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Jolanthes Hochzeit

Hermann Sudermann: Jolanthes Hochzeit - Kapitel 1
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authorHermann Sudermann
titleJolanthes Hochzeit
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I

– So am offenen Grabe eines alten Kumpans zu stehen – schändlich, sag' ich Ihnen, meine Herren, einfach ekelhaft. –

Man pflanzt die Beine in das aufgeschaufelte Erdreich und wickelt den Schnurrbart und macht ein dummes Gesicht und möchte' sich dabei die Seele aus dem Leibe heulen. –

Also er war hin – da war nichts mehr zu wollen. –

Mit ihm hat das größte Genie im Ersinnen und Mischen von Punschs, Grogs, Koblers Kobler – Cocktail aus Likör, Weißwein, Fruchtsaft, Früchten und Zucker. und kalten wie warmen Bowlen das Zeitliche gesegnet. ... Ich sag' Ihnen, meine Herren, ging man mal mit ihm über Feld, und er fing an, die Luft so eigentümlich durch die Nase einzuziehen, so könnt' man sicher sein, daß ihm in diesem Augenblick die Idee zu einer neuen Bowle aufging. Aus dem Geruch irgendeines Unkrauts erkannte er bereits die Natur der Weinsorten, die darüber gegossen werden mußten, um etwas nie Dagewesenes, Extrafeines zustande zu bringen.

Auch sonst war er eine gute Haut, und die Zeit ist mir in all den Jahren, die wir Abend für Abend zusammensaßen – entweder kam er zu mir nach Ilgenstein, oder ich ritt nach Döbeln 'rüber –, nie lang geworden.

Wenn bloß seine ewigen Heiratspläne nicht gewesen wären. Das war seine schwache Seite. Mich betreffend, heißt das, denn er – »Gott«, sagte er, »ich wart' bloß, bis mir das aasige Wasser zum Herzen steigt, und dann rutsch' ich ab.«

Und jetzt war er so weit ... war abgerutscht ... lag vor mir in dem schwarzen Rittersarge, und mir war, als müßt' ich oben gegen den Deckel klopfen und rufen: »Pütz – nu mach keine faulen Witze – komm' raus – wir müssen ja heut' unser Pikett spielen.«

Meine Herren, da is nischt zu lachen. ... Die heftigste von allen Leidenschaften ist die Gewohnheit, und wieviel Menschen jährlich an gestörter Gewohnheit zugrunde gehen, das meldet Ihnen kein Lied meldet Ihnen kein Lied – Uhland: Des Sängers Fluch, vergeben - Vergiften. und kein Heldenbuch, um meinen alten Freund Uhland zu zitieren.

Es war ein Wetter, Katz und Hund zu vergeben. Sturm, Regen, Schloßen, alles durcheinander. ... Manche Herren hatten ihre Gummiröcke angezogen. ... Daran lief das Wasser immer so in Rinnen 'runter. ... Und ebenso lief's über die Backen und in die Barte. ... Mochten hie und da auch Tränen sein, denn Feinde hinterließ er nicht, der Pütz.

An Leidtragenden – was man in engerem Sinne Leidtragende nennt – war nur einer da: sein Sohn ... Lothar hieß er ... war am Sterbetage von Berlin gekommen, wo er bei den Gardedragonern stand. ... Hatte sich als guter Sohn benommen, dem Vater die Hände geküßt, viel geweint, sich bei mir bedankt und fürchterlich viel 'rumkommandiert. ... Denn so 'n Leutnantchen, wissen Sie, wenn das nu mit einem Male ... na ja, also ... ich war ja da ... und wir hatten den Alten nu mit Gottes Hilfe so weit.

Wie ich mir den hübschen Bengel so von der Seite anseh', wie er dasteht und seine Tränen mannhaft 'runterschluckt, fällt mir das Wort des Alten ein, das er am Tage vor seinem Ende zu mir gesprochen hat: »Hanckel«, sagt' er, »erbarm dich meiner im Grabe – verlaß meinen Jungen nicht!«

Das, wie gesagt, fällt mir ein, und wie ich vom Pfarrer 'rangewinkt werd', die drei Hände voll Erd' in die Grube zu werfen, schickt' ich auch stillschweigend einen Eid mit 'runter: »Ich werd' ihn nicht verlassen, Alter. Amen!« –

Alles nimmt ein End'. Die Totengräber hatten aus der Matsche eine Art Hügel gebaut und die Kränze drübergefliehen drübergefliehen – Vleien, flaien, im Sinne von putzen, schmücken., da eine Frauensperson bei dem Leichenbegängnis nicht zugegen war. ... Die Nachbarn empfahlen sich, und wer noch zurückblieb, war der Pfarrer und Lothar und ich.

Der Junge stand da wie ein Stein und stierte auf den Hügel, als wollt' er ihn mit seinen Augen wieder aufwühlen, und der Sturm schlug ihm den Kragen seines Reitermantels um die Ohren.

Der Pfarrer tippte ihm sacht auf die Schulter und sagte: .Herr Baron, wollen Sie einem alten Manne noch ein Wort vergönnen.« –

Aber ich winkte ihn beiseite und sagte: »Gehn Sie man nach Hause, Pfarrerchen«, sagt' ich, »und lassen Sie sich von Ihrer Frau ein Glas Grog brauen. Ihnen wird sowieso ein bißchen luftig sein in Ihrer Halbseide.«

»I«, sagt er und schmunzelt ganz schlau. »Das sieht man so aus. Ich hab' ja den Paletot unter.«

»Schadt nichts«, sag' ich. »Gehn Sie man. Und den Jungen nehm' ich auf mich. Ich weiß besser wie Sie, wo den der Schuh drückt.«

Da ließ er uns denn allein. –

»So, mein Junge«, sagt' ich. »Davon wird er nich wieder lebendig. Jetzt komm nach Hause, und wenn du willst, schlaf ich auch bei dir.«

»Ist nicht nötig, Onkel«, sagt' er. Er nannte mich Onkel, weil's einmal im Scherze so ausgemacht worden war. ... Und sein Gesicht dabei war hart und verbissen, als wollt' er fragen: »Was störst du mich in meinem Schmerz?«

»Aber von Geschäften könnten wir vielleicht reden«, sagt' ich.

