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Otto Julius Bierbaum: Josephine - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudentenbeichten
authorOtto Julius Bierbaum
year1990
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
isbn3-87584-318-5
titleJosephine
pages21-60
sendergerd.bouillon@t-online.de
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So langte ich auf dem Bahnhof an. Niemand dort, außer meinen Zeugen, mir unbekannten Corpsburschen, die mich mit alberner Gemessenheit begrüßten. Durch ihre befremdeten Blicke ward ich darauf aufmerksam, daß ich ziemlich derangirt aussah. Sofort regte sich in mir Stolz, wie stets, wenn Jemand von oben auf mich herabsieht. Das war gut. Mit meinem Selbstgefühl bekam ich Ruhe. Beinahe mit Lieutenantsschnarren sagte ich: »Pardon, meine Toilette. Ich muß mich vor solchen Chosen immer etwas zerstreuen.«

Denke: diese Albernheit. Heut' schäm' ich mich ihrer, aber sie war diesen Braven gegenüber nicht unangebracht. –

Der Zug kam.

Wir stiegen ein und waren bald am Orte, von wo aus noch etwa eine Stunde zu gehen war.

Der Morgen war schön, frisch und hell.

Meine Begleiter, in einer Art feierlicher Toilette, schritten rechts und links von mir, und ich mußte daran denken, daß moderne Scharfrichter ihr Geschäft im Frack abmachen. »Ja nobel, nobel, nobel muß die Welt zu Grunde geh'n«, sang die kleine Clara Sickert im Leipziger Stadtgarten-Tingeltangel. Weißt Du noch? –

Soll ich Dir schildern, wie die Vögel sangen? »All Leben ist erwacht!« Aber ich will zum Ende. Dies Wühlen in mir, jetzt peinigt mich's.

»Wären wir endlich da!« dacht' ich unaufhörlich. –

Als wir ankamen, fanden wir die Andern schon am Platze.

Wimberg ging mit dem Unpartheiischen auf und ab.

Sein Anblick war mir eine heiße Stimulanz.

Los! Los! Los!

Alle die fürchterlichen, langweiligen Vorbereitungen, diese lächerlichen Scheinversuche zur Versöhnung (hol' dich der Teufel, Hund!), das Verlesen des mir sattsam bekannten »Pistolencomments«, die endlose Zeit, die der, wie es schien, beständig mit Tatterich behaftete Unparteiische zum Laden der vier Pistolen brauchte, – unerträglich das Alles! Ich sah nur ihn. Diese hochmüthige Hakennase, den braunrothen Schnurrbart, diese ganze verhaßte, lange Figur.

Da begann der langbeinigste Sekundant zu springen, wie ein Känguruh, um die Entfernung zu messen. Na, na, nicht so weit! Mein Sinn für Komik regte sich. Wenn er einen Frack anhätte, – wie müßten die Schöße fliegen! Puterroth sah der Gute aus, wie er ausgehoppst hatte.

Mein Sekundant gab mir die Pistole. »Aber Verehrtester, weshalb solche Kaninchenaugen dabei! Gerade wie unser Konrektor: halb furchtsam, halb dumm.«

Ich war absolut ruhig. Beinahe hätte ich »ähbäh!« gesagt. Zu gelungen! Jetzt war mir auf einmal Alles wurst und schnuppe. Also der Unpartheiische würde langsam bis 3 zählen; zwischen 1 und 3 sollte losgeknallt werden.

Ich stand neben einem Baumstumpf. Darauf Moos und ein großer, brauner Pilz.

»Eins!« (etwas heiser, gurgelig, gar nicht »schneidig«). In demselben Augenblick hob sich drüben Wimberg's Pistole und sein rechter Fuß trat vor den linken. »Zwei!« – ffft! saust's an meinen rechten Ohr vorüber; ich drücke los, der Schuß ruckt meine Hand zurück. (Ich hatte ganz unbewußt die Pistole gehoben: das Losdrücken geschah als »Reißer«, wie die Unteroffiziere sagen.) Herr Wimberg sank ganz gemächlich, und wahrhaftig: elegant in die Kniee. Der Corpsdiener nahm mir die Pistole, ich blieb bei meinem braunen Pilze. Die übrigen in bewegter Gruppe drüben. Na? Mein Sekundant kommt lächelnd herbei und sagt: »Nicht gefährlich. Fleischwunde. Ein paar Sehnen dabei. Wenn die Sache glatt heilt, kommt höchstens'n Bischen Hinken dabei 'raus.«

Ich: »Ja, ist die Geschichte nun vorbei?«

Er, lachend: »Na, ich dächte. Stehen kann Ihr Gegenpaukant wenigstens innerhalb 4 Wochen nicht.« –

Was ich dabei gefühlt habe? Gar nichts. – Augenblicklich fühle ich aber, daß es gut ist, diesen Riesenbrief zu schließen. Was noch kommt, ist melancholisch. Mich aber hat diese Schilderung in fast fidele Frivolität versetzt, denn zwischen dem heiserdumpfen: »Eins! – Zwei!« lagen für mich die vergnüglichsten Momente jener Zeit.

Dein Richard.

 

Also das melancholische Finale, mein Lieber. Ich will's kurz machen. – Schon auf der Zurückfahrt bis zum Bahnhof Friedrichstraße schüttelte es mich fieberisch. Ich mußte eine Droschke nehmen, und zu Hause fiel ich sofort in's Bett. Schilde, auf einen außerklinischen Fall chirurgischen Charakters hoffend, hatte in meiner Wohnung auf mich gewartet. Er war einigermaßen enttäuscht, mich in ganzbeinigem Zustand zu erblicken; mein Fieber indeß entschädigte diesen eifrigen cand. med. ein wenig.

