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John Workmann wird Millionär

Hans Dominik: John Workmann wird Millionär - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann wird Millionär
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid925df4f0
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8. Kapitel

Mr. Ford stand von seinem Sessel auf und ging mit gerunzelter Stirn und zusammengekniffenen Lippen im Sitzungssaale auf und nieder.

»Die Sache ist versiebt. Irgendeiner von meinen Leuten hat geplaudert. Anders ist es nicht zu erklären, daß uns die Stadtverordneten von Bay City plötzlich mit solchen Forderungen kommen. Hier liegt der letzte Brief unseres Agenten. Da schreibt er, daß die Stadt bereit ist, ihm das ausgewählte Gelände zu billigem Preise zu überlassen. Heute kommt ein Telegramm, daß sich der Preis auf das Zwanzigfache stellt; vier Millionen Dollar für eine halbe Quadratmeile Swamp ...«

Mr. Ford trat an den Tisch, betrachtete noch einmal das Telegramm, als ob er die Nachricht noch immer nicht glauben könne, und setzte dann seine Wanderung durch den Saal fort.

Mr. Reppington brach schließlich das drückende Schweigen.

»Ich habe mit der Möglichkeit gerechnet, Sir, daß die Sache an der einen Stelle vielleicht nicht glücken könne, und daher auch noch Gelände in der Gegend von Rochester besichtigt. Auch dort am Lake Ontario bieten sich Möglichkeiten für die geplante Anlage ...«

»Bis auch die Leute von Rochester dahinterkommen, mit wem sie es zu tun haben und uns das Projekt verwässern. Wer hat denn überhaupt alles von dem Plane Kenntnis gehabt ... Sie, Mr. Taylor, Mr. Reppington und außerdem unser Agent, der als Käufer auftrat. Mr. Smith, der Agent, ist mir seit fünfzehn Jahren als absolut zuverlässig bekannt. Er hat das größte Interesse, daß das Geschäft zustande kommt, denn er verdient seine Provision damit. Bleiben also nur Sie beide.«

Das Schweigen im Saale wurde unerträglich. Mr. Taylor brach es zuerst.

»Ein anderer wußte auch noch um die Sache. Reppington, Sie hatten doch den jungen Burschen auf Ihrer Besichtigungsreise mit. Den kleinen Workmann, den ich Ihnen damals besonders empfohlen habe.«

Mr. Ford horchte auf.

»Was ist das für ein junger Mensch, der mit besonderer Empfehlung in Ihre Kreise kommt, Mr. Taylor? Sie wissen, wie ich über Empfehlungen denke.«

»Eine eigenartige Sache, Mr. Ford. Der junge Mensch bewarb sich um eine Stellung im psychotechnischen Laboratorium und legte seiner Bewerbung eine Empfehlung von Cornelius P. Vanderbilt vom Harvard College, Massachusetts, bei. Er wollte nicht recht mit der Sprache heraus, aber ich bin überzeugt, daß er mit dem jungen Vanderbilt zusammen auf dem College studiert hat. Die Empfehlung, die er von diesem brachte, war ganz so gehalten, wie sie sich Schulfreunde zu geben pflegen. Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den Wortlaut. Er ging ungefähr so: Allen meinen Freunden und allen, die meinen Namen kennen, empfehle ich auf das angelegentlichste meinen Freund John Workmann ...

Ich glaubte einer Empfehlung aus dem Hause Vanderbilt Gehör geben zu müssen, weil ...«

»Es ist eine eigentümliche Geschichte mit dem jungen Menschen«, unterbrach ihn Mr. Reppington. »Er hat auch irgendwelche Beziehungen zum ›New York Herald‹. Als wir neulich in Niagara Falls waren, bekam er ein Telegramm von dort, mußte einen Bericht über die Tonnenfahrt schreiben, obwohl ich keinem Menschen ein Wort davon gesagt hatte, daß ich überhaupt an die Fälle gehen wollte. Ich habe mir seit der Zeit den Kopf zerbrochen, auf welche Weise der Herald von unserem Aufenthalt dort Kenntnis bekommen haben kann.«

Nun war die Sache auf die einfachste und natürlichste Weise in der Welt zugegangen. John Workmann hatte seiner Mutter aus Bay City geschrieben, daß er in drei Tagen an die Fälle kommen würde. Der Redakteur Berns hatte Frau Workmann auf dem Broadway getroffen und den Brief gesehen, hatte die voraussichtliche Hoteladresse John Workmanns in Niagara Falls City daraus entnommen und ihm schließlich dorthin den Auftrag telegrafiert.

