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John Workmann wird Millionär

Hans Dominik: John Workmann wird Millionär - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann wird Millionär
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid925df4f0
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1. Kapitel

Die Veröffentlichungen John Workmanns im »Herald« erregten gewaltiges Aufsehen. Da schilderte jemand den Riesenbetrieb ganz schlicht, so, wie er ihn selbst kennengelernt hatte. Ohne jede Übertreibung und Kunst war die Darstellung gegeben, und doch wirkte sie gerade durch ihre Schlichtheit so überzeugend. Daß der Verfasser kein erfahrener Journalist oder Schriftsteller, sondern ein sechzehnjähriger Knabe war, gab der Sache einen besonderen Reiz, und daß dieser Knabe als New Yorker Zeitungsjunge bereits eine gewisse Berühmtheit besaß, machte es noch ganz besonders interessant. Mr. Bennett kannte sein Publikum und dekretierte dementsprechend. Durch den Sekretär Mr. Taylor erfuhr es die Redaktion, und von dieser kam es durch den Mund des Redakteurs Berns an John Workmann. Man legte ihm nahe, öfter einmal einen Beitrag zu liefern.

John Workmann hörte es und zuckte mit den Achseln.

»Ich glaube, Mr. Berns, das wird nichts für mich sein. Es war etwas anderes, als ich hier die Angriffe gegen die Armour-Werke las. Da konnte ich etwas schreiben, denn ich kam direkt aus den Werken und kannte sie genauer als irgendein anderer Mensch in New York. Aber ich bin jung und will noch viel sehen und lernen. Ich denke nur etwa zwei Wochen in New York zu bleiben. Dann will ich wieder auf die Wanderschaft gehen. Wie käme ich dazu, hier als junger Mensch den Leuten, die im allgemeinen viel älter und klüger sind als ich, etwas Lesenswertes mitzuteilen?«

Mr. Berns pfiff den Yankee-Doodle vor sich hin, lächelte verschmitzt und erwiderte dann: »Es ist natürlich Ihre Sache, einen geeigneten Stoff, ein passendes Thema zu finden. Das ist die große Kunst eines erfolgreichen Mitarbeiters. Erst wenn Sie mir eine Arbeit bringen, kann ich entscheiden, ob sie für unser Blatt taugt oder nicht. Im übrigen, mein lieber Junge, ist Bescheidenheit gewiß eine Tugend, aber man soll sie auch nicht zu weit treiben. Mr. Bennett hat Sie im Auge behalten und gibt Ihnen diese Chance. Denken Sie an das alte Wort: ›Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen‹. Es wäre nach meiner Meinung doch richtig, wenn Sie während der Zeit, die Sie noch in New York sind, einen Versuch machten. Man kann nicht wissen, wozu es gut ist.«

John Workmann bedankte sich für den Rat und ging.

Langsam schlenderte er den Broadway hinunter zur City Hall, blickte mit seinen Augen in das Menschengewühl, das diese Zeit gegen Mittag am stärksten flutete, und hoffte im stillen, daß etwas sich ereignen würde, das ihm den Stoff zu einem Artikel geben könnte.

Aber nichts geschah. Die Menschen hasteten, ohne aufeinander zu achten, in endlosem Strom an ihm vorüber. Gleichgültig und geschäftsmäßig blickten sie ihn an, jeder mit seinen eigenen Interessen beschäftigt.

Wie eine tadellos funktionierende Riesenmaschine wickelte sich der Verkehr ab, und der Menschenstrom nahm John Workmann mit sich und führte ihn zur Westseite, die Dreiundzwanzigste Straße hinunter, an den Warenhäusern vorüber, bis er, aus den Menschenmassen heraus, in stillere Straßen kam und endlich an dem breiten Kai des Hudson River stehenblieb.

Hier waren keine hastenden Menschenmengen, hier war es still und ruhig auf der Straße. Aber statt des ratternden Geräusches der elektrischen Straßenbahnen, statt des tosenden Lärmes der Hochbahn, der Autos und der Menschen wurde hier die Luft von dem Fauchen einer großen Dampfmaschine in seiner nächsten Nähe erfüllt. Hunderte von Arbeitern waren dort am Ufer beschäftigt, Eisenschienen waren gelegt, und auf ihnen fuhren in endloser Reihe Loren, welche mit Felsblöcken, Schutt und Sand beladen waren.

