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John Workmann wird Millionär

Hans Dominik: John Workmann wird Millionär - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann wird Millionär
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid925df4f0
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2. Kapitel

John Workmann hatte sich ein festes Ziel gesetzt. Diese letzte Januarwoche wollte er noch in New York bleiben und sich seiner Mutter widmen, die nun doch recht schwach und hinfällig geworden war. Mit dem neuen Monat wollte er dann wieder loswandern, wollte einmal, wie es ihm erfahrene Leute geraten hatten, nach dem Nordwesten, an die Seen gehen.

Heute war einer jener milden Wintertage, an denen man es deutlich spürt, daß New York unter demselben Breitengrade liegt wie Neapel. Das Thermometer zeigte beinahe 15 Grad Wärme, und in tiefer Bläue wölbte sich der Himmel über der Riesenstadt.

John Workmann war auf der Redaktion des »Herald« gewesen und hatte Mr. Berns besucht. Hatte ihm erzählt, daß es doch gar nicht so leicht sei, immer neuen Stoff für neue Schilderungen zu finden. Da hatte Berns nur gelacht.

»Sie sind jetzt bereits in Verlegenheit um Stoff. Lieber Freund, stecken Sie sich Notizbuch und Bleistift ein und wandern Sie durch die Stadt. Durchstreifen Sie unser New York von Bronx und Harlem bis zur Battery, beobachten Sie unser kräftig pulsierendes amerikanisches Leben zu Wasser und zu Lande, und ich wette, Sie werden Stoff in Hülle und Fülle finden.«

Diesen Rat hatte John Workmann befolgt und seit dem Morgen dieses Tages streifte er durch die Stadt.

Den Broadway hinunter kam er zur Battery – dem Platz, wo früher die Einwanderer vom Schiff aus zuerst amerikanischen Boden betraten, dem alten Landungsplatz der Holländer und später der Engländer.

Es ist die Spitze der Landzunge, auf welcher New York gebaut und die auf beiden Seiten von Wasser umgeben ist, rechts von dem majestätischen Hudson, links von dem Meeresarm, dem East River.

Vor dem kleinen Holzhaus mit zwei Etagen, das in der Mitte einen kleinen Turm trug und auf dem Pier »A« lag, blieb John stehen und las an der Eingangstür des Hauses die Goldbuchstaben: F. D. N. Y.

Die Tür war offen, und ein scharfer Geruch von Pfeifentabaksrauch zog zu John Workmann. Einen neugierigen Blick warf er in die Halle, welche hinter der Tür lag. Sie interessierte ihn, weil sie aussah wie der Raum einer Seemannsmission. Eine Gruppe von blau uniformierten Männern saß nach amerikanischer Sitte in hölzernen Schaukelstühlen um den Feuerplatz des Kamins. Einer las eine Zeitung, einige andere hatten den Kopf auf die Brust gelehnt und schliefen, und zwei andere spielten mit aufgestemmten Armen, einen kleinen Tisch zwischen sich, Karten. Ihre Arme ließen auf dem behaarten Fleisch Tätowierungen von allerlei Seemannszeichen, wie Anker und Schiff, erkennen.

Neugierig trat John Workmann näher.

Was waren das für Leute?

Sie blickten kaum auf, als er eintrat, wunderten sich auch nicht, daß er sich in dem Raum umsah, als ob er hier zu Hause wäre. Erst als er den Mann, welcher die Zeitung las, anstieß, fragte der: »Was wünschen Sie, Sir?«

»Entschuldigen Sie, ich bin ein Mitarbeiter des ›New York Herald‹ und komme hier soeben vorbei. Ich blieb stehen und trat bei Ihnen ein.«

Der Mann legte die Zeitung beiseite und blickte ihn mit blauen Seemannsaugen an; Seemannsaugen, klar und scharf wie das salzige Wasser des Ozeans. Ein verwittertes Gesicht, in dem all die Stürme, welche es durchgemacht, sich mit unverwischbaren Zeichen eingegraben, während ein weißer, ausgefranster Seemannsbart, an Kinn und Lippen ausrasiert, das frische Gesicht umrahmte.

Bevor der Mann antwortete, griff er in die Tasche, zog ein Stück Kautabak hervor und reichte es John, ohne ein Wort zu sagen. Als dieser dankend ablehnte, lachte er kurz auf, biß ein Stück mit den kräftigen Zähnen ab und steckte das übrige wieder in die Westentasche.

