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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 30
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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XXVII. Marien Theresiens letzte Lebenstage.

Von Jos. v. Sonnenfels.

(Vorlesung.)

Als ich durch die betrübtste Veranlassung in der letzten Vorlesung unterbrochen wurdeDie Lehrstunden in den Hörsälen, die Geschäfte in Kanzleyen, wurden ausgesetzt, als die Gefahr für das kostbare Leben sich ankündigte. hatten wir keine Vorempfindung, meine Herren! daß der große Name Maria Theresia unter uns nicht mehr anders, als mit dem Beysatze, die Selige, sollte ausgesprochen werden. Ihr Tod war jedermann unerwarteter als ihr selbst. Aber das Tagebuch ihrer Krankheit, die kurze Geschichte dieses Todes wird ein wichtiger Beytrag zu den Jahrbüchern merkwürdiger Regierungen, und des christlichen Heldenmuths.

Bey dem Sterbelager dieser Fürstinn, hätte, wie bey dem Tode des Sokrates, ein Phädon aufzeichnen sollen, was er gesehen, was er gehöret. – Jedes ihrer Worte war Unterricht; jede ihrer Handlungen Beyspiel.

Die Krankheit erklärte sich anfangs nur schwach, und schien an sich, nichts weniger als von ernsthaften Folgen seyn zu können. Aber, so vielen Kindern das Leben gegeben haben, durch 40 Jahre alle Wechselfälle des Glückes, die über einen Regenten kommen mögen, alles, wodurch die Vorsehung die Unterwerfung eines Menschen prüfen, alles was Standhaftigkeit und Geduld üben kann – den Verlust eines Vaters, eines Gemahls, den Verlust blühender Kinder, theurer Schnuren, einer Enkelinn, in der sich mit dem Namen, einst das Andenken der sanftsten Herrschaft erneuert haben würde, erlitten haben – gesehen haben, wie Unterthanen in langwierigen Kriegen, von wüthenden Seuchen, vom Hunger dahin gerissen, durch Irrthümer von dem Wege der Wahrheit abgeleitet worden; erfahren haben, daß die edeln Absichten der heilsamsten Anstalten selbst von denen, zu deren Wohl sie gemacht wurden, verkennet, und mit ausbrechendem Ungehorsame belohnet wurden; alles dieses erduldet haben, mit einer solchen Fühlbarkeit des Herzens, wie sie sich in der wärmsten Theilnehmung der Monarchinn bey jedem häuslichen Leiden derer, die sich ihr näherten, offenbarte, das waren die beunruhigenden Umstände, die sich unsrer Einbildung mit einmahl vorstellten, die jede Krankheit gefahrvoll, und uns bey jeder Gefahr um das kostbarste Leben besorgt machen mußten. Ihre Seele hatten wir stets grösser, als ihre Widerwärtigkeiten, stets unabhängig von Ereignungen, und Zufällen gekannt: aber der Körper war der Körper einer Sterblichen; und 63 arbeitende, mühvolle Jahre hatten seiner nicht geschonet – Das war, was uns bestürzen konnte.

Indessen hofften wir, Sie von der Vorsicht, die ehemahls bey gefährlicheren Umständen Sie uns wiedergeschenkt hatte, nochmahl zu erbitten. Unser Gebet war inbrünstig, und beynahe eigennützig. Der Rathschluß des Ewigen hatte es anders geordnet: und Theresiens Geist schien davon durch einen höheren Einspruch bereits benachrichtiget zu seyn. Sie sagte es gleich von Anbeginn der Krankheit vor, daß Sie sterben würde: doch, sagte Sie das mit einer Heiterkeit, die ihre Worte widerlegte, und uns gegen die Furcht der Erfüllung sicher machte. Auch das vermehrte unsere Zuversicht, daß wir bey einer Fürstinn von so unterscheidender Frömmigkeit keine Zubereitung zu diesem wichtigen Schritte sahen. Ach! wir wußten noch nicht, daß Sie sich dazu seit langer Jahre her beständig vorbereitet hatte.