Und jetzt – John Workmann hielt unwillkürlich den Atem an – donnerte der gewaltige Klang einer Dynamitsprengung von der Arbeitsstelle zu ihm, und voller Neugierde ging er langsam hin, um zu sehen, was dort gemacht würde.

Ein Bretterzaun, in dessen Mitte nur eine Einfahrt für die Loren, die Menschen und Lastwagen frei war, versperrte den Weg. Ein Mann trat aus einem kleinen Häuschen bei der Einfahrt und hielt ihn an, als er hindurchschreiten wollte.

»Ich darf Sie hier nicht hineinlassen, der Zutritt zu dem Tunnelbauplatz ist für Fremde verboten.«

Jetzt wußte John Workmann, daß er sich auf dem Arbeitsplatz der Tunnelbau-Gesellschaft befand, welche New York mit dem gegenüberliegenden Hoboken durch einen Tunnel unter dem Hudson verbinden wollte.

»Ganz recht, Sir«, sagte John Workmann, »ich weiß das sehr wohl, und ich möchte mir gerade die Erlaubnis dazu holen. – An wen wende ich mich?«

»An Bauleiter Wagner.«

»Wo finde ich ihn?«

»Den werden Sie allein nicht finden können. Ich werde Ihnen einen Jungen mitgeben.«

Er pfiff durch die Zähne, und von den Aufladestellen kam ein italienischer Junge, der dort mit anderen Arbeitsdienste verrichtete. Dem gab der Türhüter den Auftrag, John Workmann zu der Arbeitsbude des Bauleiters Wagner zu führen.

Durch ein Gewirr von Eisenschienen, allerlei Stapel von Holz, Eisen und sonstigen Dingen, Maschinen und Röhren und an mehreren Dutzend Arbeitsbuden, Unterkunftsstätten für Arbeiter vorbei, durch tosenden Lärm und ein anscheinend regelloses Durcheinander von Hunderten von arbeitenden Menschen hindurch kam John Workmann zu dem kleinen Wellblechhause, in dem der Leiter des Tunnelbaues, Wagner mit den Ingenieuren sich aufhielt.

Während seines Ganges hatte sich John Workmann schleunigst einen Plan zurechtgelegt.

Das war unbedingt ein Artikel für den »New York Herald«, das Leben und Treiben auf diesem Tunnelplatz für die Öffentlichkeit zu beschreiben. Der Gedanke, endlich einen wertvollen Stoff gefunden zu haben, erfüllte John Workmann mit stolzer Freude.

Als er dem Bauleiter, der mit einigen Ingenieuren in Beratung stand, gegenübertrat, sagte er:

»Mein Name ist John Workmann, Mitarbeiter des ›New York Herald‹. Ich möchte Sie um die Erlaubnis bitten, den Arbeitsplatz zu betreten, weil ich darüber für den ›New York Herald‹ einen Artikel schreiben will.«

Da in Amerika alles, was mit den Zeitungen und der öffentlichen Meinung zusammenhängt, respektiert wird, so verbeugte sich der Bauleiter und sagte:

»Ich gebe Ihnen gern die Erlaubnis, Mister Workmann. Folgen Sie mir, bitte, in mein Büro. Ich werde Ihnen einen Passierschein ausstellen und Ihnen außerdem zur Begleitung in den Tunnel einen meiner Ingenieure mitgeben.«

In dem Büro rief er den Ingenieur Henry Smith und gab ihm den Auftrag, John Workmann in den Tunnel zu begleiten.

John Workmann zog Notizbuch und Bleistift hervor. Während er mit seinem Führer zum Tunnel schritt, begann er, sich nach dessen Erklärungen bereits eifrigst Notizen zu machen. Er hatte schon von der Caissonkrankheit reden gehört, der alljährlich zahlreiche Arbeiter in New York zum Opfer fielen.

»Was bedeutet Caissonkrankheit?« fragte er seinen Führer. Der blieb einen Moment überlegend stehen.

