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John Workmann wird Millionär

Hans Dominik: John Workmann wird Millionär - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann wird Millionär
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid925df4f0
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10. Kapitel

Der Tag, an dem man das zehntausendste Flugzeug aus dem Werke hinausrollte, war ein besonderer Ehrentag. Der Gouverneur des Staates New York besuchte die neue Flugzeugfabrik, und die prominentesten Bürger von New York befanden sich in seiner Gesellschaft.

»Hallo, Präsident, sind Sie auch hier!« ertönte eine sonore Stimme, als die Gäste vor dem Fabrikportal die Kraftwagen verließen. Es war Mr. Bennett, der einer Einladung Fords Folge geleistet hatte und seinen alten Zeitungsjungen unmittelbar neben dem Besitzer des Riesenwerkes erblickte.

»Sie haben sich selten gemacht in New York.«

Henry Ford legte John Workmann die Hand auf die Schulter.

»Ihr Zeitungsjunge ist mein bester Ingenieur geworden, Mr. Bennett. Gutwillig gebe ich ihn nicht wieder heraus.«

Mr. Bennett lächelte.

»Solange wie er bei Ihnen bleiben will, Mr. Ford. Unser Präsident ist wählerisch geworden und sucht sich seine Leute aus. Er wollte nicht länger bei uns in New York bleiben, und er wird eines Tages auch von hier weiterziehen.«

John Workmann errötete bis an die Haarwurzeln. Mit wenigen Worten hatte Mr. Bennett Stimmungen und Empfindungen in ihm bloßgelegt, über die er sich bis zu diesem Augenblick selbst noch nicht klar gewesen war. Jetzt aber, nach den Worten Mr. Bennetts, spürte er, wie recht dieser im Grunde habe. Es war in der Tat genau so, wie der es gesagt hatte. Seitdem die Werke hier in vollem Gange waren, seitdem die Fabrikation glatt vor sich ging, fühlte er keine Befriedigung mehr. Ein Drang nach Höherem und irgendwie Besonderem war wieder in ihm lebendig und zog ihn unklar in die Ferne. Er hatte nicht lange Zeit, sich jetzt diesen Empfindungen hinzugeben. Mr. Ford, der mit Vergnügen bemerkte, wie gut sein junger Ingenieur mit dem Zeitungsgewaltigen von New York bekannt und vertraut war, übertrug ihm dessen Führung durch die Werke, und da der Gouverneur mir Mr. Bennett zusammenbleiben wollte, so hatte John Workmann auch diesen zu führen.

Es war ein langer und anstrengender Weg. Er führte von den Gießereien, in denen die rohen Teile im Grau- und Rotguß entstanden, bis zu der großen Montagehalle, aus welcher die fertigen Flugzeuge ins Freie rollten. Aber der Weg schien allen kurz, denn mit stolzer Schöpferfreude erläuterte der jugendliche Führer den Aufbau und Zweck jeder Abteilung.

Dann war der Rundgang vollendet, und die Gäste ließen sich in einer offenen, mit Tannengirlanden und Sommerblumen festlich geschmückten Halle zu einem lunch nieder. Zur Rechten hatten sie den Blick auf die hohen Hallen des Werkes, zur Linken auf die unendliche Fläche des Lake Ontario. Tiefblau war das Wasser und tiefblau auch der Julihimmel. Wie Schmetterlinge gaukelten gleichzeitig zweihundert Flugzeuge in der Luft, fuhren Bogen und Schleifen über der Festhalle, gingen zu kurzer Rast auf dem See nieder, stiegen wieder empor und streuten Blumen aus luftiger Höhe hernieder.

John Workmann saß zur linken Seite von Mr. Bennett, der ihn mit sanfter Gewalt mit an die Ehrentafel gezogen hatte. Träumerisch ruhte sein Blick auf dem grandiosen Schauspiel, das sich dort zwischen Luft und Wasser vor ihm abspielte. Seine Gedanken liefen mehr denn fünf Jahre zurück. Damals ein armer Zeitungsjunge, der für sich und seine Mutter das Notwendigste für den täglichen Lebensunterhalt durch den Verkauf von Zeitungen erwarb. Heute, mit seinen jungen Jahren, fast ein Knabe noch, in einer hervorragenden und angesehenen Stellung in dem größten Industriewerke der Vereinigten Staaten. Der Aufstieg war so glänzend und wunderbar, daß John Workmann sein Schicksal wohl mit demjenigen eines Edison, eines Rockefeller oder Carnegie vergleichen konnte.

