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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 50
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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46. Begegnungen mit Friedrich v. der Trenck;
Josephs Antwortschreiben an ihn.

Nicht lange nach seinem, man kann wohl sagen, beyspiellosen Magdeburger-Gefängniß, befand sich dieser an Körper und Geist gleich staunenswerthe Kraftmann und Abenteurer in Wien, an seinen nicht weniger als 63 Prozessen zu laboriren. Im 2. Bande seiner Lebensgeschichte erzählt er:

Ich ging einst in Wien nach meiner Krankheit auf dem Walle spazieren. Die Frühlingsluft, der heitere Himmel, erfüllten meine Seele mit Empfindung der edeln Freyheit; eine gewisse Art der Freude, die ich Niemand schildern kann! Die Lerche trillerte ihr Morgenlied, und mein Herz pochte schnell mit jedem Pulsschlage. Das wallende Blut rollte schnell in meinen Adern – kurz gesagt! in diesem Augenblicke empfand ich, daß ich ein Mensch war.

Nun begegne mir, was immer noch geschehen kann, dacht ich bey mir selbst; wenn nur meine Füße, mein Wille, mein Herz nicht gefesselt sind, und wenn ich nur die Sonne als ein freyer Mensch sehen, oder so wie diese Lerche sich willkührlich von der Erde entfernen kann, wo unserer Freyheit Netze gestellt werden. Hier dankte ich Gott mit gerührter Seele, beschloß, von Wien zu entfliehen, und mir einen Winkel zu suchen, wo die Tugend keine Fürstenmacht noch Verläumder und Machtsprüche zu fürchten hat.

Kam ich in große Gesellschaft, so betäubte mich alles Geschwätz, und die vielen Lichter wirkten so lebhaft auf meine Augennerven, daß ich mit Kopfschmerzen und Eckel schwermüthig nach Hause ging.

Nun ereignete sich die Gelegenheit zufällig, daß ich meinen Zweck erreichen konnte.

Der Feldmarschall Loudon reisete nach Aachen, um daselbst die Bäder zu brauchen. Diesen Mann hatte ich allezeit verehrt, auch persönlich geliebt, da er noch Pandurenhauptmann bey meines Vetters Regiment war. Er nahm Abschied von der Oberhofmeisterinn Gräfinn Paar. Ich kam dazu; gleich darauf trat die Monarchinn in das Zimmer; man sprach von Loudons Reise, und sie sagte mir: Trenk! Ihnen wäre das Bad in Aachen auch nothwendig, um ihre Gesundheit herzustellen. Gleich war ich bereit, folgte ihm in ein paar Tagen nach, und begleitete ihn sodann bis dahin, wo wir gegen 3 Monathe blieben.

Wir waren daselbst Beyde seltsame Geschöpfe. Ihn wollte Jedermann wegen seines großen Kriegsglückes, mich aber wegen meines überstandenen großen Unglückes kennen lernen. – Die Gesellschaft dieses ehrwürdigen Mannes war eine Erquickung für meine mißvergnügte Seele. Er kannte Wien so gut, als ich aus geprüfter Erfahrung, und hatte durch Großmuth und Standhaftigkeit seine Feinde besiegt; sein Schicksal also seinem eigenen Betragen zu danken.

Die Lebensart in Aachen und Spaa gefiel mir, wo Menschen aus allen Ländern auftreten; und auch regierende Fürsten, um nicht allein zu bleiben, mit Menschen von allerhand Ständen und Gattung Umgang suchen müssen. Ich fand daselbst in einem Tage mehr Freunde, mehr Achtung, mehr Vergnügen, als ich in meinem ganzen Leben in Wien gefunden habe.

Kaum war ich 4 Wochen daselbst, so ließ mir die Oberhofmeisterinn Gräfinn Paar, welche bis zum Grabe meine Freundinn und Beschützerinn war, schreiben – daß Ihre Majestät die Kaiserinn gesorgt hätten, und mich glücklich machen würden, sobald ich nach Wien zurück käme. Ich forschte durch Kundschafter, worin dieses Glück bestehen sollte, konnte aber nichts entdecken, hoffte also Alles von meiner Monarchinn, die mein Schicksal kannte. Indessen starb der Kaiser Franz in Innsbruck. – Dies beschleunigte die Rückreise des Generals Loudon, und ich folgte ihm auf dem Fuße nach Wien.

