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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 56
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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51. Zur Geschichte der Reactionen gegen Josephs ReformWolf, Geschichte der Veränderungen unter Joseph II., nach der Wiener Kirchenzeitung (die von 1781–1789 erschienen), &c. &c..

Joseph hatten seinem Freunde geschrieben: »Wenn es einstens Neronen, und einen Dionys gab, der über die Schranken seiner Macht hinausging – wenn Tyrannen gewesen sind, die einen Mißbrauch von der Gewalt gemacht, die ihnen das Schicksal in die Hände gab; ist es darum billig, daß man unter dem Vorwande von Besorgnissen, die Rechte einer Nation für die Zukunft zu bewahren, einem Fürsten alle mögliche Hindernisse in seinen Regierungsanstalten in den Weg legt, die nichts anderes, als das Wohl und das Beste seiner Unterthanen zum Entzweck haben? Ich habe, seit dem Antritt meiner Regierung, mir jede Zeit angelegen seyn lassen, die Vorurtheile meines Standes zu besiegen; mir Mühe gegeben, das Zutrauen meiner Völker zu gewinnen; und seitdem ich den Thron bestiegen, habe ich mehrmahlen Beweise davon abgelegt, daß das Wohl meiner Unterthanen meine Leidenschaft sey; daß ich zur Befriedigung derselben keine Arbeit, keine Mühe, keine Qualen selbst scheue, und daß ich genau die Mittel überlege, die mich den Absichten näher bringen, die ich mir vorgesetzt habe; und dessen ungeachtet finde ich in den Reformen allenthalben Widersetzlichkeit von solchen, von denen ich es am wenigsten vermuthen konnte. Als Monarch verdiene ich das Mißtrauen meiner Unterthanen nicht. Als Regent eines großen Reichs muß ich den ganzen Umfang meines Staates vor Augen haben, den ich mit Einem Blick umfasse, und kann auf die separaten Stimmen einzelner Provinzen, die nur ihren eigenen Kreis betrachten, nicht allezeit Rücksicht nehmen. Das Privatbeste ist eine Chimäre; und indem ich es auf einer Seite verliere, um meinem Vaterlande damit ein Opfer zu bringen, kann ich auf der andern Seite an dem allgemeinen Wohl Antheil nehmen. Aber wie viele denken daran? Wenn ich unbekannt mit den Pflichten meines Standes, wenn ich nicht moralisch davon überzeugt wäre, daß ich von der Vorsehung dazu bestimmt sey, mein Diadem mit aller der Last der Verbindlichkeiten zu tragen, die mir damit auferlegt werden; so müßte Mißvergnügen, Unzufriedenheit mit dem Loose meiner Tage, und der Wunsch, nicht zu seyn, diejenige meiner Empfindungen seyn, die sich unwillkührlich meinem Geiste darstellte. Ich kenne aber mein Herz; ich bin von der Redlichkeit meiner Absichten in meinem Innersten überzeugt; und hoffe, daß, wenn ich einstens nicht mehr bin, die Nachwelt billiger, gerechter und unparteyischer dasjenige untersuchen, prüfen, und beurtheilen werden, was ich für mein Volk gethan habe.«

So groß dachte Joseph, und gleichwohl waren Pasquille der Lohn seines unbegränzten Wohlwollens für die Menschen. Im Augarten fand man einst die Aufschrift:

Joseph prémier, aimable et charmant;
Joseph second, scorpion et tyran,

Auf sein Schlafgemach wurde folgendes Pasquill geheftet:

Wittwenmark und Waisengut
Ist für Kaisers Augen gut.

Im Controllorgange, wo Joseph die meisten Bittschriften abzunehmen gewohnt war, erhielt er eine, worin es am Ende hieß:

Ein rechter Kahlmäuser
Ist unser Kaiser.

