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John Workmann wird Millionär

Hans Dominik: John Workmann wird Millionär - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann wird Millionär
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid925df4f0
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4. Kapitel

Seit vier Wochen war John Workmann nun im Taylorbüro der Ford-Werke. Vierundzwanzig Jahrhunderte früher hatte ein Mann, den das Orakel von Delphi für den weisesten der Griechen erklärte, einmal gesagt: »Ich weiß, daß ich nichts weiß.« John Workmann hatte nie etwas von Sokrates gehört. Aber diese Erkenntnis des alten Philosophen wurde ihm von Tag zu Tag klarer. Er glaubte doch schon eine ganze Menge zu verstehen. Zum Beispiel, wie man einen Eisenbahnwagen entladet und beladet, oder wie man die eine oder andere Werkzeugmaschine bedient. Hier aber mußte er erkennen, daß er auch von diesen einfachsten Dingen rein gar nichts verstand.

Mr. Reppington, bei dem er sich mit der Karte von Mr. Preece meldete, hatte ihm am ersten Tage ein dickes Aktenstück in die Hand gedrückt.

»Mr. Workmann, Sie müssen erst viel bei uns lernen, bevor wir Nutzen von Ihnen haben können. Sehen Sie, daß Sie es möglichst schnell lernen, damit der Nutzen bald kommt. Ich lasse Ihnen acht Tage Zeit, um dies Aktenstück gründlich durchzustudieren. Das Studium allein tut es aber nicht. Sie müssen nebenher an der Hand des Schriftstückes unsere Werkzeugsammlung besuchen, und zwar zunächst nur diejenige Abteilung, in welcher die in dem Aktenstück behandelten Werkzeuge ausliegen. Sie müssen zweitens unsere Büros besuchen, in denen die psychotechnischen Unterlagen gewonnen werden. Und Sie dürfen sich drittens nicht zersplittern, sondern müssen Ihren Geist ganz auf das eine Gebiet richten. Nach acht Tagen werde ich mich das erstemal mit Ihnen über diese Dinge unterhalten.«

John Workmann hatte sich nach dieser kurzen und prägnanten Einführung an das Studium gemacht. Es war eine ungewohnte Arbeit für ihn, denn bisher war ihm etwas Ähnliches noch nie vor die Augen gekommen. Da fand er zunächst eine kurze Einleitung über das Schaufeln von kleinstückigem Material, Arbeiten also, wie er sie bereits hundertmal auf allerlei Bauplätzen und Bahnhöfen gesehen hatte. In New York verrichteten die frisch Zugewanderten, Rumänen und Slawen, die noch wenig Englisch konnten, diese Arbeiten. Sobald die Leute genügend Englisch begriffen hatten, um sich einigermaßen verständigen zu können, machten sie sich gewöhnlich schleunigst daran, einen anderen »Job« zu suchen. John Workmann kannte also diese einfachen Erd- und Schaufelarbeiten nur als niederste Art menschlicher Betätigung. Hier aber war eine vollständige Wissenschaft daraus gemacht worden. Die allgemeine Einleitung dieses Aktenstückes setzte auseinander, daß bei einer wirklich wissenschaftlichen Ausführung der Schaufelarbeit die drei zusammenwirkenden Faktoren, nämlich der arbeitende Mensch, das Werkzeug und die zu verarbeitende Masse, genau aufeinander abgestimmt sein müßten. Die Masse war das Gegebene. Man mußte für die verschiedenen durch Schaufelarbeit zu bewältigenden Stoffe geeignete Schaufeln konstruieren, und man mußte aus der großen Zahl der Menschen, die für Schaufelarbeit zur Verfügung standen, diejenigen auswählen, deren Körperbeschaffenheit besonders für die Arbeit geeignet war.

Die Schaufel zerfiel wieder in zwei Teile, nämlich das Schaufelblatt und den Schaufelstiel. Das Blatt war nach Form und Größe, besonders der Stückgröße und dem spezifischen Gewicht, der zu schaufelnden Masse anzupassen. Der Stiel war dagegen in besonderer Rücksicht auf den Arbeiter auszubilden.

