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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 47
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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43. Staatsrathssitzung des Kaisers mit dem Papste;
Josephs durchgreifende Erklärung &c.(Pet. Phil) Wolf Geschichte der röm. kathol. Kirche unter Pius VI. (Auszug.)

Pius VI. war nicht nach Wien gekommen, um nur einzig Segen zu ertheilen, sich den Pantoffel küssen zu lassen, Messen zu lesen, Rosenkränze zu weihen, und Ablaßbreven auszufertigen. Seine Absicht ging viel weiter. Er wollte den Lauf der für ihn so schmerzlichen Reformation hemmen. Daß dieses eine beynahe unmögliche Sache sey, hatte ihn Joseph II., ehe er noch von Rom abging, schon vernehmlich genug zu verstehen gegeben. Er hätte wohl gethan, wenn er einen so bedeutenden Wink beherzigt hätte. Es war leicht vorauszusehen, daß er, anstatt etwas für sich zu gewinnen, durch seine persönliche Stellung am Kaiserhofe nur den Triumph der Reformation verherrlichen würde.

Joseph II. hätte ein Schwachkopf, oder ein blos nach flüchtigen Launen handelnder Monarch seyn müssen, wenn er sich in seinen Grundsätzen gegen Pius VI. der sich ihm in so vielen Blößen zeigte, nicht hätte behaupten können. Dieser mußte, er mochte von einer Seite angreifen, von welcher er immer wollte, stets weichen, weil sein Gegner zumahl in Deutschland, immer auf den Beyfall aller verständigen Menschen zählen konnte. Toleranz war ein Segen für die Welt, und Joseph gewann dieser einzigen Wohlthat wegen Millionen von dankbaren Bewunderern. Wie hätte also Pius sammt allen Mönchen, die ihm anhingen, zumahl zu einer Zeit, wo sich das menschliche Geschlecht auf verschiedene Weise, theils durch Zufall, und theils durch Begünstigung seiner eigenen Beherrscher allmählich aus dem Zustande von Sklaverey, worinn es Jahrhunderte seufzte, empor zu heben anfing, den so natürlichen und durch die öffentliche Meinung begünstigten Lauf der mit so allgemeinem Beyfall angefangenen Reformation hemmen können?

Der Papst hatte unter solchen Umständen eine ungemein schwere Rolle zu spielen. Er sah sich am kaiserlichen Hofe gleichsam in eine neue Welt versetzt. Man begegnete ihm mit einer Achtung und einer Aufmerksamkeit, auf die er sich nicht versehen hatte. Aber er fand zugleich hohen deutschen Sinn, Offenherzigkeit und festen Character. Wie mußte es nicht dem Italiener und dem Papste ans Herz greifen, als Joseph II. seinem Gaste das erstemahl den großen Fürsten Kaunitz darstellte, und Pius VI. diesem noch einen besondern Beweis seiner Herablassung gegen ihn dadurch geben wollte, daß er ihm seinen Fischerring zum Küssen darstreckte, Kaunitz aber, anstatt sich so weit zu erniedrigen, die päpstliche Hand ergriff, und sie nach deutscher Art drückte! Eine solche Überraschung konnte allerdings den Papst in Verwirrung bringen.