Das war das große Geheimnis, welches in diesem Moment drei leitenden Männern der Ford-Werke Kopfzerbrechen verursachte. Daß ein Mensch, der mit der Tagespresse so enge Beziehungen unterhielt, auch zweifellos das Geheimnis dieses geplanten Landkaufes ausgeplaudert haben müßte, galt ihnen allen in diesem Augenblick als unumstößlich sicher. Daß gerade die Leute von der Presse oft Geheimnisse zu treuen Händen erhalten, über die sie absolute Verschwiegenheit bewahren müssen und auch bewahren, war diesen im industriellen Leben stehenden Männern nicht zur Genüge bekannt.

Mr. Ford faßte zuerst seinen Entschluß.

»Ich will mir den Menschen einmal ansehen. Und bestätigt sich unser Verdacht, so verläßt er noch heute mein Werk, und wenn er Empfehlungen vom Präsidenten selber brächte.«

John Workmann wurde zum obersten Chef befohlen. Es bedurfte nur weniger Minuten, um diesen Befehl zur Ausführung zu bringen. Die Tür des Sitzungssaales öffnete sich, und John Workmann trat in den luxuriös ausgestatteten Raum und schritt über den schwellenden Teppich hin auf die Gruppe der drei Männer zu. Mr. Ford betrachtete den Ankömmling mit Interesse und fühlte sein ursprüngliches Vorurteil von Sekunde zu Sekunde schwinden. Der freie, offene Blick, mit welchem John Workmann den scharfen Adleraugen des gewaltigen Fabrikherrn begegnete, nahm für ihn ein. Der Amerikaner beherzigt auch heute noch das alte Sprichwort: Look the man's eye: Sieh dem Mann in die Augen. Wer den scharfen, prüfenden Blick des anderen frei aushält, wer nicht verlegen oder schuldbewußt die Augen niederschlägt, der ist bei der Prüfung schon zur Hälfte durchgekommen.

»Ich habe Sie rufen lassen, Mr. Workmann, um ein paar Fragen an Sie zu richten. Warum bringen Sie denn die dicke Mappe da mit?«

»Weil ich ebenfalls zu Ihnen wollte, Mr. Ford, um Ihnen eine für Ihren Betrieb wichtige Sache mitzuteilen.«

Mr. Ford lächelte ironisch.

»Sind Sie denn so sicher, daß ich Sie empfangen hätte?«

»Ich denke, Mr. Ford, für wichtige Sachen Ihres Betriebes sind Sie zu jeder Zeit und für jeden zu sprechen.«

Die Ironie Fords ging in ein stilles Amüsement über.

»Es fragt sich nur, ob ich die Sachen auch für wichtig halte, die Ihnen wichtig erscheinen.«

»Ich denke, Mr. Ford, die Grundstückserwerbung für die neugeplante Fabrikanlage ist augenblicklich eine äußerst wichtige Sache für Ihren Betrieb.«

Die Herren Taylor und Reppington hielten den Atem an. Da war man ja mitten in dem gefährlichen Gebiet darin. Der junge Mensch selber brachte das Thema zur Sprache, über das er hier sozusagen als Angeschuldigter und Schwerverdächtigter vernommen werden sollte.

Mr. Ford umfaßte die ganze Gestalt John Workmanns noch einmal mit einem prüfenden Blick.

»In der Tat, der Grundstückskauf, Mr. Workmann, das ist gerade das Thema, über das ich mit Ihnen reden wollte. Sie wissen, daß unsere Absichten, neues Land zu erwerben, vollkommen geheimbleiben mußten.«

»Das ist selbstverständlich, Mr. Ford.«

»Es ist aber nicht geschehen. Unsere Absichten sind bekannt geworden, und die Besitzer der Grundstücke versuchen, uns zu überteuern.«

»Dann müssen Sie die Grundstücke dieser Leute nicht kaufen, Mr. Ford. Ich denke, es ist ein guter Geschäftsgrundsatz, daß man für eine Sache nicht mehr bezahlt, als sie wirklich wert ist.«

Mr. Ford wurde verdrießlich.

