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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 54
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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49. Eines der frechsten Pasquille auf den Kaiser Joseph,

ist nicht etwa bloß ein Placat oder ein Flugschriftlein, sondern ein ganzes ziemlich dickes Buch von 262 enggedruckten Octavseiten, welches da heißt: »Der 42jährige Affe. Ein ganz vermaledeites Mährchen. Aus dem Französischen. Berlin 1784.« – Der Eingang der Vorrede (welche die Überschrift hat: Vorrede des Übersetzers –) lautet also: »Seit 1781 – sind wohl tausendmahl viele Buchhändler Deutschlands gequälet worden, das Buch – vom 42jährigen Affen herbeyzuschaffen. Man both 6 auch 12 Ducaten dafür an; allein die erste Auflage ging versiegelt von Haus zu Haus – einen noch viel heimlichern Gang – als HorusHorus, ein gleichsam berüchtigtes Buch: Astrognostisches Endurtheil über die Offenbarung Johannis und über die Weissagungen auf den Messias. Der nicht genannte sehr gelehrte Verfasser ist Chr. E. Wünsch. Das Buch erschien 1783. Es machte großes Aufsehen, und fährt fort, das zu thun. Am häufigsten wird es nach Ungarn begehrt, wie Mirabaud, Helvetius &c. &c. – Ein dritter Cavalier, der Reichsritter v. Mösle in Wien, hatte die Keckheit, den Horus nachzudrucken. – Anm. d. Herausg.. Man hat noch einen weit größern Lärm geschlagen – weil es noch weniger zu haben war.« –

Mit diesen Worten hat es aber die Bewandtniß, daß sie eitle Mystification sind, ein Kniff, eine Autorspeculation, dabey allenfalls auch der Zweck, sich als lediglicher Übersetzer, der schärfern Verantwortlichkeit zu entziehen, oder wie dem immer seyn möge. Wir versichern nähmlich unsere werthen Leser, daß das Buch erstens keine Übersetzung sey, weil es in keiner andern Sprache existirt hatte, und zweytens, daß der Verfasser ein edler Ritter von Steinsberg war, der sonst noch Mehreres geschrieben, und im Druck herausgegeben hat, z. B. Ob der heil. Johann von Nepomuk jemahls existirt habe?; Briefe aus Berlin; Offenbarungen über Deutschland; Predigtcitiren; Proceß des Grafen Kolowrat; dann Romane und Schauspiele. – Der Druckort: Berlin, ist falsch; das Buch ist zu Prag bey einem andern Ritter, dem v. Schönfeld, gedruckt, und in dessen Verlag erschienen, ein zweytes Mahl 1786 ausgegeben. Der Preis war nicht so und so viele Ducaten, sondern so und so wenige Groschen, nähmlich 30 Kreuzer. In dem vielfach anziehenden Buche: Briefe über den gegenwärtigen Zustand der Literatur in Österreich (von Full), 1788 (Zürich) lesen wir Seite 30: »In Leipzig machte er (der Verleger) gut Glück damit; denn obgleich er nicht in den Meßcatalog gesetzt werden durfte, so gingen doch in weniger als 2 Stunden 1500 Exemplare ab.«

Was wir nun thun wollen, besteht darin, daß wir 1) zur Veranschaulichung des Gesichtspunctes dieses Buches die Vorrede wieder geben; 2) einige Capitel ganz oder auszugsweise, und 3) das Inhaltsverzeichniß. In Sonstiges gedenken wir nicht einzugehen; urtheile der Leser selbst. –

Also 1) Fortsetzung und Schluß des Vorwortes: Und eben darum wollt' es auch jeder gelesen haben. A Conto des 42jährigen Affen erzählte dieser dieß – jener jenes, und alle diese Erzähler waren darinn eines, daß dieses Buch eine versteckte Satyre auf denjenigen Monarchen seye, – welcher gegenwärtig Europens vorzügliche Aufmerksamkeit verdienet.

Der ganze Lärm war, wie ich es voraus sah ein gebährender Berg, der – Wunder ankündigte, und endlich mit einem Mäuslein niederkam.

