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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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XI. Rhapsodien über Kaiser Joseph.

von Friedr. Carl von Moser (Reichshofrath, berühmter Pub-
licist, †1798) handschriftlich an seinen Freund, der dann
(1816) Einiges davon veröffentlichte.

1.

Seine Erziehung und sein Unterricht war ganz von Jesuiten entworfen und geleitet. Sprachen, Mathematik, Physik, und überhaupt Memoirenwerk, waren die Hauptsache. Sein erster Ajo oder Oberhofmeister war der Graf, nachher Fürst Batthyani, um den Ungarn zu schmeicheln. Ich stand dabey, als der Kaiser einst, noch bey Batthyanis Leben, sagte: Ich habe von meinem Oberhofmeister nichts gelernt, als zu sagen: Leck mich im A***. Wenn die Lehrstunden kamen; so ward unter zehn Stunden fünfmal gesagt: Der Herr kann nur wieder gehen! Wollen Ihr Hoheit nicht ins Ballhaus? Wollen Sie nicht spazieren reiten? Es sollte so ein königlicher Bär mit dem Ring in der Nase aus ihm gezogen werden. Sein Geist keimte aber früh in ihm hervor. Ich weiß aus dem Mund des nun verstorbenen Herrn von Martini, der ihn die Geschichte lehren mußte, daß Joseph ihn oft gebeten, ihm heimlich Bücher mitzubringen, aus denen er was lernen könnte; wie er dann auch in zunehmenden Jahren ganze halbe Tage in der kaiserlichen Bibliothek zugebracht, und noch als Kaiser, äußerst les- und wißbegierig war. Das meiste Verdienst um ihn hat der Baron Beck, der als gewesener Corrector von Frankfurt nach Wien kam, allda aus Armuth katholisch, Professor und zuletzt Reichsreferendarius wurde. Dieser mußte den Kaiser als Kronprinzen das Staatsrecht lehren; und dieser wars, der ihm zuerst die Gräuel und Tiefen der römischen Hierarchie, und wie die Päpste mit den Kaisern hausten, kenntlich machte, und den ersten Grund legte zu der nachherigen Explosion.

2.

Seinen Starrkopf erbte er von seiner Mutter. Schon als Knabe von vier Jahren hatte er einen so eisernen Eigensinn, daß er sich einst vornahm, nichts zu essen, als was ihm beliebte. Zu allem, was Ihm sein Ajo präsentirte, sagte er: »I mog net.« Er trieb dieß Spiel acht Tage lang. Die Kaiserinn Königinn kam darüber selbst in Angst. Ein alter Offizier, der den kleinen Starrkopf besser als die Mutter kannte, und der ein Bauchredner war, erboth sich, ihn zu kuriren, ließ sich, mit Vorwissen der Aja, unter den langen Teppich der Tafel verstecken und als der Knabe wieder sagte: »I mog net,« brüllte er fürchterlich unter dem Teppich: »Willst du essen?« Das Kind, durch die Aja bestärkt, meinte, die Stimme käme vom Himmel, und sagte von Stund an nicht mehr: »I mog net.«

3.

Als es hieß, daß ein Paar Reichshofräthe wären abgesetzt worden, schrieb Moser 1790: Es ist kein Reichshofrath abgesetzt worden. Der Schelm, dem der Kaiser auf der Spur war, lebt noch. Der Kaiser konnte mit den Beweisen gegen ihn nicht aufkommen, und wollte doch nicht via facti zufahren, ungeachtet ganz Wien und Deutschland den Mäkler kannten. Graf Grävenitz und Baron Ditmar, die er erst vor wenigen Jahren cassirte, sind nicht wegen Justiz-Verfälschung, sondern wegen Schuldenmachen und unedler Handlungen entlassen worden. Der Kaiser sprach mehr denn einmal mit mir über jenen Schurken und sagte dann: »Es wird mir mit ihm gehen, wie meinem Herrn Vater mit dem Vockel; so lang er lebte, wollte keiner das Maul aufthun; und kaum war er todt, so haben sie ihm alle aufs Grab gemacht.« Dagegen hatte er aber auch eine so souveräne Verachtung gegen den Reichshofrath gefaßt, daß er sich nicht nur mit seinen Kammerdienern glühend lustig über manche Mitglieder machte, sondern, ungeachtet er alle andern Collegien, ja Gefängnisse und Lazarethe besuchte, er in seinem ganzen Leben nicht dahin zu bringen war, nur einmal in den Reichshofrath zu kommen.