»Also, mein junger Mann«, sagte der Alte, »Sie wollen wissen, was wir hier sind. Da will ich Ihnen das ganz kurz sagen. Wir sind Feuerwehrleute zur See.«

Das war John Workmann neu.

Er hatte noch nie etwas davon gehört, daß es auch auf dem Wasser, genau so wie in der Stadt, Männer gebe, deren Beruf es war, das Feuer zu bekämpfen.

»Darf ich mir das Haus ansehen?« fragte John Workmann.

»Habe nichts dagegen! Gehen Sie überall hindurch. Wenn es Ihnen Spaß macht, schreiben Sie darüber in Ihrer Zeitung.«

Nach den Worten nahm der alte Seebär wieder seine Zeitung auf, las weiter und kümmerte sich nicht mehr um John Workmann.

Der ging jetzt über eine Treppe nach oben. Dort kam er in einen großen Raum, in welchem in zwei Reihen eiserne Betten standen, mit sauberen überdecken und Kissen. Peinliche Sauberkeit herrschte hier. Der Fußboden, auf dem keine Matte lag, war so blank und so staubfrei, daß man sich fast drin spiegeln konnte.

Das war echte Seemannsart. Durch die Fenster konnte man den wundervollen, sich weit vor den Blicken ausdehnenden Hafen sehen.

Da lagen die Schiffe aller Nationen der Welt, von den größten Ozeanfahrern bis zu den kleinen norwegischen Holzbriggs, die in monatelanger Fahrt sich durch Stürme und Wogen, durch alle Gefahren des Ozeans nach New York gearbeitet hatten.

Ein alter Mann war in dem Raum, und als John durch die Bettreihen hindurchging, um die Tür zu einem zweiten Raum zu öffnen, sagte er:

»Gehen Sie leise hinein, Sir. Die Leute schlafen.«

Vorsichtig öffnete John die Tür und sah in einen zweiten Schlafraum, dessen Fenster dicht verhängt waren, so daß nur ein dämmerndes Licht herrschte. Zwanzig Männer lagen in den Betten und schliefen.

Das war die Nachtschicht der Feuerwehr des Hafens.

Leise ging John Workmann aus dem Raum zurück und sah jetzt vor sich eine schmale, eiserne Wendeltreppe, welche er emporstieg.

Die führte in den Turm. Dort oben saß wieder ein alter Seemann. Er hatte einen Telegrafen- und Telefonapparat vor sich und am Eingang der Tür stand ein großes chinesisches Gong.

Drei Schläge mit dem lederumwundenen Klöppel, welche gellend durch das Haus zitterten, und die Schläfer würden im nächsten Moment aus den Betten springen, die Kleider anziehen und hinunterstürzen.

Dann war ein Schiff in Gefahr, vom Feuer vernichtet zu werden, und es galt Kampf.

Dann gellte der Ruf des Kapitäns der Mannschaft, und im Laufschritt eilten sie zu einem am Pier stets unter Dampf liegenden Feuerwehrboot, jeder an seinen Posten, und jeder vollführte von nun an mit mechanischer Präzision das, was er zu tun hatte.

Hur–urr-rrihihihi gellte dann wohl der schauerliche Ruf der Sirene an Bord des Dampfers durch die Nacht, daß das Echo von den Häusern der schlafenden Stadt zurückprallte. Und mit voller Fahrt jagte dann das Boot mit der tapferen Mannschaft wohl hinüber nach Hoboken, wo grellroter Lichtschein aufzüngelte.

Dem Dampfer in Feuersgefahr rast das Feuerboot New Yorks zu Hilfe, bereit, in jeder Minute tausend Gallonen von Wasser in die Flammen des Dampfers zu schütten.

Das Oberdeck des Feuerbootes machte für Uneingeweihte den Eindruck, als sei es mit Geschützen gespickt. Aber es sind Geschütze, welche aus ihrem Rachen Wasser speien. 42 solcher offenen Mäuler sind auf dem Boot und vermögen einen Strom von 5000 Gallonen Wasser in der Minute herauszuschleudern.

