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John Workmann wird Millionär

Hans Dominik: John Workmann wird Millionär - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann wird Millionär
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid925df4f0
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11. Kapitel

Das plötzliche Verschwinden des Zeitungskönigs hatte auf die in Lake Road versammelten Festgäste keinen besonderen Eindruck gemacht. Sie sahen ihn mit John Workmann, der als sicherer Pilot bekannt war, in der Richtung auf New York zu verschwinden und dachten sich stillschweigend, daß er während des Fluges den Einfall bekommen haben mochte, sich direkt nach New York bringen zu lassen. – Das erzählten ihm die Monteure, und so hatte es John Workmann nicht nötig, besondere Erklärungen im Werke abzugeben, sondern konnte sich sofort diesem Manne widmen, der frierend und zähneklappernd neben ihm stand. Er hatte ihn erst beim Verlassen des Flugzeuges entdeckt und betrachtete ihn verständlicherweise nicht gerade freundlich.

»Well«, sagte John, »wie Sie hineingekommen sind in die Maschine, kann ich mir denken. Nun möchte ich noch wissen, was Sie mit diesem Aufstieg bezweckten.«

Der Fremde errötete. Nach einigem Zögern erwiderte er: »Ich sah Ihr Flugzeug aus dem Nordwesten über die Stadt herkommen. Ich vermutete, Sie kommen von den Seen und fliegen vielleicht dorthin zurück ...«

»Das stimmt.«

»Und weil ich auch nach den Seen will und weil mein Reisegeld nicht gerade ... Sie verstehen, Sir ... nicht übermäßig reichlich ist, wollte ich die billige Gelegenheit benutzen. Früher nahm man Güterzüge für diesen Zweck. Ich dachte, mit dem Flugzeug würde ich schneller zum Ziele kommen. Ich bitte Sie um Entschuldigung.«

John Workmann hatte während dieser Worte Gelegenheit genommen, den Fremden genau zu mustern. Seine Kleidung war äußerst einfach, aber sauber. Er mochte etwa 45 Jahre alt sein. Das volle Haupthaar und der bis auf die Brust reichende Vollbart zeigten bereits graue Fäden, das Gesicht war gut geformt. Die hohe Stirn verriet Klugheit und Entschlossenheit, die Fältchen, welche sich auf der Stirn und an den Augenwinkeln zeigten, mochten wohl von mancher Arbeit und Aufregung Zeugnis ablegen.

John Workmann hatte den Eindruck, daß dieser Mensch in seinem Leben geistig viel gearbeitet haben müsse, daß ihm aber die Laster und Vergnügungen der Großstadt, die jedem Gesicht so unverkennbare und unverwischliche Spuren einmeißeln, fremd geblieben waren.

Da John Workmann noch schwieg, fuhr der Fremde fort:

»Mein Name ist James Webster. Mit dem Namen werden Sie nicht viel anfangen können. Meines Zeichens bin ich so ziemlich alles gewesen, zuletzt Geiger in einem sacred concert in der Bowery. Hauptsächlich aber Prospektor, Sir. Habe mehr Gold und Petroleum in meinem Leben gefunden, als nötig wäre, um uns beide zu Millionären zu machen. Andere hatten den Vorteil davon ... Lassen wir das. Ich wollte nach Buffalo zu Verwandten, da ein paar Wochen ausspannen. Mich wieder sammeln und dann mit neuen Kräften an meinen Lebensberuf gehen. An das Prospekten, Sir. Wen das mal gefaßt hat, der kommt nicht mehr los davon.«

John Workmann warf einen Blick auf seine Uhr.

»Es ist Zeit, daß wir gehen. Ich vermute, daß Sie nicht wissen, wohin Sie gehen sollen. Sollte ich mit dieser Vermutung recht haben, lade ich Sie ein, über Nacht bei mir zu bleiben. Es hat den Vorteil, daß wir uns noch einige Zeit über Ihre Tätigkeit des Prospektens, die mich sehr interessiert, unterhalten könnten. Sind Sie damit einverstanden?«

James Webster widersprach nicht. Und so schritten sie beide gemeinsam dem bescheidenen Heim zu, das John Workmann in der Nähe des Fabrikgeländes bewohnte.

