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Otto Julius Bierbaum: Josephine - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudentenbeichten
authorOtto Julius Bierbaum
year1990
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
isbn3-87584-318-5
titleJosephine
pages21-60
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Als ich mich am nächsten Morgen erhob, war mir wie nach einer wüsten Nacht. Ich mußte mich besinnen. Ach so. Es war mir klar, was kommen mußte, aber nicht leid. Denn eine unaussprechliche Wuth lag mir im Herzen wie ein dicker Knäuel. Und wie ein schwörendes Gift fraß sich hinein die Frage: Hat er wahr gesprochen? Mit Verzweiflung drängte ich diese Frage immer wieder zurück und wollte mich festhalten im Zorn. Aber immer hob sie ihren giftig schielenden Schlangenkopf wieder in die Höhe... Und wenn er die Wahrheit gesagt hätte...?

Ich setzte mich hin und schrieb ihr einen Brief: wüthende, weinende Fragen. Aber ich zerriß ihn wieder. Was ist da für eine Schuld? Wo der Stein gegen sie, wenn es so wäre? Aber es ist, es ist nicht so! Er hat gelogen, der Lump, wie immer. Diese Art Schwindel Don Juans genießen nur mit dem Maule. Wenn aber doch... wenn aber doch? – Ach, es kam nicht darauf an; ich fühlte es: so oder so – es war vorbei. Den Gedanken an einen beliebigen Anderen hätt' ich ertragen, aber diese grinsende Visage drängte sich trennend zwischen sie und mich. Ihr Bild war befleckt und verzerrt, mein Denken zerrissen, mein Fühlen zu ihr zerstampft. Schmutz überall und stickende Nebel aus Schlamm. – Und in mir selbst quoll es wie Schlamm und stieg dunstig daraus auf: alles Böse, Bittere, Gewaltthätige. Bildmächtig, gierig, lechzend, lechzend dampfte es aus der Tiefe. Die Liebe hatte darüber leuchtend gelegen wie Sonnenschein, der das Dunkel hinabscheucht und wärmend tödtet, – nun aber zeigte es seine gierzitternden Klauen und sein Keuchen kam kochend heiß. – Laß mich darüber hinweg. Ich weiß es nicht zu sagen. Nur von dem guten, ehrlichen Zorn will ich reden, der mich ergriff und erhob.

Nicht ihn allein hätte ich erschießen mögen, diesen wasserköpfigen, bornirt gemeinen Renommisten der Liebe, nein, die ganze Heerde dieser gefühlsrohen, selbstzufriedenen Geldsackmenschen, die feist und frech durchs Leben trampeln, rindviehschwer und rindviehdumm, rechts und links niedertretend, was von edelster Bildung ist, alles schön Menschliche, geistig Freie, alles Herzensechte und Herzensreiche besudelnd mit dem eiter-fauligen Athem ihrer niedrigen, begehrlich glotzenden Bestialität –: sie Alle, sie Alle vor meine Mündung! An einen Sankt Georg aus Proletarierblute dachte ich da oft. –

Du schüttelst den Kopf über diese Eruptionen und scheidest mit gütiger Freundschaft Festes und Falsches in ihnen. Ich gab sie Dir, damit Du das Ganze und Einzelne meiner damaligen Stimmung erkennen magst. – Mitten in diesen Sankt Georgsgedanken kam Wimbergs Kartellträger. Du kennst den steifkomischen Zopf. Unreife Knaben (ich denke nicht an die Jahre) entledigen sich da todtwichtigster Dinge mit den Schablonenmanieren von Commis voyageurs. Also in Kürze: es ward die Forderung gestellt und angenommen auf fünf Schritte Barrière mit dreimaligem Kugelwechsel. –

Am selben Tage fand das Ehrengericht statt. Alles ging an mir vorüber wie eine Wandeldekoration. Das Ehrengericht bestand aus äußerst respektablen Persönlichkeiten, denen der Beruf zur Prüfung von Ehrenhändelsachen auf den Stirnen, Backen, Nasen, Lippen, Ohren, sowie auf der Kopfhaut geschrieben stand, – insgesammt zählten sie gewiß dreihundert Schmisse. Rechne auf jeden Schmiß zehn »Nadeln« (gewiß nicht zu viel, denn die kleinen »Krätzer« zählte ich ohnehin nicht), so ergiebt das die ansehnliche Summe von dreitausend, und ich darf wohl mit Stolz sagen, daß ein ganzes Paukbuch zum Verdikte bereit war über meine Ehre, die in der That von honorigen Händen gewogen wurde.