Gleich ging ich zur Gräfinn Paar, und durch sie erhielt ich in wenig Tagen eine Audienz.

Die Monarchinn betrachtete mich mit gnädigen Blicken und redete mich mit folgenden Worten an – – Trenk! ich will ihm zeigen, daß ich Wort halte; ich habe für sein Glück gesorgt, ich will ihm eine reiche, sehr vernünftige Frau geben.

Gnädigste Souveraininn! war meine Antwort, ich kann mich nie entschließen zu heirathen. – Und wenn es je geschehen sollte, so habe ich bereits in Aachen gewählt! – Wie? hat er schon eine Frau? – Nein, Ew. Majestät, noch nicht. – – Ist er versprochen? – Ja, Ew. Majestät. – Das hat nichts zu bedeuten; Ich will Alles ausmachen; denn Ich habe ihm die reiche Wittib des Herrn von N. N. bestimmt, die mit meiner Wahl zufrieden ist. Ein gescheidtes Weib, und sie hat 50,000 fl. Einkünfte. Er braucht eben eine solche Frau, um ruhig zu leben.

Ich erschrack, der liebenswürdige Gegenstand war eine 63jährige alte Bethschwester, ein Weib, das ich genau kannte, das im höchsten Grade vom Geize beseßen, und dabey dumm und zänkisch war. – Ich erschrack und antwortete: – Ich muß Ew. Majestät die Wahrheit sagen – diese möchte ich nicht, und wenn sie alle Schätze der Erde besäße. – Ich will nicht unglücklich, sondern glücklich seyn. – In Aachen habe ich gewählt, und mein Ehrenwort gegeben, und ich will auch ein ehrlicher Mann bleiben. – Hiermit hatte die Audienz eine Ende. Die erzürnte Monarchinn, die es wirklich gut meinte, sagte mir mit einer gewissen Verachtung: Sein Eigensinn verursacht all' sein Unglück; folg er seinem Kopf; Ich wünsch ihm Glück – Hiermit ward ich abgefertigt und sah mein Urtheil für ewig gefällt.

Wenn ich jemahls durch ein altes Weib mein Glück hätte machen wollen, so konnte dieses schon im Jahre 1750 in Holland mit drey Millionen geschehen. Es war also dieses Anerbiethen ein trauriger Ersatz für meine flavonischen Güter, auch erlittenen anderweiten Verlust und Drangsale. Noch weit unmöglicher war ein solcher Entschluß, da ich in Aachen wirklich verliebt war; da mir Vernunft, eigenes Wohl, Geschmack, Schönheit und ein edler Character dahin wirkten, um im Ehestande glücklich zu seyn.

Versprochen war ich damahls noch nicht mit meiner gegenwärtigen Frau, es war aber bereits im Herzen beschlossen, daß ich nach Aachen zurückkehren, und meinen ernsthaften Gegenstand erst näher wollte kennen lernen.

Der Feldmarschall Loudon, der sie kannte, hat viel dazu beygetragen. Er kannte mein Herz, auch meine feurigen Entschließungen. Er wußte, daß ich eine heimliche Rache im Busen trug, und leicht in neue Verwicklungen gerathen könnte.

Er rieth mir; und Professor Gellert, mein Freund, den ich in Leipzig besuchte und befragte, rieth mir es auch – daß ich meinen, zu großen Unternehmungen fähigen Leidenschaften durch einen vernünftigen Ehestand ein Gebiß anlegen; mir allein Ruhe suchen und mich von allen Geschäften der großen Welt entfernen sollte.

Ich folgte diesem Rathe, welcher mit meinen Wünschen übereinstimmte; kehrte im December 1765 nach Aachen zurück, und verehelichte mich mit der jüngsten Tochter des ehemahligen daselbst regierenden Bürgermeisters de Brüe zu Diepenbendt. Er war bereits todt, und hatte ehedem von eigenen Mitteln in Brüssel gelebt, wo auch meine Frau geboren und erzogen ist; wurde auch in Aachen auf eine besondere Art durch Liebe der Bürgerschaft gezwungen, dieses Ehrenamt anzunehmen.

