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John Workmann wird Millionär

Hans Dominik: John Workmann wird Millionär - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann wird Millionär
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid925df4f0
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26. Kapitel

Während der Lärm durch die Säle von Wallstreet raste, fuhr ein starker Fordwagen das Tal des Rio Diamante hinauf. Auf den Hintersitzen hatten John Workmann und seine alte Mutter Platz genommen. Ihnen gegenüber saß James Webster. Staunend blickte die alte Frau in die majestätische Bergwelt, die sich hier vor ihren Blicken auftat.

»Du mußt alles sehen, liebe Mutter, was wir hier in den letzten zwei Jahren geschaffen haben. Alles! Du brauchst dich ja nicht anzustrengen, kannst vieles vom Wagen aus besichtigen.«

Ergriffen schwieg die Mutter. Zuviel des Neuen und Ungewohnten stürmte bei dieser Reise auf sie ein.

Wie hatte sich dies weltentlegene Andental hier verändert, seitdem John Workmann und James Webster zum ersten Male von jenem schwindelnd hohen Plateau dort oben, wo der Quarzgang ins Freie mündete, in seine Tiefe hinabblickten. An dieser Stelle hier, wo die beiden Berglehnen des Flußtales eng und steil zusammentraten, wo aus dem weiter bergwärts breiten Tal ein Engpaß wurde, hob sich eine riesenhafte Staumauer himmelan.

»Siehst du, Mutter, hier liegt unser Kraftwerk. Hier wird der Rio Diamante durch einen Staudamm von 300 Metern Höhe aufgestaut. Unser Damm ist der höchste Staudamm der Welt. Er übertrifft den Coloradodamm in Kalifornien noch um 20 Meter. 300 Meter ist der Damm hoch und hier unten 200 Meter stark. 500 Millionen Kubikmeter Wasser sind hinter ihm aufgestaut. Hier unten ... siehst du das große weiße Gebäude dort, von dem die vielen Leitungen ausgehen, das ist unser Kraftwerk. 50 000 Pferdestärken erzeugen wir dort aus dem aufgestauten Wasser und schicken sie durch die Drähte in die Minen und zu den Pochwerken.«

Der Wagen begann jetzt zu klettern. Es ging eine steile Straße an der Bergwand entlang und dann über eine spitze Kehre zurück. Schon lag das große Maschinenhaus tief unter ihnen im Tale. Etwa zwei Kilometer fuhr der Wagen in dieser Richtung, während die Straße unablässig stieg. Dann wieder eine spitze Kehre, und es ging bei schwächerer Steigung wieder in der Richtung talaufwärts. Aber jetzt wurde die Bergwand so steil, daß sie keinen natürlichen Raum mehr für einen Fahrweg bot. Man hatte die Straße in den Felsen eingesprengt. Die Kraft des Dynamites hatte hier einen Fahrweg geschaffen, ähnlich etwa der Axenstraße in der Schweiz. Der Weg verlief in einem geschlossenen Felstunnel, der nur nach der Talseite hin fensterartige Öffnungen zwischen stehengebliebenen Felspfeilern hatte. Und nun war die Höhe der Dammkrone erreicht und überschritten. Während dort unten vor dem Damm, von hier oben aus wie ein Kinderspielzeug anzuschauen, das Maschinenhaus lag, breitete sich hinter dem Damm, unmittelbar neben der Straße, der weite blaue Spiegel eines großen Sees. Und jetzt wurde die Berglehne wieder flacher und der Weg frei. Auf offener Straße rollte der Wagen unmittelbar neben dem Wasser im Schatten mächtiger Steineichen und Araukarien dahin.

Kilometer um Kilometer wurde von den rollenden Pneumatiks verschlungen. Immer breiter und mächtiger zur Linken des Wagens der Stausee, zur Rechten hoch ansteigend die Berglehne. Doch jetzt ein flaches Seitental. Nur in Form einer kleinen Bucht ragte der Stausee hier hinein und nahm einen Bergbach auf, der rauschend aus dem Walde hervorkam.