»Trotz so vieler christlichen Verordnungen des Hofes,« so drückte sich im Jahre 1784 ein in Wien öffentlich gedrucktes Zeitungsblatt (Kirchenzeitung) aus, »werden die alten Mißbräuche der Religion ungescheut fortgetrieben. Ihre Angreifer werden als unruhige Köpfe verfolget und unterdrückt; die sie aber mitmachen, und das Volk in andächtige Contribution setzen, werden als würdige Geistliche belobet, und oft im kaiserlichen Nahmen befördert. Schlechte Bischöfe sind der Reformation ohnedem feind, und die guten werden von Leuten, die sie von Amtswegen unterstützen sollten, unaufhörlich geneckt, verschrieen, und auf allen Schritten gehindert. So müssen freylich alle Verbesserungen, welchen unordentliche Leidenschaften ohnehin schon einen so starken Damm entgegen setzen, natürlich ins Stocken gerathen.«

Unter allen neuen Anstalten haben jene, welche zunächst den Volksaberglauben ausrotten sollten, den meisten Widerstand gefunden. Noch im Jahre 1784 konnte man, ungeachtet der kaiserlichen Verbothe, in der Pfarrkirche der Dominicaner in Wien ober dem Tabernakel ein großes ausgeschmücktes Marienbild sehen, in welchem sieben Schwerter steckten. Im nähmlichen Jahre, und in der Residenz des Kaisers, der alle geistlichen Bruderschaftspossen abschaffte, feyerten die Mönche zu den Schotten das Fest ihres Bruderschaftspatrons, des heil. Sebastian, gerade auf eine Art, als wäre keine Verordnung, die dergleichen Afterandachten verboth, vorhanden. Im darauf folgenden Jahre trieben die gleichen Mönche ihren Unfug noch weiter. Nicht nur wurde an diesem Tage ihr schönster Kirchenornat, der mit Gold gestickte rothsammtene Baldachin, die großen silbernen Leuchter und das silberne Cruzifix gebraucht, sondern auch durch die ganze Octave dieses Bruderschaftsheiligen Vor- und Nachmittags mit der großen Glocke geläutet, und das Hochamt selbst vom Prälaten, wie es nur an den höchsten Kirchenfesten zu geschehen pflegt, gehalten.

In der Cathedralkirche zu Wien, die allen übrigen zum Muster dienen sollte, konnte man immerfort Gegenstände des Ärgernisses sehen. Vor dem Aloysius-Bilde, und auf dem Altare des Herzens Jesu, brannten stets mehr Kerzen, als vor dem Tabernakel, worin das Allerheiligste aufbewahrt wurde. Joseph hatte befohlen, daß man die Heiligenbilder nicht zieren soll. Dieses gefiel dem Cardinalerzbischof nicht. Er ließ den Statuen der Muttergottessen metallene Kronen aufsetzen, und konnte auf die Frage, warum dieses geschähe, nichts bessers antworten, als daß Maria die Königinn des Himmels sey, und folglich gekrönt seyn müsse. Mehrere Marienbilder hatten sogar zwo Kronen auf dem Haupte. Einem andern Bilde floß im Jahre 1785 noch Wasser aus beiden Brüsten, und zu Mundensing im Innviertel erblickte man neben einem Altarblatte ein hangendes Bild, wo die Milch einer Frauensperson mit dem aus einem Cruzifixe quellenden Blute in eine in der Mitte befindliche Monstranze zusammenfließt. In einer Mönchskirche des Cillierkreises fand man im Jahre 1787 noch eine Wappentafel, worauf das Leiden Christi vorgestellt war. Unten am Rande war in großen Fracturbuchstaben folgende Aufschrift zu lesen: Dem allermächtigst- allerheiligst- und unüberwindlichsten Herrn Herrn Jesu Christo, von Ewigkeit gekrönten Kaiser der himmlischen Heerschaaren, erwählten unsterblichen König des Erdbodens, des heiligen römischen Reichs einzigen Hohenpriester, Erzbischofe der Seelen, Churfürsten der Wahrheit, Erzherzog der Tugend, einzigen und gnädigsten König der Juden, Herzog von Bethlehem, Landesfürsten in Galiläa, gefürsteten Grafen zu Jerusalem, Freyherrn von Nazareth, Ritter der höllischen Pforten, Herrn der Heiligkeit, Selig- und Gerechtigkeit, Pfleger der Wittwen und Waisen, Richter der Lebendigen und Todten, unserm allerheiligsten Herrn Herrn, und herablassend-gnädigsten Erlöser &c. Zu Eisenstadt in Ungarn konnte man noch im Jahre 1788 in einer Kirche vorgestellt sehen, wie Gott Vater aus der Seitenwunde Christi Blut ausdrückt, das in den von einem Engel gehaltenen Kelch fällt. Der Kelch überläuft, und das Blut rinnt in's Fegfeuer hinab, wo die Seelen mit heissester Begierde darnach schnappen. Am nähmlichen Orte befand sich im nähmlichen Jahre noch ein sogenannter, von Pius VI. mit Ablaß versehener Calvariberg, bey dessen Eingange man verschiedene sehr ärgerliche Vorstellungen erblickt. Hier bläst ein Gerichtsdiener dem gefangenen Jesu mit einem Ochsenhorne in's linke Ohr. Dort wurde Maria von sechs Aposteln zur Erde bestattet, und Johann, der Evangelist, verrichtete bey dieser Begräbniß das Amt eines Pfarrers. An einem andern Orte bläst der Teufel dem linken Schächer mit einem Posthorne ins Ohr, während den rechten ein Engel umflattert. In allen Stationen dieses Calvariberges war das Kreuz Christi allenthalben zerschnitten, weil der Pöbel jeden Splitter davon für eine Reliquie mit sich nach Hause nahm. Die Juden und Gerichtsdiener sahen jämmerlich zerstümmelt aus. Diesem fehlte ein Arm, jenem ein Fuß, und einem andern die Nase. Das Volk glaubte Jesu zu ehren, wenn es die Bilder der Juden, die ihn kreuzigten, zerstümmelte.