Ein heftigerer Anstoß der folgenden Nacht zeigte uns zu bald alles, was wir zu befürchten hatten. Der Pfeil des Todes war in ihrem Herzen: der Keim der Zernichtung entwickelte sich – Theresia welche ihr ganzes Leben durch das Vorbild der reinsten Gottesfurcht gewesen, wollte ihre Gesetze am Ende desselben durch das Beyspiel eigener Befolgung befestigen. Sie verlangte morgens die Stärkung der Gläubigen auf die grosse Wanderung. Ihr Zutrauen und lebhafter Glaube erhuben Sie dabey über die Kräfte ihres Zustandes, und stützten Sie, daß Sie dem Boten des Heils in das Vorgemach entgegen gehen, und aufrecht auf ihren Knien, das Abendmahl empfangen konnte.

Es hatte das Ansehen, als trüge das Übel selbst Ehrfurcht, die tiefe Selbstversammlung der Gestärkten, welche auf diese Religionshandlung folgte, und einige Stunden durch verlängert ward, zu unterbrechen. Der Tag war ruhig, sogar mit einigem Anscheine der Erleichterung. und wir, die wir jeden Schimmer der Linderung begierig für die Besserung annahmen, welche wir so sehnlich wünschten, wir öffneten unsere Herzen bereits der Hoffnung. Diese verschwand mit dem Abende auf ewig. Die Anfälle kamen mit verdoppelter Wuth zurücke, hielten den größten Theil der Nacht über an, und schwächten, zwar nicht die Geduld: aber die Kräfte der Leidenden so sehr, daß Sie gegen Morgen die letzte Salbung foderte, und erhielt.

Sie haben die allgemeine Bestürzung mit empfunden, meine Herren! Sie haben das Weheklagen mit vermehret, als diese unglückliche Nachricht sich in der Stadt verbreitete. Urtheilen Sie von der Betäubung derjenigen, nächst deren Füssen gewissermassen der Donnerschlag niederfiel, und von der Verzweiflung der innern Hofstatt, von der Trostlosigkeit der Söhne und Töchter! – Der Kaiser, der Erzherzog,Maximilian war allein noch am Hofe. die Erzherzoginnen Maria Anna, Maria Christina und Elisabeth standen in einem sprachlosen Kreise um das Krankenlager, und hefteten ihre schmerzlichen Blicke unabgewendet auf die, die sie zu verlieren zitterten: als die Kaiserinn den fremden Anwesenden sich zu entfernen befahl. »Gott, sprach Sie, gegen den Kaiser gewendet; hat über mein Leben geboten: ich fühle es. Nichts von allem, was ich zurücklassen werde, ist mein: alles wird Ihnen angehören. Nur diese beyden Töchter (womit Sie auf Mariannen und Elisabethen wies) sind mein Eigenthum. Auch diese trete ich an Sie ab. Seyn Sie nicht blos ihr Fürst, ihr Bruder! seyn Sie ihr Vater! Ich glaube beyden ein schätzbares Erbtheil zu hinterlassen.« – Die Liebe Josephs war dieser Empfehlung lange zuvorgekommen. Er eilte durch die ehrerbietigste Verheissung das mütterliche Besorgniß in diesem Augenblicke zu erleichtern, und seine Schwestern über den bevorstehenden Verlust wenigstens von einer Seite zu beruhigen. Dieser rührende Auftritt hatte die kindliche Empfindung auf das höchste gespannet. Die liebvolle Mutter beobachtete den Zwang, den sich alle auflegten, sah in den hervordringenden Thränen die Unmöglichkeit, ihn länger auszuhalten – »Es wird nöthig seyn,« verfolgte Sie mit ungeänderter Stimme, »daß man in ein Nebengemach abtrete, um sich zu erholen.« Der Kaiser allein blieb der Monarchinn zur Seite.

