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Josephinische Curiosa

Franz Gräffer: Josephinische Curiosa - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleJosephinische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1848-50
year1848-50
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleJosephinische Curiosa
created20051021
sendergerd.bouillon
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IX. Kaiser Josephs Gebethbuch.

Es kann hier natürlich nicht davon die Rede seyn, daß Joseph II. ein eigenes Gebethbuch gehabt habe, wie seine orthodoxe Mutter deren mehrere gehabt; nicht darum kann es sich handeln, daß Joseph II., um seine Seele zum Himmel zu erheben, eines Buches bedurft hätte, voll von Wünschen, Betrachtungen und Bitten. Da nun gleichwohl ein gedrucktes Werkchen existirt, welches den Titel »Kaiser Josephs Gebethbuch« führt, so ergibt sich von selbst, daß die Absicht des Verfassers keine andere gewesen sey, als einen Spiegel von Josephs schöner und reiner Seele, von seinem edlen menschenfreundlichen Herzen, von seinem erhabenen, selbstschöpferischen Geiste aufzustellen, dergestalt, daß der Leser sich werde gestehen müssen: »Ja, so war Josephs, so war seine durch lebendiges Wirken ausgesprochene Andacht.« Deßhalb sagt der Verfasser der kleinen Schrift als Vorwort: »Aus den Handlungen der Menschen lassen sich auch ihre Gedanken errathen; wer nun mit philosophischem Auge Josephs Thaten durchforscht, wird sich leicht mit seinem Geiste bekannt machen können; mehr gehört aber nicht dazu, um zu wissen, wie dieser erhabene Fürst in den Stunden stiller Betrachtung und frommer Andacht zu seinem Schöpfer bethe. Ist dieß also gleich nicht Josephs wirkliches Gebethbuch, so ist es doch ein getreuer Abdruck seiner Herzenserhebung und Andacht zu Gott – und folglich konnte man dieses Werklein ohne Vermessenheit und Lüge, Josephs Gebethbuch nennen.«.

Das hier erwähnte Werkchen hat, ohne 6 Seiten Titelblatt, Vorrede und Inhaltsanzeige zu rechnen, 52 Seiten in klein Octav; ist zu Wien bey Joseph Hraschanzky (im Melkerhofe) 1787 gedruckt, und sehr selten und gesucht. Wir setzen jetzt zuerst das Inhaltsverzeichniß her, und theilen dann einige derjenigen Gebethe mit, die uns am Bezeichnendsten dünken. – Inhalt: Morgengebeth; Abendgedanken. – Gedanken vor der Beicht. – Gedanken bey Aufhebung der Mönche. – Gedanken vor Einführung der Toleranz. – Gedanken vor Bestrafung eines Missethäters. – Gedanken bey Durchlesung einer Schmähschrift. – Gedanken vor Einführung des neuen Gesetzbuches. – Gedanken bey einem bevorstehenden Kriege. – Gedanken beym Besuche des heiligen Vaters. – Gebeth für den Kronprinzen. – Von den einzelnen Gebethen, oder wie der Verfasser des Werkchens sich ausdrückt: »Gedanken« heben wir nachstehende aus:

Gedanken bey Aufhebung der Mönche.

Ich thue nun einen Schritt, der mir Feinde in Menge zuziehen, und selbst von vielen, sonst guten Unterthanen, nicht ungetadelt bleiben dürfte.

Allein ich vertraue auf dich, ewiges allerweisestes Wesen – du siehst mein Herz, weißt, daß ich nur das Wohl der Menschheit, nur das Glück meiner Länder zum Endzweck habe.

Jesus, den du zur Welt sandtest, lehrte thätige Bruderliebe, und machte dieß zum Ziel menschlicher Glückseligkeit.

Meine Mönche sind gänzlich von dieser Lehre abgewichen. Sie leben im Müssiggange und lieben nur sich selbst.

Sie verführen mein Volk – ziehen es von der Anbethung deiner Allmacht zum Aberglauben hin, und lehren es Bruderhaß.