John Workmann erfuhr von dem Mann im Turm, daß sie vor zehn Jahren im unteren Hafen von New York die stärksten Feuerboote hatten, daß aber jetzt seit der letzten Zeit die Fluß-Feuerboote, große, neue Turbinendampfer mit Zentrifugalpumpen und Maschinen von 850 Pferdestärken, die New Yorker Hafenfeuerwehr überflügelt hätten.

Aber sie arbeiteten Hand in Hand. Wenn die gesamte Flotte ihre Kräfte gegen einen Brandherd vereinigte, war sie imstande, 75 000 Gallonen Wasser in der Minute in das Flammenmeer des brennenden Schiffes zu senden.

Mit dem Mann im Turm freundete sich John Workmann an. Joe Hally war sein Name, und er erzählte John Workmann von verschiedenen großen Schiffsbränden, welche sie bekämpft hatten.

»Das Schlimmste, was ich durchgemacht habe«, begann er, »das war das Feuer an der Williamsburg-Brücke. Da mußten wir uns nicht nur gegen die entsetzliche Glut der brennenden Gerüste schützen, sondern auch gegen die herabfallenden rotglühenden Träger. Das war so schlimm wie das Granatfeuer einer Schlacht. Acht Mann von uns starben bei dem Kampf, und über die Hälfte wurden schwer verwundet. Yes, Sir – das war ein furchtbares Bild – die dunkle Nacht, ein schwerer Nordost – das Wasser ging hoch und warf unser Feuerboot hin und her, so daß wir Mühe hatten zu stehen, und vor uns eine brennende Hölle – das riesige Holzgerüst der Brücke, brennend wie Zunder, und ein Regen von niederfallenden heißen Eisen- und Stahlstücken. Wir aber mitten dazwischen, wir mußten das Feuer in unsere Gewalt bekommen, zu beiden Seiten der Brücke lagen große Docks, Petroleumtanks, Kohlenlager, und, Sir – wenn einmal solch Höllenfeuer die Docks ergreift bei solchem Nordoststurm, da könnte es leicht geschehen, daß weder unsere Kameraden von der Stadt noch wir von der See New York vor einer riesigen Feuersbrunst schützen könnten.

Da hieß es nicht nur gegen die Brücke Wasser zu schleudern, da mußten wir versuchen zu sprengen und niederzureißen, da balancierten wir mitten in dem brennenden Chaos, wurden von unseren Genossen mit Wasser überrieselt, damit wir nicht selbst zu brennen anfingen, und arbeiteten wie die Teufel, um die Stadt vor dem Verderben zu schützen. Great Scott – das ist ja die höllische Gefahr, welche von uns Seeleuten bekämpft werden mußte – die Gefahr, daß die ganze Stadt New York ein Schutthaufen wurde.

Sie wissen nicht, welche ungeheuren Werte in den Docks eng beieinander aufgestapelt liegen, welche Millionen an Wert wir zu schützen haben. Und das Schlimme für uns Feuerwehrleute von der See ist, daß alle diese Stoffe einen Feuerfraß bilden, wie man sich ihn besser gar nicht denken kann. Da sind große Lager von Kohlen, Öltanks, große Holzmengen, Felle, Häute, Tausende von Tonnen mit allerlei brennbaren Stoffen gefüllt! Yes, Sir! Mehl in großen Mengen, Getreide und derlei Dinge, so daß sich Feuerherde bilden, die wir nur aus bedeutender Entfernung bekämpfen können, weil ihre Glut zu stark ist.

Etwas anderes ist es, wenn wir es mit einem brennenden Schiff zu tun haben. Wenn irgend möglich, schleppen wir es mitten auf den Strom, damit die Gefahr vom Lande abgewandt ist. Dann haben wir schon ein gutes Stück Arbeit getan. Dann haben wir nur noch den Kampf gegen das Feuer im Schiff zu führen und nicht mehr die Docks gegen einen Feind zu verteidigen, der schlimmer ist, als die Menschen sein können.«

»Ich erinnere mich«, sagte John Workmann, »daß seinerzeit die Docks des Norddeutschen Lloyd brannten, große Ozeandampfer in Flammen gerieten und viele Menschen dabei umkamen.«

Das frische Gesicht des alten Mannes wurde bleich und ernst.