Noch wenige Kilometer und wie durch Zauberei wandelte sich das Bild. Freundliche Häuschen in kleinen Gärten. Lichtungen im Bergwalde, Siedlung neben Siedlung. Wohlangelegte Straßen. Hier eine Kirche. Dort öffentliche Gebäude.

»Wir sind in Good hope town, Mutter. Für die 15 000 Leute unserer Gesellschaft mußten wir hier Wohnung schaffen. Nichts war hier. Im Urwald mußten wir bauen. Mit dem Platz brauchten wir nicht zu sparen. Es war ja genug davon vorhanden. Da haben wir für unsere Leute Häuschen gebaut, in denen sie nach getaner Arbeit behaglich leben können.«

»Zu behaglich, Mrs. Workmann«, mischte sich James Webster dazwischen. »Sie können sich kaum vorstellen, was für Kämpfe wir deswegen mit den Vertretern der Morganbank auszufechten hatten. Die wollten die Belegschaften der Mine und der Pochwerke einfach in großen Wellblechbaracken kasernieren. Rechneten auf dem Papier aus, wieviel hunderttausend Dollar sich dadurch sparen ließen. Aber Ihr Sohn bestand auf seinem Kopf. Ich muß sagen, er hat einen verdammt steifen Nacken, wenn es hart auf hart geht. Schließlich erklärte er kategorisch, er würde mit seinem eigenen Vermögen eine besondere Siedlungsgesellschaft gründen, wenn seine Pläne nicht durchgeführt würden. Da gaben die Vertreter von Morgan schließlich nach.«

John Workmann hatte die Hand seiner Mutter ergriffen.

»Weißt du, Mutter ... weißt du noch, wie wir gewohnt haben, bevor der Klub der Zeitungsjungen gegründet wurde ... weißt du, in welcher elenden Höhle Charley Beckers gestorben ist ... ich wollte, daß die Arbeiter unserer Werke es besser haben. Was kam es auf die paar hunderttausend Dollar an, gegenüber dem Segen, den wir durch diese Siedlungen gestiftet haben.«

»Ihr Sohn hatte recht, Mrs. Workmann. Heute sind auch die Vertreter von Morgan davon überzeugt. Der Alkalde von Good hope town hat wenig zu tun. Das Municipio hat meistens Feiertage und das Puesto de Policia desgleichen. Es wurde wohl bei der Anlage von Good hope town auch ein Gefängnis vorgesehen, aber es hat bisher noch keine Insassen gehabt ...

Desto voller ist unser Theater, das während der kühleren Jahreszeit viermal in der Woche spielt. Auch die fünf Kinos von Good hope town können sich über mangelnden Besuch nicht beklagen.«

»Jawohl, Mutter! Als wir an die Gründung von Good hope town gingen, da dachte ich an meine eigene Kindheit ... an das, was uns damals gefehlt hat ... an das, was ich selbst damals gern gehabt hätte, und ich faßte den Entschluß, dafür zu sorgen, daß die Bewohner der neuen Stadt es vorfinden müßten. Die Entwicklung der Dinge hat mir gezeigt, daß ich recht damit hatte.

Oh, Mutter! Es ist schön, wenn man so für seine Mitmenschen planen und arbeiten kann. Good hope town wurde nach meinen Vorschlägen erbaut. Es ist eine Musterstadt und soll eine Musterstadt bleiben, ein Vorbild für viele andere Städte werden. Mr. Ford, dem ich die Berichte der Stadtverwaltung schickte, hat mir versprochen, selbst hierherzukommen und unsere Stadt zu besuchen. Ich bin überzeugt, daß er vieles davon für seine eigenen Siedlungen übernehmen wird.«

Der Wagen hatte jetzt die Stadt hinter sich gelassen und wand sich auf einer ziemlich steilen Bergstraße aufwärts. Noch eine kurze Strecke durch einen immergrünen Eichenwald, dann führte die Straße an einer hohen, starken Betonmauer entlang, die beinahe einen festungsartigen Eindruck machte. Und dann hielt er vor der Werkpforte der Good Hope Mining Company.