Bald saß er mit diesem in seinem Wohnzimmer zusammen und ein einladender Imbiß stand zwischen ihnen auf dem Tisch.

»Greifen Sie zu, Mr. Webster. Eine Luftreise macht Appetit. Nehmen Sie toast und etwas von diesem Salm. Er kommt frisch aus dem See.«

Mr. Webster ließ sich nicht lange nötigen. Er hieb auf die Vorräte mit dem Appetit eines gesunden Menschen ein, aber er blieb dabei durchaus in den Grenzen bescheidener Mäßigkeit. Sehr bald kam der Moment, wo er vollkommen gesättigt war und jeder weiteren Nötigung höflichen, aber entschiedenen Widerstand entgegensetzte.

»Wenn Sie es gestatten, Mr. Workmann, möchte ich mir jetzt zum Tee eine Zigarre anzünden. Ich darf ohne Übertreibung von mir behaupten, daß ich nur zwei Lastern fröne, dem Prospekten und dem Rauchen.«

Wieder war das eigentümliche Wort gefallen, welches John Workmann vorher in seiner wahren Bedeutung noch nicht gekannt hatte und das ihn so sehr interessierte. Er stellte seinem Gaste Feuerzeug und Aschenbecher bereit, und dieser holte aus der Brusttasche eine bei der Luftfahrt übel zerdrückte Zigarre, die er mit liebevoller Sorgfalt flickte und dann in Brand setzte.

John Workmann griff das Wort auf.

»Sie sagten Prospekten, Sir. Das Wort hat bei uns einen schlechten Klang. Wir verstehen unter Prospektoren Leute, die das Publikum durch lügnerische Prospekte dazu veranlassen, ihr gutes Geld für schwindelhafte Gründungen auszugeben. Wir haben Siedlungsprospektoren, die den Leuten scheußliches Sumpfland 100 Meilen von der nächsten Bahnstation entfernt für harte Dollars verkaufen. Und Bergwerksprospektoren, die ihnen gesalzene Claims andrehen ...«

Mr. Webster runzelte die Stirn.

»Sie sprechen von dem Geschmeiß der Großstädte, das sich jeder guten Sache anhängt und sie in gewissenloser Weise auszubeuten versucht. Ich verstehe unter einem Prospektor etwas anderes. Nicht eine der Asphaltpflanzen vom Broadway oder der Bowery, sondern einen Mann mit guten geologischen Kenntnissen und einem offenen Blick, der selbst in die Natur hinausgeht und die unterirdischen Schätze sucht und auch findet. Ich bin kein Jäger und habe die Tiere des Waldes nur geschossen, wenn ich ihr Fleisch zum Leben brauchte. Aber ich kann mir wohl vorstellen, wie die Jagdleidenschaft den Jäger überfällt, wie er sich mit angehaltenem Atem an seine Beute heranpirscht und erst zufrieden ist, wenn er sie erlegt hat. So geht es mir, wenn ich einem Bergvorkommen auf der Spur bin. Wenn ich auf Grund geologischer Überlegungen die Überzeugung gewonnen habe, daß in einer bestimmten Gegend ein bestimmtes Metall vorkommt, dann beginnt meine Pirsch. Mit der Gabelrute gehe ich auf das Gelände. Ich durchziehe es die Kreuz und die Quer. Oft viele Tage, ja Wochen hindurch vergeblich, bis dann plötzlich Leben in die Rute in meiner Hand kommt, bis sie zu zucken und zu schlagen beginnt, bis schließlich ihre Bewegungen so heftig werden, daß sie häufig zerbricht. Dann bin ich an der rechten Stelle, und dann beginnt der letzte und spannendste Akt des Dramas für mich, das Schürfen. Mit Spitzhacke und Spaten geht es dann in die Erde, und nur sehr selten habe ich mich bisher getäuscht. Noch immer bin ich fündig geworden. Von Clondyke bis Australien, von Tomsk in Sibirien bis nach Südafrika habe ich die Welt durchstreift und überall bin ich fündig geworden. Gold und Eisen, Zink und Blei, Platin und Kupfer, ich habe gespürt, geschürft und gefunden ...«

»Aber Sie sind nicht reich dabei geworden, Mr. Webster.«

»Leider, nein. Ich habe nie die Hunderttausende besessen, die notwendig sind, um eine Schürfung auszubeuten. Ein paarmal ging es gut. Da hatte ich hunderttausend Dollar beisammen. Dann schürfte ich auf eigene Rechnung, und gerade dann hatte ich Unglück und verlor, was ich gewonnen hatte.«

Mr. Webster zerknitterte nervös die Serviette in seiner Hand.