Die Forderung wurde natürlich genehmigt.

Im Vorzimmer der Corpskneipe, in der das Ehrengericht stattfand, sah ich auf einen kurzen Augenblick Wimberg. Sein Anblick brachte mein Blut zu neuem Aufwallen. »Morgen früh um sechs!« war mein einziger Gedanke.

Das Ehrengericht war etwas nach vier Uhr beendet – wie im Trab ging alles, fabelhaft commentmäßig.

Als ich auf die Straße hinaustrat, fühlte ich mich plötzlich so vereinsamt, lebensferne, wie hinausgebannt aus aller Liebe. Der Gedanke an zu Hause war schuld daran, dieser Gedanke, der aus heißem Herzen hinauf stieg ins Gehirn und dort mit kalter Entschlußkraft niedergedrückt ward. Nicht daran denken, nicht daran! Und alle Bitterniß aus geschnürtem Empfinden warf sich auf Josephine. Wie ein Wuthwirbel durchkältete es mich mit Haß gegen mein Liebstes. Hoho, Feinsliebchen, warte; du sollst auch deine Pille haben, süße Turteltaube. Ins Herz will ich dir speien, meine Holde, ins Herz, in dem jener Lump gesessen, den ich morgen wo anders hin befördern will, dein Wimberg. O scheußlich, scheußlich! Und ich raste in eine Poststelle und schrieb mit fiebernder Hand quer über ein Stück Papier folgende Gemeinheiten an sie, die ich noch jetzt auswendig weiß, da sie wie Gift sich in mein Gedächtnis ätzten:

»Verehrte Maria Magdalena!

Können Sie sich noch auf den interessanten Jüngling mit Sommersprossen, Ringellocken, Flackeraugen und Hakennase besinnen, ach, und mit dem braunrothen, weichen Schnurrbart? Auf ihn, den blasirten, interessanten Don Juan und Faust in einer Person, hauptsächlich aber Vieh, wie ihr's Alle am Liebsten habt? Wimberg! »Fünfzig Mal«, sagte er, – auf ein paar mal mehr wird's nicht angekommen sein. Er hatte recht, mitzunehmen, was mitzunehmen war. Morgen dürfen Sie den Daumen für Ihren fünfzig und einige Male Geliebten halten.

Richard – der zweite, dritte,
wer weiß wie vielte.«

Du siehst: ich war sinnlos geworden.

Als ich den Brief aber in den Kasten geworfen hatte, mit noch nasser Aufschrift, da überkam mich eine schmerzenstiefe Traurigkeit. Wie in einen dunklen Abgrund bodenlos gefallen schien mir aller Trost und alles Ziel. Meine Gemeinheit hatte ich erkannt, und, mit einem Male und ganz himmelsklar: ihre Reinheit. Aber ich schrieb keinen zweiten Brief. Wozu? Ich war nicht weniger gemein wie mein Gegner, und so wars erst recht aus. In diesem Augenblicke hätte ich ihm meine Brust zum Ziele geboten und selbst zu schießen verzichtet. – Das war die tiefste Traurigkeit, die ich je erlebt. So schwer und ohne Uferwand der Hoffnung. Dunkel und leer. Der Kopf wüst und das Herz elend, furchtsam und störrisch wie ein Verbrecher, so lief ich durch die Straßen. Nicht einmal gedacht habe ich daran, etwas aufzuschreiben für den Fall meines Todes.

Nur diese Last seelenerdrückender Selbstanklage und Verzweiflung heben und von mir weisen, weit, tief! Wäre ich ein Mensch des Mittelalters gewesen, ich hätte mich dem Teufel verschrieben – in unseren Zeiten thut bei sothanen Gelegenheiten der Alkohol Teufelsdienst.