Erlogen war es, daß der Inhalt diesen oder einen andern Monarchen treffe: und das Bruit war wohl nichts mehr und nichts weniger, als ein artiger Kniff – des französischen Verlegers gewesen, der sich unserer löblichen Neigung zu pasquillantischen Schriften bedienen wollte, dieses vermaledeite Mährchen für einen sehr hohen Preis an Mann zu bringen.

Man kann ihn nicht besser dafür züchtigen; als wenn man mit einer getreuen Übersetzung seiner Speculation durch die Nase fährt, und das Exemplar im gewöhnlichen Preis verkaufte. Dieses ist auch das einzige Mittel, die Schadenfreude des Neides, der Bigotterie, und des Monachismus, – dieser von jeher erklärten Feinde eines reelen Verdienstes – und folglich jenes Anbetens werthen Monarchens mit einmahl nieder zu werfen, und das Publicum zu überzeugen, daß bis hieher noch kein Pasquillant die Verwegenheit hatte, – sich an der geheiligten Person eines gekrönten Menschenfreundes zu vergreifen, der bloß von Menschenliebe und Weisheit geleitet – auf eigenen Schwingen der Ewigkeit eines wünschenswerthen Ruhms entgegenfliegt.

Indessen ist das ganz vermaledeite Mährchen vom 42jährigen Affen an und für sich selbst mit vielem Witz dem menschlichen Verstande und Herzen nahe gelegt, und wenn es nicht von Mercier selbst herrührt, so hat es gewiß einen Mann zum Verfasser, dessen Verdienste nicht geringer sind, als jene des Mercier.

Der Gedanke: das Jahr 2440; oder das Gemälde von Paris ist nicht glücklicher als dieser: der 42jährige Affe; – und der Witz im Verfolg der Ausführung desselben, dann die Grundsätze, Autorkunstgriffe und die Ründung der Perioden – kurz, dieses Mährchen sieht seinen übrigen Schriften wie ein Wassertropfen dem andern ähnlich.

Indessen mag dieß nun Mercier oder ein anderer Schriftsteller von gleichem Gehalt, wenn auch nicht von eben dem Ruhme geschrieben haben: das Publicum ist ein Richter, das freylich wohl bisweilen, aber doch nicht so oft – wie andere Richter nach der Person desjenigen frägt, – der vor seinem Richterstuhl erscheint. Es bleibt bey Criminalprocessen noch immer zur Schande der Menschheit die erste Frage: wer bist du? –

Wenn diese Übersetzung, weil ich doch meinen Mann mit Verläßlichkeit zu stellen außer Stande bin, – nicht in die Hände solcher Richter fällt, so wird dieses Buch gewiß bald eine zwote Auflage erleben, wobey der Übersetzer zu sehr interessirt ist, als daß er sich nicht alle Mühe gegeben haben sollte, das französische Original bey dieser ziemlich kühnen Operation im gleichen Werthe zu erhalten. Ziemlich kühnen sag ich, – weil ich, um Gallicismen auszuweichen, und stets deutsch zu bleiben – manchmahl an dem oder jenem französischen Gedanken selbst etwas ändern mußte.

Allein, meine lieben Leser, wißt' ihr auch was ein Mährchen sey? Wenn ihr es wißt, so werdet ihr auch nichts mehr und nichts weniger fordern – als ein Mährchen: – wobey nähmlich weder der Autor noch vielweniger der Übersetzer nicht nur nicht für Wahrheit, sondern auch nur kaum für die poetische Wahrscheinlichkeit Bürge seyn darf.

Denn sonst, (wenn Ähnlichkeit der Charactere ersonnener Affen mit wirklichen Originalen euch vielleicht vermuthen ließe, daß dieses Mährchen – mehr als ein Mährchen sey,) so denkt nur, daß die Einbildungskraft des Autors von äußeren Gegenständen geschwängert – nie etwas so eigenes zur Welt bringen kann, das dem Vater, der es zeugte, ganz und gar unähnlich seyn könnte. Indessen, was noch mehr zur Entschuldigung des Autors dient, ist, daß seine Einbildungskraft, die mit einer unbeschreiblichen, ihrem Feuer gemäßen, Geilheit, durch die Aufmerksamkeit, der Gedanken Mutter, viele Eindrücke empfängt, oft mit Kindern, einer öffentlichen Jungfer gleich – niederkommt, ohne selbst Rechenschaft von ihrem eigentlichen Vater geben zu können.

