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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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I. Eine natürliche Schwester.Es ist hier nicht die Rede von einer Novelle oder von einem Roman; es wäre dieß schon bey der Überschrift bemerkt worden. – – Die Materialien dieser ausserordentlichen Begebenheit befinden sich in den Händen des Verfassers.

Der Graf Cobenzl, bevollmächtigter Minister der österreichischen Niederlande zu Brüssel, saß an einem Sommertage des Jahres 1768 in einer Gartenlaube, und blätterte in einer politischen Broschure. Da näherte sich der Kammerdiener, und überbrachte einen Brief. Als der Graf die Adresse betrachtete, schmunzelte er. Sie war offenbar von weiblicher Hand, und ringsum voll plumper Federzeichnungen im Roccocogeschmack, welche Amoretten, Herzen, Pfeile und dergleichen vorstellen sollten. Der Graf entließ den Diener, und erbrach das schwerfällige Siegel. Er las ungefähr Folgendes: Gnädiger Herr! Stutzen Sie nicht, daß eine Fremde sich an Sie wendet, um Rath und Zuflucht zu finden. Die hohe Achtung, welche man Ihnen allenthalben zollt, und Ihr mächtiger Einfluß bey Hofe, bestimmen mich dazu. Wer diejenige sey, die es wagt, Sie um Ihre Freundschaft zu bitten, sollen Sie binnen kurzer Zeit erfahren; und vielleicht wird es Ihnen angenehm seyn, den Wunsch der Schreiberinn erfüllt zu haben. Ich lege auf diese Worte ein Gewicht, und bitte, die gütige Antwort an Mademoiselle Frêle zu Bordeaux zu adressiren.

Der Brief war in schlechtem Französisch geschrieben und voll orthographischer Fehler. Der Graf steckte ihn zu sich, und fuhr fort, in seiner Broschure zu blättern.

Kurze Zeit hierauf langte ein Schreiben aus Prag an, unterzeichnet »Johann von Weissenstein« und folgenden Inhalts: »Sie werden, verehrter Graf, von einer Demoiselle Frêle zu Bordeaux einen Brief empfangen haben, in welchem dieselbe Sie bittet, Sich für sie zu interessiren. Ich kann Sie nur aufmuntern, dieses Zutrauen zu rechtfertigen, und muß Ihnen rathen, den Wünschen jener Person zu entsprechen. Es versteht sich von selbst, daß Sie solche auch mit Barschaft unterstützen können, wenn sie deren bedürfen sollte; und hier käme es gar nicht auf die Summe an. Schiessen Sie ihr indeß Tausend Ducaten vor.« Nach mehreren ähnlichen vertraulichen Äusserungen schloß das Schreiben mit den Worten: »Wenn Sie erfahren werden, wer die Unbekannte ist, so wird es Sie freuen, ihr nützlich gewesen zu seyn; und Sie werden gegen Diejenigen erkenntlich seyn, die Ihnen Gelegenheit dazu gegeben haben.«

Der Graf schrieb nun nach Bordeaux, und zwar, wie sich voraussetzen läßt, in den verbindlichsten Ausdrücken. Er sagte der Dame jegliche billige Willfahrung zu, machte aber zur Bedingung, daß sie ihm ihren wahren Namen nenne.

Nicht lange hierauf erhielt Graf Cobenzl eine Zuschrift aus Wien, in welcher er angelegentlich aufgefordert wurde, nicht zu ermangeln, der Demoiselle Frêle in Bordeaux gefällig zu seyn. Geldsummen aber anlangend, hieß es, so möge er bey deren unbedenklichen Bewilligung nicht unterlassen, der Dame ernstlich an das Herz zu legen, sich bey ihren Ausgaben besser einzuschränken, als es seither geschehen sey, ohne daß sie deßhalb förmlich zu sparen brauche. – Dieß Schreiben war unterfertigt: »Ihr unterthäniger Diener Graf von D***n.«

Graf Cobenzl beantwortete sowohl diesen Brief, als den früheren aus Prag. Keines seiner beyden Schreiben aber wurde erwiedert. Mit Demoiselle Frêle jedoch war ein förmlicher Briefwechsel eingetreten.

Im Spätherbste desselben Jahres erschien bey dem Grafen Cobenzl die Gattin eines Handelsmanns in Bordeaux, Namens Englumée, um mit ihm in wichtigen commerziellen Angelegenheiten zu sprechen. Die Rede kam auch auf Demoiselle Frêle; und die Kaufmannsfrau wußte nun guten Bescheid. Sie erschöpfte sich in Lobeserhebungen ihrer Schönheit und Großmuth, welch letztere, da die Dame ein großes Haus mache, wohl gewisser Massen an Verschwendung gränze. Zu bedauern ist, bemerkte die Frau, daß solch ein junges unerfahrnes Wesen sich selbst überlassen sey. Seit 3 Jahren hieß es weiter, wohne Demoiselle Frêle in Bordeaux; Jedermann begegne ihr mit der größten Achtung, besonders der Marschall von Richelieu. Sie habe eine auffallende Ähnlichkeit mit dem nun verstorbenen Gemahl der Kaiserinn Maria Theresia; ein geheimnißvolles Dunkel schwebe über ihrer Geburt; Niemand aber wage es, sich deutlicher darüber zu äussern; und die Dame selbst weiche allen Erörterungen ihrer Herkunft aus. – Dieß sind die Auskünfte, welche die Kaufmannsfrau dem Grafen Cobenzl gesprächweise ertheilte.

