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John Workmann wird Millionär

Hans Dominik: John Workmann wird Millionär - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann wird Millionär
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid925df4f0
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3. Kapitel

Der Rapid train, welcher die Reisenden in sausender Fahrt von dem Gestade des Atlantischen Ozeans nach dem Westen trug, machte auf der großen Halbinsel zwischen dem Huron- und Michigansee einen kurzen Halt. Es war noch früh, etwa in der siebenten Morgenstunde, und an diesem Februartage lag die Stadt noch im Dunkel. John Workmann nahm seinen kleinen Koffer in die Hand, kletterte die steilen Stufen des Pullmanwagens hinunter und folgte dem Strom der Reisenden, der den Bahnhof verließ. Da stand er, ein wenig fröstelnd und übernächtigt, mitten auf einer langen, nur wenig beleuchteten Straße, eine unsichere Zukunft vor sich, während ihm in New York alle Wege so schön geebnet waren. Einen kurzen Augenblick zogen ihm bange Zweifel durch das Herz. Dann schritt er entschlossen vorwärts, daß die Holzbohlen des Bürgersteiges unter seinen Füßen dröhnten. In New York hatte er nur steingepflasterte, verhältnismäßig saubere Straßen kennengelernt. Hier in Michigan, dem Lande ehemaligen Holzreichtums, waren die Bürgersteige in Holz angelegt, während die Fahrdämme nur eine Chaussierung trugen, die in diesem, um den Nullpunkt des Thermometers herum pendelnden Februarwetter mehr einem Schlammbad als einer Verkehrsstraße glich. John Workmann begriff auf einmal das alte Scherzwort, nach dem die Bürger des Staates Michigan bereits mit Gummischuhen auf die Welt gekommen sein sollen.

Das Auge des rüstig vorwärts Schreitenden fiel auf hell erleuchtete Fenster. »Saloon« stand da in großen goldenen Lettern. Darunter eine lange Liste der guten Dinge, die es hier für die Gäste gab. Jedenfalls war es das Gebotene, erst einmal irgendwo den hellen lichten Tag abzuwarten, bevor man etwas Weiteres unternahm. Mit diesem Entschlusse trat John Workmann in den »Saloon«, holte sich an der Bar ein Glas Tee und setzte sich an einen der weißgescheuerten runden Tische. Jetzt war es halb acht Uhr. Durch die Fenster stahl sich eben erst das Morgengrau, und vor zwei Stunden konnte John Workmann kaum etwas unternehmen. Aber Zeittotschlagen war eins der Geschäfte, auf die sich John Workmann schlecht verstand. Er langte einen Falder, einen jener großen Eisenbahnfahrpläne, hervor, welche die Bahngesellschaften überall unentgeltlich ausgeben. Der Plan enthielt eine genaue Karte des großen Gebietes südlich der Seen, und John Workmann suchte sich die Zeit zu vertreiben, indem er das Land nach der Karte studierte. Das half ein wenig über die langsam verstreichenden Minuten hinweg, aber es vermochte ihn nicht voll zu beschäftigen. Während seine Augen auf der Karte wanderten, hörten seine Ohren auf das, was sonst im Raume vorging.

An der Bar standen zwei Männer, der Kleidung nach Angehörige der mittleren Berufe, und plauderten mit dem Wirt. Erst hörte John Workmann nur mit halbem Ohr hin. Es war die übliche Geschichte, die er auch in New York schon so manches Mal gehört hatte. Zwei Leute, die irgendwo ihre Stelle verloren hatten und die nun dem Wirt ihrer Stammkneipe ihr Herz ausschütteten. Solche Geschichten kannte John Workmann wirklich in ausreichender Menge, und gewöhnlich nahmen sie einen ziemlich traurigen Verlauf. Denn wer in Amerika nicht sofort um eine neue Position fighten geht, wie die Deutsch-Amerikaner zu sagen pflegen, sobald er seine alte verloren hat, der kommt gewöhnlich sehr schnell unter den Schlitten. Dann aber ließen ihn einzelne Worte und Sätze schärfer hinhorchen. Immer wieder fiel der Name eines Mr. Taylor in den Reden dieser Leute. Mr. Taylor, das versicherten sie beide dem Wirte mit einer durch den Whisky gesteigerten Beredsamkeit, Mr. Taylor ganz allein wäre an ihrem Unglück schuld. Der Chef habe es gut mit ihnen im Sinne gehabt, der hätte sie in ihren Stellungen halten wollen. Aber das Examen habe ihnen das Genick gebrochen.