»Yes, Sir, – Sie tun mir keinen Gefallen, mich daran zu erinnern. Wenn an der Williamsburg-Brücke das gefährlichste Feuer war, das wir zu bekämpfen hatten, so war der Brand der Nordwestdeutschen Lloyd-Docks das Entsetzlichste, das ich erlebt habe. Wie wir endlich die großen Ozeansteamer in den Strom hinaustrieben, eine rote, farbige Hölle, mit: Flammen, so hoch wie die Wolkenkratzer, mit Rauchwolken, so dicht, als wäre die ganze Luft ein einziger Ruß und Qualm, und wir mit unseren Feuerbooten dicht zu seiten dieser brennenden Dampfer lagen, da kam erst das Gräßliche: Auf eisernen Leitern, die so heiß waren, daß uns die Haut an ihnen klebenblieb, standen wir und versuchten, die engen Löcher in den dicken Schiffswandungen, die dort Fenster heißen, mit unseren Äxten zu zerschlagen, um den Menschen, den armen, unseligen Menschen, welche dahinter standen und halb verrückt uns um Hilfe und Rettung anwimmerten, welche rasend, verzweifelt, gellend und irrsinnig schrien, Hilfe zu bringen. Und wir mußten von draußen zusehen, wie hinter ihnen die Teufelslohe, das fressende Feuer, gierig in die Kabinen eindrang. Und dann! – vorbei Sir! – Noch oft schrecke ich des Nachts aus wüsten Träumen empor. Dann höre ich die Rufe der Unglücklichen. Dann schlage ich wild mit den Fäusten in die Luft, als habe ich noch eine Axt und es würde mir gelingen, die dicke Schiffswand aus Stahl und Holz zu durchschlagen – Yes, Sir – es wäre besser gewesen, Sie hätten mich nicht danach gefragt. Das Schreckliche ist nicht zu erzählen. Und doch! – ein einziges Leben habe ich gerettet –.« Die Stimme des alten Seebären wurde leise und rauh, fast heiser. John Workmann sah, daß seine klaren Augen einen feuchten Glanz erhielten und ein paar Tränen langsam über die Wangen hinabliefen.

»Ich habe ein kleines Kind, einen Säugling gerettet, den gab mir die Mutter durch das Fenster, durch diese kleinen Fenster, die nur so groß sind, daß ein Kind von wenigen Monaten hindurch kann. Und bis zum letzten Moment hielt ich das Kind der Mutter an das Fenster. Sie herzte und küßte es, bis sie die Flammen töteten.«

Er gab sich einen Ruck, wischte sich hart mit der Faust die Tränen ab und sagte:

»Sehen Sie, auf diesem Posten hier stehe ich nun schon seit fünfzehn Jahren, und immer, wenn es um die Mittagsstunde ist, und ich sehe auf den Hafen nach Hoboken rüber, dann habe ich Furcht, daß sich dort drüben wieder eine Rauchwolke erhebt und ein Feuer ausbrechen könnte, ähnlich dem auf den Schiffen des Norddeutschen Lloyd. Gott behüte uns davor!«

Jetzt erst besah sich John Workmann genauer den Platz, wo der Wächter des Turmes saß.

Es war ein Raum, wie man ihn in der obersten Spitze von Leuchttürmen findet, nur daß die Lampen in der Mitte fehlten. Aber nach allen Seiten waren Glasscheiben, welche dem Beobachter einen weiten Blick über den Hafen gestatteten.

Ein kleines Tischchen mit einem Stuhl war das einzige Mobiliar. Auf dem Tischchen standen ein Telegrafenapparat und ein Tischtelefon.

Mit beiden Apparaten vermochte der Wächter sofort, im Bruchteil einer Sekunde, den nächsten Feuerwehrstationen mitzuteilen, um was es sich handelte.

»Wenn ich Sie fragen darf«, sagte John Workmann, »welchen Beruf hatten Sie oder Ihre Kameraden, bevor Sie bei der Hafenfeuerwehr eintraten?«

»Die Hälfte von uns sind ehemalige Seeleute, Kameraden, denen ihr Seehandwerk zu rauh geworden ist, die aber auch noch nicht an Land vor Anker liegen und nichts mehr tun wollen. Haben zum Teil keine Familie und sind glücklich, daß sie hier in unserem Hause alles haben, was zum Leben gehört. Aber manchmal ist auch Not bei uns. Erst vorige Woche schickte mich unser Chef zu einem Agenten nach dem Broadway, neue Leute zu werben. Der fragte mich, was für Leute wir in unserm Distrikt wünschten. ›Vor allen Dingen starke, kräftige Männer.‹

›Wieviel wir davon in unserem Distrikt anstellen wollten.‹

›Je mehr, desto besser! So an zwei Dutzend könnten wir schon gebrauchen.‹

›All right‹, meinte der Agent, ›die sollen Sie in drei Tagen bei mir haben.‹«

Der ehemalige alte Seebär unterbrach seine Worte, nahm ein Fernrohr und spähte eifrig über den Horizont.

