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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 19
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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XVI. Joseph der Zweyte; ein Gemählde ohne Schatten.

Dieß ist der Titel einer, 61 Seiten starken Schrift von Franz Cajetan Reisinger, Professor der Philosophie in Olmütz, nähmlich einer Vorlesung, gehalten den 10. April 1790, gedruckt zu Olmütz bey Hirnlein. Der 6 Seiten lange Eingang, betitelt »Übersicht,« eigentlich das Programm bildend, eine Centralansicht von des unvergeßlichen Monarchen Wesen und Seyn, muß uns der Aufbewahrung und größern Verbreitung würdig scheinen. Die Leser werden mit uns einverstanden seyn; und hier also ist das Porträt, wie der würdige Reisinger mit scharfen Pinselstrichen es entworfen.

Übersicht.

Nicht nur der Geschichte, auch dem gleichzeitigen Schriftsteller und Redner ist es erlaubt, strenge und unpartheyisch Monarchen zu schildern, wenn trockene Erzählung der Thaten die Stelle des Lobes vertritt, und man es wagt, zu gestehen, daß auch Monarchen Menschen sind.

Der Zweck dieser Vorlesung ist: ein vollständiger, unpartheyischer Begriff von Josephs Charakter und lebhaftes Gefühl seines Verlustes.

Diesen Zweck zu erreichen, bedarf es weder eines rednerischen Schmuckes, noch aus der Vorwelt hergeholten Beyspiele. Josephs Bild bedarf keiner fremden Strahlen; denn er verdient: als Mensch unsre Liebe, als Monarch unsre Hochachtung, und als Christ unsre Nachahmung.

  1. Joseph als Mensch.
    1. Er kannte den Werth der Menschheit – schätzte sie, und schützte ihre Rechte. Deßwegen:
      1. Gestattete er Jedem freyen Zutritt.
      2. War er am liebsten im Zirkel seiner Unterthanen.
      3. Verboth er die Kniebeugung, die er für erniedrigend hielt.
      4. Und hob die Leibeigenschaft auf.
    2. Menschen waren seine Brüder, denn er liebte sie. Diese Liebe zeigte er:
      1. Durch den warmen Antheil an dem Leiden seiner Unterthanen.
      2. Durch seine Gegenwart bey Unglücksfällen.
      3. Durch den Muth, mit dem er selbst Gefahren entgegen ging – Beyspiel.
      4. Durch das Aufsuchen des verborgenen Elendes – Beyspiel.
  2. Joseph als Monarch.
    1. Seine Bildung ist merkwürdig – denn sie war:
      1. Zum Theil unbekannt; Theresiens religiöse Grundsätze, Franzens Vorliebe für Handlung und Wissenschaften stimmen mit Josephs Denkungsart und Lieblingsbeschäftigung nicht überein.
      2. zum Theil selbst erworben, durch Reisen, welche nützlich für seine Staaten waren, dieß beweisen sowohl seine inländischen Reisen nach Ungarn, Böhmen u. s. w. – als auch seine ausländischen nach Rom und Paris, wo er das Taubstummen-Institut sah, und in seinen Ländern errichtete.
    2. Seine Regierung ist glänzend!
      1. Groß und erhaben war der Plan derselben. Diesen erkennt man aus einem Schreiben Josephs an die Stadt Ofen.
      2. Mühsam und wohlthätig für die Nation war die Ausführung dieses Planes.
        1. Auswurzlung der Vorurtheile und Aufklärung beförderte Joseph durch Preßfreyheit und Toleranz.
        2. Population durch die Aufnahme der Fremden, deren Anzahl 38000 beträgt, und durch den ausländischen Waarenverboth;
        3. Handlung durch neueröffnete, und verbesserte Seehäfen.
        4. Trost und Hilfe verschaffte er der leidenden Menschheit durch verbessertes chirurgisches Studium, Kranken- Gebähr und Findelhäuser.
        5. Beschleunigung aller Geschäfte.
    3. Alle Klagen verdunkeln den Glanz seiner Regierung nicht.
      1. Viele dieser Klagen treffen nicht ihn und sind daher ungerecht.
        1. Seine Absichten wurden oft verkannt, darüber beschwerte er sich selbst.
        2. Seine besten Anstalten oft gemißbrauchet, als: Preßfreyheit und Toleranz.
      2. Jene Klagen, die ihn treffen, beweisen nichts gegen sein Herz, sondern nur: daß auch Monarchen Menschen sind.
        1. Joseph entschied durch Machtsprüche und verschärfte zuweilen die vom Gesetze bestimmte Strafe; dazu verleiteten ihn zu eifriger Wunsch, Verbrechen zu mindern.
        2. Er wurde mißtrauisch, durch unglückliche Erfahrung.
        3. Durch die Einziehung aller Stiftungen entzog er den Unterthanen nichts.
        4. Seine Öconomie bezog sich mehr auf seine eigene Person – wurde aber verkannt.
        5. Endlich waren seine Anstalten oft aufgedrungen, und ihre Ausführung zu schnell, weil sein Eifer für das Gute zu heftig war.
  3. Joseph als Christ.
    1. Wie Joseph bethete, bethet der Christ. Ohne Prunk, im Gefühle des Staubes, mitten unter dem Volk, auf seinen Knien.
    2. Wie Joseph litt, leidet der Christ.
      1. In seinem Leben erlitt er manchen traurigen Verlust, Verlust zweyer Gemahlinnen, eines Vaters, einer Mutter, einer Tochter.
      2. Auf seinem Sterbebette konnten weder die Schmerzen des Körpers seinen Geist beugen, noch die Ankündigung des nahen Todes ihn niederschlagen.
      3. Aber schwer empfand er den Gedanken vereitelter Plane, unvollendeter Werke, und das Gefühl, von seinen Unterthanen verkannt zu seyn.
      4. Tief kränkten ihn Niederlands Trotz und Starrsinn – und
      5. Elisens Tod machte das Maß seiner Leiden voll!

Reisingers Schrift schließt mit folgender Strophe aus Eulogius Schneiders Elegie an den sterbenden Joseph:

Gibt's für dich noch einen Kummer?
Nein! – So schlaf den Todesschlummer,
Schlaf ihn sanft und ohne Schmerz!
Schlaf du ärmster aller Großen,
Denn der Kelch ist ausgegossen,
Ausgeblutet hat dein Herz.
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