Des Grafen Correspondenz mit der Dame dauerte fort. Eines Tages schrieb sie ihm, es möge ihm gefallen, ihr eine Haube von Brüßlerspitzen zu senden im Werthe von 50 Louis'dor. Der Wunsch wurde augenblicklich erfüllt. Umgehend meldete sie ihm, daß sie die Haube zurückschicken werde; sie habe dieselbe nur einmahl getragen; sie sey nicht in der Lage, sie zu bezahlen. In der unverzüglichen Antwort des Grafen ward aber darauf gedrungen, die Haube zu behalten.

Nach einiger Zeit kam ein Schreiben an, nachstehenden Inhalts: »Gnädiger Herr! Sie fahren fort, meine höflichen Bitten zu verwirklichen, und ich fahre fort, Ihnen auf das Verbindlichste dafür zu danken. Ich sehe auch ein, daß ich Ihnen mehr Aufrichtigkeit schuldig sey, als ich bisher beobachtet habe; allein man kann nicht Alles dem Papiere anvertrauen, und ich verspare eine offenherzige Mittheilung auf eine Reise nach Brüssel, die ich vorhabe, zu unternehmen. Ihnen dann, nur Ihnen gnädiger Herr, werde ich gewisse Geheimnisse enthüllen; nie aber dem Grafen Mercy, kaiserlichem Bothschafter in Paris, der mich mit Zumuthungen verfolgt, sie ihm zu entdecken. Ich muß mich bey Ihnen förmlich über diesen Herrn beschweren. Um Ihnen zu beweisen, daß ich alles Zutrauen zu Ihnen habe, sende ich Ihnen hierbey mein Bildniß; vielleicht verkündigt Ihnen schon der Anblick desselben Einiges von dem, was ich Ihnen werde zu entdecken haben; und ich bitte Sie, es sorgfältig aufzubewahren.« – Das Miniatur-Porträt lag wirklich bey. Graf Cobenzl betrachtete es mit Theilnahme und Aufmerksamkeit; er fand, daß es das Antlitz eines allerdings sehr reizenden jungen Frauenzimmers sey; allein irgend eine Erinnerung, die sich auf besondere Verhältnisse beziehe, erweckte es nicht in ihm. Der Herzog Carl von Lothringen jedoch fand, daß das Porträt große Ähnlichkeit mit den Gesichtszügen und dem Incarnat seines verstorbenen Bruders, des Kaisers Franz I. habe. Der Prinz fügte hinzu: »Nahmentlich sind es ganz seine Augen.«

Dieses, wie alle andern Schreiben beantwortete der Graf mit Höflichkeit und Theilnahme, zugleich aber mit einer gewissen diplomatischen Zartheit, stets darauf bedacht, nicht zuviel zu wagen. Im Verlaufe dieses ununterbrochenen Briefwechsels meldete ihm die Dame, daß sie sich erlauben werde, ihm zwey Porträte zu schicken; mit einem derselben möchte er dann das ihrige vergleichen. Nachdem nun diese beyden Bildnisse geraume Zeit nicht eingetroffen waren, erinnerte der Graf daran. Hierauf wurde ihm die Antwort, sie befänden sich noch in den Händen eines Goldarbeiters, der noch nicht damit zu Stande gekommen sey, sie aus dem mit Brillanten besetzten Gehäuse heraus zu nehmen; wie dieß jedoch geschehen, würden sie sogleich folgen. Zwey Wochen hierauf kamen die beyden Porträte an. Es war das des Kaisers und jenes der Kaiserinn. Der Herzog Carl erkannte auf den ersten Anblick, daß sie von dem Meisterpinsel Livcards seyen.