Ein solcher Autor ist, wenn er, ohne daran zu denken, mit einem Hieb hundert Narren trifft, eben so sehr zu entschuldigen, als wenn ihr jemand im Traume eine Maulschelle gäbet. Die Narren, welche euch deßhalb einen Proceß machen wollten, würden stillschweigend eingestehen, daß sie die Züchtigung verdienet haben.

Auszüge des Textes selbst.

3. Capitel. Der alte Affe räsonirt als Fürst. – Der alte Fürst, der bereits schon seit dreyßig Jahren jede noch so gleichgiltige Erzählung seiner Erfahrungen und täglicher Begebenheiten mit Trojens Zerstörung anzufangen, und seinen Text mit Moral von allen Seiten auszuspicken pflegte, hieng nun, da er von Molla, der Braut seines Sohnes erzählen, und den Kummer seines Herzens mit Beschreibungen ihres Hinscheidens, und wie oft sie röchelnd noch seiner gedacht, nähren sollte, einer Grille nach, einer Meinung, für deren Wahrheit sich in seinem Gehirn tausend Facta an einander reiheten. Ich habe gesagt, sprach der alte Philosoph, daß Mangel an Überzeugung von der Verläßlichkeit der durch die Propheten verheissenen himmlischen Glückseligkeit und der ewigen Höllenpein die hinreichende Ursache der Bosheiten und Lasterthaten sey. Aus diesem Grunde wäre es dann löblich, einen Befehl zu geben, daß jedermann, der sich unserer Gnade getrösten wolle, auf diese geoffenbarten Wahrheiten völligen Glauben setzen müsse. Der blinde Glaube tritt oft an die Stelle der Überzeugung, und so sehr sich auch jede Religion von der wahren, von der natürlichen durch Aufhäufung der Wunder entfernt, so brauchbar ist sie für Regenten und Priester, die beyde nur einen Zweck haben, nähmlich den Willen ihrer Untergebenen unumschränkt zu beherrschen. Die Berliner Academisten, welche ihre Versammlungen über den Ställen der Maulesel halten, und daher zuweilen von unten hinauf inspirirt zu werden pflegen, haben zum Vortheil ihrer Miteinwohner, der Maulesel, sehr wohl behauptet, daß Unterdrückung der Kenntniße und Wissenschaften dem menschlichen Geschlechte und den monarchischen Regierungen insbesondere ersprießlich sey. Man muß diese Weisheit bewundern: denn sie ist leicht mit Erfahrungen beyzulegen. Ein Pferd, daß vielleicht mehr Verstand als ein Esel besitzt, ist schwerer der Nase nach fortzutreiben: und viel leichter ein Ochse, der sich nicht einmahl seiner spitzen Hörner bewußt ist. Wenn Füchse Hörner hätten, so würden sie vielen andern Geschöpfen gefährlich seyn. Der Affe und der Mensch, die so nahe mitsammen verwandt sind, – sind ihrer Natur nach viel klüger als Füchse, allein ihren Verstand ausbilden und verfeinern, heißt, ihnen Hörner aufsetzen. Also ist es schädlich und gefährlich, die alten Vorurtheile auszurotten und die Wissenschaften in Aufnahme zu bringen; also ist es nützlich, eine Verordnung ergehen zu lassen, kraft deren jeder bey Verlust seiner Güter und seines Lebens zum blinden und folglich festen Glauben auf die Höllenpein und himmlischen Lohn angehalten werden muß.

Brida. Molla, sagen sie, mein Vater, sey todt?

Der Alte. Ja, glauben müssen die Affen, und zwar blind glauben, wenn sie glücklich seyn wollen.

Brida. Das ist mir sehr gleichgültig, mein Vater: nur Molla sollte bey Leben geblieben seyn, und ich wollte all' des Jammers vergessen, den mir ihre Abwesenheit noch mehr als die Gesellschaft der Menschen unerträglich macht.