Morgen früh fünf Uhr mußte ich auf Bahnhof Friedrichstraße sein. Ich beschloß, die Nacht irgendwo in der Nähe zuzubringen. Ein Dienstmann hatte mir einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem ein Lokal mit »kavaliermäßiger Bedienung« empfohlen wurde. Das war etwas für mich. Was kann es kavaliermäßigeres geben, als einen Menschen vor Zeugen todtschießen zu wollen und va banque mit dem eigenen Leben zu spielen? Also in das kavaliermäßige Lokal. Als ich in den »Salon« trat, der in seiner plüschenen Eleganz sehr offenherzig an Bordelle erinnerte, gab der langhaarige Klavierspieler, ein heruntergekommener Student, wie es schien, gerade eine Melodie zum Besten, nach der ich in irgendeiner Posse den Text: »Du, Du, Du nur allein, Du, Du, Du sollst es sein« habe singen hören, – es ist schon lange her, und ich war damals himmelblau und rosenroth umwölkt von taubenschwingenzarter Schülerliebelei. Die Melodie hier nahm mir für einen Augenblick den Schmerz und schenkte mir Wehmuth.

Allerlei Vergnügungspöbel saß auf den Plüschpuffs und Divans herum, stumpfsimpelte, soff, gröhlte, lachte; feiste, offenbar auf Fettquilligkeit ausgesuchte Kellnerinnen in ausgeschnittenen Kleidern, dick beschminkt, mit Augenrändern von Thalerumfang, meist der Frucht näher als der Blüthe, leisteten die übliche Gesellschaft, womit der kavaliermäßige Charakter des Lokals sich schön bewährte. Ich setzte mich an den einzigen Tisch, der noch leer war, in eine Divanecke, in der es muffig nach Patschouli (Odeur de bordel unter Kennern) roch. Ueber dem Divan mit seinen Gerüchen hing ein Oeldruck, der den alten Kaiser Wilhelm, umgeben von einem Kornblumenkranze, darstellte. Patriotismus und Patschouli, – na ja.

»Na, was trinken wir denn«, sagte die Kellnerin, die auf mich zugeschwommen kam wie ein dickes Kanonenboot erster Klasse in Paradegarnitur.

»Porter.« »Un für mich? Ich mag Wein lieber.«

»Mein'twegen.«

Ach, wie ekelhaft. »Du, Du, Du nur allein, Du, Du, Du sollst es sein« klapperte der unglückliche Musensohn, und ich sang innerlich mit, in halb unbewußten, flatternden, drängenden, dumpfen Empfindungen:

»Wenn ich – Dich – nicht hab',
Ist mir die Welt nur wie ein Grab....
Du, Du, Du nur allein,
Du, Du...«

Josephine! Josephine! hob es sich in mir empor, schwellend und sehnsuchttrauerwüthend; die Thränen wollten kommen. Da senkte sich der Speck meiner Hebe halb neben, halb auf mich nieder. Der Langhaarige paukte sein Walzerfinale herunter, die Kellnerin klang mit ihrem Glas an das meine. »Na. Schatz, trink' doch.« Und ich trank, ich stürzte Glas auf Glas des dicken, braunschaumigen Bieres, hinunter, ließ mir die Angriffe, die meine kavaliermäßige Bedienung auf meine Beine machte, theilnahmslos gefallen, und redete mich, nach und nach betrunken werdend, in wildes, galliges, gemeines Zeug hinein. Mary fand das offenbar »kolossal nett«, denn sie fraß mich fast mit ihren glitscherigen Blicken, und wir waren beide bald im besten Schlammverhältniß mit einander. Ebenfalls betrunken werdend wurde sie so ausschmierig, daß mich schließlich der Ekel aus dem Sumpfloch hinausdrehte. »Mein Hä-ä-erz! Mein Hä-ä-erz!« gröhlte der Tastenschläger, als ich die Thüre zuwarf und an der Uhr sah, daß eben 12 vorüber war. Wohin! Wohin! Halb müde, halb aufgeregt, lief ich planlos fast 2 Stunden durch Friedrichstraße und die »Linden«. – Die hauptschmeichelnde Nachtkühle verscheuchte die Dämpfe der Berauschtheit, und es kam, wie von tief innen heraufklingend, Klarheit und Ruhe in Fühlen und Denken. –