Der Wirt nickte gleichmütig und schenkte ein paar neue Gläser Lagerbier ein. Nachdem die beiden getrunken hatten, ging die Rede weiter. Im freien Amerika wäre man, und nicht in dem verrotteten alten Europa, wo sogar jeder Briefträger und Eisenbahnmann ein Examen machen müsse. Eine Sünde und eine Schande wäre es, alte Leute und Familienväter zu prüfen wie einen grünen Lehrling. Das möchten sie gefälligst mit den Studenten in Massachusetts oder Vermont machen. Den verdammten Rechtsanwälten und Doktoren wäre eine Prüfung sogar ganz gesund und zu gönnen. Aber einen tüchtigen Eisendreher und einen Maschinenbauer sollte man gefälligst damit verschonen.

John Workmann ließ seinen Plan Plan sein und horchte gespannt weiter. Jetzt kamen die beiden Zecher sogar auf Psychologie zu sprechen. Immer wieder drang das Wort »psychological laboratory« in der breiten westamerikanischen Aussprache John Workmann ins Ohr. Das wäre die Quelle alles Unheils. In dem Laboratorium würde man wie ein kleiner Junge vorgenommen und müsse die verrücktesten Aufgaben lösen. Da habe man von dem Dreher verlangt, daß er die Durchmesser verschiedener Stahlwellen mit der Mikrometerlehre ausmesse und genau aufschreibe. Der Maschinenbauer habe sogar Aufgaben aus dem kleinen Einmaleins lösen müssen. Einen ganzen Tag habe diese verrückte Prüfung gedauert; und dann sei der traurige Schlußeffekt gekommen.

»Nicht geeignet für den Betrieb«, habe die Zensur gelautet. Am nächsten Sonnabend hätten sie noch den Scheck für ihren letzten Wochenlohn erhalten, mit dem kurzen Bescheid, daß man weiter keine Verwendung für sie habe. Da säßen sie nun schon seit drei Tagen und hätten noch keinen neuen Job.

Eine neue Lage Lagerbier und Whisky begoß dies Geständnis von zwei schönen Seelen. John Workmann schauderte unwillkürlich zusammen. Er machte sich überhaupt nicht viel aus Alkohol. Ein Glas des leichten amerikanischen Lagerbiers war das höchste, was er sich gelegentlich leistete, das aber stets erst in den Abendstunden, nachdem des Tages Arbeit hinter ihm lag. Er kannte den Einfluß des Alkohols und namentlich des am frühen Morgen genossenen Alkohols zur Genüge, um sich sehr genau vorzustellen, wie es mit den beiden Brüdern am Schanktisch da vorne weiter gehen würde. Sie würden heute in dem »Saloon« sitzenbleiben und ein Bier und einen Whisky nach dem anderen trinken. Das free lunch, das freie Frühstück, welches da in Form appetitlich belegter Brotschnitten neben dem Eingang aufgebaut war, würde ihren Hunger stillen. Dafür aber würden sie dem Wirt den zehnfachen Wert dieser Schnittchen für den genossenen Alkohol dalassen. Aus dem Frühschoppen würde ein Nachmittagsschoppen und aus diesem ein Abendschoppen werden. Große Pläne würden die beiden Zecher im Laufe des Tages unter dem Einfluß des Alkohols schmieden und keinen Schritt zu ihrer Ausführung tun. John Workmann kannte derartige Typen von New York her. Da saß in einem kleinen »Saloon« in der 23. Straße schon seit Jahren ein verbummelter Mensch, der jeden Morgen den Schwur tat, er würde des Mittags nach dem Westen gehen, und der des Abends immer noch dasaß. Der Himmel mochte wissen, woher dieser Mensch die Mittel zu seinem Bummelleben bekam. Man erzählte sich in jenem »Saloon« in New York, daß europäische Verwandte ihm eine kleine, feste Rente ausgesetzt hätten. Hier lagen die Dinge aber schlimmer. Hier waren es offenbar zwei Familienväter, die keinerlei Renten hatten und die obendrein für ihre Angehörigen sorgen mußten.

Inzwischen war der Blick des einen Zechers auf John Workmann gefallen. Der hatte gerade einen Blick auf seine Uhr geworfen und festgestellt, daß es erst ¼9 Uhr war. Als er wieder aufsah, traf ihn der Blick des anderen. Dann steuerte der etwas schwerfällig auf den Tisch zu.

