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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 44
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
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3. Freymaurer Auto da fé Kratters.

Die lustige Geschichte, welche sich mit mir den zehnten März im Freymaurerkasino ereignete, ist ein mit besonderer Förmlichkeit über mich gehaltenes Auto da fé, so ziemlich nach dem Geschmack der spanischen Inquisitiongerichte. Sie wurde bereits durch die dabey anwesenden Freymaurer, welche mit viel brüderlicher Dienstfertigkeit Nachbarn und Nachbarinnen, Damen- und Männergesellschaften, volle Bier- und Weinschenken damit zu amusiren suchten, unter der zweydeutigsten Ruchbarkeit eines tausendfach verunstalteten Mährchens, zum Gespräch der ganzen Stadt. Ich bin als Mensch, als Bürger, als Verehrer, und Anhänger der ächten Freymaurerey schuldig, dem Publikum den ganzen Hergang der Sache mit gehöriger Umständlichkeit vorzulegen, weil ich keinen andern, und gewissern Weg kenne, meine angegriffene Ehre zu retten, als diesen!

Der hochwürdige Bruder B**n, Meister vom Stuhl, der s. e. neuen Loge zur Wahrheit, schrieb den 2. September 1785 an den Präsidenten der churfürstlichen Akademie der Wissenschaften in München, und begehrte von ihm, seinen Nahmen aus dem Verzeichnisse der Mitglieder dieser Akademie wegzustreichenDiesem Beyspiele wollte A*x*nger rühmlichst nachfolgen, und sich, als P. Hald zum Dekan der philosophischen Fakultät ernannt wurde, aus der Liste der Doctoren der Weltweisheit ausstreichen lassen. Ob er's wirklich gethan, weis ich nicht! Da aber in einem Verlauf von zwey Monaten keine Antwort erfolgen wollte, so wandte er sich dessentwillen an den Kanzler des herzoglich-bayrischen Hofraths Freyherrn von Kreitmayer.

Will man voraussetzen, daß sich's Br. B**n zur besondern Ehre rechnen mußte, einst in dieser Akademie als Ehrenmitglied aufgenommen worden zu seyn, so konnte man, wenn er auch durch die traurigen Maurerangelegenheiten in Bayern veranlaßt werden wollte, dieser Ehre zu entsagen, von ihm wenigst keine andern, als freundliche, im Tone einer höflichen, bescheidenen Mässigung verfaßte, der empfangenen Ehrenbezeugung vollkommen entsprechende, besonders aber durch keine beleidigenden Anspielungen auf Ämter, Verordnungen und Verfassungen des Churfürstenthumes die fremden Staaten schuldige Achtung und Ehrfurcht verletzende Briefe erwarten.

Ich war nicht wenig betroffen, als ich diese im Journal für Freymaurer abgedruckte, und zugleich in mehreren Zeitungen bekannt gemachten Briefe las, und sie meiner Erwartung ganz entgegengesetzt fand.

Als ein erzogener Bayer, als Verehrer des Churfürsten, als ein besonderer Theilnehmer an dem kläglichen Schicksale der Akademie, durch das Urtheil so vieler würdiger und angesehener Männer in meiner Meinung bestätigt, glaubte ich berechtigt zu seyn, den Eindruck, den diese Briefe, etwa auf den schwächern Theil des Publicums machen dürften, durch Anmerkungen, und Beleuchtungen entweder zu schwächen, oder ganz zu unterdrücken.

Wenn ich dem Br. B**n Bitterkeiten gesagt habe, so mag er mir's verzeihen, daß ich kühn genug war, mir hier in der Stimmung meines Tones durchgehends den Seinigen zum Muster genommen zu haben.

Indessen wäre es hier zur Unzeit, die Erscheinung einer Schrift vertheidigen zu wollen, die noch nicht erschienen ist, so sehr ich auch ihrer Erscheinung mit banger, unruhiger Erwartung entgegen sehe.

Ich weis nicht, was für ein unseliges Mißgeschick mich an den Biedermann Hartl adreßiren mußte. Ich schickte ihm mein Manuscript durch die kleine Post, und forderte, weil es doch gewöhnlich ist, etwas für seine Arbeit zu fordern, das mäßigste Honorarium von der Welt; indem mir nicht so sehr am Gelde, als an der Erscheinung des Manuscriptes gelegen war.

Ich setzte einem beygelegten Briefe folgende Bedingnisse:

Wenn Hartl das Manuscript zu verlegen Schwierigkeiten finden sollte, selbes ohne Verzug den andern Tag unter der Adreße: An Ignaz Berger, auf der kleinen Post abzugeben.

Sollte Hartl das Manuscript verlegen, mir selbes sammt meinem Briefe nach vollendetem Drucke, unter der nämlichen Adresse zurückschicken.

Und weil ich zugleich hinzufügte, daß ich durch mein Manuscript nicht gerne Muthmassungen gegen mich, oder einen andern veranlassen möchte, so verstand sich's von selbst, selbes in keine fremden Hände geben zu dürfen.

Ein Manuscript, das noch nicht gedruckt ist, das man einem Manne anvertraut, den man für ehrlich hält, das man ihm nur unter gewissen Bedingnissen überlassen will, ist ein Geheimniß, ein unverletzbares Heiligthum, so gut, als ein verschlossener Brief. Und wer ein solches Manuscript mißbraucht, hat nicht weniger einen Schurkenstreich begangen, als wenn er selbes dem Verfasser räuberischer Weise aus dem gewaltsam erbrochenen Pulte gestohlen hätte.

Und was that Hartl?

Er lief geraden Wegs mit meinem Manuscripte zu Br. B**n, und beging damit einen schändlichen Verrath.

Eine Schrift, die gerade gegen Br. B**n gerichtet war, die dem Geiste seiner Philosophie wenig Ehre machen mußte, auffangen, sie etwa gar unterdrücken, und was nicht weniger wichtig seyn mußte, vielleicht zugleich den verwünschten Verfasser der Briefe über die neueste Maurerrevolution in Wien, nach so vielem mühsamen, fruchtlosen Nachforschen entdecken zu können, das war für ihn auf einmahl zu schön, zu willkommen, zu überraschend, als daß er erst bedenken sollte, ob man das, was man thun wollte, mit Billigkeit, mit Recht mit Ehre thun konnte, ob man dadurch nicht widerrechtliche Eingriffe in das Eigenthum des Verfassers mache, ob man sich nicht durch Auffangung eines zum Drucke bestimmten Manuscripts an den Gerechtsamen einer löblichen k. k. Censur versündige.

Br. B**n also hielt das Manuscript zurück, schickte das verlangte Honorarium durch Hartl auf die kleine Post, und ließ zugleich seinen Lakey, der nun bey ihm bis zum Stufenmäkler avancirte, bey selbiger spioniren, wer das Geld abhohlen würde? – Der es abhohlte, war ich selbst.