Erst nach mehreren Sekunden steckte er das Fernrohr wieder zusammen, legte es auf den Tisch und sagte:

»Habe mich getäuscht. Es war nur die Rauchfahne eines einfahrenden Dampfers hinter Staten Island. Also ... wie ich nach drei Tagen zu dem Agenten komme, da sagt er: ›Well, mein lieber Freund, die Sache ist nicht so einfach.‹

›Warum denn nicht einfach?‹

Er schüttelte den Kopf.

›Ihr Geschäft ist zu gefährlich, Sir.‹

›Gefährlich? – wer erzählt Ihnen denn das?‹

›Jetzt wollen Sie wohl einen Spaß mit mir machen‹, sagte der Agent, ›das wissen Sie doch ebenso gut wie ich.‹ Ich schüttelte wieder den Kopf und versuchte vergeblich, dem Manne klarzumachen, daß es in ganz New York keinen Feuerwehrmann gäbe, der etwas davon gehört hätte.

›Aber die Leute wußten es doch, die ich für Sie engagieren wollte.‹

›Ach, die Leute erzählten es Ihnen! Well, da lassen Sie nur die Leute Schuster oder Schneider werden. Wir brauchen Kämpfer, keine Feiglinge – Männer, welche bis zum letzten Blutstropfen auf ihrem Posten kämpfend stehen, und so lange alles andere vergessen, auch das eigene Leben.

Die werden unsere Arbeit ausführen können. Da gehören nicht nur starke Arme und Füße dazu, sondern auch ein kräftiges Herz, stählerne Nerven und Lungen, die einen tüchtigen, stickigen, schwarzen Qualm vertragen. Leute müssen wir haben, die, wenn sie jetzt bewußtlos hinfallen, auch ohne ärztliche Hilfe wieder aufstehen und ihre Arbeit weitertun. Sehen Sie, so sind meine Kameraden beschaffen.‹« ...

John Workmann unterbrach die Erzählung und fragte:

»Ist es gestattet, ein Feuerwehrboot anzusehen und sich von jemand erklären zu lassen. Mich würde das sehr interessieren.«

Der alte Mann nickte.

»Das können Sie haben, junger Mann. Wenden Sie sich an unseren Chef Crooker, der wird Ihnen ein Feuerboot zeigen und auch erklären. Gehen Sie wieder in den unteren Raum, der Chef ist der Jüngste. Er zählt erst vierzig Jahre. Sie werden ihn leicht erkennen; meistens sitzt er vor dem Kamin.«

John Workmann verabschiedete sich von dem freundlichen alten Seebären, stieg wieder die eiserne Wendeltreppe hinab und ging zu dem vor dem Kamin sitzenden Chef der Hafenfeuerwehr.

»Entschuldigen Sie, Sir, sind Sie Mister Crooker, der Chef?«

Ein offenes Gesicht mit klaren Augen blickte ihn forschend an, dann legte er das Zeitungsblatt in den Schoß und sagte:

»Was wünschen Sie von mir?«

»Ich habe die Absicht, über Sie und die Tätigkeit Ihrer Leute einen Artikel für den ›New York Herald‹ zu schreiben. Würden Sie die Liebenswürdigkeit haben und mir gestatten, daß ich Ihr Feuerboot besuche?«

»Aber selbstverständlich«, sagte er, »dazu bin ich gern bereit. Wir haben gleich eine Übung an Bord und dann können Sie alles sehen.«

Der Alarmgong ertönte und im Hause wurde es lebendig.

John Workmann hätte es diesen alten Seeleuten niemals zugetraut, daß sie so flink wie die Katzen aus dem oberen Schlafsaal in die Halle stürzten und sich dort vor ihrem Chef, zwei Minuten nach Ertönen des Alarmgongs, in Reih und Glied aufstellten.