Das war der große Zeitpunct, worin Theresia Ihm ihre Reiche übergab, und den Nationen, deren Glückseligkeit bis nun das einzige Ziel aller ihrer Bemühungen war, das kostbare Vermächtniß ließ, ihre dringendste Anempfehlung, ihre weisheitvollen Erinnerungen an den Thronfolger. Könnte der Inhalt dieser feyerlichen Unterredung uns zur Tröstung, Königen zur Richtschnur bekannt gemacht werden! Doch die beyden Häupter behandelten die Maßregeln einer glücklichmachenden Regierung, das Wohl ihrer Staaten, und im Zusammenhange das Wohl Europens, ohne Zeugen ab. Hier würde es verwegen seyn, Vermuthungen an die Stelle der Wirklichkeit unterzuschieben. Aber keine der erhabenen Lehren Theresiens wird für uns je verloren seyn. Das Herz Josephs ist die Tafel, worin sie tief, und ewig unauslöschbar, gegraben bleiben. Man will wissen, die Unterredung der Fürsten habe nicht bloß die Verwaltung im Allgemeinen betroffen. Sie hätten sich über jedes Reich, jede Provinz im Einzelnen besprochen, und gleichsam jede Nation insbesondere vor sich übergehen lassen. Die Kaiserinn habe über den Zusammenhang, das Verhältniß, über die Schwäche und Stärke jedes Theiles, über das Genie jeder Nation, über ihre Fähigkeiten, Eigenschaften, über die Art, sie zu behandeln, mit einer Kenntniß, mit einer Scharfsinnigkeit Anmerkungen gemacht, die den an ihrem Munde hangenden Nachfolger in Erstaunen gesetzt, und, wie Er sich darüber ausgedrückt haben soll – einem Montesquieu in der heitersten Stunde seiner Betrachtungen Ehre gemacht haben würden – und Maria Theresia hatte nur noch zwey Tage zu leben.

Sie widmete sich, dieselben hindurch, ihren gewöhnlichen Beschäftigungen, und arbeitete mit eben der Thätigkeit, mit gleich ruhigem, gleich gegenwärtigem Geiste, wie Sie zu andern Zeiten pflegte. Sie las Bittschriften, Vorträge, entschloß, unterzeichnete an ihre Stellen. Ohne Zweifel wird man bedacht seyn, diese letzten Entschlüssungen und Unterschriften, an einem unterscheidenden Orte aufzubewahren, und sie Fremden und dem Nachkömmlinge als Merkwürdigkeit weisen, die zugleich, von der beynahe über die Menschheit erhöhten Seele dieser Regentinn, zugleich von der Sorgfalt gegen ihre Unterthanen zeugen werden, welche sich noch in den letzten Augenblicken des Lebens nicht verläugnete.

Nur die wiederholten Anwandlungen der Krankheit, und die nunmehr zunehmende Schwachheit nöthigten Sie, sich darin öfters zu unterbrechen. Sobald jedoch das Uebel aussetzte, und Sie ihr selbst wiedergab, wechselten die Erhebungen zu Gott, mit der Besorgung der allgemeinen Geschäfte, und mit den Bestellungen ab, welche Sie noch für die Zukunft zu machen, bestimmt hatte. In solchen sanfteren Zwischenräumen trug Sie von Zeit zu Zeit Verschiedenes nach, was Sie ihrem letzten Willen beygesetzt wünschte.

Dieser letzte Wille, der seit einiger Zeit entworfen, in dem geheimen Pulte der Fürstinn aufbewahrt lag, ist so ganz der Abdruck ihres vortrefflichen Herzens, voll anbetenswürdiger Theilnehmung und Besorgnisses, damit die, welche der Wohlthätigkeit der Fürstinn, entweder den ganzen Unterhalt, oder eine Unterstützung, einige Erleichterung zu danken hatten, durch ihren Hintritt nicht in Verlegenheit gerathen möchten. Nach der mütterlichen Vorsehung für die unverehelichten Erzherzoginnen, und nach der Vorsorge für Erziehungsanstalten, Schulen und andere wohlthätige Stiftungen, enthält er anfangs einen langen Artikel, worin die Fürstinn jeden ihrer vertrauteren Diener mit einem Andenken lohnet. Diese ehrenvolle Erwähnung ist der schmeichelhafteste Preis, den je Dienste erwarten konnten, das unverdächtige Zeugniß der Rechtschaffenheit, welches mit der wichtigen Urkunde, worin es enthalten ist, in den Archiven der Monarchie beygelegt, und verewigt wird. Wer einst immer diese Urkunde liest, wird die Namen, die einer solchen Unterscheidung gewürdiget sind, mit Achtung aussprechen.