Im December desselben Jahres erhielt der Graf v. Cobenzl in Betreff dieser Dame eine Zuschrift mit der höchst überraschenden Datirung: »Aus meinem Bette um 2 Uhr des Morgens. Wien.« In diesem Briefe wurde der Graf hinsichtlich der Art und Weise seines Verhaltens gegen die junge Dame sehr belobt, und es wurde ihm befohlen, ebenso fortzufahren. Es wurde ihm gesagt, daß man mit dem Benehmen des Grafen Mercy sehr unzufrieden sey, und daß ihm selbes bereits Unannehmlichkeiten zugezogen habe. Dieses arme Kind, lautete es weiter, habe schon so viel gelitten, daß man beschlossen habe, es in eine Lage zu versetzen, in welcher es volle Entschädigung finden werde. Ausdrücklich hieß es in dem Schreiben in Bezug auf die Dame: »Sie wurde mir von derjenigen Person, welche mir die liebste auf Erden war, so zärtlich empfohlen!« Es wurde dem Grafen aufgetragen, dem jungen Frauenzimmer eine klügere Öconomie einzuschärfen; und zuletzt wurde ihm die Unverbrüchlichkeit des Geheimnisses zur Pflicht gemacht. Unterzeichnet war dieser Brief nicht. Der Inhalt und der ganze Ton deuteten genugsam darauf hin, von wem er sey.

Nicht lange darauf schrieb die junge Dame dem Grafen, er müsse einen Brief empfangen haben, dessen Gegenstand sie selbst sey. Der Graf unterließ nicht, ihr dieß zu bestätigen, und hierauf lautete die Antwort: »Ich bin Ihnen für Ihre Güte sehr verbunden; allein wenn ich eines gewissen Dienstes benöthigt wäre, so muß ich Ihnen gestehen, daß ich mich vielmehr an Gott als an die Heiligen wenden würde. –«

Beinahe ein Jahr hatte dieser Briefwechsel gewährt, als der Graf Cobenzl Anfangs des Sommers 1769 Depeschen aus Wien erhielt, deren Inhalt in Beziehung auf die junge Dame ein höchst unerwarteter, ja ganz ausserordentlicher Art war. Es verhielt sich damit wie folgt. Der Hof von Versailles hatte, wahrscheinlich auf Anlaß der umsichtigen Beobachtungen des Grafen Mercy, den Wienerhof angegangen, Mademoiselle Frêle zu Bordeaux festzunehmen, und streng bewacht nach Brüssel zu schicken, um daselbst von dem Grafen Cobenzl und dem ersten Präsidenten Grafen Neny verhört zu werden. Fast gleichzeitig erhielt der Herzog von Lothringen von der Kaiserinn den Auftrag, diese Gefangene auf das Strengste bewachen zu lassen, und in All und Jedem in diesem Fache weder Mühe noch Geld zu sparen. In diesem Briefe Theresiens kommt die Stelle vor: »Diese Unglückliche gibt sich für eine Tochter unsres verstorbenen Herrn aus. Wenn dieß nur den mindesten Anschein von Wahrheit hätte, so würde ich sie wie meine eigenen Kinder lieben und halten; aber ich weiß, daß es Betrügerey ist; und ich will, man soll Alles in der Welt anwenden, damit dieser so geliebte und heilige Name unsers Herrn, von dieser Unglücklichen nicht mehr entweiht werde.« Es leuchtet ein, daß sowohl der Herzog von Lothringen als der Graf Cobenzl Alles aufbothen, um einem so gemessenen, ja strengen, die Ehre des Kaiserhauses betreffenden Befehle auf das Gewissenhafteste und Pünktlichste zu entsprechen.

Den Nachforschungen und Erhebungen des stets wachsamen, klug und thatkräftig wirksamen Grafen Mercy waren Geschehnisse vorausgegangen, die an das Fabelhafte gränzen, und von denen der Wienerhof mehr oder weniger unmittelbar war in Kenntniß gesetzt worden. Zu der Zeit nähmlich, als der unvergeßliche Kaiser Joseph nach Italien reisete, kam dem König von Spanien ein Schreiben zu, derart, daß er annehmen konnte, es rühre vom Kaiser her. In diesem Schreiben wurde ihm anvertraut, daß der verstorbene Kaiser Franz I. eine natürliche Tochter hinterlassen habe. Die Existenz derselben sey nur der Erzherzogin Marianna (Schwester des Kaisers) und einigen wenigen intimen Freunden des Vaters bekannt. Diese Tochter sey dem Kaiser Joseph als dessen natürliche Schwester auf das Zärtlichste empfohlen worden. Sie befinde sich zu Bordeaux. Der Kaiser wünsche, daß der König von Spanien sie von ihrem jetzigen Aufenthalte weg, und nach Madrid bringen lasse, um, bevor Anstalten, ihres hohen Standes würdig, getroffen worden, bey einer Dame oder in einem Kloster zu verweilen. Der Kaiser erbitte sich diesen Dienst als einen Beweis der Freundschaft von dem Könige; er selbst könne sich mit der Vollziehung einer solchen Maßregel nicht befassen, weil zu befürchten stehe, daß die Kaiserinn Etwas davon erfahre, der die Sache noch ein Geheimniß bleiben müsse.

Dieser Brief brachte bey dem König bald eine entgegengesetzte Wirkung hervor. Er schickte ihn dem Kaiser zu, der sich damahls in Mailand aufhielt, und bath um Aufklärungen. Joseph fand sich höchlich betroffen, und sandte beyde Schreiben seiner Mutter zu. Maria Theresia verfügte dann, wie wir oben erzählt haben.

