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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 35
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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XXXII. Die beyden Frauen Josephs.

Seine erste Gemahlinn liebte er, liebte er innig, ja leidenschaftlich, ohne jedoch Gegenneigung zu finden; seine zweyte liebte ihn mit Innigkeit, ja mit Leidenschaft, ohne daß ihr Erwiederung ward: und diese verhängnißvollen Contraste mußten begreiflicher Weise beytragen, den edlen Character dieses Fürsten gar oft durch Bitterkeit und Schärfe zu verdunkeln.

Mit Maria Isabella von Bourbon, Tochter des Herzogs Philipp von Parma vermählte sich Joseph 1760. Fürst Wenzel Liechtenstein führte sie aus ihrer Heimath nach Wien; feyerlich angetraut wurde sie den 6. October desselben Jahres. Joseph war entzückt, denn nicht nur äußere Schönheit und Anmuth: auch Verstand, Geist und Talente zeichneten sie aus. Mehr als einmahl äußerte er, es schmerze ihn, ihr nur ein Herz biethen zu können. Vom ganzen Hofe wurde sie angebethet; insonderheit besaß sie die Bewunderung und Liebe ihrer Schwiegermutter. Maria Theresia pflegte zu sagen: »Es gibt im Verlaufe des Tages nicht einen Augenblick, in welchem ich nicht veranlaßt wäre, sie zu bewundern.« Daß Isabella großen Einfluß auf ihren Gemahl ausübte, ist sehr erklärbar; sie wußte seinen oft so feurigen Ungestüm zu mäßigen, und durch Bildung und Kenntnisse war sie auch nicht selten eine glückliche Rathgeberinn in Geschäften. Indeß, eine gewisse Schwermuth zehrte an ihr; Todesahnungen erfüllten ihr Gemüth; unendlich litt dabey ihr Gemahl. Maria Theresia zitterte für Beyde. Sie sagte eines Tages zu Carracioli: »Ich liebe sie zu sehr, um sie nicht verlieren zu müssen; sie wird ein Opfer seyn, das der Himmel von mir verlangt.« Und leider erfüllte sich ihre Prophezeyung; Isabella starb nach einer kaum dreyjährigen Ehe am 27. November 1763. Joseph war in der That untröstlich; viele Jahre trug er ihr Porträt bey sich, und küßte es häufig in Wehmuth und Rührung. Das heißgeliebte Weib hatte ihm zwey Töchter geboren. Die erste, Maria Theresia ward den 20. März 1762 geboren, lebte nur 8 Jahre und starb am 23. Jänner 1770; die zweyte, Christine, geboren den 22. November 1763, eine Frühgeburt, erlosch sogleich wieder. – 1765 vermählte sich Joseph mit Maria Josepha von Bayern, Tochter des Churfürsten Carl (Kaiser Carls VII.). An und für sich rein staatspolitisch, war diese Ehe auch mehr oder weniger durch die Persönlichkeit der Braut für Joseph beynahe unleidlich. »Maria Josepha« sagt Coxe in seiner Geschichte des Hauses Österreich »der es an Geist und Anmuth fehlte, konnte sich nie der Liebe ihres Gemahls erfreuen, und er behandelte sie sehr kalt. Ein Ausbruch von Scharbock, woran sie litt, verwandelte die Gleichgültigkeit in Widerwillen. Joseph, der denselben gar nicht bergen konnte, verglich immer seine erste und zweyte Gemahlinn. Die unglückliche Fürstinn, welche ihn brünstig liebte, kümmerte sich tief über seine Verachtung. Da sie von Natur aus etwas zaghaft war, und gar wohl fühlte, wie tief sie unter ihm stehe, so erbleichte und bebte sie, so oft sie vor ihrem Gemahl erschien.« Nach einer kaum zweyjährigen unsäglich peinlichen kinderlosen Ehe, starb Maria Josepha den 28. May 1767.

Tiefere Einblicke indeß in die Verhältnisse dieser beyden Ehen gewähren einige Stellen in den »Denkwürdigkeiten« der Frau Caroline PichlerWir halten es, und im Interesse der Lesewelt und Geschichtsfreunde, besonders der vaterländischen für eine Art von Verpflichtung, auf diese Memoiren aus dem Leben der ehrenwerthen und beliebten Schriftstellerinn ganz eigens aufmerksam zu machen, da es scheint, daß dieses schätzbare Werk (4 Bände, Wien, Verlag von A. Pichler's sel. Witwe) nicht so bekannt und verbreitet ist, als es dieß zu seyn verdiente. Es enthält allerdings manches Unerhebliche und Gleichgültigere; allein dafür wird man durch so viele interessante, zum Theil ganz neue Details reichlich entschädigt, einen so wichtigen Zeitabschnitt von 1769 an betreffend. Das Werk ist natürlich zugleich ein Spiegel, und ein treuer Spiegel der so merkwürdigen Individualität der Verfasserinn, ohne Schminke, ehrlich und wahr., erster Band (Wien 1844) Seite 136–142. Diese Stellen sind folgende: Es sey mir erlaubt, einige Züge, einzelne Striche zu dem Bilde des großen Verewigten, das in seiner vollen Herrlichkeit nun vor den Augen der Nachwelt steht, hier einzuschalten, welche, wie mich dünkt, manche Eigenthümlichkeit seiner Sinnes- und Handlungsart erklären, und die ich theils den Erzählungen meiner Mutter, theils Mittheilungen von Personen danke, die wohlunterrichtet seyn konnten, weil ihre Geburt und Stellung in der Welt sie dem Hofe nahe brachten.