Er stammte aus einem alten adeligen Geschlechte in der Grafschaft Artois in Flandern, und seine bey Aachen begüterten Vorfahren hatten, ich weiß nicht, aus was für Ursachen das reichsritterliche Diplom von Wien erhalten. Die Mutter meiner Frau war eine Schwester des Vicekanzlers in Düsseldorf, Baron Roberts, Herrn zu Roland.

Man weiß in Wien nicht, daß nach den Fundamentalgesetzen ehemahls in Aachen einer von den zwey regierenden Bürgermeistern allezeit ein guter alter Edelmann seyn mußte; der andere ward aus dem Bürgerstande gewählt. Mein Schwiegervater blieb also Edelmann, wie er es zuvor war, ehe er aus Gefälligkeit die Bürgermeistersstelle annahm.

Und folglich dürfen meine Kinder ihren Geburtsrechten gemäß, sich ihrer Mutter nicht schämen, und können in allen Fällen ihre Ahnen aufweisen.

Meine Frau ist mit mir im größten Theile Europens bekannt und hat sich überall den rühmlichsten Beifall erworben. Sie war dabey jung und schön, tugendhaft und redlich. Sie hat mir eilf Kinder gegeben, wovon noch 8 leben, auch alle mit eigenen Brüsten gesäugt und rühmlich erzogen.

Gott gebe, daß ich sie versorgen kann, wie sie es verdient und wie ichs verpflichtet bin! denn durch meine Verfolgung hat sie während unsers 22jährigen Ehestandes viel mitgelitten.

In meinem letzten kurzen Aufenthalte in Wien wagte ich einen neuen Schritt; ich suchte eine Audienz bey unserm gegenwärtigen Kaiser Joseph; sprach von meinem Schicksale, besonders von den gründlichen Kenntnissen, die ich mir von den Mängeln seiner Staaten erworben hatte; fand Aufmerksamkeit und einen Monarchen, der sich unterrichten wollte, um sein Volk glücklich zu machen; erhielt Befehl, ihm meine Gedanken schriftlich aufzusetzen. Dies geschah in 19 ganzen Bogen trockenem Deutsch, worin ich jedem Gegenstande im Civil-, Militär- und öconomischen Fache seinen rechten Namen gab.

Dürfte ich diese Schrift jemahls dem öffentlichen Drucke übergeben; sie würde mir gewiß Ehre machen, auch erweisen, daß der Monarch sie nicht unbenützt gelassen, und viele wichtige Entwürfe aus derselben wirklich bewerkstelliget wurden.

Indessen bis ich dieses vielleicht bekannt machen darf, lese man den fünften Band meiner sämmtlichen gedruckten Schriften. In diesen hab ich einen Theil meiner damahligen Gedanken verwebt, und so vorgetragen, daß man das übrige errathen kann.

Der Monarch nahm diese Schrift gnädig auf, ich bath bloß, sie geheim zu halten, weil ich in derselben Männer mit Nahmen genannt hatte, die mich von neuem unglücklich machen könnten. Auch das, was mir selbst in diesen Ländern begegnet war, und ich in diesen Blättern nur dunkel und mit möglichster Enthaltsamkeit angebracht habe, übergab ich höchstdemselben mit den gründlichsten Beweisen, in Hoffnung bey neu aufgehender Staatssonne mehr Licht für mein Recht zu finden.

Alles ward gnädig aufgenommen; blieb jedoch bisher für mich ohne Wirkung; ich aber eilte damahls nach Aachen.

Im ersten Jahre begegnete mir nichts besonderes. Ich lebte ruhig; und da mein Haus ein Sammelplatz aller großen und umgangswürdigen Fremden war, welche die Bäder daselbst zu brauchen hinreisen, so fing ich an, bekannter in der großen Welt zu werden, und machte mir überall Freunde der edelsten auch erhabensten Gattung; besuchte auch den Professor Gellert aus Leipzig; zeigte ihm meine Manuscripte und fragte ihn um Rath; in welchem Fache ich mit Beyfall in der gelehrten Welt aufzutreten wagen dürfe. Er wählte vorzüglich meine Fabeln und Erzählungen, tadelte aber die übertriebene höchst gefährliche Freymüthigkeit in meinen Staatsschriften.