Der Alte. Laß mich nicht vergessen Brida, die dogmatische Verordnung zur Ehre der Berlin'schen Academie zu verfassen. Mein Secretär Primora, an dem ein ganzer Prophet verdorben ist, welcher nähmlich die Gabe hat, so viel schöne Dinge auf viele Bogen hübsch auseinander gezogen und dergestallt zu schreiben, daß kein Geschöpf von fünf gesunden Sinnen daraus klug werden oder etwas verstehen kann, schon recht! der Secretär Primora soll diese Verordnung componiren, damit ich sie Morgen noch vor Sonnenuntergang mit eigener Hand unterzeichnen kann. Wenn dir noch einige Dogmate einfallen, mein Sohn, die zur Erleichterung der politischen Regierung unentbehrlich sind, so vergiß nicht den Secretär daran zu erinnern. Den wahren Geistlichen wirds schon recht seyn, daß ich ihre Glaubensartikel vermehre: denn je mehr Glaubensartikel eine Religion enthält, desto weiter gehen die Bäuche der Priester auseinander, und müssen nun schon einmahl die Affen so viel ungereimtes Zeug, das man den Hunden nicht vorwerfen möchte, glauben, mögen sie auch noch die wenigen meiner glücklichen Einfälle in die Antiquitätskammer ihres Glaubens werfen. Verstand dürfen die Affen nicht haben, lieber Sohn und Thronfolger, denn sonst lassen sie sich von ihren gnädigsten Fürsten, so wahr ich lebe, die Felle nicht über die Ohren ziehen.

Brida kannte seinen Vater. So lange er als Privatmann sprach, war kein Moralist ihm gleich gekommen. Er wußte Weisheit und Tugend auszukramen, die an Glanz und Wahrheit alles, was noch darüber unter den Affen geschrieben wurde, übertraf, sobald er aber erwachte, und sich seiner fürstlichen Macht erinnerte, war Er, von Eitelkeit, Stolz und Interesse mißleitet, der einfältigste aller Affen. Brida hörte ihn an, ohne ihn zu vernehmen. Seine Augen waren zwar an ihn gerichtet, allein seine Seele war ganz von dem Bilde seiner verlornen Molla erfüllt.

8. Capitel. Der Prinz wird erzogen, gefangen und geprügelt. – Es wird Ihro Gnaden bekannt seyn, so fing Prinz Brida seine Erzählung an, daß Ihro Majestät mein Herr Vater, der beßte und großmüthigste Affe von der Welt sey. Er hat keinen andern Fehler, als daß er gar keinen haben will, und er weis alles bis auf die große, ihm stets unbekannt gebliebene Wahrheit, daß derjenige ein großer Weise sey, der da wisse, daß er nichts weis. Dieses eingebildete Allwissen und die Zuversicht in seine fehlerfreye Denkungsart, sind die einzigen Ursachen, warum Ihro Hoheit mein Herr Vater zuweilen wie das Buch der Weisheit selbst und zuweilen wie ein toller Affe spricht.

Der ganze Kram seines königlichen Gedächtnisses ist mit Compilationen und auswendig gelernten Maximen und Sprüchen angefüllt, allein sein Auskramen hat einen auffallenden Schnitt von so wunderlicher Originalität, daß man den Eigenthümer, dem diese Waare entlehnt wurde, darüber vergißt.

Ihre Hoheit mein Herr Vater haben nichts gründlich erlernt: sie waren von jeher ein abgesagter Feind von Systemen: daher sind alle seine moralisch-philosophisch-politischen Gedanken nur Einfälle.

Nach den verschiedenen Modificationen derselben bin auch ich natürlicherweise erzogen worden.