Die Flieger in den Lüften hatten sich jetzt zu einem glänzenden Manöver vereinigt. Wie die Zugvögel gern in der Figur eines V fliegen, wobei die Spitze nach vorn gerichtet ist und die Vögel in zwei langen, sich nach hinten auseinanderbreitenden Spitzen dem Führer folgen, so flogen die zweihundert Flugzeuge in der gleichen Figur dahin und hielten sie geschlossen und unverrückt, während sie gleichzeitig große Kurven beschrieben.

Die Augen aller Gäste waren auf dies Schauspiel gerichtet, die Musik spielte das Star-spangled banner dazu, als sich ein Telegrafenbote der Ehrentafel näherte. Von einem der Ingenieure an den anderen Tischen zurechtgewiesen, schritt er direkt auf Mr. Bennett zu und überreichte ihm eine Depesche.

Der Zeitungskönig riß sie auf, überflog sie und seine Stirn umwölkte sich. Suchend glitt sein Blick über die Reihe an der Tafel. Dann wandte er sich an John Workmann und sprach mit gedämpfter Stimme zu ihm:

»Mr. Workmann, Sie sind ein smarter boy und, wie ich glaube, mir auch etwas ergeben.«

»Mit Leib und Seele, Mr. Bennett.«

»Well, die Depesche, die ich soeben bekam, ist von großer Bedeutung. Ich möchte das Fest verlassen und so schnell und unauffällig wie möglich nach New York zurückkehren. Können Sie es so einrichten, daß mir ein Extrazug fertiggemacht wird und ich in einer halben Stunde spätestens fort kann?«

John Workmann überlegte zehn Sekunden.

»Das geht natürlich zu machen. Aber ich weiß etwas Besseres.«

Er neigte seinen Mund zum Ohr des Zeitungsriesen und dieser lächelte befriedigt. Dann steckte er die Depesche nachlässig in die Brusttasche und widmete sich wieder ganz dem Schauspiel, welches sich da vor ihm in der Sommersonne abspielte.

Nach fünf Minuten verließ John Workmann seinen Platz und verschwand in der Halle.

»Hallo, Macpherson, O'Donner, Smith und Baily. Ist Nr. 115 startfertig?«

»Yes, Sir.«

Die angerufenen Monteure wiesen auf ein neues Flugzeug, das dicht am Ufer des Ontariosees wasserte und auf seinen Tragflächen in roten Ziffern die Nummer 115 trug.

»Füllt die Tanks mit Benzin und Schmieröl bis an den Rand.«

Während die Monteure den Befehl ausführten, ging John Workmann in einen Seitenraum und holte zwei Fliegerkombinationen, die er in das Flugzeug tragen ließ. Dann begab er sich wieder zur Festtafel. Er war nur 5 Minuten abwesend gewesen.

»Mr. Bennett, Sie sollten unser schnellstes Flugzeug einmal selbst kennenlernen, Flugzeug Nr. 115, die schnellste Maschine der Welt.«

Mr. Bennett erhob sich und wandte sich gegen Ford.

»Mein junger Präsident macht mir einen Vorschlag, den ich ihm nicht abschlagen möchte. Die schnellste Maschine der Welt, den größten speed; das will ich kennenlernen.«

Er folgte John Workmann ans Ufer, dort bestiegen sie ein kleines Boot, das sie mit wenigen Ruderschlägen zur wassernden Maschine brachte. Sie kletterten hinein und schlüpften in die Kombination.

Der Propeller lief an. Surrend begann er sein Spiel, während der Motor leise fauchte. Ein kurzer Druck auf Hebel und Zündung. Aus dem Keuchen wurde im Augenblick ein Donnern und sofort sprang der Zeiger auf volle Touren. Wie ein Rennpferd stürmte die Maschine gradlinig über die blaue Fläche des Sees. Nach kaum 5 Sekunden schwebte sie frei und stieg in starker Schräge nach oben.

Jetzt hatten sie 100 Meter Höhe erreicht, und der jugendliche Pilot führte sie aus der reinen Nordrichtung mit einer sanften Kurve in die Richtung Ost zu Südost über. Mit einem Blicke überflog er die Zeigerinstrumente vor sich, und während er sich überzeugte, daß das Flugzeug genau und gradlinig dem einmal gewiesenen Kurse folgte, ließ er es hoch und immer höher steigen. Schon stand der Höhenmesser auf 3000 und noch immer dauerte die Steigung an, dabei ein Motorgeknatter, daß kein Wort zu verstehen war.