John Workmann hatte während seines Lebens als Zeitungsjunge in New York einzelne Erdarbeiter näher kennengelernt. Er wußte, sie besaßen ihre eigene Schaufel oder ihren eigenen Spaten und wollten mit keinem anderen Werkzeug arbeiten. Heute schaufelten sie damit Koks und morgen Steinschlag. Heute gruben sie leichten Sand und morgen schweren Steinboden.

Hier aber fand er in sauberen Zeichnungen dreißig verschiedene Schaufeln und ebenso viele Spaten und Gabeln. Bei jeder Zeichnung war genau notiert, für welches Material sie verwendet werden sollte. Und dann kamen Kurven, merkwürdig verschlungene Linien, die genau die Bewegung festlegten, mit welcher der Arbeiter die Schaufel zu führen hatte. Schließlich aber enthielt das Aktenstück lange, kaum übersehbare Listen, in denen die Versuchsergebnisse mit diesen Werkzeugen zahlenmäßig niedergelegt waren. Besonders ausgesuchte Arbeiter hatten mit den neuen Werkzeugen, unter Aufsicht, nach der Uhr gearbeitet. Ihre Leistungen waren mit denjenigen anderer Arbeiter mit den alten Werkzeugen in Vergleich gebracht, und überall ergab sich eine Steigerung der Arbeitsleistung auf etwa das Vierfache gegenüber früher. Diese letzte Zusammenstellung besiegte den inneren Widerstand John Workmanns. Er erkannte klar, daß alle diese Neuerungen und Untersuchungen schließlich in einer gewaltigen Steigerung der Arbeitsleistung gipfelten, und von diesem Augenblick an warf er sich mit Feuereifer auf das Studium dieses Gebietes. Stundenlang war er in dem Versuchsraum, wo neue Werkzeuge für Erdarbeiten erprobt und die Arbeiter gleichzeitig gefilmt wurden. Er war dabei, wie der Film durchgearbeitet wurde. Jetzt begriff er, woher diese merkwürdigen Kurven in seinem Aktenstück kamen. Dort im Versuchsbüro ließ man zehn der Geschicktesten nacheinander je eine Stunde mit dem neuen Werkzeug arbeiten und filmte sie dabei. Man notierte, wieviel jeder dieser Arbeiter in einer Stunde geschafft hatte und konstruierte dann die Bewegungslinie jedes einzelnen Arbeiters aus den Filmbildern. Da zeigte sich dann stets, daß die Leute mit den besten Arbeitsleistungen stets besonders einfache und unter sich übereinstimmende Bewegungslinien hatten. So kam man ganz von selbst zu Musterlinien, die nun für alle anderen Arbeiter als Vorbild gewählt wurden.

Als jene ersten acht Tage verstrichen waren, konnte John Workmann Mr. Reppington einen Vortrag halten, der Hand und Fuß hatte. Er wußte über jedes einzelne der vielen Werkzeuge haarklein Bescheid, er hatte alle damit erreichten Leistungen im Gedächtnis und konnte sogar die Richtungen angeben, in denen sich voraussichtlich die nächsten Verbesserungen bewegen würden.

»All right, Mr. Workmann, es ist möglich, daß wir Sie brauchen können. Nehmen Sie sich jetzt diesen Band vor.«

Das war die Kritik des Mr. Reppington gewesen.

Wenn nun aber John Workmann glaubte, auch nur einen Schritt weitergekommen zu sein, so irrte er sich. Dieser zweite Band enthielt in der gleichen Weise die Tischlerarbeiten, und noch viel mannigfaltiger war die Zahl der neuen Werkzeuge. In der dritten Woche hatte er in gleicher Weise die Schlosserarbeiten durchzunehmen, und die vierte Woche beschäftigte ihn mit den Arbeiten in Formereien und Gießereien. Jetzt stand er wieder vor Mr. Reppington, der ihn auf Herz und Nieren prüfte. Aber er nickte diesmal freundlicher als sonst.