Aber ungleich größer war die Verlegenheit, in der sich Pius befand, so oft er mit Joseph von dem Gegenstande und der Absicht seiner Reise sprechen wollte. Der Monarch, seinen Grundsätzen getreu, hatte sich gleich anfangs so bestimmt gegen den Papst geäußert, daß es dieser in den nachfolgenden Unterredungen kaum mehr wagen durfte, jenes Gegenstandes auch nur mit einem Worte zu erwähnen. Gleichwohl geschah es, daß der heilige Vater zu einer förmlichen Staatsconferenz zugezogen wurde, welche außer Sr. Majestät auch der Fürst Kaunitz, und die Cardinäle Migazzi und Herzan beywohnten. Pius wurde nach dem Hofceremoniel durch den Cardinal Migazzi in das Cabinet eingeführt. An diesen hielt er über die vorwaltenden Irrungen eine sehr hohe pathetische und rührende Anrede, und sprach sehr vieles vom Kirchenrechte. »Ich bin kein Theologe,« erwiederte Joseph, als der Papst zu reden aufgehört hatte, »und verstehe das canonische Recht zu wenig. Ew. Heiligkeit werden also verzeihen, daß ich nichts mehr mündlich abhandle, sondern mir ausbitte, daß Sie alles, was Sie mir vorzustellen für nöthig erachten, schriftlich thun lassen, damit ich sodann meine Theologen darüber befragen kann. Was übrigens die von mir gefaßten Entschlüsse über Kirchen und Klöster in meinen Staaten betrifft; so wird, wie ich glaube, der Cardinal Herzan, mein Abgesandter bey Ew. Heiligkeit, Ihnen dieselben bereits kund gemacht, und Sie überzeugt haben, daß meine Absicht dabey gut sey. Was bereits gethan ist, und noch erst geschehen soll, hat alles das Beste meiner Unterthanen zum Augenmerk, das zu befördern ich Gewissenshalber verbunden bin; und zwar um so mehr, da die neuen Einrichtungen höchst nothwendig sind, und durch keine derselben irgend einer Glaubens- oder Religionslehre zu nahe getreten worden ist. Wollen Ew. Heiligkeit eine weitläufigere Antwort, so belieben Sie nur Ihre Einwendungen schriftlich verfassen zu lassen, und dann soll mein Kanzler dieselben auch so pünctlich und ministerialisch beantworten, und ich werde sie noch zum Unterricht und zur Belehrung meiner Unterthanen drucken und publiciren lassen.« Nach dieser Antwort ertheilte Pius dem Kaiser den apostolischen Segen und entfernte sich aus der Conferenz.

Man hätte dem Papste nicht leicht einen schlimmern Streich spielen können, als von ihm zu fordern, daß er sich bloß auf schriftliche Unterhandlungen einschränken sollte. Noch konnte ihm der Inhalt jener berühmten Antwort, womit der Fürst Kaunitz den Nuntius Garampi abfertigte, in frischem Gedächtnisse seyn, und es war so leicht vorauszusehen, daß man päpstlicher Seits ungemein schlecht gegen kaiserliche Minister bestehen würde, die einmahl den kitzlichen Punct getroffen hatten, der nicht berührt werden konnte, ohne den ganzen Körper der römischen Kirche auf eine höchstschmerzhafte Weise zu erschüttern. Man mußte außerdem noch den sehr bedeutenden Zusatz des Kaisers nicht außer acht lassen, wo dieser versichert, daß die schriftlichen Verhandlungen, die gegenseitig gepflogen würden, zur Belehrung und zum Unterrichte seiner Untergebenen durch den Druck öffentlich bekannt gemacht werden sollten. Schon dieser letzte Umstand allein mußte für die römische Parthey abschreckend genug seyn, sich zu oft in schriftliche Erörterungen einzulassen, nachdem man besorgen mußte, daß bey einer solchen Denkungsart der kaiserliche Hof sich leicht jeder auf solche Weise geschehenen Äußerung gleichsam als eines Triumphes seiner Reformation bedienen könnte, wie dieses denn auch mit den gegenseitigen, zwischen Kaunitz und Garampi schon vorhin gewechselten Noten zum auffallenden Ärgernisse des römischen Hofes geschehen ist.

Zu Unterhändlern wurden von Seite des Papstes der Nuntius Garampi, von kaiserlicher Seite der Kardinal Herzan gebraucht. Beyde waren aber in ihren Grundsätzen und Forderungen so unendlich weit von einander entfernt, daß es zu keinen Resultaten kommen konnte. Nebstdem durfte auch vom kaiserlichen Minister nichts entschieden werden, ohne zuvor die Bewilligung des Monarchen zu haben. So verstrich beynahe ein Monath, ehe Pius noch wußte, woran er sey. Er konnte vielmehr mit jedem Tage auffallender gewahr werden, daß er sich am Ende mit einzelnen Gefälligkeiten, aus blosser Rücksicht gegen seine Person, würde begnügen müssen.