So ungerne man den landesherrlichen Befehlen in Ansehung des Bildertandes gehorchte, eben so wenig wollte man sich jene gefallen lassen, wodurch das Wallfahrten an sogenannte Mirakelorte eingestellt wurde. Man zog mit Kreuz und Fahne von einer Kirche in die andere, und stellte noch im Jahre 1788 und 1789 weite Pilgerreisen nach Maria-Zell, nach Maria-Taferl, nach Schloßberg, nach Lanzendorf, und sogar noch nach Einsiedlen in die Schweiz an, von woher die Pilgrime ganze Säcke Malefizpulver, womit verhexten und vom Teufel besessenen Menschen und Viehe geholfen werden soll, mit sich nach Hause schleppten. Solche Verletzungen der bestehenden Landesgesetze geschahen nicht nur auf dem Lande in einzelnen Dörfern, sondern auch in Städten, wo Länderstellen waren, und sogar in der Kaiserstadt, und unter den Augen des Monarchen. Wurde hier oder dort ein solcher Frevel geahndet, so wurde er an einem dritten Orte nur noch mit mehr Aufsehen und Celebrität wiederhohlt. Zog die Regierung einen Pfarrer, welcher dergleichen Unfug gestattete, zur Verantwortung, so hatte ein solcher in der erzbischöflichen Cur wieder eine Menge Freunde, von welchen er sich Schutz zu versprechen hatte. Überhaupt konnte der gute Kaiser leicht gewahr werden, daß der Widerstand, den er als Reformator gefunden, allermeistens von Seite der Geistlichkeit herrührte, der es eben so sehr an guten Willen, als an Einsichten fehlte, seine Anstalten durch ihren weit ausgebreiteten Einfluß zu begünstigen. Was einzelne wohldenkende Seelsorger erzweckten, hatte fürs Ganze noch immer jene Folgen nicht, mit denen man sich geschmeichelt hatte; und es war sogar zu besorgen, daß bey der Verschiedenheit der Denkungsart, die zwischen Seelsorgern und Gemeinden herrschte, am Ende ein fanatischer Geist der Intoleranz die Gemüther in Empörung bringen könnte.

Bey dem Mangel an hinlänglich unterrichteten, aufgeklärten, und mit dem wahren Geiste des Christenthums vertrauten Geistlichen war es überhaupt ganz unmöglich, den unter dem Volke herrschenden Aberglauben auszurotten; und es mußte sogar gefährlich seyn, etwas durch Staatsbefehle erzwingen zu wollen, was sich dem Laufe der Natur gemäß so ungemein schwer erzwingen läßt. Vergebens wird man dem Pöbel, der einmahl im Wahne steht, daß seine Amulete den Teufel bannen, und der schon von Jugend auf gewohnt war, gedankenlos alles für Religionswahrheit anzunehmen, was der faule Mönch ihn lehrte, das Christenthum von einer würdigern Seite zu empfehlen suchen. Der gröbste Aberglaube ist ihm schon zur Natur geworden, und es ist unmöglich, ihn anders, als durch eine stufenweise, fast unbemerkbare Lenkung, auf bessere Begriffe zu leiten. Und dieses hätte nur allein der Geistlichkeit möglich werden können. Jede obrigkeitliche Anstalt in Sachen der Religion bleibt fruchtlos, wenn es jene unterläßt, durch ihren Einfluß den Gesetzgeber zu unterstützen.