Den übrigen, und größten Theil dieses letzten Willens nimmt die Versorgung derjenigen ein, welche durch ihre Bedienung der Person der Fürstinn näher zu seyn, das glückliche Loos getroffen hatte. Ihnen wollte die gütigste Gebieterinn den bevorstehenden Verlust, so weit es in ihrer Macht lag, unempfindlich machen. Der lebenslängliche Genuß, oder ein vergrösserter Ersatz der Vortheile, die sie nun besassen, wurde ihnen im Testamente zugesichert. Der Kaiser hatte seiner Mutter zu dieser, zu jeder Verlängerung ihrer Wohlthaten, die Ihr immer gefällig seyn dürfte, seine unbedingte Einwilligung gegeben. Sie hatte ihn darum ersucht, damit Sie diejenigen, welche von Ihr so freygebig bedacht waren, belehrte, den Wohlstand, dessen sie in der Zukunft froh seyn würden, zwar als ein Vermächtniß von Ihr, aber nicht weniger als ein Geschenk seiner Gnade zu betrachten.

Unter solchen Lieblingsbeschäftigungen des großmüthigsten Herzens war die Auflösung ganz herangerückt. Die um die sterbende Fürstinn waren, sahen derselben mit Furcht und Schrecken, Sie, welche es betraf, mit Gleichmuth entgegen. Da alles um Sie herum trostlos war, in Thränen zerfloß, war Sie allein gelassen, sprach Sie jedermann Trost ein. Der Tod schien bey ihr gleichsam seine Schreckengestalt abgelegt zu haben.

Es wurde Ihr aus einem der Gelegenheit angemessenen Werke vorgelesen. Man überschlug eine Stelle über den Tod, die man für die Umstände der Kranken zu rührend hielt. Als Sie es gewahr nahm, befahl Sie, gerade diese Stelle ohne Abkürzung zu lesen. Der Leserinn, welche bis dahin ihren Schmerzen in sich verschlossen gehalten, schossen, da sie fortfahren sollte, die Thränen unaufhaltbar hervor – »Entferne dich! und wenn du ausgeweinet hast, so komm wieder, deine Lesung fortzusetzen.«

»Ihr seyd alle so zaghaft,« sagte Sie bey dieser Gelegenheit, oder einer ähnlichen zu den weinenden Wärterinnen: »ich fürchte mich nicht im geringsten vor dem Tode. Seit fünfzehn Jahren mache ich mich mit ihm vertraut.« – Und bald darauf als Sie nach einem kurzen Schlummer erwachte – »Laßt mich doch nicht schlafen! Ich will den Tod kommen sehen, und ihm – setzte Sie lächelnd bey – so starr ich vermag, in die Augen blicken.« Dieser scherzhafte Ausdruck, in einem solchen Augenblicke, ist erhaben.

Das war nicht das einzigemahl, wo Sie über einen Gegenstand scherzte, gegen welchen die Natur der gemeinen Menschheit ein unüberwindliches Entsetzen einflößt. Sie hatte sich nie gerne in geheizten Zimmern befunden, und war gewohnt, selbst im stärksten Winter ihre Fenster größtentheils offen zu halten. Während dieser Krankheit ließ Sie sich einmal an eines derselben führen, um der kälteren Luft zu geniessen. Der Tag war neblicht. – »das Wetter,« sagte Sie zu dem Kaiser, auf dessen Schultern Sie sich stützte, »ist nicht eben das günstigste zu einer so fernen Reise.« – Und doch, wer trat diese Reise je mit grösserem Muthe an!