In Gemäßheit dessen wurde Demoiselle Frêle im August 1769 zu Bordeaux in ihrer Wohnung festgenommen, und zwar von dem Lieutenant der Marechaussée Carel de Ferrand. Dieser Mann war ihr theilnehmendster Freund; sein Neffe hatte ihr seine Hand angetragen, die sie jedoch ausgeschlagen hatte. Die Verhaftung war kaum bekannt, als sich die zahlreichen Gläubiger einfanden, und mit Ungestüm Befriedigung verlangten. Besonders stürmisch und pöbelhaft erwies sich die Handelsfrau Englumée, von der Demoiselle Frêle bey dem Grafen Cobenzl so begeistert war vertreten worden.

Das junge Frauenzimmer ward von dieser Catastrophe so ergriffen, daß sie Blut auswarf, und der Kolik unterlag. Ihre Reise konnte nur langsam vor sich gehen. Als man sich der französischen Gränze näherte, ritt ein Mann, der aussah wie ein Curier auf den Wagen zu, warf ein Billet in denselben, und sprengte davon. Demoiselle Frêle erhielt von ihrem Begleiter, der jetzt der Gefreyte Poyot war, die Bewilligung, es zu lesen. Der Inhalt war: »Geliebtes Kind, man hat alles mögliche gethan, Sie zu retten; verlieren Sie den Muth nicht; hoffen Sie immer!« Die Demoiselle gab die feyerliche Versicherung, daß ihr weder der Reiter noch die Handschrift bekannt sey.

In Brüssel angekommen, wurde sie sogleich vor den Grafen Cobenzl gebracht. Ihr Anzug war höchst einfach; ihr Leibkleid war von grauem Tafft; darüber ein schwarzseidener Mantel mit Capuchon. Eine Art Schleyer von weißem Zeuge bedeckte ihr Gesicht. Wie sie in das Cabinett des Grafen trat, schlug sie den Schleyer zurück. Bey dem plötzlichen Anblick dieses liebreizenden, edlen und zugleich das innerste Seelenleid ausdrückenden Gesichts ward der Minister betroffen. »Ihr Gesicht« erzählt ein Augenzeuge »würde den unempfindlichsten Menschen zu ihrem Vortheil eingenommen haben. Sie ist groß und schlank gewachsen; ihre Schultern haben eine besonders gute Stellung; ihre Miene ist edel und sittsam. Sie hat den schönsten Hals und die schönsten Arme von der Welt; ihr Haar ist schwarz, von schönem Wuchs, und sehr geschickt zu dieser Krause, die so schwer zu finden ist. Sie hat eine frische Naturfarbe, gegen die entlehnte vortheilhaft abstechend; ihre Augen sind groß und lebhaft, und ihre Blicke könnten Alles sagen, was sie wollten. Eine kleine, zarte, etwas aufgestülpte Nase ist nicht die kleinste Zierde ihres Gesichts.«

Was die Reize dieser schönen Gefangenen noch erhöhte, ist die Verlegenheit, in der sie sich befand. Selbe schwand aber bald durch des Grafen Gewandtheit, und seine Gabe, Vertrauen einzuflößen. Wie in ihren Briefen, nannte sie ihn auch jetzt »Vater.« Als sie ihm wie eine gute Tochter die Hand küssen wollte, ließ er es nicht zu, sondern umarmte sie. Ihre französische Aussprache trug den Stämpel des deutschen Accentes. Besonders muß bemerkbar gemacht werden, daß ihre anfängliche Unruhe gleichwohl nicht die mindeste Spur von Furcht zeigte. –

Der Graf ersuchte sie, Platz zu nehmen, und setzte sich zu ihr. Er befragte sie um ihre Gesundheit; er bath sie, sich zu beruhigen, und versicherte sie, daß sie aller Beweise von Rücksicht und Achtung gewärtig seyn könne, wenn sie nicht ermangelte, aufrichtig zu seyn. »Ich werde Ihnen Alles sagen, mein lieber Vater,« entgegnete sie, »ich bin ein gutes Mädchen, das nie Jemanden Etwas zu Leide gethan hat. Es ist wahr, daß ich Schulden gemacht habe; aber ist denn das ein so großes Vergehen? Man hat mir so viel Geld gegeben; ich dachte, man werde immer damit fortfahren.« Auf dieses Thema kam sie immer wieder zurück, so daß es scheinen mußte, als hielte sie bloß ihre Verschwendung für die Ursache ihrer Verhaftung. Über das Benehmen der Englumée beklagte sie sich bitter. Sie bezog sich auf den Lieutenant Ferrand, der sie versichert habe, sie sey von jener Frau bey den Preisen der Putzartikel frech überhalten worden, und die Forderung könne um ein Gutes vermindert werden. Immer kam sie auf die Geldverwirrung zurück. Ihre Gefangenschaft, sagte sie im Verlaufe eines ziemlich einsylbigen Gespräches, mache ihr große Sorge; sie fragte den Grafen, ob sie nun wohl bey ihm könne wohnen bleiben? Der Graf legte ihr die Unmöglichkeit dar, und fügte bey, sie werbe sich in dem mehr bey der Stadt liegenden Schlosse Monterel, wo man ihr einen sehr anständigen Aufenthalt bereitet habe, recht wohl befinden; sie werde daselbst mit aller Achtung behandelt werden, und der Erfüllung ihrer billigen Wünsche werde nichts entgegen stehen. Der Graf versprach ihr, sie Tags darauf zu besuchen, und versicherte sie wiederholt seiner wärmsten Theilnahme. Seine Worte schienen den tröstendsten Eindruck hervorzubringen, und die schöne Gefangene beurlaubte sich mit allen Zeichen der Zufriedenheit.