Eine Schicht war gerade zu Ende gegangen und in hellen Massen strömten die Arbeiter aus dem Portal. Es fiel Mrs. Workmann auf, daß sie nicht in ihrer Arbeitskleidung, sondern in sauberen Straßenanzügen erschienen und auch sämtlich viel frischer und reinlicher aussahen, als man es sonst wohl bei den Arbeitern von Minen- und Hüttenwerken gewohnt ist.

James Webster sah die Verwunderung der alten Frau und gab die Erklärung.

»Wir verbinden hier das Nützliche mit dem Angenehmen, Mrs. Workmann. Natürlich müssen wir uns gegen Diebstahl schützen, und unser Schutzmittel ist eine peinliche Sauberkeit, zu der wir unsere Leute mit sanftem Zwange veranlassen.«

»Diebstähle, Mr. Webster? ... Stehlen ... ja, wollen denn alle diese Leute Gold stehlen?«

»Stehlen, Mrs. Workmann, ist vielleicht zu hart gesagt. Sagen wir lieber, unser Gold wegtragen ... teils unwillkürlich und unbewußt ... und teils vielleicht auch nicht ganz ohne Absicht. Sie glauben nicht, wie leicht das zu machen ist, und wie groß doch schließlich die Versuchung ist. Was meinen Sie, wieviel Goldstaub ein einzelner Mann allein unter seinen Fingernägeln mitnehmen könnte, wenn wir ihm nicht genau auf die Finger sähen. Was glauben Sie, wieviel Goldstaub jemand in seinen Haaren davontragen könnte, wenn er sich während der achtstündigen Schicht mit goldbestäubten Fingern nur genügend oft durch die Haare streicht. Was denken Sie, wieviel Goldstaub sich im Laufe der Arbeitsschicht in den Kleidern ansammeln kann, der dann beim Verlassen des Werkes für uns endgültig verloren ist. Selbst wenn alle unsere Leute Muster von Ehrlichkeit wären, könnten sie uns, ohne es zu wollen, nur allzuviel des gelben Staubes aus den Werken tragen. Noch viel mehr natürlich, wenn zu der Zufälligkeit die Absicht tritt.

Nein, Mrs. Workmann, wir handeln hier nach dem alten Gebot: Führe uns nicht in Versuchung. Dadurch, daß wir jede, auch ungewollte Möglichkeit aus dem Wege räumen, erziehen wir unsere Leute zu einer Ehrlichkeit, die schließlich zur Gewohnheit wird. Sie werden unsere Methoden sogleich näher kennenlernen.«

Unter der Führung von John Workmann gelangten sie in einen Raum, der etwa an die Garderobe eines Theaters erinnerte. An zahllosen Haken und sorgfältig numeriert hingen hier die Straßenkleider der augenblicklich in den Werken tätigen Schicht. Ferner fanden sich an den Wänden dieses geräumigen Saales wohl mehr als hundert kleine Kabinen, die den einzelnen Leuten Gelegenheit gaben, ihre Straßenkleidung in Ruhe und ungestört anzulegen. Jetzt freilich war kein Schichtwechsel mehr, und der Saal lag verlassen.

»Es muß ein interessantes Bild geben, wenn die Leute hier nach getaner Arbeit zusammenströmen.«

»Zweifellos, Mrs. Workmann ... ein sehr interessantes Bild«, meinte James Webster, der sich ganz offensichtlich über irgend etwas zu belustigen schien. »Ein sehr munteres Bild, nur können wir es Ihnen beim besten Willen nicht zeigen.«

John Workmann lächelte.

»Warum denn nicht, Mr. Webster?« fragte Mrs. Workmann.

»Deswegen nicht, Mrs. Workmann, weil die Leute im paradiesischen Zustande unseres Stammvaters Adam in diesen Raum hineinkommen. Das ist eben die Kontrolle, durch die wir unser Gold schützen. In einem anderen Saal dort drüben jenseits der Badeanstalt müssen sie sich ihrer Arbeitskleidung entledigen. Dann folgt ein gründliches Bad, wobei unsere Aufseher aufpassen, daß Wasser und Seife nicht geschont werden. Dann kommt noch eine kleine nicht uninteressante Kontrolle ... und dann erst können die Leute hier ihre Straßenkleidung anlegen.«

Unter der Führung Websters schritten sie weiter, einem schmalen Gang zu, der durch ein hölzernes Drehkreuz gesperrt war.

