Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Gräffer >

Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 64
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

59. Kaiser Joseph und die Abrahamiten (Deisten) in Böhmen.

Gerade in der Gegend Böhmens, wo fehlgeschlagene Erwartungen wegen der von der Kaiserinn Maria Theresia beabsichtigten Aufhebung der Leibeigenschaft 1775 Aufruhr gegen die Grundherren veranlaßt hatten, in der Pardubitzer Herrschaft, trat, dem Toleranzedict Joseph II. vertrauend, 1782 aus dem bisherigen Dunkel eine Anzahl unwissender Landleute hervor, die sich zu dem Glauben bekannten, den Abraham vor der Beschneidung gehabt hatte, die Lehre vom einigen Gott, das Vaterunser und die zehn Gebothe, doch sonst nichts aus der Bibel annahmen und sich weder zu einer christlichen Confession halten, noch Juden seyn wollten. Daher wurden sie in den Berichten der inquirirenden Beamten Abrahamiten oder Deisten genannt. Der Kaiser ließ diese Leute, da sie allen Bekehrungsversuchen widerstanden, im April 1783 unter militärischer Aufsicht in kleinen Abtheilungen nach verschiedenen Gränzorten Galiziens, Siebenbürgens, Slavoniens, der Bukowina, des Banats und ungarischen Küstenlandes transportiren, wo die Männer unter Gränzbataillons eingetheilt, und nach der Hand doch zum Theil nebst einigen ihrer Weiber zur katholischen Kirche bekehrt wurden. Die Meisten blieben jedoch bis zum Tode bey ihrem Deismus, dessen Fortpflanzung durch diese Maßregel verhindert blieb.Österreichische National-Encyclopädie.

Nicht so gelinde als die Juden, sagt Peter Phil. Wolf in seiner Geschichte der römisch-katholischen Kirche unter Pius VI., wurde eine andere Secte behandelt, die sich zum Deism' bekannte. Allerdings war es eine ganz auffallende Erscheinung, wie etliche tausend Landleute, die ihres äußerlichen katholischen Bekenntnisses ungeachtet, bereits schon mehr als zweyhundert Jahre hindurch heimliche Deisten waren, nun auf einmahl sich als solche öffentlich erklärten, und an die den übrigen Religionen bewilligte Duldung Anspruch machten. Diese Secte hatte sich, den Augen der Regierung unbemerkt, in Böhmen erhalten. Ursprünglich mochten ihre Anhänger Protestanten gewesen seyn, die aber in der Folge durch die höchst fanatischen Missionarien aller Hülfsmittel beraubt worden, sich in ihrer Religion zu unterrichten. Sie mußten sich also an eine sogenannte Erblehre halten, die sich von Geschlecht auf Geschlecht in den Familien fortpflanzte. Ihr Religionssystem, kurz zusammengefaßt, besteht in folgenden Sätzen: »Es ist nur ein einziger Gott. Der Lehre von der Dreyeinigkeit widersprechen die bekannten Stellen bey Jesaias und Jeremias. Die Bibel ist nicht von Gott eingegeben; aber ein Buch, das, wie noch manches andere, viel nützliches und erbauliches zu lesen enthält. Sie selbst gibt die Vorschrift, daß man nicht alles, was in derselben steht, ohne Unterschied zu glauben habe, durch den bekannten Ausspruch: Prüfet alles, und das Gute behaltet! Jesus ist ein bloßer Mensch. Er hat die Welt viel Gutes gelehrt. Von seinen Wundern sowohl, als von allen denen, die in der Schrift erzählt werden, kann man nicht wissen, ob und in wie weit sie wahr seyen. Er mußte sterben, aber nicht zur Versöhnung unserer Sünden, sondern so, wie alle Menschen einmahl sterben müssen. Er wurde gekreuziget, gleichwie schon viele Unschuldige hingerichtet worden sind. Von seiner Auferstehung und Himmelfahrt weiß man so wenig etwas zuverlässiges, als von hundert andern Begebenheiten, die in der Bibel stehen. Nur der Rechtschaffene und Gottesfürchtige hat von Gott Belohnungen in der Ewigkeit, und der Lasterhafte und Gottlose Strafen zu erwarten. Taufe und Abendmahl sind im Grunde unnöthige Ceremonien. Der heil. Geist bedeutet in der heil. Schrift eine Kraft in Gott.« Ihre Moral hingegen ist sehr christlich. Liebe Gottes und des Nächsten, Treue in Haltung der gegebenen Versprechungen, Keuschheit, Sanftmuth, Geduld, volle Ergebenheit in Gottes Willen, Liebe der Feinde und Verfolger, und alle übrigen Tugenden des Christenthums, empfehlen sie einander auf das dringendste. Weder Ehe, noch Eid, noch Kriegsdienste, halten sie für was unerlaubtes.