Demoiselle Frêle wurde nun auf das Schloß Monterel gebracht. Ihr Begleiter war der Platzmajor de Camerlang, ein milder, heiterer und geistreicher Mann. Den folgenden Tag erhielt sie durch den Grafen Neny eine Kammerfrau. Als der Graf Cobenzl sie besuchte, fand er sie wohlgemuth; sie zeigte sich mit allen Anordnungen sehr befriedigt. Der Graf trug ihr Lecture an; allein sie lehnte selbe ab mit dem Bemerken, daß sie nicht wisse, was Langeweile sey, indem sie sich immer damit beschäftige, Luftschlösser zu bauen. Die junge Dame verstand weder zu lesen, noch zu schreiben. – Herr von Camerlang mühte sich ab, ihr beyzubringen, ihren Namen zu schreiben. –

Tags darauf begann das Verhör. Des Morgens um 10 Uhr fand sich der Graf Cobenzl und der erste Präsident Graf Neny bei der Gefangenen ein. Graf Neny war höchlich überrascht von der großen Ähnlichkeit der Dame mit dem verstorbenen Kaiser; er war betroffen und verlegen. Als man sie nach ihrem Geburtsort gefragt hatte, erwiederte sie, er sey ihr nicht bekannt; man habe ihr aber gesagt, das Land des Orts, in welchem sie erzogen worden, heiße Böhmen. –

Der Präsident frage weiter: »Ist der Ort eine Stadt? und wie lange mag es. seyn, daß Sie sich daselbst befunden haben?«

Die Antwort war: »Der Ort, an welchem ich erzogen worden bin, ist ein kleines abseitiges Landhaus; in der Nähe befand sich weder eine Stadt noch ein Dorf. Weiter zurück kann ich mich an nichts erinnern. Mein Gedächtniß sagt mir nur, daß ich zwey Frauen übergeben war, von denen die eine etwa 50, die andere ungefähr 30 Jahre alt gewesen seyn mag. Zu dem alten Weibe sagte ich Mama; das andere nannte ich Catharina. Ich schlief in der Kammer des ältern Weibes. Beyde behandelten mich sanft und achtungsvoll. Zeitweise kam ein Geistlicher zu uns, den ich späterhin für einen Jesuiten hielt. Er pflegte in einem Zimmer des Hauses Messe zu lesen, und gab mir Unterricht in der christlichen Religion. Die ältere Frau, die, welche ich Mama nannte, begann mir die Kunst zu lesen und zu schreiben beyzubringen. Als aber der Geistliche das erfuhr, sträubte er sich dagegen, und untersagte es, worauf denn die Frau es einstellte. Der Geistliche übrigens begegnete mir stets mit ausgezeichneter Achtung.«

Es begreift sich, daß diese Aussagen einen eigenthümlichen Eindruck auf die beyden Richter hervorbrachten. Sie hielten inne, und besprachen sich leise; vielleicht theilten sie sich ihre Vermuthungen mit. In der Fortsetzung des Verhörs ertheilte die reizende Inquisitinn folgende Auskünfte: »Beyläufig ein Jahr hierauf kamen zwey Männer zu Pferde an; sie waren in Jagdkleidern; der Eine hatte eine sehr ansprechende Gesichtsbildung. Als sie in das Haus getreten waren, wurde ich sogleich gerufen. Dieser letztere Fremde umarmte mich, setzte mich auf den Schoß, liebkoste mich, und empfahl mir, mich gut aufzuführen und folgsam zu seyn. Ich vermuthe, daß dieser Mann mich schon in früherer Zeit gesehen habe, denn ich erinnere mich, ihn sagen gehört zu haben, ich sey bedeutend größer und sehr verändert. Ich kann mich aber nicht entsinnen, daß ich ihn jemahls gesehen hätte. Etwa anderthalb Jahre nach diesem Besuch, fand sich derselbe Mann mit dem nähmlichen Begleiter, Beyde in derselben Tracht wieder ein. Dießmahl prägten sich die Gesichtszüge des Fremden tief und unauslöschlich in meine Seele ein, dergestalt, daß ich ihn nie und nimmer werde vergessen können; sein Anblick übte dießmahl einen geheimen, mächtigen Eindruck auf mich aus. Dieser Mann war von mittlerer Statur und ziemlich beleibt; seine Stirne war frey, seine Gesichtsfarbe frisch, sein Bart schwarz; an einer der Schläfe hatte er ein kleines weißliches Mahl.«