Heute ist meinem Vater eingefallen, daß ohne Religion mein zeitliches und ewiges Wohl verloren gehe, – und in der nehmlichen Minute wurden alle meine Lehrer, die mich in verschiedenen Dingen unterrichten sollten, abgeschafft, und ein Pfaffe wurde mein einziger bevollmächtigter Hofmeister. Morgen las mein Papa in dem Werke eines starken Geistes, wie viel schädlicher der Aberglaube sey, als der Unglaube, und eben in dieser Minute wurde der Pfaffe, mein Mentor, die Treppen herunter geworfen, und ich einem starken Geiste anvertraut. Übermorgen fiel meinem Vater eine medicinische Abhandlung in die Hände, darin die Schädlichkeit des Viellernens, und die Nothwendigkeit der gymnastischen Spiele zur Erhaltung der Gesundheit und Befestigung des Verstandes erwiesen wurde, sogleich mußte der starke Geist dem Reit- und Fechtmeister Platz machen, und der Wettrennmeister mußte meine Bibliothek ins Feuer tragen. Ein andermahl schrieb ein Phantast über die Pädagogik, darin er den Vätern die Ermahnung gab, ihre Söhne in Hurenhäuser und Lazarette zu führen, und sie mit allen Fallstricken, welche die Buhlschwestern der jugendlichen Lüsternheit zu legen gewohnt wären, bekannt zu machen – und so mußte ich sogleich zusehen, wie allerley Unzuchten getrieben und Baucken operirt werden.

Ich bin 32 Jahre alt geworden, ohne etwas erlernt zu haben, und wäre aus lauter väterlicher Zärtlichkeit, wie die meisten Prinzen auf Gottes Erdboden, – ein Esel geblieben, wenn ich nicht gezwungen gewesen wäre, 10 Jahre lang auf Reisen zu seyn, wo ich meinem eigenen Nachdenken überlassen, ungestört die verschiedenen Gegenstände mit einander vergleichen, und durch die Wahrnehmung ihrer Verschiedenheiten meine Vernunft aufhellen und bereichern durfte.

Die fürstliche Leidenschaft zu jagen; das Wild zu schützen, welches der Unterthanen Fluren verwüstet, und alle Geschöpfe zu verfolgen, die einer andern Meinung sind, als wir, hatte auch in meinem Busen gelodert.

Ich ritt auf einem Hunde und hetzte mit Katzen eine Maus, deren es eine Menge in meinem Gehege gegeben hat, und welche sich immer so gut zu verkriechen wußte, daß meine Taxhunde nicht genug graben und meine Katzen ihr nicht pfiffig genug nachsetzen konnten. Ich verfolgte die arme Maus 6 Tage durch Meilen lange Krümmungen, bis ich mich in einer ganz anderen Welt verloren fand. Die Bäume ragten dort bis an die Bläue des Himmels und es wimmelte da von schrecklichen Geschöpfen, die wohl hundertmahl größer als ich waren.

Meine Hunde und Katzen liefen mir beym ersten Anblicke dieser Thiere über Hals und Kopf mit sammt der Begleitung meiner Hofleute, die oft genug ihr Blut für mich zu verspritzen schwuren, davon.

Ich blieb allein.

Auf allen Seiten, wohin ich nur meine Augen warf, lauerte Verderben und Tod. Hier saß ein zwanzigmahl so groser Hund, als in unserem Lande vorhanden sind, und zerriß ein Schaf, das sechsmahl größer war als unsere größten Ochsen, welches Schaf er fast ganz aufzehrte.

Mir lief der Todesfrost über den Nacken.

Hiernächst nagten sogenannte Löwen, die so groß sind, wie unsere Palläste, an Thieren, die man dort Landes Pferde nennt, und deren Haut weit genug ist, unser ganzes Rathhaus zu überziehen, unweit davon zerquetschte ein Bär, dessen langes Haar Grausen erweckte, einen Hund von ungeheurer Größe, – und einem anderen Hunde von eben der Race, schlizte ein wildes Schwein mit Zähnen, die so groß und scharf waren, wie es die Säbel unserer Leibgarde sind, den Bauch auf, daß ihm die Därme herunter hingen.

Ich, in der Mitte von solchen Spectakeln konnte nichts anders, als Reue und Leid erwecken.

