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John Workmann wird Millionär

Hans Dominik: John Workmann wird Millionär - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann wird Millionär
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid925df4f0
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9. Kapitel

Die unerwartete Erbschaft hatte das Schicksal John Workmanns von Grund aus verändert. Bis dahin hatte er stets für das tägliche Leben kämpfen müssen. Ganz scharf und ganz schwer in jenen Kinderjahren, in denen die meisten Knaben überhaupt noch nicht wissen, was Geld ist. Später war der Kampf etwas milder geworden. Einige Glückszufälle hatten ihm eine Summe in den Schoß geworfen, die an sich nicht hoch, doch für ihn und seine bescheidenen Verhältnisse bedeutend war. Seitdem er New York verlassen hatte und auf die Wanderschaft gegangen war, hatte er von seinem Verdienst regelmäßig Ersparnisse gemacht und beiseite gelegt. Seine Mußestunden waren in rastlosem Streben der Erweiterung seines Wissens gewidmet gewesen, und dies war die einzige Ausgabe, die er sich gestattet hatte. Geld für gute Bücher und Geld für Stunden. In seinen Sprachkenntnissen war er nach wie vor auf das Englische beschränkt. Zeit und Gelegenheit hatten ihm gefehlt, eine fremde Sprache hinzuzulernen. Desto eifriger war er bestrebt gewesen, sich in den Naturwissenschaften weiterzubilden. Physik, Chemie, aber auch Mathematik. Die Lebensbeschreibung von Thomas Alva Edison hatte ihm den Anstoß gegeben, sich in der Physik und Chemie erst durch Bücher weiterzubilden und danach Privatstunden zu nehmen. Namentlich in der Physik war es ihm dann immer wieder passiert, daß er auf Formeln stieß, die er sich nicht zu erklären vermochte. Er hörte wohl, daß dies Algebra sei, hörte, daß man mit Buchstaben ebenso wie mit Zahlen rechnen könne, aber die Art und Weise, wie das möglich wäre, wollte ihm lange nicht in den Kopf. Bis sich ihm in seinem siebzehnten Lebensjahre die Gelegenheit bot, in Detroit bei einem eingewanderten Russen für wenige Cents mathematischen Unterricht zu bekommen. Er benutzte die Gelegenheit und war erst gar nicht entzückt davon. Die scharfen Abstraktionen, mit denen auch die einfache Algebra schon arbeitet, wollten gar nicht in seinen Kopf hineingehen, der von Jugend an mit den Dingen des praktischen Lebens zu tun gehabt hatte. Schon hatte er den Entschluß gefaßt, diesen Unterricht wieder aufzugeben, als ihn sein russischer Lehrer doch zu fassen verstand.

»a plus b gleich c«, stöhnte John Workmann in jener Stunde. »Wenn ich nur wüßte, was das bedeuten soll. Wenn ich wenigstens nur wüßte, was das bedeuten soll. Wenn ich wenigstens nur wüßte, zu was das gut und nützlich ist.«

Da hatte sich der Russe in seinen Sessel zurückgelehnt und gefragt:

»Sie wollen doch einmal Ingenieur werden?«

»Ich denke, ja.«

»Nun, wenn Sie Maurer werden wollen, brauchen Sie eine Kelle. Wenn Sie Schlosser werden wollen, brauchen Sie Hammer und Feile. Das stimmt doch?«

»Ich denke, ja. Ich habe gelernt, daß man gutes Werkzeug braucht, wenn man als Handwerker gute Arbeit leisten will. Sehr gutes Handwerk, das allerbeste und ausgesuchteste Werkzeug, wenn man als Handwerker die beste Arbeit leisten will.«

»Gut, wenn Sie das einsehen, werden wir weiterkommen. Das Werkzeug des Ingenieurs und des Physikers ist die Mathematik. Ohne dies Werkzeug bleibt der Ingenieur immer nur ein Techniker, und der Physiker wird im günstigsten Falle ein Experimentator, gewöhnlich aber ein Pfuscher.«

Diese Beweisführung leuchtete John Workmann ein. Der Vergleich mit dem Werkzeug wirkte zündend. Von dem Augenblick an, da er die Mathematik nicht mehr um ihrer selbst willen zu treiben brauchte, sondern nur als Mittel zum Zweck, ging sie ihm merkwürdig leicht ein, und er machte gute Fortschritte. Jetzt war er schon bei den Kapiteln von den algebraischen und geometrischen Reihen angelangt, und die Lehre von der Zins- und Zinseszinsrechnung fesselte ihn immer wieder von neuem. Mit Staunen rechnete er sich selbst aus, daß eine einzige Mark, die man zur Zeit von Christi Geburt auf Zinseszins angelegt hätte, sich bis zur Gegenwart zu einer Summe vermehrt haben würde, die ungefähr 6000 Erdkugeln aus massivem Golde bedeuten würde. Aber noch größer wurde sein Staunen, als er sich berechnete, was sich ergibt, wenn man eine Summe auf Zinseszins liegenläßt und außerdem noch jeden Monat eine bestimmte Summe dazuzahlt. Hier wurde die Vermehrung geradezu fabelhaft.