»Hallo, Sir, schon früh unterwegs? Seid wohl mit der Bahn angekommen? Solltet gleich wieder den nächsten Zug nehmen. Ist nichts los in dem verdammten Nest hier.«

John Workmann hielt den Blick des anderen so fest und so lange aus, daß der die Augen senkte. »Ich bin hergekommen, Sir, um gerade hier mein Glück zu machen.«

Mit einem kurzen Auflachen schlug sich der andere auf die Schenkel und wandte sich an seinen Zechkumpan.

»Hallo, Jimmy, sieh dir mal das greenhorn hier an. Kommt nach Detroit ... justly and exactly nach Detroit, um hier sein Glück zu machen ... Ein großartiger Witz, Sir. Ihr könnt nur noch einen besseren machen, wenn Ihr mir erzählt, daß Ihr Euer Glück in den Werken von Mr. Ford versuchen wollt.«

»Gerade das will ich.«

Der ältere Mann, welcher John Workmann angeredet hatte, ließ sich schwerfällig auf einen Stuhl an dessen Tisch niederfallen. Sein Kumpan kam von der Bar näher heran. Beide betrachteten John Workmann eine Weile wie ein merkwürdiges Tier aus dem Zoologischen Garten.

»Er will bei Ford sein Glück versuchen«, murmelte der eine verständnislos.

»Er will in dem größten Schwitzladen der Welt sein Glück versuchen«, staunte der andere.

»Hoho, Sir, viel Glück auf den Weg. Uns sieht der vermaledeite Laden nicht wieder ...«

»Es wäre denn, um Mr. Preece aus dem gesegneten psycho ... psycho ... psychologischen Laboratorium die Knochen zu zerschlagen ... Haben Sie gehört, Sir? Kurz und klein werden wir sie dem Gauner schlagen.«

John Workmann lehnte sich in seinen Armstuhl zurück und blickte den Sprecher fest an.

»Ich weiß nicht, ob Mr. Preece von Ihrem Plan sehr entzückt sein wird. Mir scheint auch, Sie hätten etwas Wichtigeres zu tun, als mit Mr. Preece eine Prügelei anzufangen.«

»Wichtigeres ... noch Wichtigeres ... es gibt nichts Wichtigeres; ... there is no more important matter ... das ist das Allerwichtigste.«

»No, gentlemen, ich denke, es gibt etwas viel Wichtigeres für Sie, nämlich das Brot für Ihre Familien zu schaffen.«

Auf diese Worte hin drehte sich der eine Zecher kurz herum und ging wieder an die Bar, der andere überlegte. Die Worte John Workmanns hatten Eindruck auf ihn gemacht. Das Bild seiner Familie und seines verlassenen Heims stieg vor seinem geistigen Auge empor. Da saßen Frau und Kinder mit spärlichsten Geldmitteln und warteten mit zager Hoffnung, daß der Vater wieder Verdienst fände, und der Vater saß derweil im »Saloon« und vertrank den Rest des letzten Wochenschecks.

»Einen neuen Job finden ... leicht gesagt, aber schwer getan, Sir. Die Zeiten sind vorbei, wo man an das Fabriktor kam und sofort anfangen konnte ... Werden es merken, wenn Sie zu den Fordwerken kommen. Müssen erst zu Mr. Preece und sich prüfen lassen.«

»Ich weiß es, Sir, wußte es schon gestern früh in New York, daß auf Mr. Preece viel ankommt. Ich habe gehört, daß Sie und Ihr Freund Ihre Stellung bei Mr. Ford verloren haben. Es gibt aber noch andere Fabriken in Detroit, wo man Leute brauchen kann. Aber versuchen müssen Sie es natürlich. Hierhin in den »Saloon« wird man Ihnen keine Stellung bringen.«

Der Mann kratzte sich hinter dem Ohr. »Well, Sir, das klingt ganz vernünftig, was Sie da vorbringen. Scheinen trotz Ihrer jungen Jahre ein smarter Kerl zu sein. Was also soll ich tun?«

»Hier an Ort und Stelle ein bis zwei Tassen kräftigen Kaffee trinken, damit Sie den Whisky niederschlagen. Und dann spätestens um neun Uhr losgehen und sich um Stellung bemühen.«

»All right, Sir, ich glaube, Sie haben recht. Ich wollte es heute sowieso in der Fabrik von Sharp Brothers versuchen.«

Der Mann ließ den Worten die Tat folgen, und der schwarze Kaffee in Verbindung mit einer gehörigen Portion Sandwiches machte ihn in einer halben Stunde wieder vollständig nüchtern. Er verließ den »Saloon«, um sein Glück zu versuchen.