Ein kurzer Namensaufruf – ein kurzes »Yes« – eine Handbewegung des Chefs, und im Laufschritt eilten sie aus dem Hause zu dem dicht am Pier liegenden Feuerwehrboot.

John Workmann war als letzter mit an Deck gekommen – kaum war er auf den Planken, so arbeitete auch schon die Schraube, wurden die Verbindungsketten am Pier gelöst, und schon befand sich der Dampfer mitten im Strom, allerdings nur zu einer Übungsfahrt.

Er war einige hundert Meter vom Pier entfernt, als plötzlich ein ungeheurer Donner die Luft erschütterte, gleich darauf ein gewaltiger Luftdruck über den Dampfer brauste und ihn halb auf die Seite legte, und dann – eine zweite Detonation – deutlich hörte man von der Stadt das Klirren von Tausenden von Fensterscheiben und dann – ein Gebrüll, ein orkanartiges Schreien, wie es nur Tausende von entsetzten Menschen hervorbringen können.

Mit ernsten, starren Gesichtern standen die Feuerkämpfer auf ihren Plätzen und blickten zu ihrem Chef Crooker.

Da wurde aus dem Turm, in welchem John Workmann mit dem alten Wächter gesprochen hatte, eine rote Signalflagge dreimal geschwenkt.

Sofort tönte Chef Crookers Befehl zum Steuermann: »Hoboken«.

Während der Dampfer nach der Hobokener Seite eilte, wurden zwei blaue und eine weiße Winkflagge aus dem Turm geschwenkt. Sie meldeten, daß es Pier 1 der Central Railroad war. Dort war etwas geschehen.

Die blauen Flaggen bedeuteten Eisenbahn und die weiße Flagge Nummer 1.

Da auf der Hobokener Seite nur die Central Railroad fuhr, so konnte Chef Crooker daraus sofort folgern, daß auf deren Platz etwas geschehen war.

Eine schwarze Flagge stieg jetzt am Fahnenmast des Turmes empor.

Das war die gefürchtetste der Flaggen – die bedeutete Pulver oder Dynamit.

Und jetzt sahen sie auch, wie über den Wolkenkratzern eine riesige schwarze Wolke mit gelbgezackten Rändern blitzschnell emporstieg, sich dort oben ausbreitete, den Himmel verdunkelnd, immer weiter, immer breiter ausladend, so, als ob sie die ganze Stadt einhüllen wollte.

Während am Lande die gellenden Pfiffe und Sirenen und Glocken der wie rasend durch die Straßen eilenden Feuerwehren erschollen, während sie dort noch alle nicht wußten, um was es sich handelte, steuerte das Feuerwehrboot mit seinen tapferen Kämpfern bereits dem Schauplatz der Gefahr zu.

Alle Dampfer im Hafen ließen die schauerlichen Warnungsrufe ihrer Sirenen ertönen, und jetzt kamen unter der Kraft ihrer Maschinen fluchtartig mehrere Dutzend von Dampfern den Hudson hinunter, achteten gar nicht auf die Rufe, welche ihnen das Feuerboot durch ein Megafon zusandte, sondern versuchten, sich so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen.

Noch wußten weder Chef Crooker noch seine Leute, was ihnen bevorstand.

Die Wolken senkten sich auf den Hafen hernieder, ein süßlich schmeckender, nach Parfüm und Konfekt riechender Dampf, weißgelblich, umhüllte das Schiff, und sofort wußten die Feuerwehrleute, um was es sich handelte.

John Workmann, der dicht unter der Kommandobrücke gestanden, wagte jetzt einen der in seiner Nähe stehenden Feuerwehrleute zu fragen, um was es sich handele.

»Dynamit.«

Und wieder rief Chef Crooker einen Befehl zum Maschinenraum: »Volldampf.«

Es ging ihm nicht schnell genug, an den Platz der ungeheuren Gefahr zu kommen.

Er wußte, daß drüben seit heute früh große Mengen Dynamit, welche mit der Eisenbahn gekommen waren, in offene Transportschiffe verladen wurden. Dort lag genügend Dynamit, um die stolzen Wolkenkratzer des Broadway und die ganze untere Stadt bis zur Battery in einen Schutthaufen zu verwandeln.

Und während er den Dampfer mit voller Maschinenkraft dem Ziel zusteuerte, überlegte er nur, was er mit seinen Leuten tun könne, um die schreckliche Gefahr von der Riesenstadt abzuwenden.