Die Prinzessinn Molla, welche eine so lebhafte Einbildungskraft als Träume hatte, bebte vor Furcht: ach! Lieber Prinz, sprach sie – hören sie auf; mir stehen die Haare zu Berge! und wie! Sind sie doch mit der ganzen Haut davon gekommen?

Brida drückte die besorgliche Prinzessinn lächelnd an seine Brust.

Ich hielte mich, versetzte er, ganz stille, und war bereit mein Leben hinzugeben. Allein diese wilden Thiere gingen bey mir vorbey ohne mir Leides zu thun.

Auf einmahl sahe ich ein Geschöpf, das ich für eine himmlische Erscheinung hielt. Es war hoch wie ein Thurm, ging auf den Hinterbeinen und mit seinem braunlichten Gesichte aufrecht, und hatte etwas sehr Einnehmendes in seinen Augen. Es war ein Mensch.

Ein Mensch? rief Molla voll Verwunderung.

Dieser Anblick verscheuchte meine ganze Furcht, die jene wilden Thiere mir eingeflößt haben; ich versprach mir Errettung und Gnade – da schon jene blutdürstigen Unholden meinem Leben verziehen haben.

Allein dieses holde Geschöpf, dessen äußeres Ansehen Anbethung heischte, war grausamer als das wilde Schwein, der Wolf, der Löwe, und der Bär; Er beraubte mich meiner Freiheit, und weil ich diese unveräußerliche Gabe des Himmels, meine Freiheit, gegen seine Stricke, womit er mich gebunden hat, vertheidigen wollte, schlug er mit einem harten Stocke mich fast halb zu tode.

Dieß also war ein Mensch, wie ich ihrer nachher mehrere kennen lernte.

Molla. O! so reden sie nie wieder von ihnen.

27. Capitel. Statistik vom Fett- und Freßland; und was ein Cardinal sey? – Endlich erreichten wir das Fett- und Freßland. Wir fanden daselbst eben so viel Bäuche von der beträchtlichsten Peripherie, als wir in dem Hungerland Pickelhäringe gefunden haben. Was man dort zu geschmeidig ist, das ist man hier zu träge. Fressen und Saufen ist der einzige Abgott, dem diese Einwohner häufige Opfer bringen. Man hat eine Erfahrung, daß hungerige Leute gern pfeifen und singen, daher mags auch rühren, daß in dem Sandlande die Künste und Wissenschaften mehr geschätzt und getrieben wurden. Volle Bäuche gelangen selten zum Ruhm der Unsterblichkeit und in den Tempel der Musen. Daher sieht es auch mit dem Verstande dieser fetten Freßländer sehr mißlich aus. An Dichtern fehlt es ihnen eben so sehr als an Künstlern, allein ihre Köche und Kellermeister suchen in der ganzen Welt ihres Gleichen. Sie entrichten nur sehr geringe Abgaben, und würden ihren Regenten für sehr despotisch und tyrannisch verschreyen, wenn sie zum Besten ihres Vaterlandes nur die zwölfte Schüssel entbehren sollten. Ob ihr liebenswürdiger Monarch Vernunft und Wissenschaften, Gewissensfreiheit und Gerechtigkeit etablirt, ob sie den Ruhm einer aufgeklärten, gefürchteten, freyen und selbstständigen Nation erlangen oder nicht, daran ist ihnen sehr wenig gelegen, wenn nur ihre Kapaunen und Fasanen fett sind. Man kann leicht entbehren, wovon man nie einen Begriff gehabt hat. Ihr Patriotismus kann nur mit Kalbsbraten aufgefrischt werden, wenn sie für ihr Vaterland streiten, und der Gedanke, den benachbarten Hungerlanden einverleibet zu werden, kann allenfalls sowohl in den Landeskollegien, als im Felde Heldenthaten hervorbringen. Auf starke Magazine halten sie große Stücke.

Der König. Hörst du Brida, ich werde ordentlich hungrig bey deiner Beschreibung. Wenn man viele Fresser beysammen sieht, denen es wohl schmeckt, so kriegt man selbst einen Appetit. Die Hofräthe mögen es da nicht übel haben, und alles was an der Regierung Theil nimmt?

Brida. Sie sind lauter Speck, wie Mastschweine.