»Gut, Mr. Workmann, Sie haben sich die einfachen Grundlagen des Taylorsystems ganz schön angeeignet. Jetzt müssen Sie einen Monat im psychotechnischen Laboratorium mitarbeiten. Dann werden wir weiter sehen.«

Nun hatte diese Arbeit im psychotechnischen Laboratorium begonnen, und gerade sie war es, die John Workmann zu einem Seufzer veranlaßte.

Jeden Tag hatten sie Prüflinge. Jeder Mensch, der sich in den Ford-Werken um eine Stellung bemühte, wurde hier erst einmal auf seine Fähigkeiten untersucht. Da kamen Chauffeure in Mengen. Die Werke konnten sie auch gebrauchen. Stellten sie doch, wie John Workmann zu seinem Erstaunen gehört hatte, an jedem Tage 3000 Kraftwagen her. Die Riesenzahl von 900 000 Kraftfahrzeugen verließ in den 300 Arbeitstagen eines jeden Jahres das Werk. Für das Ausproben und Einfahren dieser Fahrzeuge wurden natürlich Chauffeure in großer Menge gebraucht. Aber es kam keiner der vielen Bewerber auf den Wagen, der nicht erst die scharfe Prüfung im psychotechnischen Laboratorium bestanden hatte.

John Workmann war dabei und glaubte eher in einer Zaubervorstellung im Theater als in einem Industriewerk zu sein. Der Chauffeur, ein kräftiger, großer Kerl, der sich rühmte, schon auf vielen Straßen der Welt mit den größten und schwersten Wagen gefahren zu sein, kam in den Prüfungssaal und wollte seine Zeugnisse vorlegen. Man nahm sie auch an, aber man sah gar nicht hinein. Man bat ihn vielmehr höflich, aber bestimmt, auf einen großen Kraftwagen zu steigen, der da mit leise ratterndem Motor im Saale stand. Ein Ingenieur des Laboratoriums erklärte mitfahren zu wollen und nahm neben dem Chauffeur, der am Steuer saß, Platz.

Und dann – dort, wo der Saal noch eben eine Wand hatte, dehnte sich das Bild einer breiten, geraden Straße. Straßenbahn-Schienen liefen in der Mitte, große Bäume beschatteten die Bürgersteige, und in endlose Ferne verlor sich das Ganze. Ein Projektionsapparat warf dies Bild auf die entsprechende weiße Wand des Saales.

»Fahren Sie jetzt die Straße entlang«, sagte der Ingenieur zu dem neben ihm sitzenden Chauffeur. »Fahren Sie, und fahren Sie genau so, wie Sie in Wirklichkeit fahren würden. Geben Sie Hupenzeichen, wenn Sie es für nötig halten, und richten Sie die Geschwindigkeit auch so ein, wie Sie es in Wirklichkeit tun würden.«

»In drei Teufels Namen ... ja, wenn es Ihnen Spaß macht, daß ich Ihnen die Wand da vor mir entzweifahre, dann kann ich Ihnen das Vergnügen machen.«

Mit diesen Worten gab der Chauffeur dem Motor Gas und schlug die Kupplung ein. In diesem Augenblick ging ein leichtes Zittern durch das Straßenbild vor dem Wagen. Aus dem festen Projektionsbild wurde ein lebendiges Kinobild und langsam rückten die Bäume der Straße auf den Wagen zu. Der Chauffeur schaltete auf die nächsthöhere Geschwindigkeit, und das Tempo des Bildes wurde entsprechend beschleunigt.

»Zum Teufel, wo ist die Wand geblieben«, brummte er und warf einen Blick auf den Tachometer, den er vor sich hatte. Der stand bereits schwankend zwischen 25 und 26 Kilometer pro Stunde. »Wir müßten doch längst durch die verfluchte Wand hindurch sein.«

Aber dann vergaß der Chauffeur die Wand, denn er hatte Wichtigeres zu tun. Die Straße wurde jetzt belebt. Aus einzelnen Häusern kamen Fußgänger und schritten auf den Bürgersteigen dahin. Einmal ... hoppla ... das hätte ja fast ein Unglück gegeben. Nur im letzten Moment konnte der Chauffeur bremsen und ausweichen. Lief da ein Kerl plötzlich aus einem Hause senkrecht auf den Fahrdamm und wäre um ein Haar unter die Räder des Autos gekommen. Jetzt war der Unfall glücklich vermieden und der Chauffeur brachte den Wagen wieder auf volle Fahrt.