»Wenn ich bedenke, was ich weiß, welche Vorkommen ich sicher an der Hand habe! Und keine Gelegenheit, sie selber auszubeuten! Ein Goldvorkommen in Chile, so sicher und so reich, daß man das klare Gold in Blöcken mit der Hacke losschlagen kann. Und keine Möglichkeit, den Gewinn aus dieser Kenntnis selber zu schöpfen. Die Prospektoren sind nicht die Schlimmen, Sir. Die Kapitalisten sind es, die mit ihren Tausendern ebenso viele Millionen angeln und den armen Prospektor so schnell wie möglich beiseite schieben ...«

Äußerlich vollkommen ruhig hörte John Workmann seinem Gaste zu. Aber innerlich wurde er warm. Was der Mann da vor ihm erzählte, das eröffnete ihm mit einem Schlage eine ganz neue Welt. Bisher hatte er kaum darüber nachgedacht, wie die Rohstoffe, mit denen die großen Unternehmungen, wie beispielsweise die Ford-Werke, arbeiteten, denn eigentlich in den Strom des Verkehrs kamen. Er wußte wohl, daß die Kohlen in großen pennsylvanischen Kohlengruben gewonnen wurden. Er wußte, daß die Eisenerze aus den Eisengruben kamen und in den Hüttenwerken verhüttet, d. h. auf Gußeisen und Stahl verarbeitet wurden. Wie aber diese Kohlengruben und diese Eisenerzbergwerke selbst einmal in die Welt gekommen sein mochten, darüber hatte er bisher überhaupt noch nicht nachgedacht. Aber blitzartig begriff er, daß die Entdeckung solcher Naturschätze wohl demjenigen, der sie zuerst ausnutzte, großen Gewinn bringen müßte.

In den letzten Monaten war sein alter Jugendtraum, einmal Millionär zu werden, unter der Flut der täglich neu auf ihn einstürmenden Eindrücke ein wenig verblaßt. Er hatte gesehen, daß Leute wie Armour oder Ford aus der organisierten Arbeit von vielen Tausenden von Menschen auch gewaltige Vermögen für sich selbst schufen. Aber die Geschichte der Edison, Ford und anderer hatte ihn gelehrt, daß die Errichtung solcher Werke nicht einfach war. Man mußte entweder, wie Edison, eine ganz neue Technik der elektrischen Beleuchtung bringen. Oder man mußte, wie Armour, einen neuen, großen Bedarf richtig erkennen. Wer nicht das rechte Unternehmen im rechten Augenblick ergriff, der hatte schweren Mißerfolg. Zahlreiche Niederbrüche und Bankerotterklärungen mit Millionenverlusten predigten diese Tatsache nur allzu deutlich. Nun eröffnete ihm dieser halbe Vagabund eine ganz neue Welt. Er beschloß, der Sache nachzugehen und sich so weit wie möglich zu unterrichten.

»Well, Mr. Webster, Sie haben mir erzählt, wie man fündig wird. Nehmen wir an, Sie haben beispielsweise hier irgendwo in den Staaten Eisen oder Kohle entdeckt. Wie geht die Sache danach weiter?«

»Dann, Sir, muß ich mir vor allen Dingen das gesetzliche Ausbeutungsrecht auf meinen Fund sichern. Ich muß, wie wir Bergleute sagen, meine Claims nehmen. Ich wende mich also an die Bergbehörde und beantrage unter Vorlage von Fundproben, daß mir für eine bestimmte Fläche das Bergbaurecht auf Eisen oder Kohle, was ich nun gerade gefunden habe, verliehen wird.«

»Kostet das viel, Mr. Webster?«

»Das ist nicht schlimm. Mit 1000 Dollar für die Gebühren kann man schon große Claims auf eine ganze Reihe von Jahren nehmen.«

»Dann sehe ich aber keine großen Schwierigkeiten bei der Sache.«

Mr. Webster saugte aufgeregt an seiner Zigarre.