Ihre Anzahl ist dem Staate zur drückenden Last geworden. Sie verzehren sein bestes Mark, schaden der Bevölkerung, und ersticken durch ihr Beyspiel die Industrie.

Sie sammeln Schätze, die sie dem allgemeinen Kreislauf entziehen, hindern jede Art von Aufklärung, und sind unnütze Glieder des Staats.

Ich glaube also die Macht, die mir nach deinem ewig weisen Plan in die Hände gegeben wurde, nicht zu mißbrauchen, wenn ich diese Mönchsorden einen nach dem andern aufhebe.

Damit ich aber des Guten nicht halb thue, werde ich Sorge tragen, daß sie, so viel möglich, reinere Grundsätze annehmen, und würdige Nachfolger unsers göttlichen Lehrers werden.

Stärke mich also, ewiges allmächtiges Wesen, gegen alle Einwendungen und Drohungen des päpstlichen Hofes, gegen alle Gegenvorstellungen parteyischer Minister und Räthe, gegen die Vorspieglungen mancher Bischöfe, gegen das Murren meines Volkes, auf daß ich dieses, zum Wohl meiner Länder und der reinen Lehre Christi unternommene Werk glücklich und standhaft vollende. Amen.

Gedanken vor Einführung der Toleranz.

Ewiges, unbegreifliches Wesen! du bist ganz Duldung und Liebe. –

Deine Sonne scheint dem Christen, wie dem Gottesläugner, dein Regen befruchtet die Felder des Irrenden, wie jene des Rechtgläubigen, und der Keim zu jeder Tugend liegt auch in den Herzen der Heiden und Ketzer.

Du lehrst mich also, ewiges Wesen, Duldung und Liebe, lehrest mich, daß Verschiedenheit der Meinungen dich nicht abhalten, ein wohlthätiger Vater aller Menschen zu seyn.

Und ich, dein Geschöpf, soll weniger duldend seyn? soll nicht zugeben, daß jeder meiner Unterthanen dich nach seiner Art anbethe? soll die verfolgen, die anders denken als ich, und Irrende durch das Schwert bekehren?

Nein! allmächtiges, mit deiner Liebe allumfassendes Wesen, dieß sey weit von mir! Ich will dir gleichen, so weit ein Geschöpf dir gleichen kann, will duldend seyn wie du. Von nun an sey aller Gewissenszwang in meinen Staaten aufgehoben. Wo ist eine Religion, die nicht die Tugend lieben, nicht das Laster verabscheuen lehrte? Jede sey also von mir tolerirt, Jeder bethe dich, ewiges Wesen nach der Art an, die ihm die beste dünkt.

Verdienen Irrthümer des Verstandes wohl die Verbannung aus der Gesellschaft, und ist Strenge wohl das Mittel, die Gemüther zu gewinnen und Irrende zu bekehren!

Zerrissen seyen also von nun an die schändlichen Ketten der Intoleranz! Dafür vereinige das süße Band der Duldung und Bruderliebe meine Unterthanen auf immer!

Ich weiß, daß ich der Schwierigkeiten viel werde zu überwinden haben, und daß die Meisten von denjenigen kommen werden, die sich deine Priester nennen.

Verlaß mich also nicht mit deiner Macht! stärke mich mit deiner Liebe, ewiges, unerklärbares Wesen, auf daß ich alle diese Hindernisse glücklich übersteige, und das Gesetz unsers göttlichen Lehrers, welches kein anderes als Duldung und Liebe ist, durch mich erfüllet werde. Amen.

Gedanken bey Durchlesung einer Schmähschrift.

Kannst du es, ewiges unerforschbares Wesen, bey all deiner Weisheit, nicht immer nach Menschensinn machen; stehen gegen dich und deine ewig weisen Naturgesetze Lästerer auf; wie soll ich, der ich nur Menschenwerke verrichte, tadellos bleiben? Gern und geduldig will ich also allen Tadel, alle Lästerung, alle Schmähschriften wider mich und meine Befehle ertragen.