»Das ist die moderne Hexenwaage«, lachte Webster. »Wer hier durchgeht und trotz des Bades doch noch etwa Metall bei sich hat, der verrät sich automatisch.«

»Ich verstehe nicht recht, wie Sie das meinen«, fragte Frau Workmann.

»Ja, Mrs. Workmann, das ist auch eine geheimnisvolle und raffinierte Geschichte. In den Wänden dieses Ganges hier liegt an der Stelle, wo das Drehkreuz steht, eine elektrische Spule. Sie ist über eine Länge von etwa einem Meter gewissermaßen um den Gang herumgewickelt und wird durch einen Hochfrequenzstrom gespeist. Im Stromkreis der Spule liegt dort in der Pförtnerlose ein Meßinstrument. Wenn nun ein Mensch aus Fleisch und Blut durch den Gang geht, so gibt es an dem Meßinstrument einen bestimmten, genau bekannten Zeigerausschlag. Wenn der Mensch aber irgendwelches Metall bei sich hat, so wird dieser Zeigerausschlag größer, er betätigt ein Relais, eine Glocke ertönt, und das Drehkreuz sperrt sich selbsttätig. Die Einrichtung ist so empfindlich, daß wir Leute mit Metallplomben in den Zähnen hier nicht einstellen können, weil sie die Glocke jedesmal zum Tönen brachten. Ich will Ihnen die Empfindlichkeit der Anlage zeigen. Ich habe natürlich eine Uhr und Schlüssel bei mir. Das ist mehr als hinreichend.«

Während John Workmann mit seiner Mutter in die Pförtnerloge trat, wo das Zifferblatt eines großen Meßinstrumentes die Blicke auf sich zog, versuchte es James Webster, durch den Gang zu gehen. Aber schon während er sich dem Drehkreuz näherte, begann der Zeiger zu zucken, schlug aus, überschritt einen roten Strich und im gleichen Moment schrillte eine Glocke.

»Sie sehen, Mrs. Workmann, die Einrichtung arbeitet zuverlässig. Jetzt aber will ich mich aller Metallteile entledigen und es noch einmal versuchen.«

Er packte bei diesen Worten alles, was er in den Taschen hatte, auf den Tisch in der Pförtnerloge und schritt dann zum zweiten Male durch den Gang. Wohl schlug auch diesmal der Zeiger aus. Doch er blieb unter dem roten Strich und Webster konnte das Drehkreuz passieren.

Der Weg führte die drei Wanderer jetzt weiter. Zuerst durch eine geräumige Schwimmhalle, weiter durch kleinere Baderäume, und dann standen sie auf dem sonnenbeglänzten Werkhof. Vor einem langgestreckten, ganz in Beton errichteten Gebäude machten sie halt. John Workmann sprach:

»Einen Blick, Mutter, mußt du hier hinein tun. Aber ... ich will es dir vorher sagen ... es geht etwas laut in den Aufbereitungssälen zu.«

Durch eine schmale Pforte betraten sie das Haus von der einen Seite her. Eine Tür ... noch eine Tür ... und eine dritte Tür. Frau Workmann glaubte in der Hölle zu sein. Ein donnernder, ohrenbetäubender Lärm.

Sie standen vor der Erzbrecherbatterie. Hundert mächtige, von kräftigen Motoren betriebene Steinbrecher. Man konnte sie wohl mit riesenhaften Nußknackern vergleichen, die aber ihr Maul nach oben kehrten und mit riesigen Gußstahlbacken fortwährend Kaubewegungen ausführten. Durch weite Eisenrohre fiel das Erz, welches eine Etage höher in mächtige Trichter gekippt wurde, in diese Brecher. Und dann begann im unaufhörlichen Spiel der harten Stahlbacken die Zermalmungsarbeit. Knirschend und krachend zersprangen die großen Blöcke, sobald die Stahlbacken sie zu packen bekamen. Vibrierend tanzten die Trümmer der zerbrochenen Blöcke zwischen den unaufhörlich kauenden Backen weiter, denn nur diejenigen Stücke, die bis auf Faustgröße zerkleinert waren, konnten nach unten hin frei wegfallen.