»Dazu muß ich etwas weiter ausholen. Sie wissen wohl, daß wir mit unserem Tunnel vierzig Meter unter den Spiegel des Hudsonflusses gehen. Natürlich würden uns Wasser und Schlamm in unseren unterirdischen Bau hereinbrechen, wenn wir nicht dem Druck dieser Massen von innen her einen gleichstarken Gegendruck entgegensetzten. Nun wirken aber Wasser und Schlamm von zehn Meter Höhe bereits mit dem Drucke, mit welchem hier die Luft auf uns lastet. Wir nennen diesen Druck in der Technik eine Atmosphäre und sagen also, daß in zehn Meter Wassertiefe ein Überdruck von einer Atmosphäre herrscht. In vierzig Meter Tiefe wirkt natürlich der vierfache Druck. Wir müssen Luft mit einem Überdruck von vier Atmosphären in den Tunnel hineinpressen, um dem Druck der Wasser- und Schlammassen an dem Tunnelende, wo gearbeitet wird, das Gleichgewicht zu halten. Zu dem Zwecke ist der Tunnel hier oben am Einfahrtsschacht durch eine Luftschleuse abgeschlossen. Wer in den Tunnel will, muß erst eine Tür öffnen und befindet sich dann in der Schleusenkammer. Er muß die Tür hinter sich schließen. Nun wird der Luftdruck in der Schleusenkammer allmählich im Zeitraum von etwa zehn Minuten auf vier Atmosphären gesteigert. Erst danach kann der Mann in der Schleusenkammer die zweite Tür öffnen und gelangt nun in den Tunnelschacht und weiter in den Tunnel.«

»Gibt das nun die Caissonkrankheit, Mr. Smith ...?«

»Noch nicht unmittelbar. An diesen Überdruck gewöhnt sich der menschliche Körper. Die Leute arbeiten in diesem Druck sechs Stunden, ohne sich besonders unbehaglich zu fühlen. Die Schwierigkeit und die Gefahr beginnt eigentlich erst beim Verlassen des Tunnels. Sie wissen ja, daß unsere Atmungsluft aus Sauerstoff und Stickstoff besteht. Unter dem hohen Druck im Tunnel nimmt nun das Blut diese Gase in großen Mengen auf, ähnlich so, wie man Selterwasser unter Druck mit Kohlensäure sättigt. Dem Wasser in der verschlossenen Flasche sehen Sie diese Belastung gar nicht an. Sobald Sie aber den Pfropfen herausziehen und damit den Druck vermindern, sprudelt das Gas an allen Stellen der Flüssigkeit frei empor.

Genau so ist es mit dem Blut im lebendigen menschlichen Körper. Wenn beim Wiederausschleusen aus dem Tunnel der Luftdruck in der Schleusenkammer allmählich schwächer wird, so perlen im Blut überall feine Gasbläschen auf. Der Sauerstoff wird natürlich durch die Lebensvorgänge im Körper verbraucht. Diese Perlen bestehen daher aus reinem Stickstoff. Obwohl wir nun die Ausschleusung ganz allmählich vornehmen und volle ¾ Stunden vergehen lassen, um den Luftdruck von der Tunnelspannung bis auf die Spannung im Freien zu verringern, kommt es doch immer noch gelegentlich vor, daß sich größere Stickstoffblasen im Adernsystem bilden. Diese aber geben dann die schweren Erscheinungen der Tunnelkrankheit. Eine große Stickstoffblase in den Herzkammern kann den sofortigen Tod zur Folge haben.

Erst gestern hatten wir den Fall bei einem äußerst kräftigen deutschen Arbeiter. Als er den Arbeitsplatz vor der Luftkammer verließ, stürzte ihm das Blut aus Mund, Nase und Ohren, und trotz aller Kunst der Ärzte ist er heute gestorben.«

»Das ist ja furchtbar«, sagte John Workmann. »Bekommen denn diese Leute wenigstens einen höheren Lohn?«

»Yes, Sir. Sie bekommen das Dreifache des Lohnes, den sonst in New York der gut bezahlte Arbeiter erhält. Aber trotzdem – ich muß Ihnen offen gestehen – obwohl ich Ingenieur bin, möchte ich nicht länger als zwei Stunden in dem Tunnel arbeiten. Es ist eine Arbeit auf Leben und Tod.«

»Wozu steht diese große Dampfmaschine hier?« fragte John Workmann und zeigte auf die unter einem Bretterdach arbeitende Maschine.

»Sie dient verschiedenen Zwecken, Sir. Einesteils sorgt sie für den Luftdruck im Tunnel, dann bedient sie die Schleusenkammer, das Heraus- und Hereinbringen aller Lasten, befördert die Schuttmassen aus dem Tunnel und ist uns die wertvollste Gehilfin, die wir hier auf dem Arbeitsplatz besitzen.«

Sie gingen zu einem kleinen Haus, welches im Gegensatz zu den übrigen Gebäuden, die nur aus Wellblech oder Holz aufgeführt waren, aus festen Steinen bestand. Vor demselben stand ein Wächter, der den Ingenieur respektvoll grüßte.