Sie hatte dem Leibarzte ausdrücklich befohlen, ihr den Wachsthum des Uebels nicht im Geringsten zu bemänteln, Sie von der Annäherung der letzten Stunde genau zu benachrichtigen. Aus Besorgniß, er dürfte Ihrer schonen wollen, erinnerte Sie ihn öfters an diesen Befehl, forschte Sie ihn von einer Zwischenzeit zur andern aus: und seine Antworten erweckten stets mehr Bewegung an ihm, als an der, welcher sie sagten, wie wenig Sie noch zu leben haben würde.

Nein! ich schäme mich nicht, zu gestehen: bey der blossen Erinnerung des entscheidenden Augenblicks, in dem Sie uns endlich entrissen worden, fehlt mir die Standhaftigkeit, welche die große Sterbende noch damahls nicht verließ, als ihr Auge dunkelte, aber die Heiterkeit ihres Geistes sich noch so sehr erhielt, daß Sie mit den Anwesenden, obgleich mit schon gebrochener Stimme, sich besprechen konnte – Sie nahm beynahe am ersten die Zuckungen des Todes gewahr – »Sind das,« fragte Sie den beobachtenden Arzt, »die letzten, eigentlichen Todeszüge?« – »Vielleicht nicht die letzten,« versetzte dieser verwirrt – »Ach! so müssen die letzten dennoch sehr schwer seyn!« Das war der einzige Seufzer, der Ihr die ganze Krankheit über entfuhr; das einzige Anzeichen, daß Sie litte.

Die brennende Hitze, die den kleinen Ueberrest ihres Lebens vollends aufzehrte, war die Ursache einer maschinmässigen Bewegung, durch die Sie Athem und Kühlung suchte. Auf diese folgte ein krampfhafter Anfall im Unterleibe, der Sie gewaltig emporstämmte – »Wohin wollen Eure Majestät?« fragte der Kaiser – Ihren schon unbelebten Blick dem Himmel zugekehrt: »Zu Dir hinauf! ich komme!« war das Abschiedswort der verscheidenden Monarchinn – und hin sank Sie auf das Ruhbett, gestützt von den Armen ihres Sohnes, der den letzten Hauch der sterbenden Mutter in einem Kusse sammelte, aber nun dem Schmerze, den Er so lange bemeistert hatte, an der Seite der Seligen unterlag.

Als er wieder zu sich gebracht, aber in tiefer Schwermuth versenkt, wie empfindungslos um sich blickte, wagte es jemand, ihn an die Gegenwart des Geistes zu erinnern, durch die Er sich von jeher über Fälle, und Begebenheiten hinwegzusetzen, bestrebt hätte. »Bey einem solchen Falle,« versetzte er mit dem zerfleischenden Accente der äussersten Wehmuth – »muß alle Gegenwart des Geistes versagen.« Diese Antwort konnte die allgemeine Erwartung über die künftige Regierung Josephs keinen Augenblick unentschieden lassen.

Seine Verehrung für eine so theure Mutter, und unvergeßliche Regentinn mußte ohne Zweifel sehr bey der Unterwerfung leiden, die er sich auflegte, ihren Willen wegen ihres Leichenbegängnisses nicht zu überschreiten. Es war, wie Sie es angeordnet, erbaulicher, als prächtig. Auf ihren Befehl war der größte Theil der Gepränge, welche die Bestattung der Fürsten in ein Schauspiel verwandeln, unterdrückt.

Die Leichenreden besonders, hatte Sie mit nachdrücklichem Ernste verboten. Theresia war gegen den Wirbel der Ruhmsucht in ihrem Leben stets so sehr auf der Hut, daß Sie dem mässigsten Lobe sorgfältig auswich. Sie ertrug daher den Gedanken nicht, sich nach ihrem Tode den Schmeicheleyen eines Lobredners überliefert zu wissen, der sich aufgeboten glaubt, mit den Schwachheiten zu heucheln, und die Tugenden zu übertreiben; der, um beredt zu scheinen, unbesorgt ist, wahrhaft zu bleiben. – Der reine Lobspruch preiswürdiger Monarchen ist die Weisheit ihrer Verwaltung.