Bey diesen letztern Worten hefteten sich ihre Blicke eine Minute lang starr auf das Gesicht des Grafen Neny, und bemerkte hierauf, daß selbes große Ähnlichkeit mit jenem des Fremden habe, besonders was die untere Hälfte betrifft; eigens übereinstimmend sey der Mund. Dann fuhr sie fort: »Als ich jenen unvergeßlichen Fremden das zweyte Mahl sah, nahm ich unter seinem Oberrocke etwas Rothes an seinem Halse wahr; ich fragte darnach, und erhielt die Antwort, es sey ein Zeichen, an dem man die Offiziere unterscheide. Was ist denn das: ein Offizier? fragte ich; und der Mann erwiederte lächelnd: »Das sind brave Leute! Sie, mein Kind, sind verbunden selbe zu lieben, weil Sie selbst die Tochter eines Offiziers sind.« Diese Äußerung, gerade aus diesem Munde, erneuerte plötzlich eine unnennbare, zugleich süße und wehmüthige Sympathie in meinem Herzen; ich ward innig gerührt, betrachtete den Mann erröthend, und als er sich anschickte sich zu entfernen, brach ich in Thränen aus. Er ward bewegt, schien zu seufzen, und tröstete mich mit dem Versprechen, sich bald wieder einzufinden. Er kam wohl wieder, aber erst in zwey Jahren. In meiner stillen aber festen Anhänglichkeit entschlüpfte es mir, ihm darüber Vorwürfe zu machen. Er sagte, eine schwere Krankheit sey die Ursache seiner langen Abwesenheit, gerade in jener Jahreszeit gewesen, in welcher er vorhatte, mich zu besuchen; und zwar in Folge einer heftigen Erhitzung auf der JagdDer Herzog Carl von Lothringen erinnerte sich, daß sein Bruder der Kaiser so ziemlich um jene Zeit, von der das Mädchen sprach, alsbald nach einer Jagdparthie bedenklich erkrankt sey.. Dieser dritte Besuch war der letzte; mit innigstem Schmerze erzähle ich dieß!«

Bey diesen Worten schien die Sprechende sehr angegriffen. Doch erholte sie sich bald. »Diese letzte Zusammenkunft,« sagte sie, »war für mich sehr wichtig. Als der Fremde seine gefährliche Krankheit erwähnt hatte, zerfloß ich in Thränen. Dieß bewegte ihn sehr, und als er mich um die Ursache meiner Rührung fragte, entgegnete ich: »Weil ich Sie liebe.« Zärtlich erwiederte er, daß er mich gleichfalls liebe; er wolle für mich sorgen, mich reich und glücklich machen; Haus, Vermögen und Dienerschaft sollte ich erhalten; meine Domestiken würden gelbe und blaue Livrée haben. Während der Unterredung fragte mich der Fremde, ob ich die Königinn sehen wolle. Ich erwiederte, daß ich nicht wisse, was eine Königinn sey. Er sagte hierauf: »Die Königinn, welche ich meine, ist eine schöne Frau; Sie würden sehr von ihr geliebt werden; aber ihre Ruhe erheischt, daß sie nie Ihre Bekanntschaft mache.« Der Fremde umarmte mich zärtlich und schenkte mir jene zwey Bildnisse, die ich von Bordeaux aus dem Herrn Grafen von Cobenzl gesendet habe. Als ich die Porträte betrachtete, fand ich, daß das männliche desselben dem Fremden vollkommen ähnlich sey; ich sagte ihm das mit Verwunderung, und er bestätigte, daß er selbst das Original sey. Hierauf übergab er mir noch ein drittes Bildniß. Dieß stellte eine verschleyerte Dame vor. Der Fremde sagte, das sey seine Mutter, und setzte hinzu, ich möchte alle drey Porträte sorgfältig aufbewahren. Sie befanden sich in einem Beutel von blauer Seide, der auch eine große Anzahl Ducaten enthielt. Als der Mann Abschied nahm, versicherte er mich wiederholt, daß ich glücklich werden solle; ich müsse ihm aber versprechen, unverheirathet zu bleiben, und diese Zusage auf das gewissenhafteste erfüllen. Der Abschied war zärtlich und voll Trauer; Beyde schluchzten wir.«