Man wende mir nicht ein, Hartl sey durch Bezahlung des Preises Eigenthümer des Manuscripts geworden; denn Er hat es nicht gekauft, sondern Br. B**n, wie er in der Folge selbst gestand.

Aber wenn auch Hartl selbiges gekauft hätte, so würde er durch bloße Bezahlung doch nicht Eigenthümer geworden seyn, weil erst die damit verflochtenen, ausdrücklichen, wesentlichen Bedingnisse, die hier unerfüllt blieben, die Giltigkeit des Contractes bestimmen.

Und wenn auch Hartl Eigenthümer des Manuscriptes geworden wäre, so hätte ihn kein verzehnfachter Preis berechtigen können, dasselbe zum Nachtheil des Verfassers zu gebrauchen, sonst dürfte mit einem gleichen Rechte der Giftmischer, weil er durch förmlichen Kauf Herr des Giftes geworden, den Verkäufer vergiften.

Aber, wie gesagt, Hartl war nicht Eigenthümer, und Br. B**n konnte es nie werden. Denn ich both das Manuscript einem Verleger an. Es durfte vermöge der Bedingung unter keine fremden Hände gegeben werden. Es war zum Drucke bestimmt. Zu einem andern Endzweck würde dem Verfasser nie eingefallen seyn, es feil zu biethen. Die Absicht des Käufers war der Absicht des Verkäufers entgegen. Aus entgegengesetzten Absichten kann kein Einverständniß, also auch kein Kauf, kein Contract entstehen. Ich muß also hier öffentlich mein Manuscript zurückfordern. Denn weil man das Geld, ohne eine Ausnahme zu machen, auf die kleine Post schickte, so war das ein stillschweigendes Bekenntniß, die vorgelegten Bedingungen pünctlich erfüllen zu wollen! –

Noch den nämlichen Tag schickte Br. B** um mich. Er muß mich für furchtsam gehalten haben, denn er bediente sich eines lügenhaften Vorwandes, mich um so sicherer in's Haus zu locken.Ich will hier den Mann nicht nennen, der weil er meine Wohnung nicht wußte, zu einem gewissen Buchhändler ging, um mich zu Br. B**n zu bestellen; indem er vorgab, selbiger habe mir etwas zur Ausarbeitung zu übergeben. Ich schätze seine Eigenschaften, und Kenntnisse, und ersuche ihn brüderlich, sich nie wieder zu einem Geschäft von so niedriger, unanständiger Art gebrauchen zu lassen.

Ich erschien. Ein Freund und Knappe des Br. B**n kam, als man mich gemeldet, aus dessen Studierzimmer mit freundlichem Lächeln auf mich zu, drückte mir mit heftiger Empfindsamkeit die Hand, entschuldigte den Br. B**n, daß er mich heute nicht sprechen könne, und bath mich in seinem Nahmen, nächsten Freytag im Freymaurercasino sein Gast zu seyn. Ich ließ dem Br. B**n mein Compliment sagen, und nahm die höfliche Einladung mit gleicher Höflichkeit an.

Den andern Tag Abends traf mich besagter Freund und Knappe des Br. B**n im Casino an. Er eilte, so bald er mich erblickte, mit einer wichtigen, geheimnißvollen Miene auf mich zu, drückte mich bey der Hand, und sagte, Br. B**n habe vernommen, ich glaube, er halte mich für den Verfasser der Briefe über die neueste Maurerrevolution. Er lasse mich aber versichern, daß es dem nicht so sey. Ich erwiederte ihm, daß mir dies die angenehmste Nachricht von der Welt wäre: indem mich das nicht nur einmal unruhig gemacht habe, für den Verfasser dieser Briefe gehalten zu werden.Aber den Mann, um nichts von Wesentlichkeiten zu übergehen, muß ich hier nennen, der mir so freundlich lächelte, so brüderlich die Hände drückte, mich mit so viel Höflichkeit zum Gastmahl einlud, mir mit so viel Zuversichtlichkeit die Versicherung von Br. B**n brachte, und dieser Mann ist Weber, Ceremonienmeister der s. e. neuen Loge zur wahren Eintracht. Ich kann ihm in keinem Falle zu nahe treten. Denn entweder war er von der Sache unterrichtet, oder nicht. War er's, so schäm' er sich in seine Seele hinein, sich zu einem so schändlichen Lügenwerkzeug gebrauchen zu lassen. War er's nicht, so danke ich ihm hier öffentlich für seine Höflichkeit. Im übrigen aber mag ers mit Br. B**n aufnehmen, daß er so wenig Achtung, und Rücksicht für einen Mann, einen Freymaurer, einen Beamten der k. k. Staatskanzley hat, ihn zu einem so schändlichen Lügenwerkzeug gebrauchen zu wollen.

War mir die höfliche Einladung zuvor gleichgültig, so mußte sie mir jetzt auf die vielbedeutende Versicherung des Br. B**n verdächtig werden.

Der Freytag erschien. Die Hälfte der geladenen Gäste war schon versammelt, als ich kam. Eine Tafel für etliche dreyßig Personen stand in Bereitschaft. Einige, die sonst sehr freundlich mit mir sprachen, begegneten mir jetzt mit Zurückhaltung, mit Gleichgültigkeit, mit KälteEiner von denen soll einem andern Bruder, als er ihn den vorigen Tag zu diesem Gastmahl einlud, gesagt haben: Kommen Sie fein gewiß, wir haben eine Hetze!.

Endlich kam auch Br. B**n, und mit ihm andere Männer von großem, sowohl maurerischen, als politischem Character. Ich machte dem Br. B**n meine Verneigung. Es kostete ihn Zwang, mir zu danken. Der Abstand des gegenwärtigen Empfanges von der ungemein höflichen Einladung war mir jetzt so unerklärbar nicht.

Man setzte sich zur Tafel. Der Stufenmäkler, der sich gegen mich zum Spion brauchen ließ, nahm mit Vorsatz an meiner Seite Platz.

Verstellungskunst ist wahrlich die Sache dieser Herren nicht, so sehr sie's auch in ihrer jetzigen kritischen Lage seyn sollte. Der Landesgroßmeister sah mich während der Tafel oft zu langen Minuten mit einem ununterbrochenen, wilden, Vorwürfe, Wuth und Rache sprühenden Blicke an. Mein ruhiger, kalter, unzerstörter Blick, womit ich ihm antwortete, hätte ihm sagen sollen: Ihr seyd die Männer nicht, vor denen ich zittern könnte!

Nach geendigter Tafel machte Br. B**n, als Meister vom Stuhl, einen Schlag. Sch! Sch! zischte es auf allen Seiten. Eine Stille von der furchtbarsten Feyerlichkeit war in einem Augenblicke hergestellt.