Kaiser Joseph war ein äußerst schönes, herrliches, geistvolles Kind, mit ausgezeichneten Anlagen und einer sehr starken Willenskraft. Diese Willenskraft wurde gefürchtet, man wollte sie bändigen, man wollte den eigensinnigen Knaben, wie man sich ausdrückte, den Kopf brechen. Das wäre auf jeden Fall ein mißliches Unternehmen gewesen, auch wenn Ältern und Erzieher alle nöthige Kraft, Einsicht und Muße besessen hätten, um dieß Experiment zu leiten. Aber Maria Theresia war Regentinn großer Staaten, und konnte, so wichtig ihr ihre Mutterpflicht war, sich dieser doch nicht widmen. Ihr Gemahl war von allen Geschäften entfernt. Wohl wählte sie die Männer, deren Leitung sie den Prinzen, den künftigen Erben ihrer Krone übergeben wollte, mit Rücksicht und Sorgfalt; dennoch fielen diese Wahlen unglücklich aus, und der Prinz, mit seinem überwiegenden Geiste, mit seinem vorstrebenden Genius sah sich von Männern umgeben, und was schlimmer war, solchen untergeben, die er weit und leicht übersah. Seine Ansichten, seine Entschlüsse waren immer die bessern, klügern, passenderen gewesen, und er wurde gezwungen, sie fahren zu lassen, um sich beschränkten unstatthaften Meinungen zu fügen, die ihm noch dazu mit einer kränkenden Superiorität aufgedrungen wurden. Das war's, was man hieß: ihm den Kopf brechen, und was vielleicht den Keim jenes Starrsinns in ihm entwickelte, und mächtig nährte, der ihn später zu manchem falschen Schritt verleitete. Kaiser Joseph hatte mehrere Brüder, wovon einige ihn überlebten. In früherer Jugend stand ihm der Zweytgeborne, der Sohn des Kaisers, während Joseph nur der Sohn des Großherzogs war, am nächsten. Dieser Erzherzog, Carl genannt, scheint in vieler Rücksicht in einer Art von Opposition mit dem ältern Bruder gestanden zu haben. Schon der Vorzug der Purpurgeburt – so zufällig, so unbedeutend er bey dem entschiedenen Rechte des Erstgeborenen seyn mußte, war eine Art von Zankapfel zwischen den Knaben, von denen der ältere das Übergewicht durch Verstand und Geisteskraft, so wie der jüngere durch Gemüth und Liebenswürdigkeit behauptete. Immer aber ist solch ein Antagonismus von schädlichem Einfluß auf die Herzen der Geschwister, und es war vielleicht ein Glück, daß ein frühzeitiger Tod im beginnenden Jünglingsalter den gefährlichen Nebenbuhler Carl hinraffte und so diesen Zwist lösete. Aber in Josephs Seele keimte nach und nach etwas Bitteres, Scharfes, Schneidendes empor, das einen verdunkelnden Schatten auf seine großen Eigenschaften warf.

Das Unglück seiner beyden Ehen mochte ebenfalls vieles dazu beygetragen haben. Man hatte die Prinzessinn von Parma, Isabella, für ihn gewählt. Diese Prinzessinn hatte sich früher dem Kloster bestimmt, und eine Anecdote, welche ich von ihr erzählen hörte, läßt helle Blicke in die Tiefe ihres kräftigen und eigenthümlichen Gemüthes werfen. Ihr war eine geliebte Person – wenn ich nicht irre – ihre Mutter gestorben. Ganz in den tiefsten Schmerz aufgelöst, kniete sie am Sarge und flehte zu Gott, sie bald mit der Vorangegangenen zu vereinigen. Da war es ihr, als spräche Jemand die Zahl Drey aus. Ihre hocherhobene Seele ergriff mit Begierde diesen wie sie glaubte prophetischen Ausspruch, und in drey Tagen hoffte sie die Erfüllung ihres sehnlichen Wunsches. – Aber es vergingen drey Tage, drey Wochen, drey Monathe, und der erwartete Friedensbothe, der die der Welt Überdrüßige abrufen sollte, erschien nicht. Wohl aber erschienen bald darauf die Bothen des österreichischen Hofes, welche die Hand der Prinzessinn für den Erben so vieler Kronen, für einen der schönsten, geistvollsten und versprechendsten Prinzen forderten. Nur ungern, nur aus Zwang entsagte die Prinzessinn ihrem Wunsche, ihr Leben in Einsamkeit und Trauer hinzubringen, und ward des römischen Königs (denn das war Joseph damahls schon) Frau. Er umfaßte die nicht schöne, aber höchst liebenswürdige und anziehende Braut mit aller leidenschaftlichen Glut eines starken Gemüthes. Er liebte sie heftig, innig, zärtlich, und obwohl sie diese Gefühle zu erwiedern sich außer Stand fühlte, so mußte sie doch von ihrem richtigen Verstand und einem geläuterten Gefühle geleitet, sehr wohl verstanden haben, selbst den Forderungen seines liebenden Herzens zu entsprechen; denn so lange sie lebte, glaubte er sich von ihr geliebt.