»Es gibt manchmal schon Schwierigkeiten bei der Belegung der Claims. Dann nämlich, wenn mehrere Parteien gleichzeitig an derselben Stelle fündig geworden sind. Da heißt es, wer zuerst kommt, mahlt auch zuerst. Bei wertvollen Claims waren die Anmeldungen manchmal nur fünf Minuten auseinander. Der eine war zuerst fündig geworden und mit dem nächsten Zuge zum Bergamt gereist. Der andere war erst eine Stunde später auf die Erzader gestoßen, hatte ein paar Brocken herausgeschlagen, sofort einen Extrazug genommen, hatte den anderen überholt und trat gerade mit der Quittung über die Anmeldung aus der Mining office heraus, als der andere atemlos ankam. Und das ist doch alles noch ehrliches Spiel. Aber dann die faulen Tricks. Der eine merkt, daß der andere bald fündig werden wird. Kurz entschlossen packt er einen Haufen Eisenerz, den er irgendwo gekauft hat, in die Reisetasche, fährt zum Bergamt, meldet an und hat seine Ansprüche längst in Sicherheit, während der andere immer noch im Schweiße seines Angesichts schürft. Ich versichere Ihnen, Sir, es wird mancherlei in den Staaten geschwindelt, aber daß irgendwo noch mehr geschwindelt wird als bei der Belegung von Claims, das möchte ich bezweifeln.«

John Workmann wurde lebhaft.

»Aber das ist doch unrecht und verboten!«

»Ist es, Sir; sehr sogar! Sie müssen jede der Erklärungen, die sie für die Erlangung von Claims abgeben, mit einem Eide bekräftigen. Aber ich halte jede Wette, daß mehr als 50 Prozent dieser Eide blanke Meineide sind.«

»Wenn Sie aber Ihre Claims glücklich haben, dann ist doch die Sache glatt.«

Mr. Webster lehnte sich in seinen Sessel zurück und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Dann, Sir, dann beginnen erst die wirklichen Schwierigkeiten.«

»Aber ich verstehe nicht, Mr. Webster! Wenn Ihnen Ihr Claim gesichert ist, so müßte doch alles gut gehen. Ich denke mir, daß Sie sich dann Kapital suchen, eine Gesellschaft gründen, die Arbeiten in Angriff nehmen und mit der Ausbeutung beginnen.«

»Sie sagen das so leicht hin, Mr. Workmann. Aber das Kapital suchen, das ist gerade die Schwierigkeit. An das große Publikum können Sie sich mit Erfolg erst wenden, wenn die Grube wirklich in Betrieb ist, wenn Sie wenigstens in einem Jahre gut verdient haben. Vorher sind Sie immer auf bestimmte Kapitalistengruppen angewiesen, und die schöpfen die Sahne von der Milch.«

»Aber wenn Sie ernsthaft suchen, wenn Sie den Leuten klarmachen, daß Sie eine gute Sache an der Hand haben, dann müssen sich doch Geldgeber finden, die auch mit einem weniger unverschämten Gewinn zufrieden sind. Da muß man, meine ich, eben suchen, bis man findet. Schließlich haben Sie ja Ihren Claim und haben Zeit zum Suchen.«

»Hallo, Mr. Workmann, jetzt kommt der dicke Irrtum. Sie haben eben nicht Zeit zum Suchen. Das Gesetz verlangt, daß Sie die Ihnen erteilten Claims im Laufe der nächsten zwei Jahre in Bearbeitung nehmen müssen. Das ist nun sehr einfach, wenn Sie vielleicht einen harmlosen Goldclaim haben, wo Sie sich selber mit der Schüssel hinstellen und waschen können. Aber die Sache wird schwierig, wird sehr schwierig und fast unausführbar, wenn Sie etwa Kohlen- oder Eisenclaims haben, für deren Ausbeutung große Schachtanlagen notwendig sind. Da genügt es nicht, daß Sie ein paar Stückchen heraushacken. Sie müssen innerhalb der vorgeschriebenen Zeit die Gründung einer genügend kapitalkräftigen Gesellschaft und den Beginn der Erschließungsarbeiten nachweisen. Sonst sind die schönsten Claims verloren. Das aber wissen die Kapitalisten und darum nehmen sie den Prospektor reichlich hoch. Wenn er zehn Prozent von den Anteilen der zu gründenden Gesellschaft bekommt, muß er sehr froh sein.«

John Workmann holte sich Bleistift und Papier.

