallen diese Huldigung aufnehmen, die so rein ist, als das Gefühl, daß sie entstehen hieß! Möge besonders eine geübtere Feder die Großthaten bald sammeln, die des Feldmarschalls Lacy Leben ausgemacht haben, damit er in der Geschichte seines Jahrhunderts den ihm gebührenden Platz einnehme!

Nachträgliche Anmerkungen.

Historische Nachricht.

Feldmarschall Pellegrini war wirklich, was man einen biedern wackern Ritter – preux Chevalier – nennen kann: voll Rechtlichkeit und Ehrgefühl. Bey der Berennung von Belgrad vergaß sich Feldmarschall Loudon einen Augenblick gegen ihn, und machte ihm – da er vielmehr selbst die gegebene Stunde vergessen hatte – etwas lebhafte Vorwürfe. Feldmarschall Pellegrini rechtfertigte sich mit Kraft, und bewies, daß er nicht gefehlt hatte, und Feldmarschall Loudon glaubte, ihm, zur Genugthuung, den Antrag machen zu müssen, »sich mit ihm auf Pistolen zu schlagen.« Es läßt sich leicht denken, daß Feldmarschall Pellegrini mit dem Antrag allein zufrieden war. Man weis einen ähnlichen Zug des Feldmarschalls Loudon im Feldzug von 1778. Er war gegen einen Subalternofficier in Zorn gerathen; man meldete ihm, daß dieser Officier darüber sich empfindlich gekränkt fühlte: – »will er mit mir raufen?« – »er denkt nicht daran;« – »warum nicht? er soll« – und er ließ ihn rufen, both ihm Genugthuung an, zog seinen Degen, nöthigte den Officier den seinigen zu ziehen und mit ihm anzulegen; ja er wollte sogar durchaus: »daß er einen Stoß auf ihn führen sollte.« Dieß erinnert an die Geschichte des Marschalls d'Armentières, die ebenfalls zum Beweise dienen kann: wie wichtig die Erhaltung von dem, was man den point d'honneur nennt, jenen stets schien, die, durch eine lange Erfahrung, dessen Bestehung schätzen gelernt haben. Man muß gestehen, daß Feldmarschall Loudon manchmahl Anlaß gab, ähnliche Genugthuungen zu leisten. Einst drohte er einem, »ihn hängen zu lassen, wenn das, was er ihm aufgetragen hatte, nicht zur bestimmten Zeit vollbracht seyn würde.« Dieser erzählte es nachher klagend dem Kaiser Joseph, der ihm antwortete: »Feldmarschall Loudon sey es wohl fähig.«

Ebendaselbst. Kein Monarch hat mehr Freunde, als Joseph II.

Man erlaubt sich, hier zween Züge anzuführen, die characteristisch scheinen werden. Der Kaiser war im Begriffe, sich zur Armee zu begeben; er war nicht ganz gesund; er hatte den Gang der Geschäfte während seiner Abwesenheit von Wien festgesetzt; er hatte eben sein Testament unterzeichnet; er kam aus seinem Cabinet und ging, durch einen schwach beleuchteten Gang, in seine Gemächer. Er begegnete einem jungen Officier, ohne Uniform, der mit den Secretären des Kaisers in freundschaftlichen Verhältnissen stand, selbst am andern Tage abreisen sollte, und da er eine sterbende Mutter hatte, mit seinen Freunden von seiner Verlegenheit sprechen wollte. Der Kaiser erkennt ihn, frägt ihn: »was er will?« – »Ich wollte zu Herrn Danton gehen.« – Der Kaiser wollte ihn hinführen; der Officier, demnach, nimmt keinen Anstand, dem Kaiser seine allerdings delicate Lage zu eröffnen. – »Sie müssen Ihre Abreise verschieben; Sie waren Sohn, bevor Sie Soldat wurden.«

Im Banat kam ein Haufen wallachischer Bauern, dem Kaiser eine Bittschrift zu überreichen. So zugänglich als Joseph II. immer war, so war doch ihre Anzahl und der Gegenstand ihres Begehrens der bestehenden Ordnung zuwider, so daß, da er zuerst in seine Tasche gegriffen hatte, um ihnen Geld zu geben, er nach einem Blicke auf ihre Zahl und ihre Bittschrift, sagte: »es ist gegen das System«, und sie mit Strenge von sich wies. Fürst Joseph Ponyatowski, der sich hinter dem Kaiser befand, und nicht glaubte, daß er ihn hören könne, sagte halblaut zu seinem Nachbarn: »das verfluchte System«! Der Kaiser hörte es, kehrte sich zu ihm und frug ihn: »was er gesagt habe?« Der Fürst schwieg; der Kaiser drang auf Antwort: – »Sire! ich habe gesagt, das verfluchte System.« – »Warum haben Sie das gesagt?« – »Sire! weil, seitdem ich die Ehre habe, mich in Ihrem Gefolge zu befinden, ich bemerkt habe, daß Ihre erste Bewegung stets voll Güte ist, und daß dann das System dazwischen kommt, Sie aufzuhalten.« Statt aller Antwort griff der Kaiser hastig in seine Tasche, und gab den wallachischen Bauern eine Hand voll Ducaten. Man konnte viele ähnliche Züge anführen und muß sich daher nicht wundern wenn

»multis ille, bonis, flebilis, occidit.«

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