Da schwieg er muckestill.

Sie kennen wohl alle, meine Herren, ein leeres Begräbnishaus. ... Wenn man so vom Kirchhof her wieder 'reinkommt ... der Sarggeruch von dem frischen Holze steckt noch drin. ... Und das Tannengestreusel. ... Und die Lorbeerblätter. ... Und die zerquetschten Blumen... Einfach scheußlich!

Meine Schwester, die mir dazumal die Wirtschaft führte – die alte brave Seele ist nun auch schon lange tot –, hatte zwar ein bißchen Ordnung geschaffen, den Katafalk wegräumen lassen und so ... aber viel war in der Eile nicht zu machen gewesen.

Ich ließ sie nach Hause fahren, holte eine Flasche von Pützens bestem Portwein und setzte mich dem Jungen vis-a-vis, der auf dem Sofa saß und seine Degenspitze auf dem Fußblatt englisch reiten englisch reiten - Leichttraben. ließ.

Wie gesagt, ein prächtiger Bengel. ... Lang, stämmig, wie sich's für einen Dragoner paßt ... Schnurrbart wie zwei Büsche ... dicke, schwarze Brauen und darunter die Augen wie zwei Feuerräder. Bißchen wilde, niedrige Stirn, weil die Haare zu tief 'reingewachsen waren, denn der Schädel war proper. Aber dergleichen kleidet die Jugend. – Und in der ganzen Erscheinung jener Gardeschick, den wir alle mal so heiß erstrebt haben, mit dem aber weder die Tilsiter noch die Allensteiner Dragoner sich messen können. – Der Deibel weiß, woran es liegt! –

Ich stoß' mit ihm an – auf des Alten Gedächtnis natürlich – und frage dann wie obenhin: »Na, was meinst du, was soll nu werden?«

»Weiß ich's?« burbelt er zwischen den Zähnen und flammt mich mit seinen Augen verzweifelt an.

Ja, ja, so standen die Sachen.

Die Verhältnisse des Alten waren niemals glänzend gewesen. Dazu seine Liebe für alles Trinkbare. – Na, und Sie wissen, wo ein Sumpf ist, da sielen sich die Poggen. Poggen – Frösche, Kröten. ... Vor allem aber der Junge, der seit Jahren drauf loslebte, als ob die Mergelkaulen auf Döbeln lauter Silberminen gewesen wären.

»Es summt sich wohl wieder mal, mein Sohn?« frag' ich.

»Gehörig, Onkel«, erwidert er.

»Das hast du aber schlecht getroffen«, sag' ich. Hypotheken bis über die Landschaftstaxe – gebaut muß auch werden und verdient wird bei der Landwirtschaft nichts, das wissen ja schon die Hühner.«

»Also Abschied?« fragt er und sieht mich fest an, wie einer, der vorm Kriegsgericht seine Verurteilung erwartet.

»Falls du keine Partie in petto hast, die dich 'rausreißt.«

Er schüttelt wütend den Kopf.

»Dann selbstverständlich.«

»Und wenn ich Döbeln parzellieren lasse, was meinst du, was da übrig bleibt?«

»Schäm dich was, Junge«, sag' ich. »Das Hemd auf dem Leib verschleudert man nicht, und aus dem Bett schlägt man kein Brennholz.«

»Onkel, du redest wie'n Endchen Talglicht«, erwidert er. »Ich sitz' beim Gurgler Gurgler –- Halsabschneider, Wucherer drin.«

»Wie viel ist es?« frag' ich.

Er nannte eine Summe. Wie hoch sie war, will ich verschweigen, denn ich hab' sie bezahlt.

Ich formulierte meine Bedingungen. Erstens: Sofortiger Abschied. Zweitens: Selbstbewirtschaftung des Gutes ... Drittens: Beilegung des Prozesses.

Dieser Prozeß wurde geführt mit dem von Krakow auf Krakowitz und war seit vielen Jahren der Lieblingssport meines Freundes gewesen. Er drehte sich natürlich wie alle solche Sachen um eine Erbschaftsangelegenheit und hatte schon dreimal so viel verschlungen, als der ganze Krempel ausmachte.

Und da der Krakow ein Rauhbein war, so hatte sich der Streit persönlich zugespitzt und war zum zähnebleckenden Hasse geworden, wenigstens auf jener Seite, denn Pütz in seinem Phlegma sah die Sache immer noch ein bißchen humoristisch an. ... Der drüben aber hatte öffentlich erklärt und geschworen, er werde jeden Pütz samt dessen Anhang um Hunden von seinem Hofe herunterhetzen lassen.

Ja, also das waren meine Bedingungen. ... Und er erklärte sich einverstanden. Ob gern oder ungern, untersuchte ich nicht.

Die ersten Schritte zur Verständigung mit dem Krakow beschloß ich selber zu tun, obwohl ich alle Ursach' hatte, seine Drohung auch auf mich zu beziehen, – war ich doch schon im Kreistag ein paarmal gehörig mit ihm aneinandergeraten.

Aber – na, sehen Sie mich an – und ohne daß ich prahlen will, ich kann mit dieser meiner Faust einen Bullen zu Boden schlagen, vor ein paar Kötern brauch' ich doch nicht Reißaus zu nehmen!

Na ja!...

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