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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 36
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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XXXIII. Drey Briefe Josephs, welche in den vorhandenen Sammlungen seiner Briefe nicht enthalten sind.

1.

An den k. k. General Feldzeugmeister Graf v. Wiedt; de dato Prag den 21. September 1774.

Lieber Feldzeugmeister Graf von Wiedt – Sie werden in meinem Namen der hier angestellten Generalität und denen Regimentern zu erkennen geben: daß ich für diesesmal die zwar wichtig fürgegangenen Fehler in denen großen Manövers wegen denen mehreren Behindernissen und weniger Übung bey Ihrer Majestät der Kaiserinn bestmöglichst zu entschuldigen trachten werde, in der Hoffnung, daß eine stets mehrere Verwendung, Lesung, Nachsinnung und Übung des Augenmasses auf das Jahr ganz andere Früchte mit sich bringen werde. Was aber ohnentschuldlich ist, das sind die unterschiedliche Neuerungen und Neuigkeiten, die sowohl die Regiments-Kommandanten oder die Brigadiers bei ihren Brigaden eingeführt, oder haben einschleichen lassen. Diese erstrecken sich vom Kopfe bis zu denen Füssen bei dem Manne; sie durchgehen alle Theile des Exercitii-, des Dienst Regulaments, der Lager Verhältnisse, der Kirchen-Paraden, der Gesänge, u. s. w. Dieses werden Sie ihnen allen vorenthalten und bedeuten: daß der ernstliche Wille Ihrer Majestät der Kaiserinn seye: die mit Wohlbedacht eingeführte Dienst- und Exercier-Regulaments in allen Theilen beyzubehalten und genau beobachten zu machen. Wannenhero eine ganze Armee in diesen Stücken nur wie eine Compagnie so gleichförmig seyn muß, damit in selber von einem zum andern in nichts ein Unterschied ist.

Ich werde zukünftige Lagers genauestens hierauf Obacht haben, und werden sich alsdann alle vor weitere Unannehmlichkeiten durch fleißige Lesung und genaue Beobachtung der Dienst- und Exercitien-Regulaments so wie derer herausgegebenen Lager-Remarquen und Nachtrags-Punkten zu hüten haben. – Da der gemeine Mann bei einigen Regimentern schon ziemlich ausgearbeitet ist, so ist nicht durch Plagung desselben die Verbesserung derer Regimenter zu suchen, sondern in genauer Unterrichtung der Offiziers, Verwendung der Stabsoffiziers und allseitiger Application und Attention in der Führung ihrer Truppen und Abtheilungen, im Augenmaaß und Alignement der Offiziers zu finden. Die recht zur Säuerey gediehene übertriebene Frisur, welche den Mann sowohl seiner nothwendigen Ruhe, als seines Eigenthumes öfters beraubet, wäre hinführo vorschriftsmäßig in so weit zu mäßigen, daß alles gepappte und die Farbe derer Haare gänzlich benehmende hinweggelassen und der Mann nur zum Wachsthum derer Haare eingeschmiert und zur Sauberkeit durchgepudert werde.

Joseph.
Correg.

2.

Im Gefühle der Dankbarkeit, Anhänglichkeit und Freundschaft dictirte Joseph Tags vor seinem Hinscheiden folgenden so erhabenen als rührenden, sein edles Gemüth so sehr bezeichnenden Brief an Lascy:

Mein lieber Feldmarschall Lascy!

Meine zitternde Hand allein macht es mir unmöglich, diese wenigen Zeilen mit eigener Hand zu schreiben; daher muß ich mich einer fremden bedienen, weil ich den Augenblick mit schnellen Schritten herannahen sehe, der uns auf immer trennen soll. Ich würde sehr undankbar seyn, wenn ich diese Welt verließe, ohne Ihnen mein theurer Freund, die Gesinnungen von Erkenntlichkeit an Tag zu legen, die ich Ihnen in so verschiedenen Rücksichten schuldig bin, und das Vergnügen hatte, im Angesichte der ganzen Erde geltend zu machen. Ja! wenn ich in der Welt etwas geworden bin, so danke ich es Ihnen, denn Sie waren es, der mich gebildet, der mich aufgeklärt hat, und der mich die Menschen kennen lehrte, und überdieß verdankt auch die ganze Armee Ihnen ihre Bildung, ihren Ruhm und ihr Ansehen. Die Sicherheit Ihrer Rathschläge in allen Angelegenheiten, die persönliche Anhänglichkeit für mich, die kein großes oder kleines Ereigniß jemahls erschüttert hat, alles dieß, mein lieber Feldmarschall, macht, daß ich außer Stande bin, Ihnen meinen Dank hinlänglich bezeigen zu können.

