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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 67
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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62. Der Classiker Wieland, über den Unfug des Büchernachdrucks unter Joseph II.

Die Josephinischen Curiosa enthalten im ersten Theile auch Trattners famoses Project des Nachdruckes en gros und die Urtheile der dießfalls von ihm befragten renommirten Wiener Autoren. Nun hat sich aber auch Vater Wieland über jenes Thema in den österreichischen Staaten ausgesprochen! Wohl gewiß für uns Alle von eigenem Interesse! Deßhalb bringen wir hier aus seinen Ansichten und Meinungen nachstehende Stellen:

So wenig es mich also befremdete, daß das vorbemeldte Sendschreiben eines Nachdruckers mir, aus einem wirklich mehr lächerlichen als ärgerlichen Mißverstande, für eine Verrätherei an der gemeinen Sache der Schriftsteller ausgedeutet wurde, und daß sich kaum noch ein einziger wackerer Mann fand, dem es möglich vorkam, daß vielleicht wohl gar der ganze Brief bloße Persiflage seyn könnte; so war doch von Nöthen, daß ich, um nicht manche alte und neue gute Freunde, die ich in der Welt habe, unvorsichtiger Weise in Versuchung zu neuen Zungensünden zu führen, mich hier über diesen Punct öffentlich erkläre, und in gutem derbem Deutsch, ohne Ironie oder Zurückhaltung, versichere, daß ich – des großen Vortheils ungeachtet, der mir davon zunächst, wenn meine Schriften, beynahe noch feucht von der Presse, von Leuten, die mir kein gutes Wort darum geben, nachgedruckt werden; und wiewohl ich aus Staatsklugheit mich gar stark in Acht nehmen sollte, mir noch obendrein die Ungnade der Herren Schmieder, Trattner, Traßler, Gule, und wie die wackeren Patrioten weiter heißen, zuzuziehen, als welche mir ja leicht bey ihren höchsten und hohen Gönnern und Beschützern ein Tüchtiges verreiben könnten – daß ich, sage ich, dieser und anderer öconomischen und politischen Ursachen ungeachtet, über das Eigenthumsrecht der Schriftsteller an ihre Werke, über die Unrechtmäßigkeit des Nachdrucks, und über die Pflicht der Landesobrigkeiten, jene bey ihrem Rechte zu schützen, und diesem durch nachdrückliche Zwanggesetze Einhalt zu thun, jederzeit ebenso gedacht habe und noch immer ebenso denke, wie die edeln und biederherzigen österreichischen Gelehrten, deren Erklärung auf die Trattnerische Einladung zur Theilnehmung an seinem bücherräuberischen Vorhaben, ich hier, mit ihrer Genehmigung dem Publico in perpetuam rei memoriam vorzulegen das Vergnügen habe.

Die große Unternehmung, wovon hier die Rede ist, und an welcher Theil zu nehmen Herr Johann Thomas Edler von Trattner, k. k. Hofbuchdrucker und Buchhändler, wie es scheint, alle österreichischen Gelehrten von einiger Bedeutung eingeladen hat, ist zufolge des im November 1784 von ihm publicirten skizzirten Plans zur allgemeinen Verbreitung der Lectüre in den k. k. Staaten durch wohlfeile Lieferung der Bücher für alle Fächer der Wissenschaften, das Geschäft einer unsichtbaren Gesellschaft von Männern, deren Geschäft und Vergnügen die Wissenschaften sind, und denen nichts mehr am Herzen liegt als die Aufklärung in den k. k. Staaten per fas et nefas möglichst befördert und verbreitet zu sehen. Sie wollen in dieser patriotischen Absicht nicht nur eine nahmhafte Anzahl der gangbarsten und zum Theil der besten Werke aus allen Fächern der Wissenschaften und Literatur, Werke, welche größtentheils das rechtmäßig erworbene Eigenthum bekannter Buchhandlungen in verschiedenen Städten Deutschlands sind, nachdrucken: sondern, um sich so viel nur immer möglich eines ausschließlichen Bücherhandels zu versichern, suchen sie auch die Schriftsteller sowohl in als außer den k. k. Staaten durch Versprechung der vortheilhaftesten Bedingnisse anzulocken, ihnen neue Originalwerke oder gute Übersetzung zum Druck zu überlassen. Fistula dulce canit volucrem cum decipit anceps. Allein, was von dieser Lockstimme zu halten sey, läßt sich genugsam daraus erkennen, weil die Einladung mit gezogener Pistole gemacht wird. »Die Herren (so lautet sie eigentlich in gutem Deutsch) geruhen uns ihre Werke, gegen die Bedingungen die wir ihnen zu machen belieben werden, herzugeben, oder – wir drucken sie nach, ohne die Herren zu fragen.«

Es ist die Geschichte des Gellert'schen Bettlers:

Sie sehen ich fordre nichts mit Unbescheidenheit:
Nein! ich verlasse mich (hier wies er ihm den Degen)
Allein auf Ihre Gütigkeit.