Angesichts dieser Rechnungen rückte sein alter Jugendtraum, einmal Millionär zu werden, in eine ganz neue Beleuchtung. Stundenlang konnte er sich damit beschäftigen, solche Formeln aufzustellen und zu berechnen, wieviel er in jedem Monat einzahlen müsse, um in einer bestimmten Reihe von Jahren Millionär zu werden. Das war an arbeitsfreien Abenden ein geistiges Spiel und eine Erholung für ihn geworden.

Nun war diese unerwartete Erbschaft und der Verkauf des Landes an die Ford-Werke dazwischengekommen. Bare 100 000 Dollar waren an Frau Workmann in New York überwiesen worden. Das gab bei einer vernünftigen Anlage 4000 Dollar Zinsen im Jahr, ein Einkommen, welches gegenüber den bisherigen Verhältnissen sowohl für John Workmann wie für seine Mutter einen fürstlichen Reichtum bedeutete. Frau Workmann hatte die Hälfte dieser Summe sofort ihrem Sohn zur Verfügung gestellt. Sie hatte ja auch mit 2000 Dollar noch viel mehr, als sie bei ihren bescheidenen Ansprüchen zum Leben brauchte.

Von Mr. Berns war ebenfalls ein langer Brief gekommen. John Workmann solle die Glückschance für sein künftiges Leben nützen und jetzt in aller Ruhe eine gute Schule besuchen. Mit viel Liebe und großem Verständnis hatte Mr. Berns ihm aufgeschrieben, welchen Lehrgang er durchmachen müsse, um bei angestrengtem Fleiße in fünf bis sechs Jahren ein studierter Mann mit einem akademischen Titel zu werden. 48 Stunden hatte sich John Workmann diesen Brief sehr gründlich überlegt. Überlegt, obwohl er eigentlich schon nach zwei Minuten genau wußte, was er tun würde. Seine Rechnung war kurz und bündig.

Ich bin in vier Wochen 18 Jahre alt, sechs Jahre studieren macht vierundzwanzig. Mit vierundzwanzig Jahren will ich mehr sein als irgendein Magister oder Doktor. Haben die großen Leute, die ich kenne, studiert? Hat Mr. Bennett studiert oder Mr. Armour oder Mr. Ford oder etwa Mr. Edison? Sie denken gar nicht daran. Sie sind ihren Weg mitten durch das lebendige Leben gegangen und sind geworden, was sie werden mußten. Zum Studieren bin ich zu alt.

So philosophierte der siebzehnjährige John Workmann. Dabei meinte er mit dem Studieren freilich nur das sich wieder auf die Schulbank setzen. Denn im übrigen lebte er schon lange nach dem Grundsatze, daß der Mensch lernt, solange er lebt.

So blieb John Workmann in seiner Stellung in den Ford-Werken, aber diese Stellung war jetzt eine ganz andere geworden.

Mr. Taylor und Mr. Reppington betrachteten ihn mehr denn je als einen verkappten Prinzen der Finanzaristokratie, der sich hier in einer bescheidenen Rolle gefiel. Mr. Reppington konnte nicht umhin, ihm bei einer Gelegenheit zu verstehen zu geben, daß er noch ohne große Mühe auch 200 000 Dollar für sein Grundstück hätte herausschlagen können. Und als ihm John Workmann auseinandersetzte, daß er solche Geschäfte für unmoralisch hielt, bestärkte sich bei Mr. Reppington die Meinung, daß dieser junge Mensch doch irgendwo im Hintergrunde noch über Millionen verfügen müsse. Derartige Leute sucht man sich aber auch im freien Amerika nach Möglichkeit warmzuhalten, und so wurde das bisher schon recht gute Verhältnis zwischen Mr. Reppington und John Workmann ein vollkommen freundschaftliches. Mr. Reppington gab sich kaum noch als Vorgesetzter, sondern als älterer Freund. Er unterstützte den Wissensdrang John Workmanns in jeder Weise, und so begann für diesen eine köstliche Zeit, während der er in Monaten tatsächlich so viel lernte, wie er auf der Schule nur in ebensoviel Jahren hätte lernen können.