Man wollte nun, wie man sogleich sehen wird, jene bekannte Scene aus Clavigo produciren; aber zum Unglücke hatte man an mir keinen Clavigo, wie man ihn gerne haben möchte, und die Herren Beaumarchais spielten ihre Rollen bis zur tiradenmäßigsten Erbärmlichkeit.

Meine Brüder, fing Br. B**n an, wir sind von jeher gewohnt, unsere Maurermahle mit philosophischen Berathschlagungen zu schließen. Das wenigste, was ich hier erwartete, war eine Rede philosophischen Inhalts. Aber Br. B**n machte sogleich eine ziemlich unrednerische Transgreßion auf seine zwey Briefe, die er nach München geschrieben, um aus der Liste der Academiker ausgestrichen zu werden, zog mein aufgefangenes Manuscripts aus der Tasche, und las mit besonderer Auswahl einige Bruchstücke aus meinen zur Erläuterung seiner Briefe hinzugefügten Noten.

Br. B**n hätte hier mit mehr maurerischer Aufrichtigkeit zu Werke gehen, und seine Briefe, und meine Noten ganz im gehörigen Zusammenhange lesen sollen. Aber von seinen Briefen las er kein Wort. Sie waren hier der Text. Noten ohne Text haben meistens einen schiefen, verkehrten, den zweydeutigsten Auslegungen unterworfenen, selten mit der Absicht des Verfassers übereinstimmenden Verstand. Zudem ließ Br. B**n ganz wichtige Stellen aus, die auch ohne Text einen ziemlich lauten, bestimmten Verstand gehabt hätten, und die hier vorzüglich verdienten gelesen zu werden.

Ich saß ruhig und unbetroffen, so wenig gewiß ich auch seyn könnte, in was für einer Gesellschaft ich mich befinde.

Der Landesgroßmeister brach während der Vorlesung etlichemahl in eine Art von Wuth, und von dieser in die niedrigsten, ihn in dieser Lage tief zur Classe gemeiner Leute herabwürdigenden Beschimpfungen aus, drohte mit Prügeln, und warf mit, Gott weiß! was für Gewaltthätigkeiten um sich.

Das alles mußte mich angehen. Meine Verfassung war die nähmliche. Ich faßte ihn mit seinem ganzen Gebärdenspiele ins Gesicht, und es war ganz gewiß von allen seinen gegenwärtigen Freunden und Günstlingen Keiner, der ihn so herzlich bedauerte, als ich, sein vermeinter Feind ihn in diesem Augenblicke bedauern mußte.

Bruder B**n versicherte nun, daß ihm kein Zweifel übrig bleibe, im Verfasser des aufgefangenen Manuscriptes auch den Verfasser der Briefe über die neueste Maurerrevolution zu entdecken, und legte der Gesellschaft zwey Puncte zur philosophischen Berathschlagung vor, nämlich:

Den Verfasser ausfindig machen, und dann

zu beschließen, was man mit dem ausfindig gemachten Verfasser anfangen wolle.

Er sammelte die Stimmen für die Entscheidung des ersten Punctes. Da und dort war man so witzig, sehr saubere Sächelchen in Vorschlag zu bringen. Es kam sogar die Polizey mit aufs Tapet. Endlich traf auch mich die Reihe.

Man hoffte wenigstens, mich dadurch in einen besonders kritischen Augenblick zu versetzen. Meine Antwort war: Hochwürdiger Großmeister! Ich dank' Ihnen für Ihre Einladung. Da ich aber von Ihrer Verbindung nicht bin, so kann ich hier keine Stimme haben.

Ganz gewiß das Natürlichste, was ich hier sagen konnte, aber zugleich auch lange nicht das, was man von mir erwartete.

Was indessen vor sich ging, war nichts mehr und nicht weniger, als eine Figura suspensionis.

Meine Brüder, fuhr Br. B**n mit einer Miene der ersten Staatswichtigkeit fort, wir haben auch den Verfasser schon entdeckt. Pause! Er ist sogar unter uns. Pause! Er hat mit dem Meister in die Schüssel getauchtDieser Mann wird doch seine Eigenmächtigkeiten nicht so weit treiben, sich zu meinem Meister aufwerfen zu wollen!. Pause! und dieser ist (mit dem Finger auf mich deutend) Bruder Kratter!

Wer um die Comödie wußte, stellte sich in diesem Augenblicke betroffen, und wer nichts wußte, war es wirklich. Nur ich blieb in der nämlichen glücklichen Verfassung, sah mit einem ruhigen Blicke wechselweise auf den Landesgroßmeister, und Br. B**n, veränderte nicht einmahl die Farbe im Gesichte, und hatte in einem Augenblicke Gegenwart des Geistes genug, einzusehen, daß mir hier läugnen unendlich zuträglicher seyn mußte, als gestehen. Denn ich erinnerte mich, daß kurz zuvor sehr ernsthaft von fünfzig Prügeln gesprochen wurde. Der Landesgroßmeister schimpfte jetzt mit ungleich größerer Ereiferung auf mich los. Man hatte mich meuchelmörderischer Weise in diese Gesellschaft gelockt. Sechs handfeste dienende Brüder standen nicht weit hinter mir. Ich wußte nicht, war ein Einziger unter dieser Gesellschaft, der ein solches Verfahren mißbilligte. Wer garantirte mir, daß nicht am Ende die philosophischen Berathschlagungen der Herren Brüder mir auf dem Rücken herum tanzen würden?

Ich läugnete also, und wer verdenkt mir's daß ich da noch läugnete, als man mich mit meinem wackern Nachbar constituirte. Einen Schritt außer der Thüre würde ich ohne Anstand bekannt haben.

Ich warf im Angesichte der ganzen Versammlung dem Br. B**n vor, daß er auch unter der Versicherung, er halte mich nicht für den Verfasser der Briefe über die neueste Maurerrevolution, habe einladen lassen. Ja, sagte der edle Maurer, das that ich nur, um Sie um so sicherer hieher zu kriegen.

Der Landesgroßmeister drohte mir nun sogar, mich um meine Bedienstung zu bringen. Freilich nur eine eitle, aber immer eines Maurers höchst unwürdige Drohung! Am Ende wurde er im Eifer so vertraut, daß er mich mit Er betitelte. Um der Sache ein Ende zu machen, sagte ich mit Bedeutung: Ich bin kein ***Er! nahm Hut und Mantel, und empfahl mich der brüderlichen Gesellschaft. Ein lautes, für die Herren in der That sehr rühmliches Händeklatschen folgte mir nach.

Dieß ist die offenherzige, ungeheuchelte Erzählung des ganzen Herganges mit allen zur Sache gehörigen Umständen. Und nun ein paar Anwendungen davon.