»Ich finde doch, Mr. Webster, daß zehn Prozent nicht gerade wenig sind.«

»So, Sie finden ... Sie vergessen, daß diese zehn Prozent nicht geschenkt sind, sondern daß der Prospektor dafür seine Claims bedingungslos an die neue Gesellschaft abtreten muß. Wenn Sie Glück haben, wird solche Gesellschaft mit 1000 Anteilen zu je 1000 Dollar gegründet. Nun gehen die Arbeiten los. In einem Jahr, oder vielleicht auch in zweien, ist das erste Kapital verbraucht und die Förderung hat noch nicht angefangen. Jetzt heißt es neues Kapital aufbringen. Das wird nun aber sehr selten so gemacht, daß einfach neue Anteile ausgegeben werden. Gewöhnlich heißt es kurz und bündig: Die Besitzer müssen für jeden Anteil 200 oder 500 Dollar zuzahlen, und wer das nicht kann, dessen Anteil gilt als verfallen. Die Kapitalisten sind natürlich auf das Geschäft geeicht und leisten ihre Zubußen. Der arme Prospektor sitzt da und muß froh sein, wenn die Kapitalisten ihm seine Anteilscheine mit 100 Dollar pro Stück abnehmen. Dann hat er bei dem ganzen Geschäft 10 000 Dollar verdient und ist aus dem Konzern heraus. Jetzt aber beginnt dort die Förderung. Sobald das erste Betriebsjahr günstig verlaufen ist, fangen die Anteile an, fabelhaft zu steigen. Wir haben in den Staaten Kohlengruben, bei denen der einzelne Anteil, auf den einmal 2000 Dollar eingezahlt wurden, 50 000 Dollar wert ist. Der Prospektor hätte für seinen Teil Millionen haben können und ist mit einem Almosen abgespeist worden. Wer das einmal mitgemacht hat, der ist kuriert«.

John Workmann überlegte das Gehörte. »Well, Sir, da sehe ich in der Tat nur eine Möglichkeit. Man muß so viel Kapital haben, daß man seine Beteiligung halten kann und vollen Anteil am späteren Gewinn bekommt.«

»Gut gesagt, Mr. Workmann. Aber woher nehmen und nicht stehlen? Ich sage Ihnen, solange solche neu erschlossenen Gruben noch nicht wirklich fördern, leiht Ihnen kein Mensch auch nur einen roten Cent auf Ihre Anteilscheine. Da heißt es: Ja, man weiß ja nicht, ob die Grube überhaupt jemals fördern wird. Man erzählt Ihnen Mordsgeschichten über mögliche Wassereinbrüche und weitere Zuschüsse. Wenn Sie sich das alles mit anhören und nur die Hälfte davon glauben, haben Sie schließlich selber die Meinung, daß Ihre Anteile nicht nur wertlos sind, sondern sogar ein Minusvermögen bedeuten. Aber nach ein paar Jahren, wenn Sie Ihre Anteile richtig los sind, da sieht die Sache auf einmal ganz anders aus. Wenn der arme Prospektor glücklich draußen ist, wenn die Börsenhaie unter sich sind, dann ist auf einmal kein Wassereinbruch mehr zu fürchten und das größte Vertrauen zu dem Unternehmen vorhanden.«

Mr. Webster trank den letzten Rest seines Tees aus. Nach langem Überlegen sagte John Workmann:

»Ich sehe nur eine Möglichkeit. Man muß das nötige Kapital besitzen, um seine Anteile zu halten.«

»Junger Mann, Sie reden wie ein Professor vom Harvard College. Daß das nötig ist, weiß ich allein. Aber damit habe ich das Geld noch lange nicht. Mit 100 000, mit 200 000 Dollar im Hintergrund kann man den Plan der Haifische natürlich durchkreuzen. Aber wer hat die? Und ist der, der sie hat, bereit, einem armen Prospektor zu helfen? Wer sie hat, wird wohl immer geneigt sein, sich an dem Raubzug zu beteiligen, und mit der Gegenpartei gehen.«

John Workmann hob den singenden Kessel von der Spiritusflamme und brühte neuen Tee auf. Dann nahm er wieder das Wort.