Das Andenken der theresianischen wird sich den fernen Nachkömmlingen mit den großen Anstalten überliefern, deren Aussicht nicht auf die Glückseligkeit der Zeitgenossen allein eingeschränkt war. Wann jede Spur von den einzelnen Ursachen einst verloschen, aber die zusammstimmende Wirkung derselben in ein Ganzes verflossen seyn, und sich befestiget haben wird, dann wird die Geschichte erzählen:Belgrad und Serbien, Neapel und Sicilien waren verloren: die Aussichten der Gesellschaft von Ostende aufgeopfert. Durch einen Zusammenfluß unglücklicher Umstände waren alle großen Entwürfe, zu denen die Siege Eugens, und der Friede von 1725 Carl den VI. berechtigten, im Jahr 1740 vereitelt, und die Geschichte wird keinen Anachronismus machen, wie der Anmerker, dem eine durch die Aufhebung der Societät verunstaltete Regierung so sehr mißfällt, die Besorgniß äusserte. Ich weiß nicht, woher es der Biograph Carl des VI. geschöpft haben muß, daß der Vater der verstorbenen Kaiserinn 150,000 Mann zu Friedenszeit unterhalten habe. Aber ich weiß aus zuverlässigen Urkunden, daß es dem Regimente, welches das Leichenbegängniß dieses Fürsten begleiten sollte, an Beinkleidern und Schuhen fehlte, und daß der ganze Geldvorrath in den Cassen der Monarchie in mehr nicht, denn 9000 fl. bestand. Als Theresia den Thron bestieg, war Österreich von aussen ohne Einfluß, ohne Achtung, von innen ohne Nerven, ohne Bestand: die Talente ohne Ermunterung, ohne Wetteifer; der Feldbau in Händen, welche Unterdrückung und Elend schlaff machten; die Ämsigkeit ohne Kräfte, ohne Muth; Handlung wenige, und diese auf die nachtheiligste Art für die Nation geleitet; und, um die Schilderung zu vollenden, die Finanzverwaltung ohne Plan, ohne Überschlag, ohne Credit. – Bey ihrem Tode übergab Sie dem Nachfolger die Monarchie, in wesentlichen Theilen der inneren Verfassung verbessert, zu den übrigen Verbesserungen vorbereitet, und in dem Systeme Europens wiedereingesetzt in den entscheidenden Rang, den ihr die Größe, die allgemeine Fruchtbarkeit ihrer Länder, die glücklichen Nationalfähigkeiten unter den Mächten desselben stets hätte versichern sollen. – Wenn Sie nicht mehr noch, wenn Sie nicht alles geleistet hat, so war es darum, weil für eine Regierung, zu viel zu leisten war. Aber bey Vergleichung der zwey Epochen, werden die künftigen Jahrhunderte, wie das laufende, Sie billig die Wiederherstellerinn der österreichischen Monarchie nennen.

Die allgemeine und Privaterkenntlichkeit hat diesen Beynahmen durch einen weniger prächtigen, aber rührendern, aber für die Menschheit anziehungsvollern überholt, durch den Beynahmen der »gütigsten.« Das war eine Benennung, welcher sich die Bescheidenheit Theresiens am wenigsten zu versagen schien. Wenn man Sie ihre Wohlthaten über jedermann verbreiten, jedermann, der sein Bedürfniß Ihr erklären konnte, erleichtern, oft den Blöden über seine Noth liebreich ausholen, oft dem Bitten, nicht selten dem Wunsche zuvoreilen sah, so war man versucht, die Wohlthätigkeit ihre Günstlinginn unter den Tugenden zu nennen.