Aber auch für John Workmann wurde es allmählich Zeit. Die Straße draußen lag jetzt in hellem Frühsonnenschein, und der erste Strom der zu den Fabriken und Büros Eilenden war bereits vorbei. Er erbat sich von dem Wirt die Erlaubnis, sein Köfferchen hier einstweilen stehenlassen zu dürfen, und machte sich auf den Weg.

Ein ganz anderes Bild als in New York; dort die zum Himmel ragenden Wolkenkratzer, deren oberste Stockwerke bisweilen tatsächlich im Nebel verschwimmen, in Wolken gehüllt zu sein scheinen. Hier dagegen eine licht und weit gebaute Stadt. Fast einen Kilometer breit durchströmte sie der Detroit River. Auf einer gewaltigen eisernen Brücke, die neben einer Eisenbahnbrücke herlief, überschritt ihn John Workmann. Schon mitten auf der Brücke bot sich ihm ein reizvolles Panorama der vor ihm liegenden Stadthälfte. Die Häuser zogen sich an einem sanft ansteigenden Hügel entlang und lagen rund vor ihm ausgebreitet. Aber keine New Yorker Wolkenkratzer, sondern solide und behagliche Bauten mit höchstens sechs bis sieben Stockwerken. Durch eine breite, mit Bäumen besetzte Straße gelangte er zu einem Park, der ihn einigermaßen an den Zentralpark in New York erinnerte. Er durchwanderte ihn und bestieg dann einen Wagen der elektrischen Straßenbahn, der ihn in zwanzig Minuten bis vor das Hauptportal der Ford-Werke brachte.

Da stand er nun vor dem mächtigen eisernen Tor in einer endlosen Backsteinmauer, stand und überlegte. Bei allen diesen großen Betrieben – das hatte er nun herausgefunden – kam es immer darauf an, möglichst schnell und geradlinig an die rechte Stelle zu gelangen. Sein Vater, der ein Deutscher war, hatte aus seiner Heimat das Sprichwort mit über das große Wasser gebracht: »Man soll immer zum Schmied gehen und nicht zum Schmiedele.«

John Workmann stand und überlegte. Sollte er sich bei Mr. Ford direkt melden lassen oder bei Mr. Preece. Er wußte nicht einmal genau, ob Mr. Ford augenblicklich in Detroit war oder ob er in diesem Februar nicht eine kurze Erholungsreise nach Florida und den Bahama-Inseln, dem südlichen Erholungsort der reichen Amerikaner, unternommen habe. Es schien ihm also richtiger, sich bei Mr. Preece melden zu lassen, der die rechte Hand von Ford war. Mit diesem Entschluß trat er durch das Portal und ging in den Anmelderaum beim Pförtner.

»Ich möchte Mr. Preece sprechen.«

Der Pförtner sah ihn erstaunt an. Leute, die Mr. Preece zu sprechen wünschten, kamen zum mindesten in einem eigenen Auto vorgefahren. Auch waren es im allgemeinen ältere, gesetzte Herren, aber keine jungen Menschen von 16 bis 17 Jahren. Trotzdem – man konnte nicht wissen – Mr. Preece war unberechenbar. Er liebte es, den Leuten des Werkes allerlei Aufgaben zu stellen und Fallstricke zu legen. Man konnte nicht wissen, ob das mit dem jungen Menschen da nicht für ihn, den Pförtner, irgendeine verschleierte Prüfung war.

»Well, Sir, Mr. Preece hat seine Sprechstunde von 10 bis 12. Ich muß Sie aber darauf aufmerksam machen, daß es nicht wahrscheinlich ist, daß er Sie empfangen wird, wenn Sie nicht von ihm bestellt sind oder Sie nicht eine sehr gute Empfehlung mitbringen.«

So – das war heraus. Nun mochte der junge Mensch sehen, wie er sich selber mit Mr. Preece abfand. Wenn er bestellt war, würde er ihm schon irgendeine Mitteilung hineinschicken.