Bei Lake Road entstand die neue, große Flugzeugfabrik, und John Workmann konnte ihr Entstehen von Tag zu Tag, von Stein zu Stein, von Etappe zu Etappe verfolgen. Er sah die Pläne und studierte sie mit größter Aufmerksamkeit. Die Ford-Werke standen bereits an der Spitze der Automobilindustrie der ganzen Welt. Vor fünfzehn Jahren hatte Mr. Ford ziemlich bescheiden angefangen. Vor zwölf Jahren hatte er plötzlich kategorisch erklärt: Ich brate für keinen Kunden eine Extrawurst. Bei mir werden nur drei Sorten Wagen gebaut, aber jede Sorte gleich in 3000 Exemplaren. Dadurch werden die Wagen so billig, daß das Publikum sie mir sofort abkaufen muß, wie dem Bäcker die warmen Semmeln. Damals hatte man Ford für einen Abenteurer gehalten, der über kurz oder lang scheitern müsse. Aber er behielt gegen alle Unglückspropheten recht, denn er verstand es in der Tat, die Fabrikation durch die Anwendung des Taylorsystems, durch sorgfältigste Auswahl aller in seinem Betriebe beschäftigten Leute und durch eine ganz neuartige Anordnung der Werkzeugmaschinen so zu verbilligen, daß ihm seine Erzeugnisse tatsächlich aus der Hand gerissen wurden. Er konnte einen guten, leichten Wagen, der überall sonst 2000 Dollar kostete, für 400 Dollar verkaufen, und er richtete überdies noch ein eigenartiges Prämiengeschäft ein. Jeder Abnehmer, der sechs seiner Bekannten veranlaßte, ebenfalls Fordwagen zu kaufen, erhielt seinen eigenen Wagen umsonst. Das war ein System, welches zog. Denn heute hatten die Ford-Werke eine Tagesproduktion von 3000 Wagen. In den 600 Minuten des zehnstündigen Arbeitstages wurden 3000 Wagen fertig, d. h. in jeder Minute 5 Wagen oder alle 12 Sekunden ein Wagen. Diese bisher nie dagewesene, ja nicht einmal für möglich gehaltene Arbeitsleistung war natürlich nur durch eine glänzende und bis in alle Einzelheiten auf das peinlichste durchgeführte Organisation möglich geworden. Für die Fabrikation eines Wagens war immer ein ganz bestimmtes Areal von Maschinenhallen, Montageschuppen und Prüfständen vorgesehen. Das Ganze war wie ein großer Dom mit einem Hauptschiff und vielen Querschiffen angeordnet. An einer Stelle, am Ende eines solchen Querschiffes, standen beispielsweise die Bohr- und Hobelmaschinen. Auf einer karussellartigen Planscheibe, die sich langsam drehte, wurden an einer Stelle die rohen, eben aus der Gießerei kommenden Zylindergehäuse aufgespannt. War das Aufspannen vollendet, so drehte sich das Karussell um einen bestimmten Winkelteil weiter. Ein neues Gußstück wurde jetzt an der nächsten Stelle seines Umfanges aufgespannt; das eben aufgespannte aber wurde von einer Bohrmaschine mit sechs Bohrern gleichzeitig bearbeitet. So ging es Schritt für Schritt. Nach dem zwölften war das Stück wieder an derselben Stelle, an der es aufgespannt worden war. Es hatte jetzt zwölf Werkzeugmaschinen passiert und war fix und fertig bearbeitet. Es wurde von der Scheibe abgespannt, um einem neuen rohen Gußstück Platz zu machen, und von diesem Augenblick an war der Betrieb dieser Karussellmaschine kontinuierlich. Von diesem Augenblick an wurde bei jedem Drehschritt ein fertiger Zylindersatz herabgenommen. In genau der gleichen Weise wurden auf einer anderen derartigen Riesenmaschine die Motorkolben, auf einer dritten die Kurbelgehäuse, auf einer vierten die Motorwelle und auf einer fünften die Kurbelstangen bearbeitet. Am Ende der Halle strömten alle diese Teile zusammen, und hier begann bereits die Montage. Eine Montage, bei welcher in jeder Minute ein neuer Motor auf die Montageböcke gesetzt werden mußte. Die Zeit für die vollkommene Montage, d. h. für die Zeit vom Auflegen des unteren Teiles des Kurbelgehäuses bis zur Abgabe des fertigen Motors an den Prüfstand, war genau auf sechzig Minuten berechnet. Sechzig Motoren waren also stets gleichzeitig in der Montage, und aus vielen Seitenschiffen strömten der Montagehalle die vielen Einzelteile zu, welche für die Motormontage notwendig waren, also Muttern, Schraubenbolzen, Zahnräder, Zündapparate, Vergaser, Benzinrohre und dergleichen mehr.

