Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Gräffer >

Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 46
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

42. »Joseph der II. im Controleur-Gang, oder:
Allerley Scenen aus der heutigen Regierung.

Von Ibrahim Goether. Wien 1782.«

Welch ein Titel, und wie wenig dahinter? Wie bey so vielen Duzenden Piecen der Josephinischen Periode. Bey dieser Broschüre aber ist wenigstens die Farbe der Zeit echt; und so legen wir denn unsern Lesern ein paar dieser Scenen vor, genau in derselben Schreibweise.

Erste Scene.

Handelnde.

(Ein abgesetzter Rath, eine Wittwe, Lebbauer, Soldatenweib mit 5 Kindern, Landpfarrer. &c.)

I. Handlung.

Rath (seine Bittschrift überreichend). Ich lege mich Euer Majestät unterthänigst zu Füßen.

Joseph (die Bittschrift durchlaufend). Sie waren also Rath? und sind abgesetzt. S'ist zwar für jetzt mein Wille, ich werd' aber darauf denken, meine brauchbaren Leute wieder zu sammeln. Sie dienten beim N..schen Departement?

Rath. E. M. unterthänigst aufzuwarten. Und ich hoffe, wenn Allerhöchstdieselben die Verdienste meines seligen Großvaters.

Joseph. Lassen Sie das Herr Rath; ich brauche zu Ihrer Empfehlung kein fremdes Verdienst, von Ihnen ist die Rede. Sind Sie für's erste Ihrer Muttersprache kundig?

Rath. E. M. geruhen allergnädigst zu erwägen, daß ich hier geboren und erzogen bin.

Joseph. Das ist nicht hinlänglich, sind's ihrer so viele, und ich kann die wenigsten brauchen. Finden Sie am jetzt herrschenden Styl (in den Kanzleyen mein ich) nichts zu tadeln?

Rath. Nicht das Geringste E. M. es ist ja der uralte probate Stilus Curiae.

Joseph. So, so; reden Sie fremde Sprachen?

Rath. Ja E. M, französisch, und etwas wälisch.

Joseph. Schreiben Sie selbe?

Rath. Nein E. M.

Joseph. Haben Sie studirt?

Rath. Bis an das Jus Naturae.

Joseph. Bis dahin! und man machte Ihn zum Rath? mit welcher Unverschämtheit wagt Er's noch ferner auf eine Stelle Ansprüche zu machen, bey welcher Er ohne alle Kenntnisse nur unnütz und unthätig seyn kann? wie will Er seine Stimme mit Einsicht geben? wenn er nichts von der Verfassung meiner Bürger und ihren Rechten weiß? Mein Gott! welchen Köpfen war das Wohl meiner Bürger anvertraut: ich weiß wohl, s'gibt noch mehrere seines Gleichen; aber –

Rath. Ich bitte unterthänigst E. M.

Joseph. Aus besonderer Gnade, weil ich's andrer Thorheit, und Gewissenlosigkeit mehr noch zuschreiben muß, als seiner eigenen, daß er die Stelle eines Raths so lange beschimpft hat, mach ich Ihn zum Kanzlisten. Befleiß Er sich ja einer leserlichen Hand, und lern er die Sprachen, die Er zu reden weiß, correct schreiben, sonst ist er auch als das unnütz.

(wendet sich zum Lebbauer).

II. Handlung.

Joseph (nachdem er gelesen). Ist das wahr?

Lebbauer. Ja E. M. wahr und wahrhaftig. Der Spitzbube mit Ehren zu sagen, hat mir mit eitlem Versprechen mein letztes Stück Geld herausgelockt, daß ich jetzt mit Weib und Kindern am Bettelstab bin. Ich dachts gleich unterm Kaiser Joseph laßt sich nichts schmieren; da sagt er aber immer, das geht'n Kaiser nichts an, wir nehmen auf die Maut, wem wir wollen, und da gings immer an ein Geben, bis ich nichts mehr hatte, und'n Dienst forderte, oder mein Blutgeld, ja! ausgelacht wurde ich obendrein, und das that mir weh, und da wurd ich toll, und dachte, wart, dacht ich, dir will ich'n Herrn finden, und –

Joseph. Ich weiß genug mein Alter! kann er ferm rechnen und gut schreiben.

Lebbauer. Ja E. M., das kann ich fix und findig, bins auch gleich erbötig –

Joseph. Nun wohl, ich will's glauben, warte! (aus der Kanzley kommend) geh' mit dem Zettel zum Einnehmer, du bist an seinem Platz.

Lebbauer. Ach E. M. soll ich ihm sein Brot entreißen!

Joseph. Sorge nicht ehrlicher Mann, ich werd's ihm anderswo anweisen, jedem, wo er's verdient! erfülle nur deine Pflicht, und erinnere dich öfter deines Vorfahrers.

(Joseph geht weiter).

Lebbauer. Ach E. M. wie soll ich danken! was soll ich sagen? Mein krankes Weib, meine hungrigen Kinder, das wird eine Freude seyn! das wird eine Freude seyn.

(Joseph kömmt an die Wittwe.)

III. Handlung.

Joseph. (Die Außenseite besehend.) Ja Madam! mir ist leid, Sie wissen, der Kammerbeutel ist aufgehoben.