Bey diesen Worten hielt sie inne, blickte gen Himmel, und seufzte. Nach einer kleinen Pause, und nachdem sie mit dem Rücken der Hand sich mehrere Mahle über die Stirne gefahren, erzählte sie Folgendes: »In der Zeit zwischen dem ersten und zweyten Besuch jenes Herrn, kam eines Tages eine Dame in Begleitung zweyer Männer in dem Landhause an. Sie war von mittlerer Größe und etwas stark beleibt, von weißem Teint und anziehender Gesichtsbildung; ihre Kleidung war sehr einfach. Sie begehrte mich zu sehen, und betrachtete mich sehr aufmerksam und anhaltend. Bald gingen ihr die Augen über, und sie seufzte. Mit stammelnder Zunge richtete sie mehrere doch ganz unbedeutende Fragen an mich; dieß schien mehr zu geschehen, ihre Verlegenheit zu verbergen. Zwey bis drey Mahl umarmte sie mich. Schluchzend sprach sie: »Mein Kind, Sie sind sehr unglücklich.« Ihre Bewegung nahm so sehr zu, daß sie Wasser verlangte, um sich zu laben; sie war einer Ohnmacht nahe. Plötzlich dann erhob sie sich und zog von dannen. Ich war ebenfalls sehr gerührt. Es kam mir vor, als möge das meine Mutter seyn; allein ich kann gleichwohl nicht mit Bestimmtheit sagen, daß sie völlige Ähnlichkeit mit dem in meinen Händen befindlichen Porträt gehabt habe.

»Es mögen einige Monathe nach der letzten Zusammenkunft mit dem fremden Herrn verflossen seyn, als eines Tages jener Geistliche, dessen ich schon erwähnt habe, mir berichtete, mein Beschützer sey gestorbenKaiser Franz I. starb 1765, den 18. August, zu Innsbruck., und habe kurz vor seinem Hinscheiden befohlen, daß man mich in ein Kloster nach Frankreich bringe. In wenigen Tagen reisen wir ab, sagte der Mann, und er sey nun auch hier, mir das Maß zu Kleidern zu nehmen. Er that dieß auch wirklich mittelst eines Bandes. Eine Woche darnach kam er nächtlicher Weile in einer Postkutsche an, und brachte mir vollständige Anzüge mit, zwey Pelze, dann ein schwarzes und ein rothes Kleid. Seither war meine Tracht sehr ordinär, und zwar von Barchent. Auf Geheiß des Geistlichen wurden sogleich meine geringen Habseligkeiten zusammengepackt, und ich zog einen blauen Pelz an. Also reisefertig stieg ich mit meinem Führer und mit Catharinen in den Wagen; bey der Trennung von der ältern Frau, die ich stets Mama genannt hatte, zerfloß ich in Thränen; aber die Angst vor dem Kloster, gegen das ich einen unüberwindlichen Widerwillen hatte, überwältigte bald alle meine Empfindungen. Die Schilderung, welche mir die beyden Frauen während der letzten acht Tage von dem Klosterwesen gemacht, hatte mir Entsetzen eingeflößt; ich bebte vor dem Gedanken, zeitlebens in solchen Mauern zu schmachten; noch jetzt schaudere ich.«

Die Sprechende zuckte bey diesen Worten auf, dachte einen Augenblick nach, und fuhr dann fort: »Unsere Reise ward ohne Aufenthalt fortgesetzt; die Städte und Orte aber, durch welche wir fuhren, vermag ich nicht zu nennen. Wir kamen in Hamburg an. Hier verabschiedete der Geistliche Catharinen, und mich hieß er ein nach Bordeaux abgehendes Schiff besteigen. Als ich mich am Bord befand, näherte sich mir ein Mann von etwa 50 Jahren, und erklärte mir, daß er während der Reise zu meinen Diensten sey, und für mich sorgen werde. In Bordeaux angelangt, wurde ich von ihm zu einem deutschen Handelsmanne gebracht, der sich daselbst ansässig gemacht hatte; dessen Frau übergab mich einer Frau Guillaumot. Bey dieser wohnte ich während der ganzen Zeit meines dortigen Aufenthalts. Ich muß nachträglich anführen, daß der Geistliche, als ich in Hamburg im Begriffe war, das Schiff zu besteigen, mir gesagt hatte, mein Nahme sey Felicie Julie von Schönau. Unter dieser Adresse kam 14 Tage nach meinem Eintreffen in Bordeaux ein Brief an. Die Frau Guillaumot las ihn mir vor. Der Brief enthielt gute Lehren, und die Zusage, daß ich reichlich mit Geld solle versehen werden. Ich solle, hieß es darinn, bey dieser Frau verbleiben, und sie angehen, ihre anderen Pensionärinnen aus dem Hause zu geben, um mir selbes für mich allein zu überlassen. Noch wurde mir in diesem Briefe empfohlen, bescheiden und nicht neugierig zu seyn. Er war ohne Unterschrift und ohne Datum. Nach einigen Tagen fand sich ein Mann bey uns ein, welcher mir Tausend Louisd'or behändigte. Er äußerte bloß, daß er den Befehl habe, diese Summe zu meiner Einrichtung zu überbringen. Als ich ihn fragte, woher dieses Geld komme, beschränkte er sich darauf, mich zu bitten, mir darüber keine Unruhe zu machen und nicht neugierig zu seyn. Ich hielt diesen Mann für einen Geistlichen. Alsbald miethete ich mir ein Haus, und schaffte mir Equipage an. Frau Guillaumot zog zu mir, und ich lebte in dem angenehmsten Umgang, unter den schönsten Zerstreuungen, heiter, froh und glücklich bis zu dem Augenblick meiner Verhaftung.«