So ging es in unaufhörlichem Spiel. Von oben her kam das Erz, so wie die Mine es lieferte, in die Brecher, und verließ sie, auf Faustgröße gebrochen. Transportbänder nahmen das Erz auf, das die Brecher nach unten hin abgaben, und führten es der nächsten Station, den Pochwerken, zu. Immer je zehn Pochstempel hatten die Aufgabe, die Brocken, die ein Brecher lieferte, zu Staub zu zerpochen. Dröhnten die Brecher, so klapperten und knallten die Pocher. Unaufhörlich wurden die zehn Zentner schweren Pochstempel von den Daumen einer Maschinenwelle einen halben Meter emporgehoben und fielen dann krachend auf die unter ihnen liegenden Erzstücke zurück, sie mit jedem Schlage fein und immer feiner zermalmend. Dabei floß unaufhörlich Wasser in die Becken der Pochstempel und mischte sich mit dem Pochgut zu einer trüben Brühe. Und es floß nicht allein Wasser hinzu. Deutlich konnte man silberhelle, blinkende Metalltröpfchen in den Wasserstrahlen unterscheiden. Mit dem Wasser wurde dem Pochgut hier Quecksilber zugesetzt. Quecksilber, das sich mit jedem von den Pochstempeln freigelegten Goldkörnchen sofort zu Goldamalgam vereinigte.

In langsamem Strom floß die schlammige Brühe, die sogenannte Pulp oder Pochtrübe, aus den Vorderseiten der Pochbatterien heraus und lief über schwach geneigte, amalgamierte Kupferplatten. Hier wirkte die Verwandtschaft des Quecksilbers zum Golde weiter. Jedes Amalgamstäubchen, das sich in der Pochtrübe befand, wurde auf dem langen Wege über die Kupferplatten von diesen gefangen und festgehalten.

Es war nicht möglich, sich in diesem Raum zu verständigen. Der Lärm aller dieser Batterien war so stark, daß selbst das Wort, welches einer dem anderen unmittelbar ins Ohr schrie, nicht verstanden wurde. Gern hätte Frau Workmann gefragt, wo denn nun das gewonnene Gold zu sehen wäre, doch die Frage war nicht anzubringen.

Jetzt aber traten zwei Arbeiter an eine der Stempelbatterien und stellten den Zufluß von Wasser und Erz ab. Wenige Minuten noch, dann war die Rinne leer, die letzte Trübe abgeflossen. Der Grund der Rinne lag frei und schimmerte golden. Mit geschickten Griffen hoben die Männer die großen, schweren Kupferplatten hinaus, welche den Boden der Rinne bedeckten, und nun war es auch ohne Erklärung deutlich zu sehen und leicht zu verstehen. Die Oberfläche dieser Platten war mit einer starken Schicht eines schwammigen Goldamalgams bedeckt. Platte um Platte mit diesem kostbaren Bezug wurden auf kleinen Wagen verladen. Dafür wurden von einem anderen Wagen her neue Platten auf den Boden der Rinne gelegt, die noch in reinem Silberglanze schimmerten. Frisch amalgamierte reine Kupferplatten, die nun an Stelle der älteren goldbeladenen Platten traten. Wenige Minuten, und schon floß die goldhaltige Quarzbrühe von neuem durch die Rinne.