»Nehmen wir einmal an, Mr. Webster, der Mann, der die Summe im Hintergrunde hat, wäre vorhanden und wäre auch geneigt, dem Prospektor zu helfen. Dann müssen wir, denke ich, doch erst einmal weiter darüber reden, was für Claims der Prospektor besitzt.«

»Claims ... augenblicklich keinen einzigen.«

»Ja dann, Sir, dann meine ich, hat doch unser ganzes Gespräch wenig Zweck gehabt. Die Claims sind doch die erste Voraussetzung.«

Der Fremde lächelte überlegen. »Sie irren sich, Mr. Workmann. Wenn ich Claims anmelde, dann wird das natürlich sofort bekannt und die Haifische betrachten mich als willkommenes Opfer. Sie verfolgen natürlich jede Anmeldung, und wenn ich im Laufe der nächsten zwei Jahre nicht an der Ausbeutung bin, beantragen sie sofort den Verfall meiner Claims und nehmen an derselben Stelle neue Claims für eigene Rechnung. Wenn ich aber keine Claims anmelde, dann können mir die Leute nicht auf die Spur kommen. Ich riskiere natürlich, daß ein anderer Prospektor an derselben Stelle fündig wird und anmeldet, aber ich bin zum mindesten vor den Börsenhaien und Finanzhyänen sicher. Denn diese Leute haben keine Ahnung, wo etwas zu finden ist. Sie sind immer auf unsere Arbeit angewiesen.«

John Workmann überlegte eine Weile. Dann fragte er weiter.

»Sie kennen also Vorkommen, Sie wissen Stellen, an denen Sie ohne weiteres fündig werden und Claims beanspruchen könnten?«

»By Jove, Sir. Ich kenne mehr als eine Stelle. Aber ich habe den Mut verloren, immer wieder das alte Spiel zu spielen und immer wieder um den Erfolg meiner Arbeiten betrogen zu werden. Ich kenne ein Petroleumlager, welches nach seiner Erschließung den größten pennsylvanischen Quellen schwere Konkurrenz machen wird. Ich kenne Eisenlager, von denen kein Mensch eine Ahnung hat. Und ...« die Stimme Websters sank zum Flüstern herab ... »ich kenne ein Goldlager, so reich und unerschöpflich, daß es sich wohl lohnt, mit zwölf Maultieren hinzugehen und mit zwölf Maultierlasten zurückzukehren. Die Reise würde sich tausendfach lohnen.«

»Und warum unternehmen Sie die Reise nicht?«

»Weil ich kein Geld habe, Sir! Weil ich nicht einmal die paar lumpigen Dollars besitze, um die Eisenbahnfahrt von New York nach den Seen zu bezahlen. Darum nahm ich kurz entschlossen den Platz in Ihrem Flugzeug. Es ist ein letzter Versuch. Ein Bruder meiner verstorbenen Frau lebt in Rochester. Ich wollte versuchen, zu ihm zu gelangen und bei ihm das Kapital für eine Expedition nach diesem Goldlager aufzutreiben. Ein letzter Versuch, Sir. Gelingt er, ist es gut. Mißlingt er, so ...«

John Workmann ließ seinen Gast nicht ausreden.

»Wie wollen Sie von hier nach Rochester kommen?«

»Irgendwie, Sir. Den längsten Teil des Weges von New York nach Rochester habe ich hinter mir. Für heute abend bin ich gesättigt. Vielleicht gewähren Sie mir auch noch ein Obdach für die Nacht. Für den nächsten Tag zu sorgen, habe ich seit längerer Zeit aufgegeben.«

»Well, Sir, Sie können die Nacht bei mir bleiben. Sie sind mir fremd und werden es verstehen, daß ich Ihre Mitteilungen nachprüfe, bevor ich Ihnen Glauben schenke.«

»All right, Sir, prüfen Sie, soviel Ihnen beliebt. Sie werden nicht finden, daß ich ein Lügner bin.«

»Sie haben mir von der Wünschelrute gesprochen. Haben Sie solch ein Instrument bei sich? Oder kann man das hier irgendwo kaufen?«

Mr. Webster lachte über das ganze Gesicht.