Joseph berechnete die Gewalt dieses Einflusses zu wenig, und wollte ein Volk, welches noch so tief in Aberglauben versenkt war, in dem Zeitraume von wenigen Jahren aufklären. Er fühlte allerdings die Nothwendigkeit, eine solche Aufklärung mittelst der Geistlichkeit zu Stande zu bringen. Daher seine vielfältigen, und im Allgemeinen sehr großen Anstalten zur Priestercultur. Aber auch diese Cultur wollte er auf eben die Art, wie überhaupt die Cultur des Volkes, bewerkstelligen, ohne im Voraus zu beherzigen, daß ein solches Werk nicht das Werk eines Augenblickes seyn könnte; daß, wenigstens weit der größte Theil der alten Priesterschaft theils zu träge, und theils zu fanatisch war, um ein altes bequemes System gegen ein neues zu vertauschen; daß die Mönche, die er, vielleicht aus Öconomie, zur Seelsorge anstellte, ihren mönchischen Geist nicht verläugnen könnten; und daß es endlich zu besorgen war, ob nicht die junge, nach neuen Grundsätzen gebildete Geistlichkeit, noch zur Unzeit überlaut würde, und der Contrast, der sich zwischen den neuen und alten Begriffen zeigte, am Ende nicht eine geistliche Anarchie nach sich ziehen, und tausend unvorgesehene Verwirrungen im Staate veranlassen könnte?

Die Erfahrung hat es durch unzählige Beyspiele bewiesen, wie wenig sich Joseph hierin auf seine Gesetze verlassen konnte. Allenthalben fand er Widerstand. Nicht allein in einzelnen Dörfern, sondern auch in großen Städten, und in ganzen Provinzen erlaubte sich die Geistlichkeit Schritte, die den weisen Absichten des Gesetzgebers durchaus entgegen waren. Wenn hin und wieder ein helldenkender Kopf im Geiste des Reformators wirkte, so thaten hundert lichtscheue, träge und fanatische Menschen an ihrem Orte das Gegentheil. Man begnügte sich nicht damit, bey allen Anstalten, die der Hof zur Veredlung der Religion traf, unthätig zu bleiben; sondern man ließ es sich hier und dort gelüsten, durch heimliche und öffentliche Aufhetzungen das fanatische Volk in Gährung zu bringen. Die um diese Zeit in Wien gedruckte Kirchenzeitung enthielt fast auf jedem Blatte Thatsachen, welche den unglaublichen Eigensinn, die stockblinde Unwissenheit, und den tiefen Reformationshaß der Geistlichkeit von der einen, und von der andern Seite den bigoten und stupiden Mönchsgeist des Volkes auf die traurigste Weise darstellen.

Eines Tages fand man an der neu erbauten evangelischen Kirche zu Wien, wo ehedem Nonnen ihre lateinischen Psalmen gesungen hatten, folgende Schmähschrift angeheftetHübners Lebensgeschichte Josephs II. Theil 1. S. 81 u. f.: »Dieser Tempel war erst zum Dienste des allmächtigen Gottes von den frömmsten Beherrschern Östreichs eingerichtet, war die Wohnung heiliger Jungfrauen des unbefleckten Lamms; aber es plünderte darin die Kirchenschätze, es zerstreute in alle Welt die Gott geheiligten Nonnen –jener Verführer der Braut Christi, und Schwächer reiner Jungfrauen, des Martin Luthers treuer Anhänger und Nachfolger, Joseph II. ein Lutheraner, uneingedenk der göttlichen Barmherzigkeit, die ihn auf den Thron erhoben, ein berüchtigter Verächter der heiligen Kirchengesetze, begünstigt und befördert selbst alle Ketzereyen, und ist selbst ein Mann von keiner Religion. Nun hat er, ein seit Jahrhunderten unerhörtes Beyspiel; eben diesen Tempel, unter der Maske der Tugend zum Sammelplatze der Greuel angewiesen und verkauft!«

Joseph ließ diese Schmähschrift drucken, das Stück für 6 Kreuzer verkaufen, und das daraus gelöste Geld den protestantischen Kirchenvorstehern als Beysteuer für die Armen überreichen.

