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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 13
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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X. Joseph II. und Professor Feßler in Lemberg.

Als der Kaiser auf seiner Reise nach Rußland im Jahre 1787 nach Lemberg kam, sprach er Feßlern mehrere Mahle. Feßler erzählte über Josephs Aufenthalt daselbst manches Wichtige und Pikante; und es muß uns wirklich wundern, daß es von den Anecdotensammlern nicht benützt worden ist. Wir geben hier einen Auszug. Feßler berichtet:

An der Pforte des Seminariums für den griechischen Ritus empfingen ihn der Rector, den er weder eines Anblickes, noch einer Anrede würdigte, und die Professoren der theologischen Facultät, unter welchen ich ihm in netter Abbé-Kleidung am meisten mochte aufgefallen seyn. Auf die von ihm verlangte Angabe meines Nahmens und ehemahligen Standes, erwiederte er freundlich lächelnd: »Jetzt ziemlich luftig,« und unterhielt sich forthin nur mit mir. Im Hofe standen die Seminaristen, über zweihundert, nach ihren Classen, in zwei Reihen aufgestellt. Er ging die Reihen hinunter und herauf, besah jeden und fragte mehrere, die ihm entweder der ausdrucksvollen Physiognomie, des guten Wuchses, oder des Alters wegen auffielen, um ihre Nahmen. Hierauf befahl er ihnen sich nach ihren Landsmannschaften zu stellen, und rühmte die Schnelligkeit, mit welcher die Galizier, Ungarn, Slavonier und Croaten abgesondert sich stellten. Alle Museen, Dormitoren und Zimmer durchgehend, trat er auch in das meinige. Unter flüchtigem Anblicke meiner Bücherschränke fielen ihm des Helvetius Schriften in das Gesicht. »Dieß Buch« sprach er, »wird von Rom aus, selbst Bischöfen verboten: wer hat es Ihnen erlaubt?« meine Antwort: »Ew. Majestät und mein Gewissen,« nahm er mit Wohlgefallen auf. Er liebte fertige, kurze und freymüthige Antworten, wer damit zauderte, oder ihm nicht unwandelbar in die Augen sah, hatte schon dadurch viel bey ihm verloren. Sein Blick hingegen fixirte stark, und sein Übergang von der anziehendsten Popularität zur höchsten Majestät war meisterhaft und eindringend. In dem Speisesaal kostete er das Brot und war damit zufrieden. Im Correctionszimmer erzählte er mir, daß bey der Untersuchung der Klostergefängnisse in den Nonnenklöstern Spuren weit größerer Grausamkeiten, als in den Mönchsklöstern entdeckt worden seyen. Manches hatte er italienisch, seine Lieblingssprache, vieles lateinisch, fertig und richtig, das meiste deutsch, ganz im wienerischen Dialecte gesprochen.

Allen Menschen zugänglich, unterhielt er sich doch mit denen, die nichts von ihm verlangten am liebsten und längsten; sie zutraulich und aufrichtig zu machen, hatte er ganz in seiner Gewalt. Das erfuhr ich am 15. In einen blauen soliden Leibrock gekleidet, verfügte ich mich nach geschlossenen Vorlesungen in Preschels Haus, wo er vier Zimmer, das hinterste seine Kanzlei, bewohnte. Meine hebräische Anthologie hatte ich in der Tasche. Bücher ihm zu präsentiren, war gewagt; es war bekannt, daß er einige Professoren in Pavia damit etwas unsanft zurückgewiesen, und einen ruhmwürdigen Numismatiker, der ihm sein Werk mit Münzabbildungen überreichen wollte, mit den Worten: »er hätte seine Zeit besser anwenden können,« gekränkt hatte.