Aber es waren auch einige, an denen Sie sich vorzüglich wohlgefiel, diese Tugend auszuüben. Unsre Ehrfurcht für die richtige Beurtheilung der Fürstinn heißt uns glauben, daß die Gegenstände ihrer Vorliebe einen solchen Vorzug verdient haben. Die, welche es wagten, an ihrer Wahl auszusetzen, würden sie gerecht gefunden haben, diese Wahl, woferne das Urtheil der Monarchinn sich bis zu ihnen hätte verirren können. Nun suchten sie ihren Neid, ihre Eifersucht hinter einer Staatsmaxime zu verbergen: Der Regent soll keinen Liebling kennen! Die Grausamen! Welchen Reiz könnte der Thron haben, wenn dem Fürsten die Süssigkeit der Freundschaft zu schmecken, nicht vergönnet, wenn es ihm untersagt wäre, sich von den Beschwerlichkeiten der Regierung in den Armen einer innigern Vertraulichkeit zu erholen! Der Thron soll also von aller Gesellschaft absondern! ihr Regent soll unfähig, Verdienste zu unterscheiden, unfähig den Werth einer größeren Anhänglichkeit für ihn zu schätzen, und zu erwiedern, er soll ohne Gefühl seyn! Die Unbesonnenen, und er soll sie glücklich machen! –

Sagen wir also: das Herz Theresens habe sich jezuweilen überraschen lassen. Wohl der Erde! wenn die größte Schwachheit der Großen Übermaaß der Güte wäre! Die Völker würden dann nicht so oft unter dem Gewichte des Ruhmes ihrer Fürsten erliegen! Das Götzenbild der Eroberungssucht würde ohne Opferknechte, und Opfer bleiben.

Wenn die unbeschränkte Güte Theresiens, die nicht wußte, wie man versaget, manchmahl einen zu schnellen Trieb von der schätzbaren, aber oft zu zärtlichen Empfindsamkeit ihres Geschlechtes empfangen haben konnte, um so bewunderungswürdiger ist es, daß sie ihre Gottesfurcht stets über alle die kleinen Übungen desselben emporgehalten hatte. Ihr Glaube war lebhaft, aber aufgeklärtMein Skoliast hat in diesem Worte eine theologische Unrichtigkeit suchen wollen, es mag seyn! Der Professor der politischen Wissenschaften kennt die Schriften des Montesquieu und Fortbonnais besser, als die Summe des heil. Thomas, und den Melchior Canus. Aber da er seinen Glauben nicht blos im Dogma, sondern auch in der Moral und Handlungen bestehen läßt, so erinnerte er sich an den Befehl des Paulus: Sit obsequium vestrum rationabile., ihre Andacht, der freye Aufschwung der Seele, deren Flug keine schwermüthige Ängstlichkeit einhielt. Und was einst bezweifelt werden würde, wenn das unläugbare Zeugniß bestehender Gesetze einem Zweifel Raum lassen könnte; ihre Gelehrigkeit für die Kirche, machte Sie den Forderungen des Clerus nicht unterwürfig. Genau bestimmte Schranken der Erwerbung, das Verbot jugendlicher, und daher zu wenig überdachter Klostergelübde, verhältnißmässig auf ihn vertheilte Beytragspflicht, die Einschränkung der Freyörter, der Bruderschaften, und Wallfahrten sind Verordnungen einer Fürstinn, die man sich beynahe erlaubt, als eine Heilige anzurufen. Die ausgezeichnete Ehrerbietung, womit Sie die Diener des Altars dem Volke ehrwürdig machen wollte, hinderte Sie nicht, die Gränzen genau zu bewahren, die dieser Stand, ohne Nachtheil der übrigen Stände des gemeinen Wesens, nicht überschreiten kann.Die Aufhebung der Klöster, womit die Monarchie überladen war, hatte unter der Regierung Theresiens in der Lombardey bereits den Anfang genommen. – Sie hat in mehr als einer Gelegenheit gezeigtDie Wahrheit dieser Stelle wird nicht geläugnet; und wie könnte man das? Nur sagten die Anmerker – ich, hätte sie nicht sagen sollen. Eine Wahrheit? und ich nicht sagen sollen? Wer denn? Hätte ein Theolog sie gesagt? daß die Demuth der Christinn der Würde und Gewalt der Regentinn nichts zu vergeben Willens war; und daß Bonifazie und Gregorie an ihr eine eben so standhafte Gegnerinn getroffen haben würden, als Benedicte und Clemente an Ihr eine folgsame Tochter gefunden haben. Aber, das war der Grundsatz, den Sie in einem Puncte, wo die Überschreitung auf beyden Seiten die traurigsten Folgen nach sich ziehen kann, aufmerksam beobachtete: gewagten Anmassungen und Eingriffen nur Standhaftigkeit, nicht öffentliche Geringschätzung entgegen zu stellen; Bullen, denen Sie das königliche Placet zu verweigern für nöthig finden würde, nicht verbrennen, sondern uneröffnet bey Seite legen zu lassen. Durch eine so wohl überdachte Mässigung kam Sie dem Ärgernisse der Uneinigkeit zwischen dem Throne und Altare zuvor, und wußte die schuldige Verehrung gegen das Oberhaupt der Kirche in einen Bund mit der Vertheidigung der Rechte zu bringen, denen nie ein Fürst ungestraft entsaget hat.