John Workmann hatte inzwischen den Meldeblock ergriffen und füllte ein Formular ganz geschäftsmäßig aus. John Workmann aus New York wünscht zu sprechen ... Mr. Preece ... Angelegenheit ... eigene, vorliegende Korrespondenz ... keine. John Workmann griff in die Brusttasche, suchte eine Karte hervor und verschloß sie in einem der auf dem Tisch liegenden Briefumschläge.

»Wollen Sie so gut sein, Mr. Preece nicht nur den Meldezettel, sondern auch diesen Brief zukommen zu lassen.«

»All right, Sir«, sagte der Pförtner. »Also doch«, dachte er bei sich. »Es ist irgendeine abgekartete Sache, und der junge Mensch schickt ein Erkennungszeichen mit. Ich muß sehen, daß diese Meldung unbedingt zuverlässig an Mr. Preece gelangt.«

Ein Bote führte John Workmann über einen ungeheuren Fabrikhof, auf dem sich alle Autos der Welt ein Stelldichein gegeben zu haben schienen. In endlosen Reihen standen die Kraftwagen dort aufgefahren. Weiter schritten sie auf ein großes, von kleinen, grünen Vorgärten umgebenes Backsteingebäude zu, über Treppen und Gänge bis zu einem Warteraum. John Workmann hatte Zeit, sich das Zimmer gründlich anzusehen. Da hing ein mächtiger Druck unter Glas und Rahmen, der die Ford-Werke in ihrer Ausdehnung vom letzten Jahre darstellte. Unendliche Gebäudekomplexe und Höfe. Aber die Gebäude nicht wirr und regellos, sondern aufgebaut wie ... ja wie denn gleich. John Workmann hatte das instinktive Gefühl, daß alle diese Bauten nach einem bestimmten Plan errichtet worden seien, aber über den Plan selbst konnte er sich nicht klarwerden. Schließlich kam er zu der Meinung, daß das Ganze noch am meisten an das Gerippe irgendeines der großen vorsintflutlichen Tiere erinnere, die er vor vielen Monaten einmal in einem Museum in New York gesehen hatte.

An einer anderen Wand ein älteres Bild – die Werke vor zwanzig Jahren. Klein, nur ein winziger Keim zu der Riesenanlage, die jetzt hier stand. Ja, Mr. Ford mußte in der Tat ein großer Mann sein. Noch größer und gewaltiger als Mr. Armour. Vielleicht sogar noch größer als Mr. Bennett. Aber im nächsten Moment verwarf John Workmann diesen Gedanken wieder. Größer als Mr. Bennett war doch kein Mensch auf der Welt.

Während John Workmann so im Wartezimmer seine Studien trieb, saß Mr. Preece zwei Türen davon entfernt in seinem Arbeitsraum. Der Bote, der John Workmann zu ihm führte, hatte ihm den Meldezettel und das verschlossene Kuvert auf den Tisch gelegt. Einen flüchtigen Blick warf er auf den Zettel

John Workmann ... John Workmann ... den Namen hatte er schon irgendwo gehört ... Aber wo – das kam ihm im Moment nicht ins Gedächtnis. Mechanisch ergriff er das geschlossene Kuvert, riß es auf und zog eine Karte heraus. Eine Visitenkarte mit dem Namen Th. G. Vanderbilt. Darunter ein paar Bleistiftzeilen: Empfiehlt seinen Freund John Workmann allen seinen Freunden.

Mr. Preece stutzte. In Gedanken überflog er die Mitglieder der Familie Vanderbilt, die jeder gebildete Amerikaner ungefähr im Kopf hat. Der Aussteller dieser Karte mußte nach seinem Wissen der zweite Sohn aus der dritten Linie der Familie sein. Er griff nach dem Handbuch der Vierhundert, in dem die Mitglieder der mächtigsten Familien Amerikas verzeichnet und beschrieben sind, und schlug nach. Seine Vermutung bestätigte sich. Es gab nur einen Vanderbilt dieses Namens. Der war eben siebzehn Jahre alt und besuchte die Harvard University bei Cambridge in Massachusetts.

Mr. Preece kannte ihn nicht persönlich. Aber er kannte den Vanderbiltschen Reichtum. Ein Mann, den ein Vanderbilt empfahl, mußte jedenfalls sehr höflich empfangen und gehört werden.

Mr. Preece drückte auf einen Knopf, und zwanzig Sekunden später wurde John Workmann in sein Zimmer geführt.