Und dann standen sie wieder im Freien. Aber es dauerte geraume Zeit, bis sie den Höllenlärm dort drinnen verwunden hatten, bis sie sich wieder verständigen konnten. Noch dröhnten allen Dreien die Ohren und die Köpfe von dem Höllengetöse. Dann erklärte John Workmann weiter. »Die goldhaltigen Kupferplatten gelangen in die Raffinerie. Mit scharfen Messern wird dort das Goldamalgam bis an das Kupfer heran abgekratzt und kommt in Destillieröfen. Die Kupferplatten werden frisch mit Quecksilber eingerieben und wandern in die Pocherei zurück. Wir werden gleich selber sehen, wie es weitergeht.«

Und dann standen sie in einem anderen Saal, in dem nach dem vorangegangenen Lärm eine erfreuliche Stille herrschte. Kupferplatte um Kupferplatte wanderte hier in eine vollkommen gekapselte Maschine. Goldig trat sie hinein und silberglänzend kam sie heraus. Durch eine Beobachtungsluke konnte man sehen, wie die Platte unter einem schweren Messer hindurchgezogen wurde. Ein Berg goldglänzenden Amalgams blieb vor dem Messer. Kupferrot wanderte die Platte in der Maschine weiter und lief unter einem quecksilberhaltigen Reibkissen hindurch, um im gleichen Moment selber wie Silber zu glänzen.

Und dann standen sie vor den Destillieröfen. Große schmiedeeiserne Behälter, von außen mit elektrischem Strom beheizt; 380 Grad zeigten die eingebauten Thermometer. Hier mußte sich unter der Wirkung der Hitze das Quecksilber vom Golde trennen. Dampfförmig zog es zu einer Kühlvorlage ab, in der es sich wieder kondensierte und von neuem als flüssiges Quecksilber in den Betrieb ging. Im Ofen aber blieb der reine Goldstaub zurück, der von Zeit zu Zeit herausgenommen und in dichtschließende Stahlkassetten gebracht wurde.

Eine kurze Wanderung über einen anderen Werkplatz, und sie erblickten die Berglehne hinab einen eigenartigen Bau. Große Holzbassins, jedes einzelne wohl zehn Meter lang und ebenso breit, jedes einzelne treppenartig über das nächste, tieferliegende hinausragend.

»Hier, Mutter, stehen wir am Ende der Fabrikation. Das ist die Zyanidlaugerei. Hier wird dem Pochschlamm durch eine Zyankalilösung die letzte Spur von Gold entzogen.«

»Zyankali, John? Ist das nicht ein schlimmes Gift, von dem schon ein Tropfen den Menschen tötet?«

»Du hast recht, Mutter, Zyankali ist wohl das stärkste Gift, das es gibt. Ein Tropfen davon über die Lippen, und wie vom Blitz getroffen stürzt der Vergiftete nieder und stirbt in wenigen Sekunden. Aber wir brauchen dieses Gift hier, brauchen jährlich viele tausend Zentner davon, um die letzten Spuren von Gold aus dem Gestein zu holen. Die Leute, die damit zu arbeiten haben, wissen, wie giftig die Lauge ist, und sehen sich wohl vor.«

Baggerwerke schütteten unablässig frischen Felsschlamm in entleerte Bassins, waren an anderen Stellen beschäftigt, die vollkommen ausgelaugte Masse herauszunehmen und in die Loren einer Feldbahn zu werfen. Weiter unterhalb war der Berghang auf eine weite Strecke hin mit grauem Felsgrund bedeckt. Unablässig rollten die Züge der Feldbahn dorthin und kippten ihren Inhalt von einem hohen Gerüst her aus.

»Das sind unsere Halden, Mutter. Dahin wird das verarbeitete Gestein weggekippt. Im Laufe der Jahre wird hier ein neuer Berg entstehen. Aber ein Berg, der kein Körnchen Gold mehr enthält.«

Aus großen Brausen, die gleichmäßig über den Bassins angeordnet waren, strömte die Zyanlauge auf den Schlamm der Bassins. Langsam sickerte sie durch die Massen und floß aus Rohren am Boden der Bassins wieder ab.

John Workmann reichte seiner Mutter den Arm.

»Noch ein kurzes Stückchen, liebe Mutter. Unsere Zinktürme mußt du noch sehen. Dort unten stehen sie schon.«

Ein kurzer Weg von zwei Minuten, und sie standen vor den Berieselungstürmen. Hohe hölzerne Türme. Eine ganze Reihe solcher Türme, jeder einzelne wohl zwanzig Meter hoch und fünf Meter breit. In jedem Turmdach mündete eins der die Berglehne herabkommenden Laugenrohre. Von jedem Turmfuß ging wieder ein Rohr ab, und vereinigt führten diese Rohre zu einem Pumpwerk, das die Lauge wieder den Berg hinauf bis zu den Bassins zurückdrückte.