»Nicht nötig, Sir. An jedem Haselstrauch schneide ich mir solche Rute, wenn ich sie brauche.«

»Desto besser, Mr. Webster. Was können Sie mit dieser Rute alles finden?«

»Schätze des Bodens, Sir. Besonders Metalladern, Erzlager und fließendes Wasser.«

»Gut, Mr. Webster. Wenn es Ihnen recht ist, machen wir morgen eine Probe. Danach werde ich in der Lage sein, Ihnen bestimmte Vorschläge zu machen.«

Eine halbe Stunde später lag Mr. Webster auf dem Sofa in John Workmanns Zimmer und schlief den Schlaf des Gerechten. Schon um sechs Uhr morgens weckte ihn John Workmann und rief ihn zu einem herzhaften Frühstück.

»Ich muß um neun Uhr in meinem Werk sein. Wir behalten zwei gute Stunden für die Probe, die Sie mir versprochen haben.«

»Ich denke, Sie werden damit zufrieden sein.«

Dann schritten die beiden in den sonnigen Sommermorgen hinaus. Aus der Stadt führte ihr Weg und bald umgab sie ein buschiger Laubwald. Mr. Webster ließ seine Blicke nach rechts und nach links schweifen. Plötzlich schwenkte er vom Wege ab auf eine Strauchgruppe zu.

»Das hier wird passen, Sir. Gute alte Haselbüsche, geschmeidige Ruten. Man kennt sie wohl noch von der Schule her.«

Er zog ein kräftiges Taschenmesser, suchte mit Kennerblicken unter den Zweigen und schnitt dann einen etwa fingerstarken Stecken ab, der sich in zwei gleichstarke, gerade Ruten gabelte. Mit wenigen Schnitten hatte er den Zweig von allem überflüssigen Blattwerk befreit und hielt nun eine Gabel mit zwei reichlich bleistiftstarken, je dreißig Zentimeter langen Zinken in der Hand.

»So, Sir, das Werkzeug ist bereit. Wo soll ich suchen?«

»Warten Sie noch ein Weilchen. Ich werde es Ihnen sagen, wenn es Zeit ist.«

Der Weg verließ jetzt den Wald und zog sich über freie Felder und Wiesen nach dem See hin. Sie überschritten eine primitive Holzbrücke über ein Fließ und gingen noch etwa 500 Schritte weiter.

»Von hier ab könnten Sie den Weg entlang suchen.«

»All right, Sir.«

Mr. Webster nahm die beiden Zinken der Gabel in die beiden Hände und hielt sie etwa in der Höhe der Magengrube vor sich her, so daß der Gabelstiel waagerecht gestreckt nach vorn zeigte. Die Ellenbogen lagen ihm dabei an den Hüften. In dieser Stellung schritt er ruhig den Weg weiter. John Workmann ging ihm zur Seite und beobachtete ihn mit Aufmerksamkeit. Abgesehen von einer gewissen Spannung in den Gesichtszügen des Rutengängers fiel ihm dabei jedoch weiter nichts auf.

So schritten sie voran und hatten weitere 300 Schritte zurückgelegt, als plötzlich ein Zittern durch die Rute ging. Sie zuckte ein paarmal hin und her. Dann, während der nächsten zehn Schritte, stieg sie nach oben, als ob eine unsichtbare Macht sie emportriebe. Es schien, als ob der Rutengänger alle Kraft aufwenden müsse, um sie in der waagerechten Lage zu halten. Und dann nach weiteren drei Schritten schlug sie mit unbesieglicher Kraft nach oben, schlug dem Rutengänger klatschend gegen die Brust und zerbrach in seinen Händen. Augenblicklich blieb dieser stehen und schien aus einem Traume zu erwachen. Er blickte auf die zerbrochenen Rutenstücke in seinen Händen und sagte:

»Hier ist es.«

»Was ist hier?«

»Fließendes Wasser dicht unter dem Boden.«

John Workmann bezeichnete die Stelle, an welcher der Rutengänger stehengeblieben war, indem er mit seinem Stiefelabsatz ein Kreuz in den Boden ritzte. Dann ging er seitlich von dem Landweg hinunter, winkte dem Rutengänger, ihm zu folgen, und zeigte ihm, daß die Böschung hier weniger bewachsen war als an den übrigen Stellen des Weges. Bei sorgfältigem Nachsehen entdeckte man, daß hier vor nicht allzulanger Zeit gegraben worden sein mußte.