»Hier ist die Schleusenkammer zum Tunnel, Mister Workmann«, sagte der Ingenieur, »und Sie müssen sich nun mit mir einschleusen lassen.«

Der Wächter öffnete ihnen die Tür, und sie traten in einen großen Vorraum, in welchem an Kleiderriegeln Jacken, Westen und sonstige Sachen der zur Zeit im Tunnel arbeitenden Leute hingen. Ein anderer Wächter öffnete ihnen eine andere Tür aus schwerem Eisen, und jetzt befanden sie sich in dem Schleusenraum.

Fest und dicht wurde die Tür hinter ihnen geschlossen. Eine elektrische Glühbirne hing an der Wand, Bänke waren an den Wänden aufgestellt, und auf diesen nahmen John Workmann und der Ingenieur Platz.

Jetzt ertönte ein leises Surren und Brausen.

»Was ist das?« fragte John Workmann.

»Man beginnt uns einzuschleusen«, antwortete der Ingenieur, »der Luftdruck in diesem Räume wird jetzt von Minute zu Minute verstärkt.«

Bereits nach wenigen Minuten fühlte John Workmann eine eigentümliche Schwere im Kopf, ein Benommensein und einen leichten zuckenden Schmerz in den Schläfen. Auch die Augen begannen ihm zu flimmern, und er teilte das dem Ingenieur mit.

»Das ist bei mir auch der Fall«, antwortete der Ingenieur lachend, »das hat nichts zu sagen, wir werden uns in ein paar Minuten an den Luftdruck gewöhnt haben, und damit hören auch die Beschwerden auf.«

Bald hörte das Brausen und Surren des in die Kammer hineingepreßten Luftdruckes auf, die Schwere, welche John Workmann im Kopf verspürt hatte, ließ nach. Ein Klingelzeichen ertönte. Der Ingenieur erhob sich von der Bank und sagte:

»Wir können jetzt in den Tunnel gehen.«

Er ging zu einer zweiten Tür, öffnete sie, und John Workmann stand unmittelbar vor einem brunnenähnlichen, ausgemauerten Schacht, an dessen Seitenwänden eiserne Leitern in die Tiefe führten. Glühlampen waren in diesem tiefen Schacht angebracht und erleuchteten ihn.

Langsam kletterten sie beide hinunter und befanden sich nun am Ausgang des Schachtes in dem Tunnelvorbau, einem hallenartigen Raum, dessen Wände bereits mit Zement bedeckt waren und nichts mehr von der ursprünglichen Eisenwandung sehen ließen. Von der Decke herab hingen elektrische Lampen, Kabel von Armesdicke, Drähte von Telefonleitungen und Klingeln. Am Boden lagen Eisenschienen für die in dem Tunnel befindlichen Loren, und John Workmann mußte achtgeben, daß er nicht über die freiliegenden Holzbohlen zu Fall kam.

Dicht vor ihm tat sich wie ein riesiges Maul die große Tunnel-Öffnung auf.

Wie eine kolossale Röhre mutete John Workmann der Tunnel an.

Langsam ging er mit seinem Begleiter vorwärts. Nichts erinnerte daran, daß hoch über ihren Köpfen der breite, tiefe Hudson zum Ozean floß.

Jetzt interessierte sich John Workmann für die Art, wie der Tunnel gebaut wurde.

Das wollte ihm aber der Ingenieur erst am Endpunkt des Tunnels, wo sich der Druckschild befand, erklären.

Je weiter sie zu dem Tunnelende vordrangen, desto mehr verstärkte sich der Lärm. Das kreischte und dröhnte, hämmerte und pochte in rasendem Tempo. Nietmaschinen waren hier am Werk. Arbeiter mit Brechstangen und großen Hämmern montierten die schweren Eisensegmente, aus denen die einzelnen Ringe der Tunnelröhre zusammengesetzt wurden.

Unter den Gerüsten, auf welchen die Arbeiter standen, mußten sie sich hindurchwinden und kamen jetzt zu der vordersten, gefährlichsten Stelle des Tunnels, wo sich der Druckschild befand.