Noch weit mehr hatten die Nichtkatholiken von unwissenden und fanatischen Priestern zu dulden. So predigte z. B. einer auf öffentlicher Kanzel: »Wenn die evangelische die wahre Religion wäre; so soll mich gleich auf der Stelle der Teufel hohlen.« Er hielt eine Weile inne; und da der Teufel nicht kommen wollte, so fuhr er fort: »Vielleicht hat der Teufel an meinen Priesterkleidern keine Gewalt. Ich will sie also ablegen.« Er entkleidete sich wirklich, und schrie jetzt mit brüllender Stimme: »Nun Teufel, komm, und hohle mich!« Ein anderer Geistlicher fragte ein Weib, welches in den Beichtstuhl trat, ob sie an Fegfeuer und Heilige glaube? Nein! erwiederte das Weib. So leck mich . . . . . schrie der Rasende. packte sie an, und schleuderte sie fort. Bey den Commissionen, wo die Erklärungen der Protestanten aufgenommen wurden, erlaubte man sich die pöbelhaftesten Flüche und Lästerungen. »Verdammt seyd ihr alle,« heißt es dort; »zum Teufel müßt ihr alle, so wie eure Eltern, also auch eure Kinder und alle Lutheraner in der Welt, fahren. Schon wachsen euch Hörner und Schwänze, wie den Teufeln; nur seyd ihr verblendet, daß ihr sie nicht sehet und fühlet. Der Kaiser will jetzt nur die heimlichen Lutheraner durch öffentliche Erklärungen ausfindig machen, um die bekannten alle, sammt Weib und Kind, binden, und an die türkische Gränze führen zu lassenSchlözer Staatsanzeiger..

Füglich können wir hier noch erwähnen, wie es damahls zu Wien in den Kirchen überhaupt zuging. Nicolai (in dieser Hinsicht mit Unrecht angefeindet) erzählt in seiner Reisebeschreibung: Alles läuft untereinander, und man hört ein beständiges Sumsen. Ist einer mit seinem Gebeth fertig, so geht er weg, und andere kommen; daher in der Kirche ein beständiges Hin- und Herlaufen, und an den Thüren sehr oft ein Gedränge ist. Bey meiner Anwesenheit in Wien ward noch an zehn oder zwölf Altären zugleich Messe gelesen. Bald ging die Musik zum Hochamte, bald schrie der Priester: Dominus vobiscum, bald ward geantwortet: Et cum Spiritu tuo; bald ward an diesem, bald an jenem Altare geklingelt. Hier fiel eine Anzahl Leute nieder, dort stand eine Anzahl anderer auf. Mit einem Mahl fielen sie alle nieder und erhoben sich wieder. Hier las einer halblaut im Gebethbuche, dort zupften andere am Rosenkranze; hier bewegten sich viele hundert Lippen, um Gebethe zu käuen, dort schlugen sich eine Menge Leute an die Brust; hier seufzten einige, und dort stöhnten andere. Einmahl sah ich sogar in Wien, daß bey einem Hochamt mit Musik und bey den Nebenmessen noch zugleich in verschiedenen Beichtstühlen Beichte gehört, und an den Schranken des Altars die Communion ausgetheilt ward. Beständig war die größte Verwirrung und alles voll Geräusch. In den Kirchen zu Wien gehen Leute in kaiserlicher Liveree herum, die man Schwazcommissarien nennt. Sie nöthigen diejenigen, die bey Aufhebung der Hostie nicht niederknieen, dazu, und verbiethen den Plaudernden das Schwätzen. Aber es hilft sehr wenig. Unter der Messe wird viel geplaudert. Die Kirchen müssen oft zu Zusammenkünften dienen, die gar nichts Geistliches an sich haben. Man sieht sehr oft, daß jemand dicht neben einem Frauenzimmer in einem Bethstuhle knieet, und man merkt wohl zuweilen, daß sie nicht bloß Gebethe murmeln. Das Ärgerniß wird oft ohne Scheu getrieben. Bey dem Segen und Litaneyen gegen Abend, wo es schon dunkel ist, werden die gröbsten Unanständigkeiten begangen. Die letzte Messe, die nach halb 12 täglich gelesen wird, hat einigermaßen den Argwohn für sich, daß sie oft zu Zusammenkünften diene. Besonders nennt man in Wien diese letzte Messe bey den Kapuzinern ungescheut und öffentlich die Hurenmesse. Daselbst kommen sehr viele Frauenzimmer von zweydeutigem Rufe zusammen, und die jungen Herrn gehen dahin, um zu sehen, was für Waare angekommen ist. Man denke nicht etwan, daß ich etwas übertreibe; die Sache ist in Wien (und in München und Mainz) bekannt genug, und man kann, so oft man will, sie mit Augen sehen.

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