Der König. Und dumm, bilde ich mir ein?

Brida. Nicht durchgehends, allein, was dumm ist, das ist es auch aus Herzensgrunde. Sie haben einen Oberpriester.

Der König. Ach da kömmst du ja schon auf meinen Lieblingsartikel, der Glaube mag wohl dort auch nicht einmahl Maulwurfsaugen haben, die wahrhaftig so gut, als gar keine Augen sind. Ich sehe, wie das alles langsam und träge ist. Daß sich solche Leute mit Untersuchungen abgeben sollten, ist nicht sehr wahrscheinlich.

Brida. Ihro Majestät haben richtig und scharf geurtheilt. Der größte Theil ist so fett wie eine Auster, und hat nicht mehr Verstand. Ihr Oberpriester ist so dumm nicht, als er sich das Ansehen gibt, man sieht es ihm an, daß er nicht glaubt, was er andern zu glauben befiehlt. Er lebt wie ein Fürst, und hat einen angebornen Eckel vor allen Bettelleuten. Sein Hund und sein Portier sind unaufhörlich beschäftigt, sie fortzujagen. Seine treuesten Freunde sind die Exjesuiten, deren Feind er gewesen ist, so lange er nicht zu seiner Würde gelangte. Nun aber versucht er es seinem Charactere, und dem römischen Hofe, weil er von ihm mit einem rothen Huthe begnädigt worden, treu zu bleiben.

König. Rothen Huth? Macht die Farbe des Huths dort einen so wesentlichen Unterschied?

Brida. Freylich wohl. Weiß z. B. oder grau tragen die Hüthe nur Stutzer, grün die Hanswursten nur, und roth nur die Cardinäle.

König. Ich bin so klug wie zuvor. Was ist denn ein Cardinal?

Brida. Ein rothgekleideter Priester, der außer Rom oft mehr als eine halbe Million Gulden zu verzehren hat, einen königlichen Rang behauptet; dem Papste mit Leib und Seele ergeben ist, vom jesuitischen Genius inspirirt wird, die Luft mit der Rechten zu gewissen Zeiten, und wobey die Gläubigen sich auf die Bäuche klopfen müssen, in 4 Theile drangirt, und dessen sich der Papst bey großen Feyerlichkeiten statt eines Maulesels bedient. Denn da sind die Cardinäle seine Sesselträger, und tragen ihn in der St. Peters Kirche herum.

König. Ey! Ey! – was sind die Europäer nicht für Schufte! Räumen päpstlichen Sesselträgern königlichen Character ein. Das äffen wir ihnen nicht nach, lieber Brida. Erzähle nur nichts vor unserem Oberpriester, denn sonst könnt es ihm gelüsten, auch hier zu einer Cardinalsfarce den Ton anzustimmen. Der Teufel! gleichen Rang mit den Königen zu besitzen? das muß so einen Schlingel bis in die Nieren kitzeln; allein, ich fühle, daß ich mich ereifere. Und was Wunder! königlichen Rang!

Es ist eine wahre Schändung der Majestät, wenn ein jeder Schusterbube von Rom sich sollte bis zum königlichen Character emporschwingen können. Sind auch unsere Minister und Obergeistliche Schafköpfe, so wollen sie sich doch nicht uns Königen gleich setzen. Und noch obendrein dem Papste getreu und ergeben?

Brida. Ein jeder Cardinal, muß, wenn er den rothen Mantel und den rothen Huth bekömmt, den Papst für den Oberhirten der Kirche erkennen, ihm den Gehorsam versprechen, und schwören, die Schismatiker und Ketzer aus allen Kräften zu verfolgen, und die Waffen nicht eher nieder zu legen, bis sie ausgerottet sindDiese Eidesformel ist dem Erzbischof von Mohilow, welcher 1783 – zum Cardinal sollte befördert werden, vorgelegt, allein von dem russischen Hof nicht angenommen worden..