Wo ihr Tadel gegründet ist, will ich es meinen Feinden sogar danken, daß sie mich auf diesem Wege die Wahrheit finden ließen. Sie sind in diesem Falle keine Feinde mehr, sondern ohne es zu wollen, meine Freunde geworden.

Doch selbst da, wo bloß Schmähsucht ihre Feder regieret, wo sie mich nur einseitig beurtheilen und Verordnungen angreifen, die ich nach innigster Überzeugung nur zum Wohl meiner Staaten ergehen ließ, auch da will ich ihnen verzeihen, und für sie, wie einst der göttliche Lehrer deiner Liebe zu dir beten: Vergieb ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun. Amen.

Gedanken beym Besuche des heil. Vaters.

Der Papst will mich besuchen, und ich will ihn freudig in meinen Mauern aufnehmen.

Er nennt sich ja, ewiges, unerkanntes Wesen, deinen Statthalter, und ist er dieser, so kann die Absicht seiner Reise nicht anders als löblich und menschenbeglückend seyn.

Gern will ich ihm also mein Ohr leihen, und ihm in allem seinen Willen thun. Er soll mit mir unter einem Dache wohnen, mit mir an einer Tafel speisen, alle Achtung, alle Rechte der Gastfreundschaft genießen –

Doch, wenn er Dinge von mir verlangte, die mit dem Wohl meiner Länder, mit den Rechten meiner Krone unverträglich wären; wenn er, gleich manchem seiner Vorfahren gewisse angemaßte Vorrechte geltend machen, oder mich auch im Vorschritte meines großen Planes hindern wollte, dann vergieb es mir ewiges, höchst gerechtes Wesen, wenn ich ihn nicht weiter für deinen Statthalter erkenne, sondern ihm standhaft alles abschlage, was meiner Ehre oder meinen Rechten nachtheilig seyn könnte.

Zwar strömt Beredsamkeit von seinen Lippen, und ehrwürdiges graues Haar deckt sein Haupt. Aber wie oft hat nicht Beredsamkeit und Ansehen die Fürsten blind gegen ihre eigenen Vortheile gemacht?

Allein mich stärkt Überzeugung meiner guten Sache, und lebhaftes Gefühl meiner Rechte.

Ich will also seiner süßen Beredsamkeit trockne Gründe und seinem Zudringen unerschütterlichen Muth entgegensetzen.

Erleuchte dann aber auch, allmächtiges Wesen, seinen Geist, auf daß er sich von der Güte meiner Reformen, und der Gründlichkeit meiner Rechte überzeuge, und (er mag in was immer für einer Absicht zu mir gereiset seyn) als mein Freund zurückkehre. Amen.

Gebeth für den Kronprinzen.

Wie innigst danke ich es dir, ewiges, gütiges Wesen, daß du mir einen Neffen gabst, der so viel für die Zukunft verspricht.

Ich habe tief in seine Seele geblickt – Sein Herz denkt groß und edel, und schlägt für Menschenglück.

Du hast, ewiges Wesen, des Keimes zum Guten so viel in seine Seele gelegt – laß ihn doch zu großen Tugenden aufsprossen, und einst zum Beglücker seines Volkes werden!

Verschließ sein Herz dem süßen Gelispel der Schmeichler, und gib ihm, wenn ich nicht mehr seyn werde, Räthe zur Seite, die es redlich mit dem Vaterlande meinen!

Segne einst das Band seiner Ehe, das nicht Eigennutz und Politik, sondern Übereinstimmung und Liebe knüpfen wird!

Laß ihn sein Volk in Frieden beherrschen, und den zweydeutigen Durst nach Heldenruhm nie sein Herz verführen! Wird er aber zum Kriege gereizt, so segne seine Waffen!

Habe ich endlich je der Thaten einige gethan, die Lohn von dir verdienen, so laß sein Volk einst von mir sagen:

Joseph erzog uns einen Nachfolger, der unser Glück macht. Amen.

Ja »Amen« läßt der Verfasser der »Gedanken« den edlen, reinen Joseph ausrufen: »Amen!«

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