»Sie müssen öfter Hupensignale geben«, sagte der Ingenieur neben ihm. »Es ist bei Gerichtsverhandlungen immer gut, wenn man nachweisen kann, daß man rechtzeitig gehupt hat. Sehen Sie, da kommt eine Querstraße, vergessen Sie das Signal nicht.«

Entschlossen folgte der Chauffeur dem Rat und gab kräftige Hupensignale. Es zeigte sich sofort, daß diese Maßregel sehr am Platze war. Auch aus der Seitenstraße tönten Signale, und ein schweres Lastauto mit zwei Anhängewagen rollte aus ihr heraus und versperrte für kurze Zeit die Bahn, so daß dem Chauffeur nichts übrigblieb, als völlig stillzuhalten, bis das Hindernis vorüber war.

Die Fahrt ging weiter. Straßenbahnwagen kamen von vorn und von hinten. Haltestellen der Bahn, an denen sich das Publikum drängte, mußten mit Vorsicht passiert werden. Wieder kam jetzt eine Querstraße.

»Wir wollen rechts abbiegen«, sagte der Ingenieur. Sofort verließ der Wagen die schöne, breite Straße und suchte sich seinen Weg durch eine schmale Seitenstraße, in der kaum zwei Wagen aneinander vorüber konnten. Kinder spielten auf dem Pflaster. Hühner und Schweine liefen umher, und größte Vorsicht beim Fahren war notwendig. Nun wurden die Häuser seltener und die städtische Straße ging allmählich in eine Chaussee über.

»Jetzt wollen wir recht schnell vorwärts kommen«, sagte der Ingenieur. Der Chauffeur gab Vollgas und Vorzündung, daß der Tachometer auf 90 stieg und die Straße in schwindelnder Fahrt vorüberjagte.

Krach ... um ein Haar wäre das wieder schiefgegangen. Die Chaussee zeigte eine schwere Wasserrinne, eines jener unangenehmen Hindernisse, die man nur in mäßigem Tempo durchfahren kann. Und jetzt ... es war scheußlich. Die Chausseeverwaltung hatte schwere Feldsteine bald rechts und bald links auf die Straße gelegt, so daß der Wagen genötigt war, fortwährend in Schlangenlinien zu fahren. Wohl 20 Minuten dauerte das, und die Geschwindigkeit fiel dabei auf 50 Kilometer. Bis dann die Strecke wieder frei war und die Fahrt in flottem Tempo weitergehen konnte, bis ... ja ... bis sich an einer Stelle, wo es zur Rechten ziemlich steil nach unten und zur Linken schroff bergauf ging, plötzlich eine große Kuhherde unter Führung eines gar nicht gutartig aussehenden Stieres auf die Straße drängte. Der Chauffeur gab Hupensignale nach Leibeskräften und schlängelte sich mit Kühnheit und Geschicklichkeit an die Herde heran. Im letzten Moment glückte es ihm, eine Lücke zu erspähen, und er fuhr zwischen der Herde durch, daß die Schmutzbleche des Wagens die Rinder streiften. Die Landstraße senkte sich jetzt nach einer Bahn zu.

»Dahinten kommt mein Zug. Fahren Sie schnell, damit ich ihn noch erreiche«, sagte der Ingenieur. Der Chauffeur gab Vollgas und jagte die Landstraße entlang, während man in der Ferne schon die Rauchwolke des Zuges auftauchen sah.

»Halten Sie vor dem Bahnhof.«

Vor einem kleinen Stationsgebäude hielt der Wagen an.

»Setzen Sie den Motor still.« Der Chauffeur tat es. In demselben Augenblick, wo er es tat, verschwand wie weggewischt die ganze Landschaft. Die künstliche Beleuchtung flammte wieder auf. Nach wie vor stand der Wagen ruhig im Saal, und sechs Meter von ihm entfernt erhob sich die weiße Wand, auf der dieser ganze Zauberspuk sich abgespielt hatte.