Die unsichtbare Gesellschaft erwählte sich zur Ausführung dieses glänzenden Plans, einer Art von Universal-Monarchie über Schriftsteller und Buchhandel, den weltbekannten Herrn Johann Thomas Edlen von Trattner. Ihre Wahl hätte auf kein würdigeres Subject fallen können. Herr von Trattner ist nicht nur mit allen zu einer solchen Unternehmung erforderlichen moralischen Eigenschaften reichlich versehen, sondern hat auch allein in Wien 26 Pressen in Gang, ist mit Papier, Schriftgießerey, Kupferstecherey, Kupferdruckerey und Buchbinderey eingerichtet, hat in den meisten Hauptstädten der k. k. Provinzen, als in Prag, Linz, Gräz, Brünn, Innsbruck, Triest, Agram, eigene Buchhandlungscomptoirs, und ist sich der Übermacht, die ihm dieß alles gibt, so lebhaft bewußt, daß er sogar darauf rechnet, mehr als 60 zum Theil sehr ansehnliche Buchhandlungen in den vornehmsten deutschen Städten, mit in seinen großen Plan einzuziehen; in einen Plan, der auf nichts Geringeres ausgerechnet ist, als alle deutschen Schriftsteller und Buchhändler entweder auszurauben, oder zu seinen Taglöhnern, Handlangern und Sclaven zu machen.

Die Schändlichkeit des ganzen Projects springt einem jeden ehrlichen Menschen in die Augen, und kann durch keine Vorspiegelung von guten patriotischen Absichten vertuscht noch gemildert werden. Die Heldenthaten einer Bande edler Landstraßenritter (Gentlemens of the highway) würden dadurch um kein Haar besser und löblicher, wenn die Herren gleich zur Absicht hätten, von den zusammengeraubten Uhren und Geldbeuteln dem Ritter Sanct Georg und seinem Lindwurm, oder irgend einem andern heiligen Legendenritter die schönste Capelle von der Welt zu erbauen.

Merkwürdiges Beyspiel, wie sehr die Begierde nach Alleinherrschaft, die Lust zu großen Speculationen, und die Beeiferung 26 Pressen im Gang zu erhalten sogar – den Kopf eines Trattners benebeln kann! Der Edle v. Trattnern sah so wenig Unedles in dem Plane der unsichtbaren Gesellschaft, daß er sich nicht entblödete, die edelsten unter Wiens gelehrten Männern und Schriftstellern zur Theilnehmung an demselben einzuladen.

– Und nun noch ein paar Worte zur Bestätigung dessen, was ich oben davon sagte, wie gefährlich es sey, sich unter Böotiern der Ironie zu bedienen. Unsere Leser erinnern sich vielleicht des Plans einer Universalbibliothek, den ich in den T. M. vom August 1783 einrücken ließ. Die Sache war offenbar ein bloses Persifflage über die ungeheure Zahl und grenzenlose Behändigkeit unsrer Büchermacher; über gewisse Buchhändler, welche die Schriftstellerey als blosse Manufactur und die Gelehrten als Strumpfweber ansehen, die ihnen so und so viel Dutzend wöchentlich ums Taglohn fertig machen müssen; über die Nachdrucker, die ihre diebische Gewinnsucht durch patriotische Absichten zu adeln hoffen; und endlich (mit allem Respect) über das Publicum selbst, welches alles was gedruckt wird, gerne auf einmahl verschlingen, und um etliche Gulden eine ganze Bibliothek kaufen möchte, gewöhnlich von allen Scharlatans Dupe ist, aber sich auch dafür vor ehrlichen Leuten destomehr in Acht nimmt. – Sie werden sehen, was Sie angerichtet haben, sagte ich zu dem Verfasser dieser Satyre; man wird ihre Universalbibliothek für Ernst nehmen – und was ich vorher gesagt hatte, erfolgte. Die Herren die keine Nase haben, freuten sich mächtig auf ein so löbliches Institut, und ich erhielt die seltsamsten Zuschriften von Ungenannten darüber. Endlich, da die Ausführung so lange verzog und die vorgebliche Gesellschaft patriotischer Literaturfreunde nichts mehr von sich hören ließ, beschlossen jene Hand an's Werk zu legen; und nun trat zuerst der Buchhändler Gerle in Prag auf, bemächtigte sich des Nahmens der erdichteten Gesellschaft, und kündigte eine Art von Universalbibliothek an, worin er alle gute Bücher in allen Fächern um ein Spottgeld nachgedruckt zu liefern versprach, und um Subscriptionen warb. Bald darauf erschien auch der Edle von Trattnern mit seinem Plan, der ebenfalls nur eine Trattnerisirte Copie der Universalbibliothek ist. Daß nun alles was man im October 1784 und im März 1785 des T. M. unter dem Nahmen jener patriotischen Gesellschaft gelesen hat, bloße Fortsetzung des im Jahre 1783 angefangenen Spaßes sey, und lediglich durch die albern ernsthafte Art, wie Herr Gerle die Sache genommen, veranlaßt worden, brauche ich kaum zu erinnern. Aber ist es nicht lustig – oder auch traurig, wenn man will – daß es in unserm lieben deutschen Vaterlande nur einen komischen Einfall, nur ein bischen Persifflage und Ironie braucht, um gleich ganze Gesellschaften von Plattköpfen in Activität zu setzen, und unschuldiger Weise Scandal und Unheil anzurichten, wo man zu warnen und zu bessern dachte?

W.

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