»Sie haben Ihrer Meldung eine sehr wirksame Empfehlung beigelegt. Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Ich möchte eine Stellung in Ihrem Werk haben.«

Mr. Preece sah den Bewerber prüfend an. Er hatte einen älteren Herrn zu sehen erwartet und fand einen Knaben, der recht wohl ein Studiengenosse des jungen Vanderbilt sein konnte. Vielleicht kam er auch vom Harvard College.

»Was haben Sie denn bisher gelernt und getrieben?«

»Vielerlei, Sir. Vor allen Dingen, für mich selber zu sorgen. To earn my life, meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen.«

Mr. Preece lächelte. Ein Freund von Vanderbilt war wohl kaum darauf angewiesen, seinen Lebensunterhalt in so jungen Jahren selber zu verdienen. Aber vielfach hatten gerade solche Söhne aus schwer reichen Häusern die Marotte, etwas Derartiges zu versuchen, und waren auf einen selbstverdienten Dollar stolzer als auf eine ererbte Million. So mochte es wohl auch hier sein.

»Was haben Sie denn zum Beispiel gearbeitet?«

»Ich fing als Zeitungsjunge in New York an. War dann auf einer Farm im Westen bei den Maschinen. Hatte einige Zeit wieder als Maschinist Stellung bei Armour and Company. Jetzt möchte ich ...«

Mr. Preece wußte jetzt, wo er John Workmann in seinem Gedächtnis unterzubringen hatte. Er suchte in einem Stoß Zeitschriften und langte die Nummer des »Herald« hervor, in welcher John Workmann seine Eindrücke im Betriebe von Armour and Company veröffentlicht hatte. Er schlug den Aufsatz auf und hielt ihn John Workmann hin.

»Sind Sie das?«

»Yes, Sir.«

Mr. Preece überlegte mehrere Minuten. Der junge Mensch da stammte sicherlich aus einer der reichen Familien des Landes und hatte enge Beziehungen zu der einflußreichen New Yorker Presse. Er kannte auch Beispiele, wo die Söhne von Besitzern derartiger Zeitungen als einfache Reporter begonnen hatten. Durch die Anstellung tat er einem Angehörigen der Familie Vanderbilt einen Gefallen. Schließlich war der Betrieb der Ford-Werke so mustergültig, daß er sich in aller Öffentlichkeit sehen lassen konnte. Immerhin, sicher war sicher. Er wollte sich den jungen Menschen nicht wie ein Sandkorn in dem ungeheuren Betriebe verlieren lassen, sondern ihn in seiner nächsten Nähe und unter den Augen behalten.

»Welche Art von Stellung möchten Sie denn in unserem Betriebe haben?«

»Jede, die Sie mir geben wollen. Am liebsten eine solche, bei der ich ordentlich weiterlernen kann.«

Diese Antwort schlug die letzten inneren Zweifel von Mr. Preece nieder. Er war jetzt vollkommen sicher, es mit einem Schüler von Harvard oder Yale College zu tun zu haben. Aber er hielt es für richtiger, nicht danach zu fragen. Wenn der andere diskret war, konnte er noch viel diskreter sein. Er nahm eine seiner eigenen Karten, schrieb ein paar Zeilen darauf und gab sie ihm, zusammen mit der Karte von Vanderbilt.

»Melden Sie sich morgen früh um 9 Uhr bei meinem ersten Assistenten, Mr. Reppington. Sie werden eine Beschäftigung haben, die Ihnen Freude macht.«

Mr. Preece nickte mit dem Kopf zum Zeichen, daß John Workmann entlassen sei. Aber der blieb ruhig stehen und hatte noch eine Frage.

»Welches Gehalt werde ich für meine Tätigkeit beziehen, Sir?«

Mr. Preece stutzte einen Moment. Das paßte natürlich durchaus ins Bild. Diese reichen Jungen wollten um alles in der Welt nicht umsonst arbeiten. Sie wollten ihre Dollars verdienen, weil sie sich sagten, nur dann würde man ihnen glauben, daß sie auch wirklich und richtig gearbeitet hätten.

»Mr. Workmann, Ihr Gehalt wird sich aus dem Fixum von 25 Dollar in der Woche und einer Tantieme zusammensetzen. Die Höhe der Tantieme wird ganz von Ihren Leistungen abhängen.«

Er hielt John Workmann die Hand hin, und dieser schlug ein. Erst jetzt war er aller Form nach für die Ford-Werke engagiert.

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