Ich bin ihm nicht gefolgt, und habe deßhalb viele Verdrießlichkeiten erdulden müssen.

Nun gebar mir im Dezember 1766 meine Frau ihren ersten Sohn. Hier nahm ich Gelegenheit und schrieb folgenden Brief nach Wien an den jungen Monarchen, unsern gegenwärtig mit Ruhm herrschenden Kaiser. Dieser Brief ist im achten Bande meiner Schriften, unter dem Titel Belisarius an den Kaiser Justinian in verdeckter Gestalt zu finden, und bereits in dem zweyten Bande meines Menschenfreundes abgedruckt worden. – Der kurze Auszug desselben ist dieser:

»Ich habe hier in Aachen mit Ew. Majestät Vorwissen eine Frau genommen; und heute hat sie mir einen Sohn geboren, dem ich in der Taufe den Nahmen Joseph gegeben habe. Der hiesige kaiserl. Kämmerer und Oberst Baron Rippenda vertrat Ew. Majestät Stelle; es ist geschehen, ohne Dero gnädigste Bewilligung hierzu erbethen zu haben; meine Eigenliebe schmeichelt mir aber, daß ich dieselbe von einem Monarchen erwarten darf, der mein Herz und Schicksal kennt, und von dem ich durch mein Betragen eine günstigere Zukunft, Lohn, Schutz und Achtung zu erwarten habe.

Ich werde diesen Sohn für Ew. Majestät Staaten erziehen; und ihn lieber Gift mit der Muttermilch trinken, als die Grundsätze seines Vaters entbehren lassen. Gnädigster Kaiser! er heißt dessenungeachtet nicht Joseph nach Wiener Gebrauch; denn so lange ich lebe, bedarf er nichts. Wenn ich aber sterbe, so heißt er Joseph, um seinem Monarchen zu sagen, daß er der Sohn und rechtmässige Erbe der beyden Trenck sey, deren große Güter in Slavonien durch offenbare Ungerechtigkeit in fremde Hände gerathen sind.

Gnädigster Herr, den ich als künftigen Schutzgott des Erben meines Schicksals verehre! Erfreuen mich Ew. Majestät mit einer huldreichen Aufnahme dieses neuen Weltbürgers, und lassen mich zugleich bemerken, ob ich meine patriotischen Schriften und Staatspflichten noch ferner Dero scharfsinnigen Beurtheilung vorlegen darf? Meine Wiener Feinde werden mir zwar täglich gefährlicher, ich stütze mich aber auf Höchstdero Gerechtigkeit und bin in allen möglichen Fällen des Glückes

Ew. Majestät
allerunterthänigster und treuer Patriot
Trenck

Auf diesen Brief erhielt ich nun folgende Antwort, die ich aus erheblichen Ursachen hier bekannt mache, weil sie eigenhändig geschrieben war und in meinen Händen ist.

»Lieber Oberstwachtmeister Baron Trenck!

Ich nehme in Gnaden auf, daß Sie obwohl ohne mich vorher darum zu fragen, ihrem Sohn den Nahmen Joseph beygelegt, auch den Obersten Rippenda gewählt haben, um bey der Taufe meine Stelle zu vertreten. Zu einem Merkmahle meiner Ihnen künftig zuwenden wollenden besten Gesinnung mache ich Ihnen hiermit zu wissen, daß auch ihre Gage künftig nicht in Wien, sondern in Brüssel zu beziehen, aus erheblichen Ursachen angewiesen habe.

Ihre patriotischen und mir wohlgefälligen Schriften können Sie fortsetzen, und mir einschicken, weil ich die Wahrheit allezeit gern lese, lieber wird es mir aber seyn, wenn ich sie in natürlicher Gestalt, als in satyrischer Einkleidung lesen kann.

Ich bin Ihr
Joseph.«    

Bis hernach erhielt ich Befehl, mit Sr. Majestät Cabinetssecretär, Baron Röder, in Correspondenz zu bleiben.

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