John Workmann griff in die Tasche neben seinem Sitz und langte zwei Mikrofone heraus. Er schob sie sich selbst mit dem Kopfring über die Ohren und bedeutete Mr. Bennett, ein gleiches zu tun. Fest und schalldicht lagen sie am Kopf. So wurde es möglich, sich zu verständigen. John Workmann riet Mr. Bennett, den starken Pelzkragen hochzuschlagen und die dicken, pelzgefütterten Handschuhe zu benutzen. Denn hier oben war es eisig kalt. Obwohl die Plätze für den Flieger und seinen Begleiter vollkommen windgeschützt eingebaut waren und nur durch Zelluloidscheiben den Ausblick ins Freie gestatteten und obwohl dieser Raum überdies noch durch ein Auspuffrohr des Motors kräftig geheizt wurde, sank die Temperatur doch tief unter den Gefrierpunkt.

Jetzt, in 4500 Meter Höhe, blieb das Flugzeug stabil und sein Motor, der sich durch eine besondere Luftkompressionspumpe die Verbrennungsluft unter stets gleichbleibendem Druck zuführte, arbeitete auch hier mit ungeschwächter Kraft. Die beiden Insassen spürten deutlich, um wieviel dünner die Luft hier oben war. Sie mußten schnell und tief atmen, um den notwendigen Sauerstoff in die Lungen zu bekommen. Der Motor aber behielt seine volle Stärke auch hier oben, und mit einer unheimlichen, schier unfaßbaren Geschwindigkeit jagte er den schlanken, schnittigen Leib des Flugzeuges durch die dünne Luft.

Mr. Bennett betrachtete schweigend die Landschaft, die sich wie eine Reliefkarte unter ihnen dahinzog. Eine Wasserfläche wurde sichtbar, eine größere Stadt lag daran.

»Ithaka, Mr. Bennett«, erklärte John Workmann.

Mr. Bennett blickte auf seine Uhr. Es waren wenige Minuten verstrichen, seit sie in Lake Road aufgestiegen waren. Und nun ... Schon lag der See und die eben gesichtete Stadt weit hinter ihnen. Ein Ort tauchte auf, in welchem vier Eisenbahnen knotenförmig zusammenliefen. Dann schien das Land gebirgig zu werden. Nun schimmerte es weit vor ihnen bläulich. Der Himmel, der wie ein Gewölbe die Reliefkarte unter ihnen überspannte, schien sich an dieser Stelle in die Karte hineinzufressen.

Sie waren noch nicht eine Stunde unterwegs, als die charakteristische Silhouette von New York sichtbar wurde.

»Haben Sie einen besonderen Wunsch in bezug auf den Landungsplatz, Mr. Bennett?«

»Nein.«

»Gut, dann werden wir an der Battery niedergehen.«

»All right, mein Freund.«

2 Minuten später senkte sich das Flugzeug ebenso steil, wie es aufgestiegen war. Noch einmal 2 Minuten und es schwebte in der Höhe der Wolkenkratzer über der Bucht von New York. Dann setzte es sanft und beinahe geräuschlos dicht am Ufer auf das Wasser auf. Mit leicht laufendem Motor brachte John Workmann das Flugzeug unmittelbar an eine der Landungsbrücken.

Mr. Bennett verließ es und schritt über die Brücke an Land. Nur wenige Neugierige hatten das Schauspiel beobachtet. Keiner von diesen hatte Gordon Bennett erkannt. Während er dem Herald-Gebäude zueilte, in der Brusttasche die inhaltschwere Depesche, von deren weiterer Behandlung Krieg und Frieden im fernen Osten abhingen, brachte John Workmann sein Flugzeug wieder von der Brücke ab auf das offene Wasser.

Er hatte während der Wendemanöver nicht bemerkt, daß der hinter ihm liegende Passagiersitz, auf dem Mister Bennett gesessen hatte, wieder besetzt worden war, und zwar von einem Manne, der sich das seltene Ereignis der Wasserlandung eines Flugzeuges im Hafen von New York nicht entgehen lassen wollte, um schnell und kostenlos von hier nach dem Westen zu kommen. Der Mann hieß James Webster. Er hatte aus reinem Zufall der Landung des Flugzeuges beigewohnt und vermutete, daß es nach dorthin zurückfliegen werde, wohin er selbst wollte. John Workmann ahnte, als er mit diesem ungebetenen Gaste sein Flugzeug nach Nordwesten zurücklenkte, noch nicht, welch bedeutungsvolle Rolle dieser Mann in seinem späteren Leben noch spielen sollte. Und schnell wie ein Pfeil sauste die Maschine den Weg zurück, den sie vor wenigen Minuten erst gekommen war.

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