Kaum war aber die Montage vollendet, so wanderte der Motor in den Prüfstand, wurde mit einem Griff an die Benzinleitung, mit einem anderen an die Wasserleitung angeschlossen und mußte sofort mit Vollgas eine Stunde laufen. Dabei wurde er genau auf seine Leistung und seinen Gang geprüft. War die Prüfung vorüber, so wurde er vom Bock genommen, und nun zeigte es sich, daß dieser ganze Motorbau wieder ein kleines Seitenglied zum Wagenbau war. Der fertige Motor kam gerade zu dem Zeitpunkt in die Montage des Fahrgestells, wo er dort gebraucht wurde, war schnell mit dem Chassisrahmen verschraubt und mit dem Geschwindigkeitsgetriebe und der Kupplung in Verbindung gebracht. Schnell und glatt vollzogen sich diese Montagen, weil jedes Stück auf den Hundertstelmillimeter genau gebohrt und gefräst war, so daß nirgends ein Nacharbeiten oder Nachschleifen notwendig wurde. Schon rollte das Chassis weiter. Sofort kamen aus einem anderen Seitenschiff der Kühler und die Motorhaube. Schon brachte ein Flaschenzug aus einem dritten Seitenschiff die Karosserie, d. h. den Wagenkasten, und setzte ihn auf das Chassis. Noch ein paar Verschraubungen, und der Wagen war fertig. Nun rollte man ihn auf den Platz vor dem großen Mittelschiff, und fleißige Hände füllten Benzin, Schmieröl und Wasser ein. Im Nu sprang einer der Chauffeure für die Probefahrt hinzu. Schon ratterte der Motor. Ein Griff am Schalthebel, und der Wagen zog an und ging auf Probefahrt. Nach einer Stunde kehrte er zurück und war fertig zum Verkauf.

So strömte es aus jeder der großen Haupthallen in einem Strome von einem Wagen pro Minute, und da das Werk fünf solcher Haupthallen besaß, kam man auf einen Wagen in zwölf Sekunden. Aber was hier bestand, das war in zwölfjähriger angestrengter organisatorischer Tätigkeit gewachsen. Jetzt handelte es sich darum, nach den gleichen bewährten Grundsätzen, aber vollkommen von neuem, eine große Flugzeugfabrik einzurichten. Eine Riesenarbeit, bei der jede Einzelheit auf das sorgfältigste durchdacht werden mußte, bei der von der Richtigkeit jedes Entschlusses gewaltige Summen abhingen. Eine Arbeit, die an das Können und Wissen der Flugzeug- und Werkstätteningenieure die höchsten Anforderungen stellte und bei welcher John Workmann nach seinen Kräften mittun durfte. Eine Aufgabe, die sein Wissen vertiefte, sein Können vermehrte und seine geistigen und moralischen Kräfte gewaltig stählte.

Der russische Lehrer hatte John Workmann die Mathematik als das Werkzeug, das unentbehrliche Werkzeug des wissenschaftlich arbeitenden Ingenieurs empfohlen. Jetzt lernte er, daß die Mathematik wirklich nur ein Werkzeug sei, daß über ihr und neben ihr die freischaffende Phantasie auch im technischen Beruf walten müsse, wenn wirklich Neues geschaffen und große Erfolge errungen werden sollten. Und John Workmann besaß diese Phantasie in hervorragendem Maße. Das Künstlerblut des deutschen Vaters hatte sich in seinen Adern mit dem Blute einer langen Reihe streng nüchtern und logisch denkender amerikanischer Vorfahren zu einer glücklichen Mischung vereinigt. Dieser junge Mensch, der nur infolge eines besonderen Befehles von Mr. Ford zu den Direktionssitzungen über den Fabrikneubau ein für allemal hinzugezogen wurde, brachte Vorschläge ganz eigenartiger Natur zur Sprache. Vorschläge, die im ersten Moment durch ihre Kühnheit verblüfften, von den Ingenieuren für unmöglich gehalten wurden und im Laufe der Besprechung doch schließlich Hand und Fuß bekamen und zur Ausführung angenommen wurden.