4.

Ganz zuverläßig wahr ist es, daß die Concepte der ersten, nach Marien Theresiens Tode publicirten Toleranz-Patente schon drey Jahre lang in ihrem Schreibcabinet gelegen hatten. Sie wollte aber in Ruhe sterben. Der Joseph, sagte sie, mags ausführen. Der Kaiser gab sie in der ersten ungeduldigen Wärme zur Bekanntmachung hinaus, und die Österreicher hatten die Bosheit, sie wie sie waren, ohne Eingang und Schluß, ohne Kopf und ohne Schweif bekannt zu machen. Drum sehen sie auch so verhunzt aus.

5.

Personen, die es wissen können, haben mich in Wien versichert, Papst Pius VI. habe den Kaiser mit Thränen gebethen, die völlige Ausführung seiner kirchlichen Plane doch bis zu seinem, des Papstes Ableben zu versparen, der Kaiser habe es ihm auch versprochen. Die Plane gingen viel, viel weiter. Wie römische List und Verkettung mit und durch Rußland, großen Theils auch die Erinnerung einer gewissen höchst interessanten Rede Friedrichs des Großen an Kaiser Joseph, den Sachen eine ganz andere Wendung gegeben, wäre zu weitläufig zu erzählen. Wäre es in dem Ideengang des Kaisers gelegen, langsam zu handeln; hätte er nicht immer gesagt: Ich habe schon zwanzig Jahre warten müssen u. s. w., welche Katastrophen wären erfolgt! Man sah aber zu bald, daß die Toleranz nur auf der Mauth wohne, und da der Kaiser die Bischöfe zu Passau, Brixen u. s. w. selbst nöthigte, den König in Preußen um Schutz und Fürsprache anzuflehen, so wurden die Blinden bald wieder sehend und die holländischen, frankfurtischen, cölnischen &c. Banquiers trauten vom Anfang an, dem Handel nicht.

6.

Aus einem Brief vom 21. October 1787: Dem Kaiser wird ein Türkenkrieg willkommen seyn, und in Hoffnung schläft er gewiß schon in Belgrad. Der Großvezier hatte aber auch nicht Unrecht, wenn er dem österreichischen Gesandten vorhielt, daß unter allen christlichen Potentaten die Türken die einzigen waren, die das Hans Österreich in seiner größten Noth im Jahre 1740 nicht mit unterdrücken halfen. Wenn Joseph die Stimme eines seiner größten Generale hören wollte – er wird sie aber nicht hören – so würde er sich vor einem Türkenkrieg hüthen, wie vor der Hölle, und, wenn Er's seiner Freundinn Katharine machte, wie sie Ihm, da Sie die Krimm wegschnappte, und Ihn zusehen ließ; so würde nur eine alte Fabel wieder gespielt.

Aus einem Brief vom 5. April 1785: Wenn bey dem jetzigen Türkenkrieg die ehemahligen Kirchengebethe wieder eingeführt werden; so dürfte im Herzen mehr für die Türken, als für Joseph II. gebethet werden. Es ist ein ungerechter Krieg, und ein Monument von Undank, das keine Zeit noch Geschichte vertilgen wird. Noch ist gar nicht angefangen, und wie viele Tausende sind schon gemetzelt! Wie viele wird Klima, schlechtes Wasser, Seuchen und der türkische Säbel wegraffen? Wie früh wird der Kaiser Ursache finden, sichs gereuen zu lassen, und wie bald wird er Graecam fidem seiner Bundesgenossen näher kennen lernen! Wie unsterblich wäre sein Ruhm und Nahme geworden, wenn er den zehnten Theil dieser Kosten zum Flor und Besten seiner alten Erblande verwendet hätte! Ich kann nicht aufhören zu jammern, so oft ich nur daran denke, und beklage den Irrgang eines sonst mit großen Parthien und Gaben versehenen Monarchen. Doch danke ich Gott dafür, weder im Civili noch im Militari sein Diener zu seyn.

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