Bey so bewandten Umständen mußte es für Se. Heiligkeit noch eine Art Begünstigung seyn, daß es einigen ungarischen Bischöfen gestattet wurde, sich wegen verschiedener Puncte, worüber sie aus allzuzärtlichem Gewissen durch mehrere kaiserliche Verfügungen beunruhigt waren, unmittelbar selbst mit dem Papste zu besprechen. Diese Bischöfe waren der Primas von Ungarn, Cardinal und Erzbischof von Gran, Joseph Graf von Bathiany, der Erzbischof von Colocza, Adam Padachich von Zajesda, der Bischof von Raab, Franz Zichy, der Bischof von Erlau, Carl Graf von Esterhazy, der Bischof von Agram, Joseph Gallyuff, der Bischof von Bosnien, Mathäus Franz Kertiza, der Bischof von Zips, Carl von Salbeck, der Bischof von Nitre, Johann Rusztinz, der Bischof von Kreutz, Blasius Bosicsovich und der Bischof von Rosenau, Anton von Revay. Was in der Abschiedsaudienz, die diese Bischöfe am 20. April bey Sr. Heiligkeit hatten, verhandelt worden, hatte der Hof, fast sollte man glauben, in der Absicht die unbischöfliche Denkungsart dieser Hirten und die unapostolischen Grundsätze des Papstes zur Schau zu stellen, öffentlich durch den Druck bekannt gemacht.

Am 22. April hatten die nähmlichen Bischöfe eine zweyte Conferenz, welcher auch noch der Bischof von Fünfkirchen, und ein ungarischer Abt beywohnten. Es kam in derselben zur Frage: Ob die anwesenden Bischöfe, ohne weitern Recurs nach Rom zu nehmen, von den ihnen in der vorigen Zusammenkunft ertheilten Facultäten sogleich Gebrauch machen dürften? Auf diese Frage antwortete Se. Eminenz, der Cardinal Primas: Se. Heiligkeit habe sich in einer Tags zuvor gehaltenen Unterredung dahin geäußert, daß sie, sobald sie wissen könnten, daß Se. Heiligkeit wieder in Rom angelangt seyn würden, sich wegen solcher Facultäten schriftlich melden, inzwischen aber im Nothfalle von denselben einstweiligen Gebrauch machen sollen. Auf die weitere Anfrage: Ob erwähnte Facultäten auch den abwesenden Bischöfen zu statten kämen? hieß es, daß sich diese erst um die Bewilligung nach Rom wenden müßten.

Ob nun gleich der Bescheid, den der Papst auf die Anfragen der ungarischen Bischöfe ertheilte, nicht ganz mit der Denkungsart des Kaisers übereinstimmte; so schien doch dieser sehr wohl damit zufrieden zu seyn. Denn er beschenkte den Fürsten Primas mit einem kostbaren Schmuck und begleitete dieses Geschenke mit folgendem schmeichelhaften Handschreiben:

»Lieber Cardinal Bathiany! Mir ist bekannt, daß Sie nur durch die Überzeugung des Guten, und Ihre Amtspflicht gegen Gott und den Staat, zu derjenigen Verabredung bewogen worden, welche Sie zu meiner vollkommenen Zufriedenheit bey der Gegenwart des Papstes hier mit den Ihnen untergebenen und anwesenden Bischöfen getroffen haben. Das Bewußtseyn, recht und nutzbar gehandelt zu haben, würde Ihnen zwar genug seyn; mir aber ist daran gelegen, daß Jedermann aus diesem Merkmahle, welches ich Ihnen hier überschicke, meine für Sie hegende Denkungsart öffentlich ersehe. Sie werden dem hauptsächlich mitwirkenden Erzbischof von Colozka dieses Ordenskreuz, das unter seiner Adresse hier beyliegt, in meinem Nahmen, sammt der Versicherung meiner vollkommenen Zufriedenheit, daß er Ihnen so treulich an die Hand gegangen ist, übergeben; zugleich auch dem Bischofe von Erlau, den Sie mir besonders angerühmt haben, in meinem Nahmen bedeuten, daß ich ihm das Großkreuz vom heil. Stephans-Orden verleihen wolle, und daß ich von ihm so, wie von allen übrigen Bischöfen, denen Sie ebenfalls mein Wohlgefallen werden bekannt machen, die wohlangemessene eifrige Mitwirkung in allen denjenigen Aufträgen und Veranlassungen erwarte, die zum Besten der Religion, zur Bildung der Ihnen untergeordneten Priesterschaft, und daraus entstehenden wahren Belehrung und Anleitung des Volkes zu guten Christen und Mitbürgern, allein führen, welches mein einziges und vorzüglichstes Augenmerk ist &c.«