Wittwe. E. M. nur diese 1000 Thaler allergnädigster Zulage machten mir den Verlust meines Mannes, und die geringe Pension einigermaßen erträglich, ich mußte zwar Equipage, einen Bedienten und die größten Häuser aufgeben, lebte aber doch in der Stille, sicher vor jenem Mangel, der mich jetzt so schmerzlich trifft. Nun bleibt mir nichts übrig, als die platten 500 Gulden, erwägen E. M. selbst allergnädigst, ob ich, und eine groß gewachsene Tochter davon leben können. E. M. strenge Gerechtigkeit wird meine dringendste Fürsprecherinn seyn.

Joseph. Allerdings Madam! allerdings! Sie ist die Richtschnur aller meiner Verordnungen, so wie sie Schuld ist, daß sie jene 1000 Thlr. verloren, und so lang ich lebe, gewiß nicht mehr erhalten werden.

Wittwe. Ich bin äußerst betroffen. E. M. die Verdienste meines Mannes, mein Stand.

Joseph. Die Verdienste ihres Mannes waren belohnt im Leben, und werfen ihnen noch jährlich Zinsen ab. Und ihr Stand? ich muß auf alle Stände sehen, meine Liebe, und bin nicht nur Kaiser Wiens, und habe nicht nur Unterthanen ihrer Classe. Soll der Niedere Hungers sterben, daß der Höhere im Überfluß leben könne? Ich gebe zu, daß ihr Verlust sein Widriges hat, daß er ihre Bequemlichkeit einschränkt, von ihren eingegangenen aber werden sich 7 andere begnügen, und auf das muß ich sehen, also mir ist leid, aber ich vergebe der Billigkeit keinen Punct.

Wittwe (weinend.) Aber E. M. was soll aus meiner Tochter werden, ohne Vermögen?

Joseph. Sie hat den Mangel nur ihrer übeln Wirthschaft zu danken, das Amt ihres Mannes forderte keinen Aufwand, und sein Gehalt war ansehnlich. Sie hätten immer vorwärts blicken, und ihrem einzigen Kind was zurücklegen können, wenn sie's nicht gethan haben, so ist die Schuld nur ihre.

Wittwe. Und so ganz ohne Trost soll ich E. M. verlassen?

Joseph. Ich weiß Ihnen nur einen Rath, wenn Sie meynen, 500 fl. wären unzulänglich für Sie Beide, lassen Sie Ihre Tochter dienen.

Wittwe. Dienen?

Joseph. Und warum nicht, ich diene als Kaiser Ihnen, und so vielen in rastloser Thätigkeit; doch halten Sie's, wie Sie wollen, ich kann nicht helfen, wie ich gesagt habe, wie ich gesagt habe.

(Joseph kommt ans Soldatenweib.)

IV. Handlung.

Joseph. Hat sie eine Bittschrift?

Soldatenweib. Hier E. M. ist meine Bittschrift (auf die Kinder weisend). Mein Mann diente unterm N***schen Regiemente 22 Jahre, blieb im letzten Feldzug, und hat mir nichts hinterlassen, als den Haufen Kinder ohne Vater.

Joseph. So will ich ihr Vater seyn. (betrachtet die Kinder.) Lauter Buben! nun wollt ihr auch Soldaten werden? (der Älteste stellt sich mit gestrecktem Leibe, die zwey jüngern rufen) Ja! Ja!

Joseph. Nun gut, melde sie sich Morgen hierinne (auf die Kanzley) ich werd Befehl geben, auf die vier Größern, den Kleinern bringt sie über's Jahr.

Soldatenweib. (den Joseph nachrufend.) Gott lohn's E. M. tausendmahl vergelt er's. Ha – nun Buben seyd ihr versorgt, aber das sag' ich euch, werdet brave Kerls, und bethet für den guten Kaiser.

(Joseph weiter.)

V. Handlung.

Joseph. Wer sind Sie?

Pfarrer. Ich komme auf E. M. allerhöchsten Befehl, und bin Pfarrer in N*n.

Joseph (ihn freundlich auf die Schulter schlagend) Sie sind ein rechtschaffener Mann, schreiben Sie's meiner Unwissenheit zu, daß Sie so lange im Mangel lebten. Ich habe mit warmer Herzensfreude in ihrem Bezirke die gute Unterweisung in der Religion bemerkt, und daß Sie durch ihren elenden Gehalt in ihren Pflichten nicht lauer wurden, schätz ich Sie noch eins so hoch, Sie sollen künftig statt 50 jährlich 500 fl. haben, dafür fällt, was Sie an Grundstück, und unbeweglichen Gütern haben, dem Flecken heim, der Prediger der Nächstenliebe muß nicht gezwungen seyn, seine Worte durch Eintreibung der Abgaben zu widerlegen, auch zerstreut die Sorge einer Wirthschaft, und raubt jene Zeit, die dem Unterricht der Pflegeempfohlenen gewidmet seyn soll, nicht wahr?

Pfarrer. Dies E. M. habe ich längst mit inniger Trauer bemerkt, und da bis in meinem einsamen Flecken E. M. Leutseligkeit bekannt wurde, und da Allerhöchstdieselbe jeden anhören, der nach Maß seines empfangenen Pfundes nützlich werden will, hab ich mir von den Pfründen in E. M. Erblanden Kenntniß gesammelt, und einen kleinen Entwurf zu ihrer Ausgleichung zu Papier gebracht, den ich E. M. hier unterthänigst überreiche.

 << Kapitel 45  Kapitel 47 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.