Jetzt kamen sie zu dem Pier, wo das Unglück geschehen war. Ein Schuppen stand dort unversehrt, Eisenbahnfrachtwagen standen darunter auf den Schienen, die bis dicht zum Verladeplatz geführt waren. Unweit am Lande flohen bleiche Menschen von den Schiffen und aus den Häusern.

Immer noch erfüllte die Luft der ungeheure Lärm der Dampfpfeifen, der Sirenen und Glocken. Chef Crooker ließ die Maschine stoppen und fuhr mit dem Dampfer auf den Kampfplatz der Gefahr.

Da lag in nächster Nähe des Piers, noch fest durch Trossen mit dem Lande verbunden, ein brennender Dampfer.

Unweit von ihm aber trieben in dem durch mächtige Strudel aufgerührten Wasser zertrümmerte Holzteile und zerrissene Menschenleiber.

Jetzt lag das Feuerboot neben dem brennenden Dampfer. Aus allen seinen Strahlrohren ergoß sich die Flut auf das Feuer. Von neuem verfinsterte sich die Luft durch dicke Wolken weißen Wasserdampfes. Wohl zehn Minuten dauerte der Kampf der Elemente, dann war die Macht des Feuers gebrochen. Jetzt wurde es möglich, den abgelöschten Dampfer an eine Trosse zu nehmen und in den Strom hinabzuschleppen. Mitten im Hudson zerhieben sie kurzerhand die Trosse und ließen das halbverbrannte Schiff seiner Wege treiben. Mochten andere sich darum bemühen und es bergen. Schon eilte das Feuerboot mit vollem Dampf zur Unglücksstelle zurück und machte am Pier fest. Als erster von allen ging Chef Crooker an Land. John Workmann folgte ihm dicht auf dem Fuße, und nun waren sie an der Unfallstelle. Die Faust eines Riesen schien hier den ganzen Pierbau bis zum Grunde des Hudson in den Boden geschlagen zu haben. Nur noch aus den Trümmerstücken ließ sich ein Bild des Unglücks gewinnen. Ein flacher Güterwagen war bis an die Spitze des Piers gefahren worden. Aus ihm hatten die Verlader das Dynamit, welches in kleine Holzkisten von je 25 Pfund Gewicht verpackt war, über eine schräge Holzbahn in das Frachtboot getragen. Bis dahin konnte man sich die Situation aus den Trümmern und Fetzen erklären. Irgendwie mußte einer der Leute eine Kiste im Boot unvorsichtig abgestellt haben. Die Kiste und mit ihr das bereits halb beladene Boot waren explodiert. Das war die erste schwere Explosion gewesen. Die zweite war eine Minute später erfolgt. Auch der noch halb gefüllte Eisenbahnwagen war detoniert, war durch die fürchterliche Kraft des Dynamits mitsamt dem Pier unter ihm im Bruchteil einer Sekunde in den Flußgrund geschlagen worden. Aber noch standen drei weitere Waggons mit Dynamit kaum achtzig Meter von der Unglücksstelle entfernt. Wie durch ein Wunder waren sie von der Explosion verschont geblieben. Diese Wagen zu sichern und weiteres Unheil zu verhüten, war jetzt die Aufgabe der Leute vom Feuerboot.

John Workmann machte sich ohne Abschied davon. Durch die Kette der Polizisten und die Mauern des Publikums, welches die Unfallstelle jetzt trotz der Gefahr umdrängte, arbeitete er sich hindurch. Eine Viertelstunde später schrieb er in der Redaktion, und eine Stunde nach dem Unglück schrien die Zeitungsjungen auf dem Broadway die neueste Nummer des »Herald« aus. Mit den druckfeuchten Extrablättern liefen sie durch die immer noch von Entsetzen gepackten Menschen und schrien mit gellenden Rufen: »Das Dynamitunglück in Hoboken. Erster authentischer Bericht von John Workmann.«

Die Riesenpressen des »New York Herald« vermochten diesmal trotz ihrer Leistungsfähigkeit die Blätter kaum in solcher Menge herzustellen, wie sie den Zeitungsjungen draußen vom Publikum aus den Händen gerissen wurden.

John Workmann hatte einen Erfolg, um den ihn alle Journalisten von New York beneideten. Aber trotzdem war er mehr denn je entschlossen, sein Bündel zu schnüren.

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