Der Chauffeur fuhr sich über die Augen und griff sich an den Kopf.

»Great Scott! Hier war doch eben noch ein Bahnhof, an dem Sie aussteigen wollten, Sir!«

»Ganz recht, Sir, das tue ich auch, und Sie müssen sich fünfzehn Minuten gedulden. Dann werden wir Ihnen sagen, ob wir Sie als Chauffeur brauchen können oder nicht.«

Der Chauffeur ging ins Wartezimmer. John Workmann, der diese ganze Fahrt mitten im Saale stehend miterlebt hatte, sah, wie der Ingenieur aus dem Wageninnern eine runde, mit Papier bewickelte Metalltrommel herausnahm, und folgte ihm in den Nebenraum. Hier wickelte der Ingenieur den Streifen von der Trommel ab. Mehrere rote Linien, die vorgedruckt waren und mancherlei Krümmungen und Schnörkel aufwiesen, zogen sich der ganzen Länge nach über den Papierstreifen. Daneben liefen Bleistiftlinien, die in der Hauptsache den Krümmungen der roten Linien genau folgten und vielfach vollkommen auf ihnen verliefen. Nur an drei Stellen zeigten die Bleistiftlinien größere Abweichungen.

»Sehen Sie, das war das erstemal hier«, sagte der Ingenieur zu John Workmann. »Da hat er nicht rechtzeitig gehupt und ein Mensch wäre ihm beinahe unter die Räder gekommen. Würde die Bleistiftlinie noch 3 Millimeter weiter bis zu dieser roten Linie reichen, so könnten wir ihn nicht brauchen, denn er hätte dann einen Menschen totgefahren. Wir wollen uns noch einmal seine Zeugnisse ansehen und dann mit ihm reden.«

Die Zeugnisse des Bewerbers waren gut. Er hatte die schweren Wagen von europäischen Aristokraten und amerikanischen Geldfürsten gefahren und wurde überall als tüchtig und zuverlässig gelobt.

Der Ingenieur nahm einen Formularblock, und John Workmann blickte ihm über die Schulter, während er ihn ausfüllte. Das meiste war bereits vorgedruckt: Dem Chauffeur William Philips wird auf Grund der Prüfung im psychotechnischen Laboratorium der Ford-Werke bescheinigt: Reaktionsfähigkeit 0,95. Ermüdungsfaktor: 0,92. In dieser Art kamen zwölf verschiedene Rubriken. Jede erhielt eine Ziffer, die stets ein echter Bruch war. Aus allen diesen Ziffern wurde dann nach einer ziemlich vertrackten Formel ein Gesamtwert gezogen, der im vorliegenden Falle 0,97 betrug.

»Der höchste, überhaupt erreichbare Wert würde 1 sein«, erklärte der Ingenieur. »Dieser Wert würde einem Idealchauffeur entsprechen, den es in der Natur freilich nicht gibt. Wir nehmen hier Chauffeure bis zu der Fähigkeit von 0,8. Dieser Mann mit 0,97 hat bereits eine vorzügliche Leistung vollbracht.«

Der Ingenieur ging, von John Workmann begleitet, in den Warteraum.

»Hallo, Sir, hier sind Ihre Papiere ...«

»Können Sie mich brauchen, Sir?«

»Wir können Sie brauchen und nehmen Sie sofort in die erste Lohnklasse. Hier sind Ihre Zeugnisse. Hier ist der Prüfungsschein von unserem Laboratorium. Gehen Sie gleich zum Personalbüro und fangen Sie morgen an.«

»All right, Sir. Auf Wiedersehen, Sir.«

Der Mann, der dort seelenvergnügt hinausging, würde ganz gewiß nicht auf Mr. Taylor und sein Büro schimpfen.

John Workmann kehrte mit dem Ingenieur in den Prüfsaal zurück. Der Ingenieur trug die Metalltrommel, die er mit einem neuen Papierstreifen bezogen hatte.