Der wachhabende Offizier hieß mich sogleich in das dritte Zimmer hineintreten, und daselbst warten, bis der Kaiser aus der Kanzlei heraus käme. In keinem dieser Zimmer war Wache: so sicher war er im Gefühle seiner Erhabenheit. Er kam, und seine Anrede war: »So gefallen Sie mir besser; forma virum neglecta decet;« und das sah ich an ihm selbst, denn seine Stiefletten waren nicht gereinigt, und in seinen Strümpfen bemerkte ich Löcher. – »Nicht wahr«, – fuhr er fort, – »wir sind dem Cardinal Migazzi recht durch den Sinn gefahren?«

»Das gnädige Werk Ew. Maj.; ich nur der gefügige Stoff; mich armes Mönchlein würde seine Macht vernichtet haben.«

»Ich habe ihm Waitzen, sein zweytes Bisthum genommen. Wie kein Mann zwey Frauen, eben so wenig darf ein Bischof zwey Kirchen haben &c. Der Mann, der sonst so aufgeklärt gedacht hat, ist jetzt allen meinen redlichen Absichten zuwider.«

»Er ist Priester und Kirchenfürst.«

»Desto schlimmer!«

»Doch ganz natürlich!«

»Wie so natürlich?

»Den ihm gebührenden ersten Platz in der Classe der Aufgeklärten hat er verpaßt, in dem Wahne Ew. Maj. würden ihn rufen. Dieß geschah nicht; sein Hoherpriesterstolz fühlte sich dadurch gekränkt; es war natürlich, daß er sich in die Arme der Gegenpartey warf, die ihm den ersten Platz mit Freuden einräumte.«

»Sie mögen wohl recht haben. – Was sind Sie hier?«

»Ew. Maj. treuer Diener, als Schriftgelehrter und Pharisäer verfolgt, und ohne zu verfolgen in Geduld harrend, bis Ew. Majestät geruhen, mich im Nahmen Jesu zum Nachfolger der Apostel zu berufen.«

»Das kann mit der Zeit geschehen; fahren Sie nur so fort. Gehen Sie hier in den Chor?«

»Als Ew. Majestät Beamter bin ich aller klösterlichen Verrichtungen und Obliegenheiten entbunden.«

»Sie fasten also auch nicht?«

»Nur, wenn dem Seminariums-Koch etwas Menschliches begegnet.«

»Dann sind Sie Capuziner wie ich.«

»Bis auf das Gelübde der Armuth, dieß halte ich strenger als Ew. Majestät.«

Er faßte anstatt seinen, meinen Rockknopf und sprach: »Nicht einmahl dieser Knopf ist mein.«

»Auch nicht der meinige, denn ich bin ihn noch schuldig.« Daß dieß etwas naseweis war, bemerkte ich an seinem ernsthaften, majestätischen Blick, mit dem er weiter sprach:

»Schreiben Sie hier nichts?«

»Ich habe geschrieben« (und hiermit zog ich meine Anthologie hervor, und überreichte sie ihm.) –

»Ich habe Sie zum Censor aller Bücher der Juden im Lande ernannt; nimmt dieses Volk auch in der Cultur einigermassen zu?« –

»Vielleicht könnte ich etwas dazu beytragen, wenn Ew. Majestät meine Censur-Befugnisse zu erweitern geruhten.«

»Wieso?«

»Sie drucken unter ihrer Thora einen chaldäischen Commentar Raschi genannt, welchen der gemeine Jude nicht versteht, der Rabbiner zur Hineintragung mancherley Irrthümer und Aberglauben mißbraucht. Wie, wenn ich ihnen diesen Raschi streichen, und sie anhalten dürfte, anstatt desselben Moses Mendelssohns Übersetzung beyzudrucken?«

»Das geht nicht an. Mendelssohn war ein Naturalist, und ich will nicht, daß meine Juden Naturalisten werden.«

Ich wollte weggehen; er hieß mich bleiben bis zu seiner Wiederkehr. Nach einer Viertelstunde stand er wieder vor mir, mit der Frage: »Was ist das für eine Aufführung von Ihrem zum Bischof von mir ernannten Rector?«

»Ich weiß nichts, stehe auch mit ihm in keiner nähern Verbindung.«

»Er ist sehr gravirt und was das schlimmste ist, in puncto sexti.«

»Ich habe die Anklage nicht gesehen, weiß daher auch nicht, was der sechste Punct ist.