Diese Leute nun verlangten zwar keinen öffentlichen Gottesdienst, aber sie wollten gleich den übrigen Confessionen geduldet seyn. Wenn völlige Gewissensfreyheit kein leerer Nahme seyn sollte; so hätte ihnen im Grunde eine bürgerliche Duldung um so weniger verweigert werden dürfen, da ihr Lehrbegriff sowohl als ihre Moral, für die Gesellschaft, die sie unter gewissen Einschränkungen geduldet hätte, so leicht nicht gefährlich werden konnten. Überhaupt wäre wohl jedem Staate weit mehr mit Menschen, die so moralisch als die böhmischen Deisten lebten, als mit Katholiken gedient, die zwar an Transsubstantiation glauben, aber keine einzige bürgerliche Tugend ausüben. Joseph II. dachte hierüber ganz anders, und ließ sich wahrscheinlich durch das Phantom der alleinseligmachenden Religion verleiten, den Deisten in Böhmen keine Toleranz zu gestatten. Unterm 11. März 1783 erschien nachstehendes k. k. Edict. 1) »Alle Männer, Weiber, Dienstmägde und Wittfrauen, welche sich erklären werden, auf dem Deism' beharren zu wollen, sollen, um Ansiedlung zu vermeiden, unter die ungarischen Militärcorps gesteckt, und dort von fünf zu fünf Personen in die flavonischen, siebenbürgischen, galizischen und andere Regimenter zerstreut werden. Ihre Häuser, und ihr übriges Vermögen soll ihren minderjährigen Kindern, oder, in deren Ermangelung, ihren nächsten Verwandten, jedoch mit der Bedingniß erhalten werden, daß sie ihnen die nöthige Kleidung und Nahrung verschaffen. 2) Kranke und schwache Greise sollen in Militärspitäler gebracht, und dort, in so weit sie hiezu tauglich sind, zur Krankenpflege angestellt werden. 3) Man soll sie menschlich behandeln, aber auch strafen, wenn sie sich unterstehen, Proselyten zu machen. 4) Die Feldprediger sollen sich Mühe geben, diesen Sectierern, jedoch ohne alle Gewaltthätigkeit, bessere Gesinnungen, und von der Religion überhaupt richtigere Begriffe beyzubringen. Diejenigen, welche ein Verlangen äußern, zu ihrer Pflicht und auf den wahren Weg zurückzukehren, sollen ein oder zwey Jahre geprüft, und, wenn sich Beweise einer aufrichtigen Bekehrung zeigen, der Kriegsrath darüber berichtet werden. 5) Diejenigen, welche, etwa durch die Bekanntmachung und Vollziehung des gegenwärtigen Edictes bewogen, jetzt sagen würden, daß sie die katholische Religion, oder eine der tolerirten Secten annehmen wollten, sollten nicht eher nach Hause geschickt, und in ihr Eigenthum wieder eingesetzt werden, als bis sie zuvor an den für ihre Prüfung bestimmten Orten ihre Bekehrung erprobet haben werden. 6) Verheiratheten Weibern soll es gestattet seyn, mit ihren Ehemännern zu leben. 7) Wittwen aber und Töchter sollen unter militärischer Bedeckung bis an die Gränzen von Polen, der Türkey und von Dalmatien geführt, und dort, so viel es sich thun läßt, von einander getrennt werden. So lange, bis sie im Stande seyn werden, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, sollen ihnen täglich aus der Kriegscasse drey Kreuzer gereicht werden.«

Unterm 10. Brachmonath des nähmlichen Jahres erging ein kaiserl. Hofdecret des Inhalts: »Wenn ein Mann, Weib, oder wer immer, bey einem Ober- oder Kreisamte als Deist sich meldete, sollen ihm ohne weitere Rückfrage 24 Prügel oder Carbatschstreiche auf den Hintern gegeben, und er hiemit wieder nach Hause geschicket, auch dieses so oft wiederhohlet werden, als er sich neuerdings zu melden kömmt, nicht, weil er ein Deist ist, sondern weil er sagt, das zu seyn, was er nicht weiß, was das ist. So eben soll auch jener, der einen Deisten in der Gemeinde nennet, oder angiebet, von dem Ober- oder Kreisamte mit 12 Stockstreichen belegt werden.«

Diese Verordnung wurde am 13. April des folgenden Jahres darauf durch nachstehendes Edict erneuert. »Die sich bey ihren Behörden öffentlich zum Deismus Meldenden, und also muthwillig Erklärenden, sollen gar nicht gehöret, am wenigsten zu einem sechswöchentlichen Unterricht verhalten, sondern, so bald sie sich melden, sogleich nach dieser wiederhohlten allerhöchsten Entschließung wegen dieser ihrer Hartnäckigkeit, nicht wegen dessen, was sie innerlich glauben oder nicht glauben, mit 24 Stock- oder Carbatschstreichen bestraft werden.«