Ich frage hier jeden Mann von Ehre, Gefühl und Menschlichkeit, ob dieses ein Betragen ist, das man Freymaurern, Männern von Ansehen und Character, zu den bessern Zeiten der Duldung und Aufklärung, in einem polizirten Staate zutrauen sollte?

Man belog mich, lockte mich betrügerischer Weise, unter dem Scheine der friedfertigsten Gesinnungen zu einem Maurermahle, in eine vornehme, zahlreiche Gesellschaft, um mich da in die Enge zu treiben, mich mit Grobheiten, Sotisen, Beschimpfungen, Infamien zu überhäufen! – Pfui! sind das Männer, Freymaurer, Brüder?

Die menschlichen Rechte der Gastfreyheit waren von jeher dem Deutschen heilig, und unverletzbar! Erst zu unsern Zeiten mußten sie von Freymaurern auf die verabscheuungswürdigste Art geschändet werden!

Und was für Rechte hatten denn diese Herren an mich?

Vielleicht weil sie mich für den Verfasser der Briefe über die neueste Maurerrevolution halten? – Aber sind sie dessen gewiß? Und wenn sie's auch wären? – Diese Briefe sind auf allerhöchste Bewilligung erschienen. Enthalten sie Wahrheit, was können da die Herren anders, als schweigen, und sich schämen? Enthalten sie Lügen, warum widerlegen sie selbe nicht? Es lohnt sich doch immer der Mühe, eine so fatale, bereits im Besitze eines allgemeinen Credits stehende, der neuen Verfassung eines ganzen Ordens so nahe tretende Schrift zu widerlegen!

Oder weil ich der Verfasser der Anmerkungen zu den Briefen des Br. B**n bin? – Sie existiren noch bloß im Manuscripte. Es hing noch immer von der k. k. Censur ab, die ich nicht hinterschleichen wollte, wie mein Brief an Hartl beweist, ob sie erscheinen dürfen oder nicht.

Oder weil ich Freymaurer bin? – Aber ich bin ja nicht Mitglied ihrer Loge. Ich bin mit meinen Brüdern bey der neuen Revolution ganz vom hiesigen Maurerzusammenhange ausgetreten, und erklärte auch an meine Brüder, noch ehe wir von einander gegangen sind, daß ich die jetzige Verbindung nie für ächte Freymaurerey erkennen werde, weil man in ihr ganz von der Grundfassung einer freyen Gesellschaft abgegangen ist.

Ich stehe auch sonst mit keinem von der neuen Loge zur Wahrheit in irgend einem freundschaftlichen, oder bürgerlichen VerhältnisseEs sind Lügen, was man hier, Gott weiß! aus was für Absichten zum Nachtheile meines Characters aussprengt, nähmlich ich habe bey der Loge zur Wahrheit angesucht, als Mitglied derselben aufgenommen zu werden.

Von der Loge zu St. Joseph, deren Mitglied zu seyn ich das Vergnügen hatte, ist bis jetzt noch kein einziger Bruder zum neuen System übergetreten. Und ich erklärte mich immer, daß ich, wenn es auch an ein Übertreten gehen sollte, mich kaum entschließen werde, dabey der letzte zu seyn.

Ich wäre noch vor der Tafel zum Br. B**n gegangen, um ihm Abbitte zu thun.

Wie konnt ich das? die eigentliche Ursache des Br. B**n, die ihn verleitete, mich zur Tafel zu laden, war mir unbekannt.

Br. B**n habe mir Wohlthaten von Erheblichkeit erwiesen. Ich hätte also undankbar an ihm gehandelt.

. Wohl aber genieße ich unter dem wohlthätigen Schutze des Staates mit jedem Bürger gleiche Vorrechte, gegen Privatmißhandlungen gesichert zu seyn.

Aber man hat mich sogar an einem Orte mißhandelt, der für nichts mehr und nichts weniger, als für einen Gasthof anzusehen ist, zu dem ich mit jedem andern gleiche Beyträge machte, den ich mit Anschaffung der besten Journale von Deutschland bereicherte, um das Vergnügen der da versammelten Brüder angenehmer, ihre Unterhaltungen lehrreicher, und mannigfaltiger zu machen.

Man überhäufte mich da mit den entehrendsten Beschimpfungen! – Man trete auf, man überweise mich in meiner Moralität einer unehrlichen Handlung, eines schlechten Streiches, eines niedrigen Bubenstückes! – Meine öconomischen Umstände sind in Ordnung. Ich begegne dem mit Achtung, dem Achtung gebührt. Meine Freunde kennen, und lieben mich. Ich habe mich noch nie in nachtheilige Verbindungen eingelassen, keinen Sektirgeist in mir genährt, mich von keinem zu Pasquillen gegen würdige Männer aufhetzen lassen, keinem Despoten den Sclaven, den Speichellecker, den Achselträger gemacht. Ich habe noch kein Zutrauen mit Cabale, keine Wohlthätigkeit mit Undank, keine Freundschaft mit Verrath erwiedert!!

Ich erinnere mich, daß man mich unter andern Beschimpfungen einen Pasquillanten nannte. Wenn mein aufgefangenes Manuscript einmahl gedruckt ist, so mag das Publicum entscheiden, ob es Pasquill sey oder nicht! – Aber wenn vielleicht gar unter uns so mancher Pasquillant gesessen wäre? – Wenn der Verfasser der elenden, die edelsten Absichten, das würdigste Verdienst verhöhnenden Verseley: Die Musen in Wien auf dem Salzgries im Hanswurstischen HauseVerfasser dieses meisterhaften Productes soll A*x*ger, der zugleich den Ausschuß und die Universität mit Sächelchen ähnlichen Witzes schon becomplimentirte, seyn. Es wurde in Br. B**ns Wohnung in einer gewissen Versammlung vorgelesen, und diese Versammlung gibt uns schon dadurch sehr hohe Begriffe von sich, daß sie eine elende, auf allen Seiten nichts, als Schmähsucht, Entehrung und Unbilden zur Absicht habende Pasquillanterey gutheißen konnte.

Was ist Sonnenfels für ein Mann? und was sind diese Leute, die Ihn lächerlich machen wollten? – Wer wird in Sonnenfels auch dann noch den Mann vom vorzüglichsten Verdienste. den unvergeßlichen Reformirer des Nationalschauspieles, den muthvollen, standhaften Entgegenarbeiter aller seinen edlen Unternehmungen entgegengesetzten Hindernisse, den Freund, den Kenner und Beförderer der schönen Künste, den unermüdsamen Verbreiter der Wissenschaften und Kenntnisse in Österreich, den großen Statistiker, den angenehmen, freymüthigen Professor, den beneidenswerthen, bewunderten Schriftsteller, den Bürger und Menschenfreund verkennen, wenn auch tausend schmähsüchtige Sudler complotiren, die Ehrensäule seines Ruhmes mit Unrath zu bekleksen.