»Ich meine in puncto sexti praecepti.«

»Ew. Majestät wir sind alle gebrechliche Menschen.«

»Aber der Priester sollte doch wissen, und sich darnach richten, was der heil. Augustinus sagt: si non caste, saltem caute. – Ich muß seine Ernennung zum Bischofe widerrufen, und Rector kann er auch nicht mehr bleiben, propter Scandalum. – Wo nehmen wir aber einen andern Rector her?«

»Der ist nicht schwer zu finden, wenn Ew. Majestät geruhen wollen, gnädig und gerecht zu seyn. Der gegenwärtige Rector hat den Vorigen durch mancherley Künste verdrängt. Nach Entlassung des Dominicaners Dechanies hatte er sich zum Concurs für den Lehrstuhl der Dogmatik gestellt: Die Facultät gab rühmliches Zeugniß für ihn, und Ew. Majestät genehmigten das Votum der Facultät, doch nach meiner Kenntniß von ihm besitzt er mehr Talent zum Regieren, als zum Lehren.«

»Hat er Haare auf den Zähnen?«

»Er hat Ruhe und Sanftmuth, kalten Ernst, Besonnenheit und Selbstbeherrschung. Die häusliche Zucht war nie besser als unter seinem Rectorat.«

»Wie heißt er?«

»Antonius Angelovicz, Weltpriester und Professor ordinar. der dogmatischen Theologie.«

Er zog seine Schreibtafel heraus, und schrieb den Namen auf, worauf er sprach: »Und nun, wo soll sogleich ein andrer Professor herkommen? – Doch leichter als ich einen tüchtigen Rector, werdet ihr einen Professor finden, für eine Wissenschaft, welche mit dem Glauben anfangen und endigen muß.« – Hiermit nahm er mein Buch zu sich, und entließ mich mit einer Kopfverneigung. Am 17. May des Nachmittags, es war Christi Himmelfahrtsfest, kam er zum zweyten Male um die theologischen Hörsäle zu besehen. Dabey fragte er mich um die besten meiner Zuhörer.

Als der Kaiser in den Wagen stieg, sah er eine Menge Equipagen vorbeifahren. Auf seine Frage, wo diese Leute hineilen, antwortete ich, nach Zboisk, einem allgemeinen Erhohlungsort der Beamten und Kaufleute, eine Viertelstunde von der Stadt. Er befahl nach Zboisk.

Bey seiner Ankunft daselbst wollte der jovialische Wirth Vogetzer in Ohnmacht fallen, seine dicke runde Frau schrie mit ausgestreckten Armen aus vollem Halse: »Jesus Maria Joseph! Der Kaiser, um Gottes Willen, der Kaiser!« Die Gäste und die Kegelaufsteller liefen auseinander, Geld, Mäntel und Kleider im Stiche lassend. Helllaut lachend befahl der Kaiser seinen Rückzug, und plötzlich stand alles wieder auf seinem Platze in Ordnung. Er geboth allen, das Spiel fortzusetzen, und als die Gubernialsecretärinn Albrecht eine schlechte Kugel warf, sprach er: mit Erlaubniß meine Herren, für die Frau; nahm die Kugel, zeigte ihr, wo sie aufwerfen müsse, und schob sieben Kegel mit dem König. Wie ein Blitz war der Wirth Vogetzer auf dem Platze, nahm Kugel und König weg und lief fort, mit jubelndem Geschrey: »Diese Kugel soll niemand mehr in die Hand kriegen, diesen König niemand mehr niederwerfen! in Silber gefaßt sollen sie auf meine Kinder und Kindeskinder kommen, zum Denkzeichen an unsern großen Kaiser!« – Freylich ist der Kaiser groß; der in dem lebendigen Gefühl innerer Majestät ohne sich herabzuwürdigen, Gott nachahmend auch im Kleinsten seine Größe zu zeigen weiß.

Am 18. May reiste Joseph mit einem Gefolge von 27 Personen in sieben Wagen von Lemberg ab.

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