Wolf räsonnirt nun wie folgt: Wie sich Stockschläge mit der im ersten Edicte empfohlenen Schonung und menschlichen Behandlung vereinbaren lassen, ist wohl schwer zu begreifen. Der Umstand, daß der Deist sich zu etwas erklärt, von dem er selbst nicht weiß, was es eigentlich sey, ist, wenn er so ganz unbedingt angenommen werden dürfte, noch lange kein hinreichender Grund, Menschen, denen man doch sonst völlige Gewissensfreyheit einräumen will, gerade darum mit Carbatschstreichen zu züchtigen, weil sie einen sehr natürlichen Gebrauch von jener Gewissensfreyheit machen wollen. Will man dieselbe bloß auf die christlichen Bekenntnisse einschränken, so kann sie eigentlich keine Freyheit mehr genennet werden; sondern sie ist ein Recht, an welches nach den bestehenden Friedensverträgen ohnehin jeder deutsche Bürger Anspruch zu machen hat. Man hat zwar den Monarchen wegen eines so strengen Verfahrens gegen die Deisten damit entschuldigen wollen, daß man diese unglücklichen Leute eine wilde Horde nannte, welche in Wildheit erzogen, in der rohesten Unwissenheit abgehärtet, weder Pflicht, noch Recht, noch Ordnung gekannt, und ein Schlaraffenleben geführt haben soll, das an das Viehische gränzte.Hübners Lebensgeschichte Josephs II. Theil 1. Seite 80. Allein einer solchen Beschuldigung widerspricht nicht nur die notorisch bekannte Lauterkeit ihrer Moral, sondern auch das Zeugniß vernünftiger Menschen, welche Gelegenheit gehabt haben, persönlichen Umgang mit den böhmischen Deisten zu pflegen. Wilde und in roher Unwissenheit abgehärtete Horden können weder Stille, noch Gelassenheit, noch Melancholie in ihrem Betragen äußern; und man hat bemerkt, daß sie gegen ihre Obrigkeiten so uneingeschränkten Gehorsam lehrten, daß sie sich für verpflichtet hielten, nicht den geringsten Widerwillen gegen die Strenge zu äußern, mit welcher der Kaiser sie behandelte.

In wie weit es von Seite derjenigen, die sich öffentlich zum Deism' bekennen, aus Muthwillen geschieht, ist schwer zu beurtheilen; aber leicht fällt die Unbilligkeit in die Augen, dergleichen Leute nicht nur allein nicht weiter anzuhören, sondern ihnen sogar den, andern Religionsverwandten gestatteten, Unterricht zu entziehen, und statt alles weitern Befragens oder Belehrens sogleich auf der Stelle Stockstreiche auf den Hintern geben zu lassen. Von Ludwig XIV. hätte sich allenfalls so etwas vermuthen lassen; aber wie der populäre Menschenschätzer Joseph II. darauf verfallen konnte, Menschen bloß deßwegen, weil sie an die Gottheit Christi nicht glauben, im übrigen aber alles, was Christus befiehlt, in der Praxis ausübten, mit einer entehrenden Strafe zu züchtigen, läßt sich wohl am allerwenigsten begreifen. Das Vorgeben, als geschähe eine solche Züchtigung nicht wegen dessen, was sie innerlich glauben, oder nicht glauben, ist elender Spott, und ganz des Systems würdig, jeden Menschen, der sich nicht zu einer der tolerirten Religionen bekannte, für einen Katholiken anzusehen, und als solchen zu behandeln. Ist die Religion der Letztern das, wofür sie der Kaiser in seinen Gesetzen ausgibt, die allein seligmachende; so ist es ja für sie ein Schimpf, Leute, die weder Katholiken noch Protestanten sind, den allein seligmachenden Menschen gleich zu setzen.

Vernehmen wir nun, wie sich der aufgeklärte Pezzl äußert: Nun sagt, ob es thunlich war, denselben (den Deismus) feyerlich zu authorisiren? Fern sey es von mir, daß ich nicht wünschen sollte, man möchte jedermann öffentlich bekennen lassen, wessen er innerlich überzeugt ist! . . . . Aber wenn der Kaiser den Deismus schon einmahl hätte toleriren wollen, so würde er ihn doch wohl nicht bloß für die Bauern von Pardubitz zugestanden haben. Bewohner von Wien hätten dann doch wohl eben so viel Recht, Duldung des Deismus zu fordern als eine böhmische Dorfgemeinde.

Und ob sich in Wien, und in allen Erbländern überhaupt auch jemand zum Deismus würde bekannt haben . . . Und was die Geistlichkeit, nicht bloß die katholische sondern alles was Geistlichkeit heißt, von Aufgang bis Niedergang, dazu würde gesagt und gethan haben! – – – – – –

O meine Herren, die ihr in der allgemeinen deutschen Bibliothek, in Schlözers Staatsanzeigen, im deutschen Museum, in den Ephemeriden der Menschheit, im deutschen Merkur, und wo immer sonst noch, mit gut gemeintem Eifer, mit Ungestümme, mit Bitterkeit, oder mit Hohngelächter von der Geschichte der böhmischen Deisten gesprochen habt; überlegt diese Umstände noch einmahl, erinnert euch dabey an gewisse Facta aus der neuen Geschichte, und tadelt den Kaiser, wenn ihr noch Lust habt.

 << Kapitel 63  Kapitel 65 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.