Sonnenfels wollte den Grund zu einer gelehrten Akademie legen. Verdienen so edle, auf den Staat so heilsamen Einfluß habende, vielleicht im Felde der Wissenschaften nach und nach eine neue Bahn brechende Absichten ausgehöhnt zu werden? Kann man sich eine ehrwürdigere Gesellschaft denken, als die Versammlung von Männern aus allen Fächern der Wissenschaften, die sich über wichtige Gegenstände berathschlagen, nützliche Plane entwerfen, neue Wahrheiten entdecken, sich wechselseitig durch rühmliche Nacheiferung zur Thätigkeit ermuntern?

Wozu verdiente der würdige rechtschaffene Retzer auf eine so schimpfliche Art behandelt zu werden? Seine Schriften, angenehme Früchte der wenigen Nebenstunden, die ihm seine häufigen Geschäfte gewähren, werden mit Antheil, mit Beyfall, mit Vergnügen gelesen. Das Ausland nennt ihn mit Achtung. Seine Auswahl der besten englischen Gedichte ist ein Beweis von seinen tief in das Heiligthum der Dichtkunst eingeweihten Kenntnissen. Ich habe schon mit viel rechtschaffenen Männern von ihm gesprochen, aber keiner war, der nicht seiner Gelehrsamkeit und der edlen Denkungsart seines Herzens gleiche Gerechtigkeit hätte wiederfahren lassen!

Auch der vortreffliche Professor Mayer blieb nicht unbeleidigt. Dieser Mann war der erste, der auf die philosophische Kanzel in Wien eine gesunde, von allen Schlaken geläuterte Philosophie brachte. Er ist mit dem Geiste der Ältern und Neuern gleich stark bekannt. Er läßt von Jahr zu Jahr durch unermüdsame Verwendung des Systems seines Studiums zu einer vollkommern Gemeinnützigkeit heranreifen, er weiß durch Deutlichkeit in seinen Erklärungen, durch Überzeugung in seinen Beweisen, durch einen ächt und rein deklamirenden Vortrag, und eine faßliche, angenehme, wohlstylisirte Sprache den trokensten Gegenständen Anzüglichkeit und Leben zu geben, durch eine edle Kunst die Grundsätze der Philosophie aus Verstand und Herz und Sitte gleich anwendbar zu machen, sich der Aufmerksamkeit, des Zutrauens, der Seele seiner Schüler zu versichern. Er hat die gelehrte Welt mit Schriften von besonderer Gründlichkeit bereichert. Man kennt, und verehrt ihn als einen Mann von einer einfachen Lebensart, von strenger, tadelloser Sitte.

Man muthe mir nicht zu, ich schreibe das aus niederer Absicht, aus sklavischer Speichelleckerey. Ich habe keinen von diesen würdigen Männern persönlich gekannt, nie ihren Umgang gesucht, und ich bin ihnen in keinem Falle einen andern Dank schuldig, als den überhaupt das Publicum nützlichen, durch ihre Schriften Aufklärung, und Wahrheit verbreitenden Männern schuldig ist.

Das indessen vom Inhalte des saubern Heldengedichts. Nun noch etwas von Br. Weber, das so ziemlich hieher gehören mag. Man gab sich Mühe, das Pasquill Exjesuiten zu Last zu legen. Br. Weber leistete hierin vortrefflich Dienste, posaunte die Sache an allen Orten und Ecken aus, borgte sogar von gewissen Leuten, die auf ihre Schandschriften fremde Nahmen setzen, einen glücklichen Einfall, und gab den Exjesuiten Hofstätter für den Verfasser aus. Er sicherte sogar in diesem und jenem Hause, er habe irgendwo in einem Briefe Hofstätters eigenhändiges Geständniß gelesen.

Was Weber bei dieser Gelegenheit seinem Geschmacke, seinem Freundschaftsgefühle, seinem Charakter für ein ausgezeichnetes Kompliment machte, ist nicht weniger merkwürdig. Um die Leute, die mehr, als blossen Verdacht auf A*x*ger et Comp. hatten, vom Gegentheile zu überzeugen, sagte er ihnen: glauben sies doch nicht! Ich kenne A*x*gern, er ist nicht im Stande, so was Solides und Kernhaftes zu schreiben!

Um eine Probe von der Solidität und Kernhaftigkeit dieses Produktes zu geben, will ich die ersten acht Verse hersetzen.

Singt salzgriesische Musen! denn von Pierien wurde
Euer heiliger Dienst hieher übergetragen, darum heißt ihr
Künftig statt Pierinnen Salzgrieserinnen; o singt uns
Unakademischem Pöbel die Wundergeschichte von eurer
Übersiedlung, worüber der tiefe Graben erstaunet,
Und am ferneren Hof die Fratschlerinnen, entzücket
Ob dem gelehrten Geruch, der über die Weintraube wallend
Sich verbreitete, auf von ihren Stühlen gefahren.
, der Verfasser einer gewissen ruchlosen, Staats- und Souveränitätsrechte schänderischen Possenreisserey, und dann ein gewisser Veranlasser so manchen Pasquilles, so mancher Bänkelsängerey, so manchen Gassenhauers unter uns gewesen wäreIch muthmaße nur, aber doch immer mit eben so viel Gründen, als man gegen mich muthmaßte.?

Man braucht hier nicht erst zu überlegen, ob ein solches Verfahren mit den Grundsätzen einer ächten Freymaurerey übereinstimmen könne, die ihre Söhne Bruderliebe, brüderliche Zurechtweisung, Reinheit, und Untadelhaftigkeit der Sitte, weise Mäßigung, männliches Betragen, standhafte Bekämpfung der Leidenschaften lehrt, die die würdigsten, rechtschaffensten, edelmüthigsten Männer in ihrem Mittel versammelt, um sie zur Tugend, zur hohen Weisheit, zur liebenswürdigsten Menschlichkeit, zur unbefangensten Verbreitung des Schönen, des Guten, des Trostreichen, der Wohlthätigkeit im ausgedehntesten Verstande zu ermuntern. Ich hoffe doch nicht, daß man jetzt, bey Entwerfung neuer Gesetze, eine der ächten Maurerey entgegengesetzte Moralität anzunehmen sich erlaubt haben werde!

Was ich hier gesagt habe, betrifft jene Brüder nicht, die unwissend zum Gastmahl geladen waren, mit der Denkungsart einer brüderlichen Friedfertigkeit kamen, und an denen nicht weniger, als an mir, die Rechte der Gastfreyheit verletzt wurden. Sie haben eine laute Unzufriedenheit über ein solches Verfahren geäußert. Ich gäbe, sagte einer, fünfzig baare Ducaten, so wenig reich ich auch bin, wenn ich nicht zugegen gewesen wäre. Wenn diese Leute, sagte ein anderer, in Unanständigkeiten und Sottisen gegen diesen oder jenen ausbrechen wollen, wozu brauchen sie Gäste dazu einzuladen? Was man sich nicht alles herausnimmt! sagte ein Dritter, was man sich für Eigenmächtigkeiten in Sachen erlaubt, die am Ende der ganzen Versammlung zu Last fallen können, ohne sie vorher um ihre Einwilligung befragt zu haben u. s. w. Aber auch Brüder, die geladen, und von Geschäften zu erscheinen gehindert waren, sagten ohne Scheu, daß sie dem glücklichen Ungefähr mehr, als bloßen Dank wissen, das sie mit der Ehre, Zuschauer dieses ehrbaren Maurerspektakels zu seyn, zu verschonen gewußt.