Eine Prinzessinn ward bald darauf zum neuen beglückenden Bande zwischen den jungen Eheleuten; doch dies Glück sollte nicht von Dauer seyn. Ehe drey Jahre nach jenem verhängnißvollen Ereigniß am Sarge der Verewigten dahingegangen waren, starb Isabella von Parma an bösartigen Blattern im Arme ihres verzweifelnden Gemahls.

Während ihres kurzen Lebens an seiner Seite hatte sie ihr Herz, vor allen Andern, einer seiner Schwestern, der wunderschönen Erzherzoginn Christina, nachmahligen Gouvernantinn der Niederlande, zugeneigt. Mit dieser hatte die Verstorbene einen Freundschaftsbund errichtet und häufige Briefe gewechselt, in welchen sie ihr Herz und den wahren Stand ihrer Empfindungen treu darstellte. Als nun Christina ihren geliebten Bruder so der Verzweiflung zum Raub sah, sie, die doch wußte, daß er um ein Gut trauerte, was er im Grunde nie besessen, um Isabella's Liebe – glaubte sie sich aus Mitgefühl und Rechtlichkeit verpflichtet, dem Getäuschten die Wahrheit zu eröffnen, und so seinen allzu heftigen Schmerz zu mäßigen. – Sie zeigte ihm die Briefe der Verstorbenen. – Es war ein Mißgriff, ein unseliger Einfall! und er verfehlte seine Wirkung nicht. Joseph sah sein blutendes, hingebendes Herz verschmäht – getäuscht; seine hohe Meinung von der Verstorbenen zernichtet. – Wohl mögen seine Thränen um die Verlorne versiegt seyn, aber Erbitterung, Verachtung gegen das ganze weibliche Geschlecht setzten sich in seiner Brust fest, von denen sein besserer Sinn nur Wenige ausnahm, indeß er die Übrigen als bloße Puppen oder Gegenstände der Sinnlichkeit betrachtete. – Dennoch besuchte er in spätern Jahren gern einige ältere Damen, eine Fürstinn Liechtenstein, eine Kaunitz und Andere und unterhielt sich gern mit ihnen, die verständige, gebildete Matronen waren.

Seine zweyte Vermählung war nicht geeignet, diese Vorstellungen zu berichtigen. Schon vor der Bewerbung hatte er sich schroff und kalt über die Nothwendigkeit seiner Wiederverheirathung, und die traurige Wahl zwischen mehreren gleich unliebenswürdigen Competentinnen um seine Hand ausgesprochen, aus welchen er doch seine künftige Lebensgefährtinn wählen müsse. Eine Prinzessinn von Bayern traf dieses unglückliche Loos. Von der Natur höchst stiefmütterlich behandelt, ohne Anmuth, ohne Takt, um den Character ihres Gemahls aufzufassen und sich in ihn zu schicken, dienten selbst ihre guten Eigenschaften, ihre Sanftmuth, Herzensgüte und Liebe zu ihm nur dazu, ihn noch mehr von ihr zu entfernen. Beschämend war die grelle Entfernung, in der er sich von ihr hielt, so daß er unter Anderm auf dem Balcon, der vor ihrem gemeinsamen Appartement war, ein Separatim machen ließ, damit sie ihm dort nicht begegnen könne und er lieber vor aller Welt Augen beym Fenster hinaus stieg, um nur nicht durch den gemeinschaftlichen Salon gehen zu müssen, in welchem sich die Thüre zum Balcon befand. Auch dieses Band, welches ganz kinderlos blieb, löste endlich der Tod, auch die unglückliche Maria Josepha von Bayern befreyte dieser unausbleibliche Freund aus ihrer schweren Lage, und gab dem ungeduldigen Gemahle seine Freyheit wieder. Aber die Art, wie diese Prinzessinn von ihm behandelt worden, hatte den alten Nationalunwillen zwischen Bayern und Osterreich nicht gemindert und gar viele ihres Volkes behaupteten noch lange nach ihrem Tode, sie sey nicht gestorben, nur verstoßen und lebe unbekannt in einem Kloster in Bayern, wo sogar Einige sie gesehen haben wollten.

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