Joseph hatte aber auch Ursache, mit seinen ungarischen Bischöfen zufrieden zu seyn. Bekanntlich waren diese, nebst dem Cardinale Migazzi, die heftigsten Gegner der Reformation. Ihrer Vorstellungen an den Monarchen, worinn sie sich als Feinde aller Aufklärung und aller Duldung zeigten, ist schon an ihrem Orte erwähnt worden. Sie hätten, da sie zugleich als Magnaten und Reichsstände auf die ungarische Nation einen bedeutenden Einfluß behaupteten, dem Kaiser in mehr als einer Rücksicht gefährlich werden können. Sie mußten geschont werden; und vielleicht dieser Betrachtung ist es zuzuschreiben, daß es ihnen Joseph vorzugsweise erlaubte, sich unmittelbar selbst mit Sr. Heiligkeit wegen ihrer vorgeblichen Gewissenszweifel in Unterhandlungen einzulassen. Wenn man daher ihre vorhin geäußerten Grundsätze mit der Klugheit vergleicht, mit welcher sie dem Papste diese Zweifel vortrugen, und wenn man auch andererseits auf die unverkennbare Mäßigung Rücksicht nimmt, die aus den Antworten des Papstes bey aller sonst auffallenden Empfindlichkeit hervorleuchtet; so konnte der Monarch allerdings mit der Einleitung und Ausführung eines Geschäftes zufrieden seyn, welches für ihn auf eine gewisse Art mit Besorgnissen verbunden seyn mußte.

Ehe Pius von Wien abreisete, hielt er am 19. April noch ein öffentliches Consistorium, welchem, außer dem Kaiser und dem Erzherzoge Maximilian, die Cardinäle Migazzi, Herzan, Firmian und Bathiany beywohnten. Den beyden letztern setzte der Papst bey dieser Gelegenheit die rothen Hüte auf, wofür jeder 30000 fl. bezahlte. Die lateinische Rede, die er in diesem Consistorium hielt, schloß er mit folgenden Worten: »Wir können endlich nicht mit Stillschweigen übergehen, was zu Jedermanns Wissenschaft gelangen soll. Es war Uns nähmlich höchst angenehm, Se. kaiserl. Majestät, die Wir von jeher schätzten, persönlich zu sehen, um dem Kaiser Unsere besondere Ergebenheit zu bezeugen. Wir haben Unserer Amtspflicht gemäß sehr oft mit ihm gesprochen, und häufigen Anlaß gefunden, sowohl seine ungemein große Leutseligkeit, womit er Uns in seiner kaiserlichen Wohnung mit allen Ehrenbezeugungen aufgenommen, und täglich bewirthet hat, als auch seine besondere Gottesfurcht, seine hohen Verstandeskräfte, und seine unermüdete Thätigkeit in Geschäften zu bewundern. Ein gleicher Trost für unser väterliches Herz war die Bemerkung, daß Frömmigkeit und Religion nicht nur in dieser prachtvollen Hauptstadt, sondern auch bey allen Völkern der kaiserlichen Staaten, die Wir auf Unserer Hieherreise zu sehen Gelegenheit hatten, in ihrer ganzen Reinigkeit sich erhalten haben. Aus dieser Ursache werden Wir auch niemahls aufhören, diese Frömmigkeit und Religion anzurühmen, und durch Unser beständiges Gebet zu unterstützen. Wir wollen auch den allmächtigen Gott auf das dringendste bitten, daß er, der Niemand, wer zu ihm seine Hände ausstrecket, verläßt, sie in ihrem eigenen Vorhaben bestärken, und mit dem fruchtbaren Thau seines himmlischen Segens überschütten möge.«

Die Frage: In wie weit der Papst seine Absicht erreicht habe? wurde nicht lange nach dessen Abreise aus Wien von dem Kaiser selbst durch das Edict vom 30. Mai an alle Länderstellen beantwortet.

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