Der Druckschild steckte auf dem fertigen Tunnelrohr wie etwa ein Fingerhut auf der Fingerspitze. Sein zylindrischer Teil war nur etwa zwei Meter lang und umschloß das eiserne Tunnelrohr so, daß etwa eine gute Handbreit Zwischenraum zwischen dem äußeren Druckschildzylinder und dem inneren Tunnelzylinder blieb. Der Boden dieses Riesenfingerhutes aber bildete nun hier den senkrechten Abschluß des Tunnels nach vorn. Es war freilich ein Fingerhutboden von sechs Meter im Durchmesser und dementsprechend bestand er aus schwerster und widerstandsfähigster Stahlkonstruktion. Auf der Innenseite, also nach dem Tunnel zu, waren an diese Schildscheibe etagenförmig mehrere Plattformen angenietet. Davor hatte der Tunnelboden zahlreiche Türen. Waren diese geöffnet, so lag das Erdreich, triefend nasser Ton und Mergelgrund und bisweilen auch Sand, unmittelbar davor. Auf den Plattformen hinter diesen Türen aber standen zahlreiche Arbeiter und schaufelten den Sand und Schlamm in den Druckschild hinein in kleine Waggons. Sobald das etwa einen Meter weit, soweit eben der Spaten reichte, geschehen war, wurde der Druckschild durch hydraulische Pressen, die ihr Widerlager an dem fertigen Tunnelrohr hatten, mit riesenhafter Gewalt um etwa einen Meter nach vorn getrieben.

Zwölf Arbeiter an zwölf Türen der Schildwand schaufelten ununterbrochen den Boden hinein. Derweil wurde hinter ihnen im Schutze des Druckschildzylinders ein neuer, etwa einen Meter breiter Ring aus einzelnen Segmenten an die Tunnelröhre angefügt. So ging es Tag und Nacht beim Scheine der elektrischen Lampen unaufhörlich und unaufhaltsam voran.

Mit Interesse beobachtete John Workmann die Arbeiter, welche nur mit Hosen bekleidet waren und in der künstlichen Beleuchtung mit dem nackten Oberkörper wie gespenstische Erscheinungen der Unterwelt anmuteten. Er fragte den Ingenieur:

»Sie sagten, daß hier ein gefährlicher Platz wäre.«

»Yes, Sir«, nickte der Ingenieur. »Sie haben wohl beobachtet, daß dort, wo der Druckschild beginnt, eine stählerne Wand den Arbeitsplatz vom Tunnelrohr abschließt. Wir sind durch eine kleine Tür, durch welche der Schutt hinausgeschaufelt wird, eingetreten. Diese Tür, welche Sie dort in Zolldicke aus bestem Stahl gearbeitet sehen können, öffnet sich nur zum Druckschild.«

»Hat das einen besonderen Zweck, Mister Smith?«

»Sogar einen ganz besonderen, denn sie schützt den Tunnel gegen einen eventuellen Wassereinbruch.«

»Einen Wassereinbruch?«

»Yes, Sir, gegen einen Einbruch von Wasser, von Schlamm, Morast und sonstigen schönen Dingen.«

Jetzt verstand John Workmann, warum dieser Platz von dem Ingenieur als gefährlich bezeichnet wurde. Er hatte einen Augenblick vergessen, daß da, wo diese Arbeiter mit ihren Schaufeln den Flußsand hereinholten, nur eine Decke von geringer Dicke sie vom Wasser des Hudson trennte.

»Man nennt die Arbeiter, welche hier in dem Druckschild ihre Tätigkeit ausüben, die verlorene Mannschaft, Mister Workmann«, sagte der Ingenieur, »und es ist bereits zweimal vorgekommen, daß wir eine volle Mannschaft bei dem Tunnelbau hier auf diesem Arbeitsplatz verloren haben.«

»Ist denn eine Rettung ausgeschlossen, Mister Smith?«

»Falls die Arbeiter nicht sehr vom Glück begünstigt sind, ja, Mister Workmann.« Deutlich sah John Workmann, wie das Gesicht des jungen Ingenieurs ernst geworden war. Dann zeigte er mit der Hand zu der Tür, auf welche er John Workmann vorher aufmerksam gemacht hatte, und fuhr fort:

»Sobald hier ein Wassereinbruch erfolgt oder Schlamm und Morast durch die Tür des Druckschildes eindringen, werden die Arbeiter von der Gewalt des hereinbrechenden Elementes aus den kleinen Kammern, in denen sie hinter dem Druckschild arbeiten, wie mit einer Riesenfaust herausgestoßen. Nur wenn sie viel Glück haben, gelingt es ihnen, aus dem Wasser und Morast noch so schnell herauszukommen, daß sie sich durch die Tür in den Tunnel retten können. Da handelt es sich um Sekunden, Mister Workmann. Ja, in dem einen Falle blieben nicht einmal die Sekunden zur Rettung übrig. Denn sobald das Element durch den Druckschild eingedrungen ist, schließt es die Tür in der stählernen Wand zum Tunnel automatisch, und niemand vermag den Unglücklichen hier in diesem Raum Rettung zu bringen. Sie sind in kurzer Zeit von dem feindlichen Element überwältigt, erstickt oder ertrunken. Wir bergen sie nur noch als Leichen.«

Ein Frösteln überlief John Workmann, und voll Bewunderung blickte er auf die muskulösen Gestalten der tapferen Arbeiter, welche dort unentwegt, anscheinend keine Gefahr befürchtend, mit ihren Spaten in das ungewisse Erdreich stießen, Schaufel auf Schaufel herausholten und in die Wagen, die dicht hinter dem Druckschild standen, hineinwarfen.

Ja, John Workmann hätte es nicht ableugnen können, daß er froh war, als er den unheimlichen Arbeitsplatz hinter sich hatte und sich wieder in dem sicheren Tunnelrohr befand.

Ernst und schweigsam legte er mit dem Ingenieur den Weg zum Ausgang des Tunnels zurück. Wieder kletterten sie den Einsteigeschacht empor und mußten jetzt in der Luftschleuse sich ganz langsam von dem auf ihnen lastenden Überdruck befreien lassen.

»Atmen Sie tief und kräftig! Auch wenn wir die Kammer verlassen«, mahnte der junge Ingenieur. »Halten Sie die Brust weit gespannt, damit Sie nicht irgendwelche nachteiligen Folgen verspüren.«

John Workmann tat das. Aber trotzdem empfand er einen heftigen Schmerz in den Lungen, und das Herz klopfte in schnellem Tempo, als er wieder unter freiem Himmel stand.

Ein Glas Eiswasser wurde ihm gereicht, das zu dem Zwecke für die Arbeiter stets bereitgehalten wurde, und das half ihm besser, als es irgendein Whisky getan hätte.

Mit herzlichem Dank verabschiedete er sich von dem jungen Ingenieur und ging dann ernst nachdenkend nach Hause.

Zwei Stunden hindurch arbeitete John Workmann mit heißem Kopf und schilderte den Arbeitsplatz, der jeden Augenblick das Tor zur Ewigkeit bedeuten konnte. Als er den Artikel beendet, setzte er als Titel darüber: »Die verlorene Mannschaft«, und ging dann mit klopfendem Herzen zu Mr. Berns, um dessen Urteil zu hören.

»Hallo, Mister Workmann«, rief der Redakteur, als er in dessen Redaktionszimmer trat. »Freut mich, Sie zu sehen. Was bringen Sie Gutes?«

»Meinen ersten Artikel, Mister Berns.«

»Alle Wetter – da bin ich neugierig! Geben Sie her – ich werde ihn sofort lesen.«

Dann verging eine Viertelstunde, während welcher tiefes Schweigen in dem Zimmer herrschte, das nur durch das Rascheln der umgeschlagenen Papierseiten in Mr. Berns' Hand unterbrochen wurde. Und dann legte Mr. Berns das Manuskript auf den Schreibtisch, blickte sinnend zu John Workmann und sagte:

»Ich gratuliere Ihnen. Das ist eine der besten Arbeiten, die ich seit langer Zeit gelesen habe.«

Am nächsten Sonntag brachte der »New York Herald« in der illustrierten Beilage als Hauptartikel:

»Die verlorene Mannschaft« von John Workmann.

Zeichner und Fotografen waren von der Redaktion zu dem Tunnelplatz geschickt und hatten den Artikel von John Workmann illustrieren müssen.

Als John Workmann das Exemplar der Sonntagszeitung in Händen hielt, als er den auf zwei Seiten stehenden großen Artikel gedruckt vor Augen sah, zitterten seine Hände. Ja, es erfüllte ihn mit ehrlicher Freude, daß er fähig war, den Artikel nochmals zu lesen, so, als wenn ihn ein ganz fremder Mensch geschrieben hätte.

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