Von diesem Betragen empfängt der Character der Gesetze, welche Theresia den Untergrabungen des Unglaubens entgegen setzte, einen um so höheren Werth. Überzeugt daß die Religion der weltlichen Gesetzgebung zur Stütze dienen müsse, hielt Sie es für die Gegenpflicht der weltlichen Gesetzgebung, die Stütze der Religion zu werden. Aber mehr als durch Gewalt ihrer Gesetze, ward das Ansehen dieses heiligen Bandes der bürgerlichen Gesellschaft durch den eigenen Vorgang der Fürstinn erhoben. Sie war ihrem Hofe, wie ihrem Volke in jeder gottesdienstlichen Übung, in Erfüllung jeder wesentlichen Pflicht das Muster. Ihr Wandel lehrte, ihre Handlungen empfahlen die Religion in der Ausübung, und machten dieselbe eben so liebenswürdig, als sie verehrungswürdig ist.

Diese geläuterte Religion war der Grundtrieb von allem, was die Fürstinn unternahm, war der undurchdringliche Schild, welchen Sie den so vielfältig auf Sie einstürmenden Widerwärtigkeiten entgegen warf, war der Pfeiler der Standhaftigkeit bey ihrem Hintritte. Wenn der Held in dem Gewühle der Schlacht dem Tode Hohn zu sprechen scheint, so umnebelt ihn der Dunst der Ehrsucht, und verhüllt ihm die Gefahren, in die er sich stürzt: seine Herzhaftigkeit ist Betäubung. Die Ruhe des Geistes, die ungeschwächte Heiterkeit Theresiens, als Sie mit jedem Athemzuge den Wink erwartete, der Sie zur Rechenschaft von ihrer Verwaltung abfordern würde, war die Entschlossenheit der Tugend. Das hohe Selbstbewußtseyn, vor dem Richter der Könige ohne Vorwurf erscheinen zu können, flößte der Heldinn der Religion bey dem erhabenen Ende die Zuversicht ein, mit welcher Sie ihre ruhmvolle Laufbahn so würdig beschloß.

Europa wird den Namen Maria Theresia immer mit Bewunderung, und die Nationen, die unter ihrem sanften Zepter glücklich waren, mit ewigdankbarer Verehrung aussprechen.

Die unsrige, meine Herren! soll sich in der Fortsetzung unsrer Anwendung auf Wissenschaften offenbaren, die in der großen Verstorbenen die Stifterinn dieses Lehrstuhls betrauern, aber nach nicht zweydeutigen Merkmahlen sich eines gleichen Schutzes von Demjenigen versichert halten können, den die Vorsicht ausersehen hat, so viele Reiche über den erlittenen Verlust zu trösten, und zu entschädigen. 

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