Es leuchtet ein, daß die meisten dieser Aussagen den Ansichten der beyden Richter nicht wohl entsprechen konnten. Insbesondere fand der Graf Cobenzl an dem Moment der Einschiffung und jenem der Ankunft zu Bordeaux viel Seltsames. Er bemerkte also der Dame, daß sie ihn wohl mit Erfindungen zu täuschen suche, und forderte sie auf, sich zu erinnern, was er gleich Anfangs zur Bedingung gemacht habe. Nur durch volle Aufrichtigkeit könne sie sich des Schutzes der Kaiserinn würdig machen; im Gegentheil müsse er ihr seine eigene Verwendung entziehen; alle Folgen ihrer Unwahrhaftigkeit würden nur sie selbst schwer treffen. Der Graf sagte das mit solcher Entschiedenheit, mit solchem strengen Ernst, daß die Inquisitinn in Verwirrung gerieth, um so mehr, als dieß sein jetziges Benehmen so grell gegen sein früheres sanftes, mildes vertrauenerweckendes abstach. Der Graf zeigte sich entrüstet, und ließ sogar das Wort »Betrügerey« fallen. Als er vollends Miene machte sich zu entfernen, fiel sie ihm zu Füssen, schluchzte und gestand, sie habe allerdings Ursache sich Vorwürfe zu machen; sie wolle noch ganz Anderes erzählen, allein sie könne das nicht in Beyseyn des Secretärs thun. Auf einen Wink des Grafen trat der Secretär ab. Nun verfiel sie in lautes Weinen, warf sich neuerdings vor dem Grafen nieder, und beschwor ihn, Mitleid zu haben, und ihr zu verzeihen, daß sie ihm in Betreff der Einschiffung nicht die Wahrheit erzählt habe. Alles aber schwur sie, was sie über ihre Schicksale in Böhmen beygebracht, verhalte sich genau so, bis zu dem Augenblick, wo sie von dem Geistlichen abgeholt wurde. In Betreff dieser ganzen früheren Periode beharrte sie mit Festigkeit auf ihrer Aussage, und bath sofort, sie ruhig anzuhören, indem sie nun das Übrige der Wahrheit gemäß verbessern und ergänzen wolle.

Diese willkommene Bitte wurde ihr mit aller Bereitwilligkeit gewährt. Man ließ ihr Zeit, sich zu erholen, sich zu sammeln und vorzubereiten, schärfte ihr aber wiederholt ein, sich jeglicher Unwahrheit zu enthalten. Was sie nun erzählte, ist Folgendes:

Man wird sich erinnern, daß der Geistliche, als er gekommen war, sie abzuholen, ihr eröffnet hatte, sie sey bestimmt, in ein Kloster gebracht zu werden. Ihr Widerwille gegen ein solches Los aber, erzeugte in ihr den Gedanken, einem so bittern Schicksal durch die Flucht zu entrinnen. Während der Reise both sich keine Gelegenheit dar, diesen Vorsatz auszuführen; bey der Ankunft in Hamburg jedoch, als sie das Meer und die Schiffe erblickte, faßte sie sogleich den Entschluß, ihre Flucht von hier aus zu bewerkstelligen. In der Nacht, welche der von dem Geistlichen festgesetzten Einschiffung vorausgegangen, entfernte sie sich von Catharinens Seite, aus dem Bette, kleidete sich an, packte einige Bündel Wäsche und Kleider zusammen, steckte den Beutel mit den drey Porträten und den hundert Ducaten zu sich, schlich sich zum Hause und zur Stadt hinaus, und wanderte rasch von dannen. Sie ging so schnell und so lange, daß sie bey ihrem angegriffenen Gemüthszustande vor Ermattung zusammensank, sich mühsam in die Scheune eines Meierhofs schleppte, und da einschlief. In diesem Zustande wurde sie von dem Eigenthümer der Meierey angetroffen. Dieser Mann, ein Bauer, hatte Mitleid mit ihr, ihre Jugend und Schönheit rührten ihn, und er trug ihr an, eine Stube in seinem Hause anzunehmen. Sie ging darauf ein; jedoch aus Furcht vor der Nähe Hamburgs, verließ sie dieses Asyl, ohne daß die theilnehmenden Bauersleute zu bewegen gewesen wären, eine Erkenntlichkeit anzunehmen.

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