»Sie reden wie ein Professor, mein Junge. Wie ein Professor vom Harvard College, aber nicht wie ein Geschäftsmann. Ein Geschäftsmann zahlt das, was die Sache gerade für ihn wert ist, und das ist manchmal viel mehr als der Wert, den sie für andere hat.«

»Ich verstehe Sie, Sir, solche Fälle sind in New York öfter vorgekommen, wenn etwa eine Bank oder ein Warenhaus die Nachbargrundstücke brauchte. Da sind manchmal ungeheure Summen gezahlt worden. Aber Sie können doch Ihre Fabrik hinlegen, wohin Sie wollen. Ich denke, es gibt dafür genug Land am Ufer unserer Seen.«

»Wenn ich jedesmal plauderhafte Angestellte habe, die meine Pläne verraten, werde ich überall überteuert werden.«

»Bei mir nicht, Mr. Ford. Mein Land können Sie zu dem ehrlichen Preise bekommen, zu dem ich es jedem anderen auch verkaufen würde. Ich weiß, daß Sie eine Fabrik darauf errichten wollen, aber ich würde es für Unrecht halten, deshalb von Ihnen einen höheren Preis zu fordern, als von irgendeinem anderen.«

Mr. Taylor warf Reppington einen Blick zu, der besagen sollte: Siehst du, wie recht ich hatte, daß ich den Jungen von Anfang an für etwas Besonderes hielt. Und Mr. Reppington gab einen Blick zurück, der bedeutete auch mancherlei.

»Ihre Grundstücke, Mr. Workmann. Das ist ja einigermaßen interessant. Ich wußte nicht, daß einer meiner Angestellten soviel Land besitzt, wie ich für meine neue Fabrik brauche.«

»Ich wußte es vor fünf Tagen auch noch nicht, Mr. Ford.«

»Also eine Überraschung für alle Teile. Hoffentlich liegen Ihre Grundstücke nicht auf dem Mond.«

John Workmann trat an den Tisch heran, schlug seine Mappe auf und breitete einen großen Plan aus, der das Gelände am Südufer des Lake Ontario in der Gegend von Lake Road zeigte.

»Meine Grundstücke liegen nicht auf dem Monde, sondern in den Vereinigten Staaten, und zwar hier in Ontario.«

Mr. Ford warf einen Blick auf den Plan. Da war unmittelbar am Seeufer mit starken, roten Linien ein Gelände umrandet, welches reichlich eine halbe Quadratmeile groß war. Ebenfalls mit roten Buchstaben war in das Gelände eingezeichnet »Hinterlassenschaft von Andrew MacHolm«.

Auch Mr. Taylor und Reppington traten näher und betrachteten den Plan. Soviel sich aus der Karte ersehen ließ, war dies ein ideales Gelände für die neue Fabrikanlage. Flaches Land, unmittelbar am Seeufer, nur wenige Kilometer von der nächsten Hauptbahnlinie entfernt und im Bereiche der elektrischen Hochspannungsversorgung von den Fällen her.

Wiederum entstand eine lange Pause des Prüfens und Nachdenkens. Wieder war es Mr. Ford, der zuerst das Schweigen brach. Und jetzt behandelte er den siebzehnjährigen Jungen da vor sich durchaus wie einen Gleichberechtigten, wie einen wichtigen Partner eines großen Geschäftes.

»Well, Mr. Workmann, das Gelände könnte mir passen. Es sind aber zwei wichtige Dinge klarzustellen, nämlich die juristische und die finanzielle Frage, oder, um es geradeheraus zu sagen: Gehört Ihnen das Grundstück unanfechtbar, und zu welchem Preise wollen Sie es mir verkaufen?«

»Das Grundstück ist die Hinterlassenschaft des Bruders meiner Mutter, des verstorbenen Rechtsanwalts Andrew MacHolm aus Buffalo. Die alleinigen Erben sind meine Mutter und ich. Weil ich noch nicht mündig bin, vor dem Gesetz noch nicht mündig, Mr. Ford, obwohl ich meine Angelegenheiten seit meinem zehnten Lebensjahre selber führe, ist meine Mutter mein Vormund. Die Belegstücke über all diese Dinge finden Sie hier in der Mappe.«

John Workmann faltete den Plan zusammen und schlug die erste Seite der Mappe auf. Da war auf einem leeren Aktenbogen ein kleiner Zeitungsausschnitt aufgeklebt. Ein Rechtsanwalt suchte durch öffentlichen Aufruf in den Zeitungen die Erben des kinderlos verstorbenen Andrew MacHolm. Als die nächst Erbberechtigten waren in dem Aufruf die einzige Schwester des Verstorbenen und deren etwaige Kinder genannt.