»Machen Sie sich mit dem Mechanismus vertraut, Mr. Workmann, und überlegen Sie sich, was für weitere Verbesserungen noch möglich sind. Wir arbeiten jetzt in der Weise, daß auf der Trommel ein Papierstreifen liegt, der in roten Linien die Fahrmanöver aufgedruckt trägt, welche von einem sehr guten Chauffeur bei dieser Fahrt wirklich ausgeführt wurden, während ein Operateur neben ihm den Film ablaufen ließ. Alle Manöver, die der Chauffeur nun bei der Prüfung ausführt, werden in Bleistiftlinien auf die Trommel aufgezeichnet. Auch die Vorführungsgeschwindigkeit des Films richtet sich genau nach der Fahrgeschwindigkeit, welche der Prüfling auf dem Prüfwagen einstellt. Das Bild der Straße läuft wirklich langsamer oder schneller auf ihn zu, je nachdem er langsamer oder schneller fährt. Diese Beeinflussung der Filmvorführung vom Prüfwagen aus war eine gute Leistung unserer Konstrukteure. Natürlich dreht sich auch die Metalltrommel genau in dem gleichen Tempo, wie die Filmvorführung vonstatten geht, so daß die Bleistiftlinie immer an den ihr entsprechenden Punkten der roten Musterlinie zur Aufzeichnung kommt.«

John Workmann hatte aufmerksam zugehört.

»Ich hätte einen Wunsch, Sir. Ich möchte diese Prüfungsfahrt einmal selber machen.«

»Haben Sie denn jemals das Steuer eines Kraftwagens in der Hand gehabt?«

»Nur bei ganz langsamen Wagen. Aber versuchen möchte ich es doch einmal.«

Der Ingenieur zog die Uhr.

»Die nächste Chauffeurprüfung ist in fünfundzwanzig Minuten angesetzt. Wenn Sie etwas fix fahren, können wir es gerade noch schaffen.«

John Workmann saß am Steuer, und die ihm schon bekannte Landschaft tauchte wieder auf. Er fuhr mit einem mörderischen Tempo, aber er war auf die Zwischenfälle gefaßt, weil er sie schon einmal mit angesehen hatte, und er brachte seinen Wagen in zwanzig Minuten bis zu dem Bahnhof, wo er hielt. Dann betrachtete er gemeinsam mit dem Ingenieur seine Fahrkurve. Und sah, daß er die Prüfung kaum bestanden haben würde. Seine Kurve war übersteuert, wie es der Ingenieur nannte, und zwar kam das daher, weil er bisher immer einen langsamen Wagen, jenen Traktor auf der Farm, gefahren hatte.

»Wenn Sie mit einer langsamen Karre einem Hindernis aus dem Wege gehen wollen, so müssen Sie das Steuer scharf drehen, denn sie rollen in aller Gemütsruhe wirklich einen runden Bogen aus. Wenn Sie einen schnellen Wagen fahren, ist eine viel geringere Drehung des Steuers notwendig, aber sie bringt Sie in einer langgestreckten, flachen Kurve um das Hindernis herum. Würden Sie bei einem Rennwagen das Steuer so drehen, wie Sie es hier getan haben, so würden Sie zehn Sekunden später gegen die Häuser der Straße rasen.«

John Workmann hörte und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. Nach einer Minute Überlegens meinte er: »Dann hätte bei meiner Probefahrt doch tatsächlich der Wagen gegen die Häuser rennen müssen?«

Der Ingenieur zuckte die Achseln. »Gerade hier, Mr. Workmann, wäre die Methode vielleicht noch verbesserungsfähig. Wenn der Prüfling auch spottschlecht fährt, scheint er auf dem Bilde doch noch an allen Hindernissen glücklich vorbeizukommen. Nur an seiner Fahrkurve sehen wir, welche Dummheiten er gemacht hat. Darum bilden sich manche Prüflinge ein, sie wären ungerecht behandelt worden, und schimpfen auf unser Büro und auf diese Prüfungen überhaupt.« John Workmann dachte an die Leute, die er am Tage seiner Ankunft in Detroit in dem Saloon getroffen hatte. Er begriff den Nutzen und die Notwendigkeit dieser Prüfungen, aber er begann darüber nachzudenken, wie man sie so einrichten könne, daß die Prüflinge selbst von der Richtigkeit des Ergebnisses überzeugt wären.

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