»Sie haben recht, Mr. Webster. Gerade hier geht der große Abzugskanal von der Fabrik nach dem See unter dem Wege durch. Er wirft, wenn die Maschinen laufen, in jeder Minute zehn Kubikmeter Wasser in den See. Ich glaube an Ihre Rutenkunst, denn Sie konnten kaum wissen, daß dieser Kanal hier durchgeht.«

»Bei Gott, nein. Ich bin das erstemal in meinem Leben in Lake Road.«

»Well, Sir. Kehren wir in meine Wohnung zurück. Die Vorschläge, die ich Ihnen zu machen habe, kann ich Ihnen auch unterwegs sagen! Ich glaube, ich besitze genügend Geld, um Sie von Ausbeutern freizuhalten. Wieviel wollten Sie jetzt bei Ihren Verwandten in Rochester leihen?«

»Ich beabsichtige, nach meinem Goldlager zu reisen und so viele Maultierlasten wie möglich an gediegenem Golde zu holen. Ich überschlage, daß dazu für zwei Personen, zwölf Maultiere und einige Treiber die Summe von 25 000 Dollar erwünscht ist. Man könnte dann mehrere Monate in der Einöde bleiben, das Gold brechen und sicher zurückkehren.«

»Wann können Sie diese Reise antreten?«

»Jederzeit, Sir. Wenn es sein muß, morgen früh.«

»Well, Sir, machen Sie es sich bei mir bequem. Ich gehe jetzt in das Werk, um dort meine Beziehungen zu lösen. Ich will in Ordnung weggehen, wie ich in Ordnung gekommen bin. Heute abend fahren wir zusammen nach New York und dort rüsten wir unsere Expedition aus. Wie wollen Sie mich dafür, daß ich das Betriebskapital gebe, am Gewinn beteiligen?«

»Halbpart, Sir, sicherlich halbpart. Sie geben das Kapital, und den Erlös des Goldes teilen wir in New York. Eine kleine Bedingung nur. Sie werden nicht versuchen, der genauen Lage der Fundstelle nachzuschnüffeln, sondern sich meiner Führung überlassen.«

»All right, Sir. Unter diesen Bedingungen wollen wir das Geschäft machen.«

Eine Stunde später stand John Workmann vor Mr. Taylor und bat um seine sofortige Entlassung. Er habe dringend in New York zu tun und könne die Sache nicht um 24 Stunden verschieben.

Mr. Taylor ließ den jungen, tüchtigen Menschen nur ungern gehen. Aber er begriff: Mr. Bennett war hier gewesen, Mr. Bennett war mit John Workmann im Flugzeuge nach New York zurückgekehrt und Mr. Bennett hatte sicherlich irgendwelche besonderen Wünsche. Etwas geheimnisvoll war dieser John Workmann mit seinen Beziehungen zur Finanzaristokratie ja immer gewesen. So entließ er ihn, schweren Herzens zwar, aber mit den besten Wünschen für die Zukunft.

Mit dem Nachmittagszuge fuhren John Workmann und Mr. Webster von Lake Road fort, und am nächsten Morgen schritten sie gemeinschaftlich über den Broadway und die Bowery dahin. John Workmann setzte seinen neuen Partner in einem bescheidenen Hotel ab. Bevor er irgend etwas anderes in New York unternahm, wollte er erst seine Mutter wiedersehen, wollte er das alte, so vertraute und so lange Zeit entbehrte Heim besuchen. Dieser erste Abend war seiner treuesten und besten Freundin geweiht.

Von morgen an, das stand fest bei ihm, begann ein neuer Abschnitt seines Lebens, ein Abschnitt, der ihm einen Traum seiner Jugend erfüllen, der ihm den großen Reichtum bringen sollte, den der sterbende Charly Beckers ihm einst vermacht hatte.

John Workmann glaubte an dieses Vermächtnis und er wußte noch nicht, daß die Millionen wohl locken und gaukeln, daß ihre Erwerbung aber Blut und Tränen kostet.

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