König. Also schwören müssen sie in fremden Ländern, wo sie brav gemästet werden, Rebellen zu seyn? und dieses für einen rothen Mantel? Laßt die Kerls in Kaputröcken gehen; was gehen rothe Mäntel die Religion an? Wenn Verräther und eingebildete Phantasten rothe Hüthe hervorbringen, so laßt sie grüne aufsetzen. Auf meine königliche Parole, ich kenne das aus Erfahrung, und sehe die Folgen davon ein. Schafft die Narrensposse, wenn ihr klug seyd, ab, es ist euch besser in euerer Residenz einen Hanswurst als einen Cardinal zu haben. Primora muß mir einige Briefe an die europäischen Könige, die noch einige Cardinäle halten, oder dulden, aufsetzen. Was ich noch in dem Eide wahrnehme! ihr werdet über meinen Scharfsinn erstaunen. Ich finde darin, daß der Papst mit keinem gültigen. sondern nur mit einem Advocatenrechte der Oberhirt ihrer Kirche sey. Wüßt ihr warum? Seht! wenn sein Recht gültig wäre, da möcht' es ihm ja gar nicht einfallen, die Versicherung, daß er es sey, zu verlangen, und sie jedesmahl zur Bedingung zu machen, unter welcher er dem oder jenem Priester den rothen Mantel, welcher in der kirchlichen Kleiderordnung ein so großes Ansehen hat, ertheilen. Allein sein Recht, merk ich wohl, ist nur ein Advocatenrecht, welches ein König als Oberrichter von dem Wahren und Billigen zu unterscheiden wissen muß. Er mag sich fürchten, daß so ein Cardinal vielleicht selbst Lust bekommen könnte, den Schafstall, wo er als Oberhirt angestellt ist, nicht zur Hand des Papstes, sondern zu seiner eigenen zu administriren, und also da den Papst im Kleinen vorzustellen. Das ist aber den Gesetzen der Kirche zuwider, welche, ich merk es wohl, die Absicht hat, alle Länder dem Papste zinsbar zu machen. Darum schickt er seine Sesselträger als Commendanten in die entferntesten Länder, um den Clerus gegen die Ketzer und Schismatiker anzuführen. Bey uns wird das nicht angehen. Ich hab den Kopf so voll, daß ich mir heute nichts will mehr erzählen lassen. Nimm mir das ja nicht übel. Als Thronfolger mußt du auch einsehen, wie leicht es möglich sey, daß ein König auch nur bey dem entferntesten Gedanken an einen Cardinal üble Laune bekömmt!

Inhalt. 1. Capitel. Bal. Mieder lies außer Österreich Schnürbrüste. Der Prinz erreicht die Gränzen des Affenlandes. 2. Capitel. Die Folter. 3. Capitel. Der alte Affe räsonnirt als Fürst. 4. Capitel. Prinzessinn Molla. 5. Capitel. Ein Professor der Philosophie und ein Hofprediger. 6. Capitel. Molla erscheint. 7. Capitel. Man liebt auch im Traume. 8. Capitel. Der Prinz wird erzogen, gefangen und geprügelt. 9. Capitel. Der hohe Adel. 10. Capitel. Ich wurd als Kronprinz aufgeführt. 11. Capitel. Was eine große Nase vermag. Der deutsche Adel. 12. Capitel. Die Nase. 13. Capitel. Die Prinzessinn und der König beweisen, daß sie Verstand haben. 14. Capitel. Note des Verfassers. 15. Capitel. Vapeurs. 16. Capitel. Eine deutsche Dame bekömmt Kopfschmerzen. 17. Capitel. Beruf des Bärentreibers zum Gouverneur einer Provinz. 18. Capitel. Religion und Priester. 19. Capitel. Zu was die Beichtväter gut sind. 20. Capitel. Wie dem König die Präsidenten gefallen. 21. Capitel. Die Unschuld. 22. Capitel. Selbstmord. Der Bärentreiber wird kurirt. 23. Capitel. Des Verfassers Glaubensbekenntniß. 24. Capitel. Fortsetzung. 25. Capitel. Statistik vom Hungerlande. 26. Capitel. Heilsamer Glaube in der Ehe. 27. Capitel. Statistik vom Fett- und Freßlande; und was ein Cardinal sey. 28. Capitel. Fortsetzung.

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