Ich sah Ihre Thränen um mich fließen; Thränen eines großen Mannes und eines Weisen sind die schönste Apologie. Empfangen Sie dafür, indem ich Sie zärtlich umarme, mein Lebewohl.

Das Einzige, was ich in der Welt zu verlassen bedauere, ist die kleine Anzahl von Freunden, unter denen Sie gewiß der erste sind. Erinnern Sie sich meiner, Ihres aufrichtigsten Freundes und zugethanenen

Joseph.

3.

An Carl Theodor von Dalberg, nachmahligen Großherzog &c.

Ich habe, mein lieber Baron, mit vielem Vergnügen Ihr Schreiben durch den Grafen Trantmannsdorf erhalten. Recht gern nehm' ich das Anerbiethen an, welches Sie mir machen: Ihre Ansichten über die Mittel mir mitzutheilen, um das allgemeine Wohl Deutschlands zu erzielen, unsres gemeinschaftlichen Vaterlands, das ich gerne so nenne, weil ich es liebe und stolz darauf bin, ein Deutscher zu seyn. Wir haben darin eine völlig gleiche Denkungsart, und ich glaube, wenn Alle so dächten und gerecht wären, so würde man sich nicht beklagen, einen Obern zu haben, wie ich bin, so wie ich Ihnen versichere, daß ich mich sehr glücklich fühlte, wenn alle Churfürsten und Fürsten so dächten wie Sie, mein lieber Coadjutor, den ich der Kenntniß und wiederholten Beweise wegen, die ich von der Rechtlichkeit Ihres Characters und Ihrer Einsicht habe, achte und liebe. Gleich Ihnen habe ich mich öfters beschäftigt, darüber nachzudenken, was unser Vaterland glücklich machen könnte; ich bin ganz einstimmig mit Ihnen, daß nur ein enges Band des Kaisers mit dem deutschen Staatskörper und seinen Mitstaaten das einzige Mittel sey; aber bis dahin zu kommen – hierin liegt der Stein der Weisen. Er ist um so schwerer zu finden, da es darauf ankommt, die verschiedenen Interessen zu vereinigen, besonders der Untergebungen, die vorsätzlich die Angelegenheiten Deutschlands verwirren und sie zu einer wahrhaft unerträglichen Pedanterie machen, um die Fürsten abzuschrecken, ihre Angelegenheit durch sich selbst zu betrachten, um sie über ihre eigenen Interessen zu verblenden, sie in Abhängigkeit zu erhalten und sich nothwendig zu machen, indem man Mährchen aller Gattungen ersinnt, abgeschmackte Ideen ausbreitet, die man erdichtet, ihnen glauben macht, und wonach man sie zu handeln bewegt, als ob es die wahrsten Thatsachen wären. In jeder Gesellschaft, von welcher Art sie sey, muß ein Allen gemeinschaftliches Objekt vorhanden seyn, aber das Wort »Patriotism,« dessen man sich gegenwärtig so gemeiniglich bedient, sollte ausschließlich auch eine reelle Bedeutung haben, während das Interesse des Augenblicks, die Eitelkeit der Personen, politische Intriguen Verbindungen bilden und Besorgnisse rege machen, denen man, selbst bis zu den juridischen Entscheidungen unter Einzelnen Alles unterwerfen möchte. Wenn unsere guten deutschen Mitpatrioten sich wenigstens eine patriotische Denkungsart geben könnten; wenn sie weder Gallomanie noch Anglomanie, weder Prussiomanie noch Austromanie hätten, sondern eine Ansicht, die ihnen eigen wäre, nicht von Andern erborgt; wenn sie wenigstens selbst sehen und ihre Interessen prüfen wollten, während sie meistens nur das Echo einiger elender Pedanten und Intriguants sind. Ihnen, mein lieber Baron, ist dieses rühmliche Unternehmen einzig aufbewahrt, und wenn es Ihnen mißlingt, dann muß man ihm auf immer entsagen; denn zum ersten Mahle sehe ich zu meinem großen Vergnügen ganz Deutschland auf einen Punkt vereinigt, nämlich in seiner Ansicht über Ihre Person. Alle verschiedenen Parteyen lassen Ihrem Character und Ihren Einsichten Gerechtigkeit widerfahren, während Sie der Schrecken der Brausköpfe, der Intriguants und Pedanten sind. Glauben Sie daher, daß ich mit aller Aufrichtigkeit und Achtung bin, mein lieber Baron, Ihr wohlgeneigter

Joseph.

Wien, 13. July 1787.

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