»Es trifft sich gut, Mrs. Workmann«, meinte James Webster. »Soeben wird ein Turm ausgeräumt. Da können Sie sehen, wie die Zinkspäne alles Gold aus der Lauge gefangen und niedergeschlagen haben.«

Noch wenige Schritte, und sie standen an dem geöffneten Turm. Goldig schimmerte sein Inhalt. Ein Gewirr von Metallspänen, wie sie auf der Drehbank beim Abdrehen von Zinkmetall entstehen. Aber alle diese Späne schwer vergoldet. Nirgends mehr die weißgraue Farbe des Zinkes, überall nur der goldige Glanz.

Mit Rechen und Gabeln wurde das goldige Gewirr aus dem Turm genommen und auf die bereitstehenden Feldbahnwagen verladen, die das kostbare Gut zur Schmelzerei brachten. Schon rollten auf einem anderen Geleise andere Wagen heran, vollbeladen mit frischen grauen Zinkspänen, und der Turm erhielt eine neue Füllung, war in kurzem wieder bereit, den goldhaltigen Laugestrom aufzunehmen.

»Jetzt, Mutter, die letzte Etappe unserer Besichtigung. Die Schmelzerei, in der alles gewonnene Gold schließlich zu Barren vergossen wird.«

Ein kurzer Weg, und sie standen vor den Schmelzhallen, traten in einen hohen luftigen Raum.

Öfen, in denen feuerfeste Tiegel in heller Gelbglut erstrahlten. Aber kein Feuer und kein Rauch. Alles durch die Kraft des wundertätigen elektrischen Stromes erhitzt. Eine Ofentür öffnete sich geräuschlos. Eine Motorzange hob einen Tiegel aus der Glut. Eine Krücke schob vorsichtig die dichte Kohlenpulverschicht zurück, welche die Oberfläche des geschmolzenen Goldes gegen die Wirkung des Luftsauerstoffes sicherte.

Langsam neigte sich der Tiegel. In grünschillerndem Strahl floß es leuchtend und blendend aus seiner Tülle in die wassergekühlten Formen. Der Inhalt eines Schmelztiegels wurde hier in zehn Barren zu je zehn Kilogramm ausgegossen. Hundert Kilogramm Gold im Werte von mehr als 66 000 Dollar, die hier aus einem Tiegel strömten.

»Ja, Mutter, wir graben Gold. Lauteres Gold. Fünfzehn solcher Tiegel ... das ist jedesmal eine Million Dollar. Unser Kapital verzinst sich und wächst, ohne daß wir einem anderen etwas wegnehmen, ohne daß wir anderen Leuten irgendein Unrecht tun. Wir heben die Schätze, welche die Natur in einer Laune in dieser Bergwelt niederlegte. Wir heben sie zum Besten unseres Landes und unserer Wirtschaft. Die Menschen, die sie für uns aus der Tiefe holen, werden so reich von uns bezahlt, daß sie hier alle im Laufe der Jahre zu einem gewissen Wohlstand kommen.

Und doch, Mutter, bleibt noch solch reicher Gewinn für uns übrig, daß ... oh, Mutter, ich will mit dem Pfunde wuchern, das ein glückliches Geschick mir schenkte. Was Carnegie ... was Rockefeller ... und die anderen erst taten, als sie hochbetagt – als sie schon Greise waren ... ich will es viel früher, will es schon in der Jugend tun. Ich will den Reichtum, der mir hier zuquillt, in Stiftungen und Schenkungen zum Wohle der Allgemeinheit wirken lassen. Jetzt schon, da ich noch jung bin und mich noch an den Segnungen erfreuen kann, die meine Geschenke den anderen bringen. Das ist mein fester Vorsatz ... ist ein Gelöbnis, das ich vor mir selber tat, als meine Augen das erstemal das lautere Gold in diesen Bergen erblickten.«

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