Im Café Bauer ließ ich mir Schreibzeug geben und schrieb an Josephine. Inmitten der umhersitzenden Nachtvögel beiderlei Geschlechts schrieb ich einen langen, langen, glühendleidenschaftlichen Brief an sie. Was schrieb ich? Fast weiß ich's nicht mehr, aber es strömte wie Feuer aus meinem Herzen. Meine ganze Liebe und die ganze Qual dieser letzten Tage flossen zusammen in eine einzige Lohe. Verzeihung flehend lag ich zu ihren Füssen, Knie umklammernd bat ich um Verzeihung, – jetzt so im Staube, wie kurz vorher frech, hoch auf dem hufdröhnenden Rosse der Brutalität.

Mehr und mehr gerieth ich in einen Taumel. Ein Theil der alten Stimmung kam über mich, und ich schrieb zuletzt unter Thränen. Als ich zu Ende war, hatte sich das Café fast geleert. Die Kellner standen schläfrig an den Säulen und Wänden. Scheuerweiber kamen mit ihren Kübeln. Es war Zeit für mich, an die Bahn zu gehen.

Als ich aufstand, schwankte ich vor innerer Schwäche. Mir war zu Muthe wie nach der ersten Nacht, die ich als Soldat auf Wache gestanden hatte. Das ekle, übernächtigte Gefühl, ein fauler Geschmack im Munde, dumpfes Brennen im Kopf, Schwäche in den Gliedern: so ging der »Held« zur Wahlstatt.

Mit einem Male trat jetzt auch das Kommende in Klarheit an mich heran. Bis jetzt hatte ich an die eigentliche Sache gar nicht gedacht. Alles war Strudel gewesen ohne festen Punkt. Nun, da ich dem Bahnhof zuschritt durch die menschenleere Friedrichstraße, die sonst dröhnt und braust von Lärm und Leben: da, mit einem Male, stand es bildklar vor mir, was kommen mußte. Und ich fühlte (Du sollst es hören und wissen), – ich fühlte eine Angst tastend in mir aufsteigen. Ein lauerndes, widrig schwellendes, schnürendes Gefühl. Eine dunkle Macht schob mich langsam in immer gleichem Drucke ins Dunkle. Mir war's, als wenn meine innerste Seele den Athem aussetzte, und mein Blick kehrte sich in meine eigene Vergangenheit. Ah, all' dies Streben nach einem Ziele, nicht immer klar bewußt, aber immer schwingenfertig, immer triebbewegt; ja, ja – dorthin, dorthin hast du gewollt, und deine Kraft, sie hätte gereicht. Warst du nicht nahe? Und alle die Sturmglückssekunden, da dein Herz in Liebe schwoll und dir selber ein Himmel war, und du selber ein Gott in Fülle und Seligkeit! ja, liebekräftig warst du und leicht zu heben im Herzschlag. Oft warst du todt und verworfen und blind und gingst in der Menge, unglückselig bewußt deines Falls, – aber in Schwall und heißer Wonne leuchtete so oft dann mitten im Tiefsten dir eine Fluth von Freiheitsschöne ins Herz, daß du hoch warst und allein, kräftig, groß, nicht herrschend, nicht beherrscht: einzig. Und dann wieder die wahre Liebe zu jeder Wirklichkeit, das Seligsein im Drange, zu vergehen im All! Du wärst zur Wahrheit gediehen, zu freiem, eigenen Sein, du hättest dich ausgelebt, – nun aber zappelst du in der grauen Spinnewebe fremder Niedertracht und blöder Sitte, und die Spinne Tod wird Hirn und Herz dir aussaufen. So, nur noch verworrener, aufbäumender und zugleich gedrückter waren die Empfindungen meiner Furcht. Ja, Furcht, nichts weiter. Den einen schüttelts äußerlich, den andern innerlich. Zwischen hinein in diese delirösen Zuckungen stach die selbsthöhnische Frage: »Feigheit?« aber mein brodelndes Empfinden verwarf sie mit noch lauterem, bittergellendem Hohn.

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