Aber so sehr auch diese Geschichte unter den verschiedensten Gestalten bekannt ist, so sehr find' ich schon darin Beruhigung, daß bereits das Publicum, auch bey den so vielen, meinem Character nachtheiligen Ausstreuungen, ein für mich nicht sehr ungünstiges Urtheil gefällt hat. Was kann ich erst erwarten, wann man den ganzen Hergang der Sache unter einem richtigern Gesichtspuncte beurtheilen kann?

Man hätte, heißt es da und dort, diesen Männern doch nie Unbesonnenheiten von solcher Art zugetraut. Das, spricht man laut, und öffentlich, hat ihnen noch gefehlt, um das neue System im Auge des Publicums lächerlich, und geringschätzig zu machen. Nun, frohlocken politische und maurerische Widersacher, haben sie durch diesen Streich alles, was man über sie geschrieben, auf ein Neues bestätiget. Wenn sie sich, sagen unzufriedene Brüder des neuen Systems, solche Dinge gegen einen Mann erlauben, der mit ihnen in keiner Verbindung steht, was werden erst am Ende wir zu erwarten haben? Wenn das, scherzt man in Gesellschaften, die philosophischen Berathschlagungen dieser Herren sind, so hat man sich wahrlich vor ihrer Philosophie in Acht zu nehmen, u. s. w.

Was ich bereits gethan, that ich wahrlich nicht aus Rache. Wären der Rettung meiner Ehre gelindere Mittel möglich gewesen, ich hätte sie ganz gewiß mit dem bereitwilligsten Herzen eingeschlagen. Ich habe nicht ohne Ursache diese Schrift länger zurückgehalten, als ich vielleicht sollte.

Ich verzeihe allen, die meine Feinde sind, und mich hassen. Bin ich einem von ihnen aus Eifer, aus Unwissenheit, aus Übereilung zu nahe getreten, so schäm' ich mich nicht, ihn vor den Augen der Welt um Verzeihung zu bitten!

Ich schätze jene aus ihrer Gesellschaft, die sich bereits durch ihre Kenntnisse und Verdienste ausgezeichnet haben, mit einer besondern Achtung, und bedaure sie, wenn sie unglücklich genug sind, in unbesonnenen Augenblicken den Ruf ihres Verdienstes der Gefahr einer unrühmlichen Verdunklung auszusetzen.

Ich hoffe, dieses Inquisitionsgericht wird das Letzte seyn, das man sich zu halten erlaubt hat, sonst müßte bald die Gesetzgebung auf eine Versammlung aufmerksam werden, die, um sich gallsüchtige Privatrache verschaffen zu können, kein Bedenken trägt, einen Bürger in sein Mittel zu locken, ihn da zu überraschen, zu entehren, zu beschimpfen, Richter in eigener Sache zu seyn, die Gesetze der öffentlichen Staatssicherheit zu verletzen, und so sich der sanften Duldung, des aus den weisesten Absichten verliehenen huldreichen Schutzes des gütigsten Monarchen unwürdig zu machen.

4. Der Orden und seine ferneren Schicksale in Österreich.

»Ein characteristisches Merkmahl jener Zeit unter Kaiser Joseph waren die Bewegungen, welche durch die sogenannten geheimen Gesellschaften in der geselligen Welt hervorgebracht wurden. Der Orden der Freymaurer trieb sein Wesen mit einer fast lächerlichen Öffentlichkeit und Ostentation. Freymaurerlieder wurden gedruckt, componirt und allgemein gesungen. Man trug Freymaurerzeichen als joujoux an den Uhren, die Damen empfingen weiße Handschuhe von Lehrlingen und Gesellen, und mehrere Modeartikel, wie die weißatlaßenen Müffe mit dem blauumsäumten Überschlage, der den Maurerschurz vorstellte, hießen à la franc-maçon. Viele Männer ließen sich aus Neugier aufnehmen, traten dann, wenn der frère terrible nicht gar zu arg mit ihnen umsprang, in den Orden, und genossen wenigstens die Freuden der Tafellogen. Andere hatten andere Absichten. Es war damahls nicht unnützlich, zu dieser Bruderschaft zu gehören, welche in allen Collegien Mitglieder hatte, und überall den Vorsteher, Präsidenten, Gouverneur in ihren Schooß zu ziehen verstanden hatte. Da half denn ein Bruder dem andern; und wie man von dem würdig geheimnißvollen Orden der Pythagoräer erzählt, ging es hier auf unwürdigere und minder geheime Weise. Die Bruderschaft unterstützte sich überall; wer nicht dazu gehörte, fand oft Hindernisse, und dies lockte Viele. Wieder Andere, die ehrlicher oder beschränkter waren, suchten mit gläubigem Sinn höhere Geheimnisse, und glaubten Aufschlüsse über geheime Wissenschaften, über den Stein der Weisen, über Umgang mit Geistern in dem Orden zu erhalten. Da gab es allerlei Arten und Abtheilungen der Maurerey – Rosenkreuzer, Templer, Schottische Maurer u. s. w., endlich sogar die Illuminaten, und es war damit in den letzten Jahren der Regierung Kaiser Josephs großer Spectakel und wohl auch großer Unfug getrieben. Indessen wäre es undankbar, nicht auch das wenige Gute, das diesem an sich trüben Quell entfloß, zu erwähnen. Wohlthätig waren die Freymaurer gewiß. In ihren Versammlungen wurden sehr oft Collecten für Arme oder Verunglückte gemacht, und Prinz Leopold von Braunschweig, der bey einer Wassernoth, als er den Bedrängten mit Lebensgefahr Hilfe brachte, selbst den Tod fand, war ein glänzendes Beyspiel, mit dem der Orden sich sehr brüstete.«