Ich fiel sofort in einen unruhigen Schlaf, in dem ich fortwährend farbigen Schlamm voll qualliger Blasen sah. Auf Genaueres vermag ich mich nicht zu besinnen. Nur einmal war mir, als ob Josephinen's weiche Hand mir auf der Stirne ruhte und ihr Blick auf meinem Schlaf. Aber das war nur ein glänzender Augenblick, ein Sonnenhusch im Nebel. Dann quoll es weiter. Immer ein Rühren in blutigem Schlamm. Blasen gurgeln auf, langsam, thranig, bis an den Hals schwappt mir die ekelhafte Masse. Da, hell mit einem Male, maihell; ein sanftes, streichelndes Licht. Oh, wird der Traum schön! Ich sehe einen See mit Millionen kleiner Plätscherwellen, sonnenglitzerbeströmt, und alle die klingenden Wellen auf mich zu: Millionen schwimmbewegte Amorettenarme, leiser Stoß nach vorn, leises Auswärtsbreiten, immer ein Umarmen der sonnenglitzernden Fluth, und zu meinen Füßen klirren die silbernen Wellen, spielen die Amoretten. Eine weich gütige Frauenstimme von ferne: mein Name, klingt sie näher? Kommt sie nicht mit dem warmen Winde, der wie ein seiden Tuch mir um die Stirne spielt? Und das Wellenklirren verklingt, die Amorettengrübchenarme verschäumen, der See verrinnt in grünen Duft.... Da... ja Wiesen, Wälder... aber nicht doch?!... wie ich träumte!... sieht da die Wiese nicht aus wie mein grünes Sopha?... und der See davor mein Tisch mit seiner weißen Häckeldecke?... aber die Luft um die Stirn... und die liebe weiche Stimme. Langsam erwachte ich ganz. Josephine saß neben mir, auf meiner Stirne lag ihre Hand.

»Nicht gesprochen, du! Ganz still sein!«

Meine Blicke fragten.

Und sie erzählte. Nur meinen ersten Brief, den schändlichen, hatte sie erhalten. Da war sie gleich nach Berlin gefahren.

»... Und Wimberg?«

...»Ja!...«

Ich schloß die Augen.

»Später, mein Richard. Jetzt mußt du ganz ruhig sein.«

Und ihre Hand auf meiner Stirne beruhigte mich, und ich glaubte ihr und liebte sie in meiner Krankheit mehr als je.

Lange habe ich im Nervenfieber gelegen. Josephine war in der ersten Zeit Tag und Nacht an meinem Bette. Später ging sie Tags in's Geschäft und kam erst Abends. Wie sie mir da eigen erschien. So schwebend. Sie las mir vor und erzählte mir. Wenn die Genesungsmüdigkeit zu mir kam, ging sie.

Ich wurde kräftiger. Schon durfte ich auf Stunden außerhalb des Bettes sein. Jetzt saß ich im Fauteuil d'amour, und sie zu meinen Füßen.

»Josephine... warum hast du mir nicht früher gesagt?...«

»Es war so häßlich, und ich wollte dich nicht aufregen. Und auch mich nicht. So häßlich war's.«

Und langsam erzählte sie mir eine der Schmachgeschichten, wie sie zu tausenden jeden Tag auf's Neue sich in Berlin abspielen und aus denen zu hunderten jeden Tag die Prostitution »neue Waare« erhält. –

Max: Es thut mir sehr leid, daß ich jenen Hallunken nicht besser getroffen habe. Wahrhaftig, ich hätte besser gezielt, hätt' ich seine ganze lumpenhafte Gemeinheit eher gewußt.

Ich war fast ganz genesen, da zeigte mir Josephine eines Abends einen Brief.

»Na, na, der Vetter aus Amerika?«

»Ja, lies nur.«

»Hui! Das ist ja eine Werbung in bester Form! Und du...?«

»Ja, Richard, ich meine...«

»Josephine!...«

»Ja, ich muß ja sagen. Es ist das Beste so. Zwischen uns ist's doch aus, und mich ekelt's hier« –

Kurz und gut: Etwa zwei Wochen, bevor ich hier einrückte, ist Josephine auf dem Dampfer »Leipzig« abgefahren. In ihrem Brief aus Hamburg steht die Stelle: »daß ich dich jetzt so innig lieb habe, wie früher, weißt du. Aber so ist es das Beste, daß wir auseinander sind. Deinen Brief vergesse ich nun. In Berlin habe ich's nie gekonnt. Immer habe ich auch an W. gedacht, wenn du zu mir sprachst, und ich habe immer einen Ekel an Allem bekommen.«

Und dann: »Ich habe so viel geweint die ganze Zeit, wo du krank lagst, und war doch immer so glücklich an deinem Bette, weil ich deine Hand hielt. Aber nun werde ich nicht mehr weinen, aber ich werde immer an unser Glück denken.«

Diese schlichte, treue Liebe, Max. – Und das Alles vorbei, ein Traum voll Süßigkeit und wüstem Spuk. Er hat mich alt und kalt gemacht.

Wimberg hab' ich unter den Linden schon wieder spazieren gehen sehen. Er hinkte mit viel Grazie und Selbstbewußtsein. Wahrhaftig: wohl möglich, daß sein Heldenthum jetzt wirklich ein paar Wittwen ergattert.

Und das wäre der Humor davon.

Dein Richard.

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