Seite um Seite brachte das Schriftstück dann die Ergebnisse der Nachforschungen. Wieder war es der Redakteur Berns gewesen, der zuerst eingegriffen hatte. Er war mit dem Aufruf zu Frau Workmann gekommen, deren Mädchennamen er kannte. Er hatte die Meldung bewerkstelligt, und die Gerichte hatten die Berechtigung der beiden Erben vollgültig anerkannt und ihnen die Erbschaft übergeben. Diese Erbschaft war eigenartig und entsprach so ganz den Gepflogenheiten des verstorbenen Andrew MacHolm, der als Sonderling gelebt hatte und gestorben war. Ein winziges Barvermögen, welches kaum ausreichte, um die Beerdigungskosten zu decken. Schon seit vielen Jahren hatte der Erblasser seine Rechtsanwaltstätigkeit aufgegeben und sich von seinem bescheidenen Vermögen eine Leibrente gekauft, die natürlich nach seinem Tode erlosch. Er hinterließ eine Schmetterlingssammlung von bemerkenswerter Vollständigkeit, eine Briefmarkensammlung und dieses große Wiesen- und Swampgrundstück am Ontario, welches er vor beinahe einem Menschenalter erworben hatte. Dort hatte er sich ein Blockhaus errichten lassen und die letzten 15 Jahre fast vollkommen als Einsiedler gelebt. Dies alles und noch eine Menge anderer Einzelheiten gingen aus dem Aktenstück hervor.

Jetzt schob Mr. Ford die Mappe auf den Tisch zurück.

»Nehmen wir an, die juristische Seite wäre in Ordnung. Dann kommt die finanzielle. Welchen Preis verlangen Sie für das Gelände?«

»Ich sagte Ihnen bereits, Mr. Ford, daß ich Ihnen das Gelände zu dem gleichen Preis verkaufe, wie jedem anderen auch. Ich habe mich danach erkundigt, zu welchen Preisen in jener Gegend in letzter Zeit Land verkauft worden ist. Für solches Wiesenland am See ist immer ein runder Satz von hundert Dollar für den Morgen gezahlt worden. Zu diesem Preise können Sie mein Land haben.«

Mr. Ford schlug die Karte des Areals noch einmal auf und maß das rot umrandete Stück sorgfältig aus. »Es sind rund tausend Morgen. Macht rund hunderttausend Dollar. All right, Mr. Workmann, das Geschäft wollen wir machen. Schlagen Sie ein.«

Er streckte John Workmann die Hand hin; durch den Handschlag sollte das Geschäft perfekt werden.

»Noch einen Augenblick, Mr. Ford. Eine Bedingung habe ich noch bei dem Verkauf.«

Die Stirn Fords bewölkte sich. Was konnten jetzt noch für Bedingungen kommen. Kam jetzt am Ende der Pferdefuß bei diesem Geschäft zum Vorschein, nachdem es zuerst so glatt zu verlaufen schien?

»Und was sind das für Bedingungen?«

»Nur eine einfache und leicht zu erfüllende. Ich möchte bei der Anlage der neuen Fabrik mit Volldampf mitarbeiten können, möchte das Entstehen der Fabrikpläne und den Aufbau der neuen Werke Schritt um Schritt mit verfolgen dürfen.«

Die Stirn des Fabrikherrn glättete sich wieder.

»Der Wunsch ist wohl zu erfüllen, und er soll gern erfüllt werden. Ist das die einzige Bedingung?«

»Die einzige.«

John Workmann legte seine Rechte in die Hand von Ford, und beide Hände umschlossen sich mit festem Druck. Der Landkauf war getätigt.

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