Also äußert sich Caroline Pichler über den Freymaurerorden. Werfen wir nun noch einen chronologischen Blick auf denselben bis auf unsere Tage! Untersagt war er 1764 von Maria Theresia. Unter ihrem großen Sohne ward 1785 schon eine Landesloge aller österreichischen Provinzen in Wien errichtet; Josephs Patent ist in dem ersten Bändchen enthalten. Leopold war entschiedener Gegner; die Logen wirkten aber bis 1794 fort; in der Lombardey entstanden deren allenthalben. In dem genannten Jahre trug Franz II. beym Reichstage darauf an, daß in ganz Deutschland das Maurerwesen aufhören solle; Preußen und Braunschweig aber erklärten, der deutsche Kaiser möge den Orden in seinen eigenen Staaten immerhin aufheben; die Reichsstände jedoch würden sich dießfalls keine Gesetze vorschreiben lassen. Kaiser Franz ließ indeß die Sache hingehen; die Jacobinerperiode aber machte, daß er sich zur legalen Aufhebung aller geheimen Gesellschaften in den österreichischen Staaten entschloß. Das betreffende Edict vom 23. April 1801 an die Chefs der Hofstellen lautet wie folgt: »Bey dermahl hergestelltem Frieden von Außen ist es Mein sehnlichster Wunsch, Meinen getreuen Unterthanen auch die innerliche Ruhe und Sicherheit, so viel in meinen Kräften steht zu verschaffen, und alles zu entfernen, was selbe auch nur derohalben beunruhigen könnte.«

»Da nun die Erfahrung gelehret hat, daß geheime Gesellschaften und Verbrüderungen eine der Hauptquellen waren, wodurch die verderblichsten Grundsätze verbreitet, die wahre Religion untergraben, die Moralität, wo nicht ganz verdorben, wenigstens sehr verändert, der Partheygeist durch alle mögliche Kunstgriffe auf das stärkste angefeuert, und folglich auch die häusliche Ruhe und Glückseligkeit gestöret worden ist; so hat es bey dem von Mir schon vorlängst gegebenen Befehle: keine derley geheimen Gesellschaften oder Verbrüderungen in meinen Staaten unter was immer für einer Benennung oder Vorwand zu dulden, um so mehr sein Bewenden, als auch die vielleicht in guter Absicht errichteten öfters ausarten, und folglich in jedem Staate so unschicklich als gefährlich sind.«

»Um nun das gegenseitige Vertrauen zwischen dem Landesfürsten und seinen Unterthanen, deren beyderseitiges Wohl und Beste so eng verbunden ist, so wie die innerliche Ruhe durch Meine Beamten nicht gestöhret zu sehen, sondern vielmehr das gehörige Vertrauen in selbe setzen zu können, ist es erforderlich, sie von allen derley geheimen Verbindungen frey zu wissen, welche einen auch sonst redlich denkenden Diener in strenger Ausübung seiner Amtspflichten entweder hindern, oder wenigstens in Verlegenheit setzen.«

»Ich befehle Ihnen daher, von allen unter Ihrer Leitung stehenden Beamten, von welchem Range oder Gattung sie immer seyn mögen, mit gänzlicher Übergehung des Vergangenen, einen eidlichen Revers abzufordern: daß sie dermahl mit keiner geheimen Gesellschaft oder Verbrüderung, weder in dem In- noch Auslande verflochten sind, oder, wenn sie es wären, alsogleich sich davon losmachen, noch sich fürs Künftige in dergleichen geheime Verbindungen, unter was immer für einem Vorwande, mehr einlassen werden.«

»Bey Annehmung neuer Beamten ist die obige Klausel in den abzulegenden Eid einzurücken.«

»Sie haben also streng auf diesen Befehl zu halten, Mir die von Ihnen gesammelten eidlichen Reverse zu überreichen, und mit Ihrem Berichte zu begleiten, wie nicht weniger einen derley eidlichen Revers für Ihre Person Mir unmittelbar zu überreichen.«

»Die Abforderung dieser eidlichen Reverse ist jährlich zu wiederhohlen, so wie Ich auch jedem Meiner Beamten, welcher Anstand fände, sich dieser Anordnung zu fügen, gestatten will, bey Mir mit Anführung der Beweggründe seine Dienstentlassung anzusuchen.«

5. Verschiedenes.

Franz I., Gemahl der großen Theresia, war Maurer, ohne daß sie es wußte. Einigermaßen vermuthete sie es wohl, und ging eines Tages so weit, das Haus, in welchem eben Logen-Versammlung war, nähmlich den Margarethenhof auf dem Bauernmarkt, besetzen zu lassen. Franz aber hatte seinen guten vorbereiteten Rückweg durch das tiefe Gebäude, und kam unbemerkt von dannen. Er ward 1731 als Herzog von Lothringen im Haag unter dem Vorsitz des Grafen von Chesterfield, Lehrling und Gesell, erhielt aber noch in demselben Jahre zu London den Meistergrad. Als Großherzog schützte er den Orden. Theresia verboth ihn 1764 mit Strenge; die Logenmeister Wiens hatten sich standhaft widersetzt, sie von der innern Organisation der Bruderschaft zu unterrichten. – Sehr lesenswerth ist, was die Nr. XLIII. der »Zeitgenossen« (Leipzig 1825) über die Freymaurerey in Wien, während jener Perioden in der Biographie Reinholds anführt: »In den letzten Jahren der Regierung Maria Theresiens vereinigten sich die vorzüglichsten Köpfe Wiens zu einem Maurerbunde, dessen nächster Zweck war, die Aufklärung in Österreich möglichst zu befördern, und demnach theils die noch immer so mächtigen Widersacher derselben, die Mönche zu bekämpfen, theils talentvolle junge Männer, die zu einer heilsamen bürgerlichen oder schriftstellerischen Wirksamkeit geschickt erschienen, mit Rath und That zu unterstützen. Sie bildeten eine Loge, welche den Nahmen: »Zur wahren Eintracht« führte, deren Meister Born war. Reinhold erhielt in ihr das ehrenvolle Amt des Redners. Richtigere und freyere Ansichten über Religion und Kirche faßten schon unter der Regierung der Kaiserinn allmählig in Wien und im Österreichischen überhaupt Fuß. . . Doch so lange die Kaiserinn lebte, konnte die Loge zur wahren Eintracht nur wenig nach Außen wirken, und beschränkte sich größtentheils darauf, sich in ihrem Innern zu veredeln und zu befestigen, um sich vorzubereiten für die als nahe vorausgesehene Zeit einer von Oben herab begünstigten Thätigkeit. Zu dieser gelangten die Verbündeten mit dem Beginne des Jahres 1781, da Joseph II., als Alleinherrscher anfing, seine großen Entwürfe auszuführen, und vornähmlich in möglichst kurzer Zeit die Gewissens- und Denkfreyheit in seinen Staaten zu befördern, den Einfluß des Papstes zu beschränken, und die Macht der Clerisey der Civilgewalt mehr unterzuordnen strebte. Es trat nunmehr für die österreichische Schriftstellerey eine neue Periode ein, mit der im Jahre 1781 von Joseph gegebenen neuen Vorschrift für die Büchercensur . . . . Diese erweiterte Preßfreyheit ward von den Verbündeten zu freymüthigen vor dem Publikum angestellten Untersuchungen und Anregungen des Volks benutzt . . . – Das hauptsächliche Organ, durch welches die Verbündeten auf die öffentliche Meinung zu wirken suchten, war die Wiener Realzeitung.

Das Wiener Freymaurer-Journal, unter dem Titel: »Journal für Freymaurer, als Manuscript gedruckt für Brüder und Meister des Ordens, herausgegeben von den Brüdern der □ zur wahren Eintracht im Orient von Wien.« (Gründer und Meister dieser Loge war Born). Das Journal erschien von 1784 bis 1786 in Quartalheften in gr. Octav, bey Wappler; das Heft, oder eigentlich wohl der Band, ist 16–17 Bogen stark; es hat verschiedene Kupferstiche, welche Logensiegel, Musiknoten &c. liefern. Zu den vorzüglichsten Mitarbeitern gehörten: Bianchi, Orientalist; Blumauer; Born; C. J. Friedrich; Gretzmillern, Rechnungsrath; Holzer; Kreil; Leon; Mayer, Professor der Philosophie; Michaeler; Ratschky; Schittlersberg; Sonnenfels; Stütz. Complete Exemplare sind selten.

Joseph der Zweyte,

Beschützer des Freymaurerordens.

Von Blumauer.

        Seht, in Josephs großen weiten Staaten,
    Wo, vermählet durch der Weisheit Hand,
Duldung sich und edle Freyheit gatten,
    Und die Nacht der Vorurtheile schwand,

Hebt in heller, nun entschleyr'ter Klarheit
    Eine Brüderschaft ihr Haupt empor,
Die im Stillen Wohlthun nur und Wahrheit
    Sich zu ihrer Arbeit Zweck erkohr.

Joseph, dem in seinem Herrscherkreise
    Nichts zu groß ist, das sein Geist nicht faßt,
Nichts zu klein, das er nicht minder weise,
    Ordnet und in seine Plane paßt;

Joseph, der so eben von den Horden
    Träger Mönche seinen Staat befreyt,
Schätzt und schützt dafür nun einen Orden,
    Der sich ganz dem Wohl der Menschheit weiht.

Einen Orden, den man oft verkannte,
    Weil er in geheim sein Gutes übt,
Und erst jüngst aus einem Staat verbannte,
    Wo ein Exmönch nun Gesetze gibt;

Einen Orden, dem der Arme Segen,
    Fluch der Frömmler, Hohn der Laye spricht,
Der indeß im Stillen sich dagegen
    Einen Kranz von edlen Thaten flicht;

Einen Orden, den der Mönch zu schmähen
    Oder zu verdammen nie vergißt,
Weil sein Zweck nicht müssig betteln gehen,
    Sondern Thätigkeit im Wohlthun ist;

Einen Orden, den der Heuchler scheuet,
    Weil er ihm die schwarze Seel' entblößt,
Wider den der Schurke tobt und schreyet,
    Weil er ihn von sich zurückestößt;

Einen Orden, den als Staatsverräther
    Und Verführer man schon oft bestraft;
Während er der Unschuld treue Retter,
    Und dem Staate gute Bürger schafft.

Dieser Orden ists, den, frey vom Wahne,
    Joseph seines Schutzes würdig fand,
Und zu seinem weisen Herrscherplane,
    Wie ein Glied zur Kette, mit verband;

Weil mit ihm der Orden, festen Blickes,
    Und von einem gleichen Geist belebt,
Zu dem großen Zweck des Menschenglückes
    Hand in Hand hinan zu dringen strebt.

Drum ihr Brüder, lasset uns im Stillen
    Nicht durch Worte, sondern auch durch That
All' die großen Hoffnungen erfüllen,
    Die von uns der große Weise hat!

Laßt uns dankbar unsern Schützer preisen,
    Und ihm zeigen, daß die Maurerey
Werth der Achtung eines jeden Weisen
    Werth des Schutzes eines Josephs sey!

Br. B***n.

Auf die dem Freymaurerorden von Kaiser Joseph
dem Zweyten öffentlich bewilligte Duldung.

Von J. F. Ratschky.

        Warum ertönt in jeder Maurerhalle
Der laute Ruf des Hammers; warum ziehn
Erwartungsvoll die scheuen Brüder alle
        Zu ihren Tempeln hin;

Kam wiederum mit einer Hiobskunde
Ein banger Schwarm verjagter Brüder an;
Dräut irgendwo dem königlichen Bunde
        Ein neuer Fürstenbann;

Drang abermahl sich eine ungeweihte
Zelotenschaar in einen Maurerkreis
Wuthschnaubend ein, und gab des Tempels Beute
        Ergrimmten Flammen preis;

Riß wiederum die schon besiegte Hyder
Des Mönchthums sich aus ihrer Kluft hervor,
Und hob zur Rache wider unsre Brüder
        Die scharfe Klau' empor;

Nein, Brüder, bannt des Unmuths trübe Wolke
Von eurer Stirn', und jauchzet! Josephs Mund
That feyerlich vor seinem ganzen Volke
        Uns Schutz und Duldung kund.

Ihr schüchternen, zerstreuten Maurerhorden,
Faßt neuen Muth! die Hand des Starken schlug
Das ehrne Joch zu Trümmern, das der Orden
        In unserm Osten trug.

Verkündigt es den Brüdern jeder Zone,
Daß unsern Bau, auf Menschenwohl gestützt,
Der größte Fürst auf Deutschlands Kaiserthrone
        Mit seinem Schilde schützt!

Ihm danken wir's, daß um des Tempels Schwelle
Nicht mehr ein Schwarm verkappter Häscher irrt,
Und nun nicht mehr, wie vormahl, Schürz' und Kelle
        Des Hasses Losung wird.

Zwar schäumen drob, voll Galle, Zions Wächter,
Die, Eulen gleich, den Strahl des Lichtes scheun,
Und mühn sich, uns beym Pöbel als Verächter
        Der Gottheit zu verschreyn.

Doch, Brüder, scheut der Bonzen niemahls müde
Erbittrung nicht! sie grinse, wie sie will!
Fiel nicht vor Josephs schrecklicher Ägide.
        Manch stärkres Krokodill:

Bleibt standhaft! zeigt, daß wir in Josephs Staaten
Vor Tausenden des Schutzes würdig sind,
Und machet euch durch ächte Maurerthaten
        Um seine Huld verdient!

Beweist es laut, daß euern fesselfreyen
Erhabnen Blick des Lichtes Glanz umschwebt,
Und nach dem Tand verjährter Gaukeleyen
        Kein heller Maurer strebt!

Laßt Weisheit, Lieb' und Tugend stets euch leiten:
Dann, Brüder, dann wird unser Bund gedeihn,
Und einst noch in den fernsten Afterzeiten
        Der Menschheit Segen seyn.

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