Das begann bereits, als man die Pläne für die Gebäude des neuen Werkes entworfen hatte und die Art ihrer Fundamentierung erörterte. Das Land dicht am Seeufer bot nicht den besten Baugrund. Es bestand aus einer mehrere Meter starken Schicht aus angeschwemmter Humuserde, der man es nicht ohne weiteres zumuten konnte, die schweren Gebäude zu tragen. Unter dieser Schwemmschicht lag blauer Ton und darunter tragbarer Sand.

Die Baumeister schlugen vor, Pfähle einzurammen, und zwar Pfähle von solcher Länge und Stärke, daß sie noch tief in den festen Sand hineinragten. Die aufgestellte Berechnung ergab eine ungeheure Menge von Bauholz, welches man weit von Kanada her heranbringen mußte. Einer der Bausachverständigen schlug vor, nicht Holzpfähle, sondern Betonpfähle in den Boden einzurammen. Eine genaue Rechnung ergab, daß diese Bauweise nicht nennenswert billiger ausfallen würde als die Fundamentierung auf Holzpfählen. Die einzelnen Betonpfähle mußten mit einer starken eisernen Einlage versehen werden, um die schweren Schläge des Rammbären auszuhalten, und dabei gingen alle Ersparnisse wieder verloren.

Bei diesem Stande der Verhandlungen trat John Workmann mit seinem Vorschlage hervor. Man solle mit einem Erdbohrer einfach ein rundes Loch in den Boden bis in die Sandschicht hinein bohren und solle es mit Betonbrei ausspritzen. Der Beton müsse dann im Boden granithart werden und an Ort und Stelle einen guten, tragbaren Pfahl bilden.

Zuerst erhob sich eine stürmische Widerrede. Zwei Gründe waren es hauptsächlich, welche die Bausachverständigen vorbrachten. Erstens nämlich, daß solche Pfähle niemals schön gleichmäßig glatt und rund werden könnten. Und zweitens, daß bei einem solchen Gießen der Pfähle im Boden selbst die Zusammenpressung und Verdichtung des Bodens fehle, durch welche die eingerammten Holzpfähle ja erst ihre große Tragfähigkeit erhielten. Diese Einwände schienen den Vorschlag John Workmanns zu erledigen. Aber der junge Erfinder gab sich so leicht nicht geschlagen. Er entwickelte genau, wie er sich sein Verfahren dachte. Mit dem Erdbohrer solle man etwa fünfzehn Meter tief bohren und gleich ein dünnwandiges Stahlblechrohr in das Bohrloch hineinschieben. Dann sollte der Erdbohrer entfernt werden. Das Blechrohr sollte bis oben mit Beton gefüllt und dann langsam aus dem Loche herausgezogen werden, während man den Beton mit einem kräftigen Druckstempel nach unten preßte. So müßte er sich allen Unebenheiten des Bohrloches fest anschmiegen und ein Pfahl von großer Tragfähigkeit entstehen.

Mr. Ford entschied die Angelegenheit durch ein Machtwort. Ein Versuch nach der von John Workmann angegebenen Methode sollte gemacht werden.

Das war nun geschehen. Seit acht Tagen stand der auf diese Weise in den Boden gespritzte Pfahl und hatte genügend Zeit gehabt, zu erhärten. Zwanzig Meter davon hatte man einen starken Pfahl aus gutem amerikanischem Fichtenholz in den Boden gerammt. Nun kam die Belastungsprobe. Auf beide Pfahlköpfe waren eiserne Platten gesetzt. Neben jeder Platte war eine leichte Holzlatte so in den Boden gesteckt, daß sich ein an der Latte angebrachter, zeigerartiger Ansatz genau in der Höhe der Platte befand. Wenn sich also die Platte mit dem Pfahl unter dem Einflüsse der Belastung tiefer in den Boden einsenkte, so konnte man es an diesem Zeiger genau erkennen.

Und nun begann die Belastung. Schwere Bleibarren, jeder einzelne im Gewicht von zwei Zentnern, wurden vorsichtig auf die eisernen Platten gepackt. Von Tonne zu Tonne stieg die Belastung, und Millimeter um Millimeter sank der hölzerne Pfahl tiefer in den Boden, genau so, wie es die Bausachverständigen vorausgesehen und vorausberechnet hatten. Als der Pfahl die volle Last trug, die er nach der Massenberechnung des geplanten Bauwerkes tragen sollte, war er um beinahe zwei Zentimeter in die Tiefe gesunken. Der gespritzte Betonpfahl dagegen hatte kaum um einen halben Zentimeter nachgegeben. Schon jetzt hatte der Versuch die Brauchbarkeit des Vorschlages von John Workmann erwiesen. Nur der Wissenschaft halber wurde der Versuch noch fortgesetzt. Immer höher türmten sich die Bleilasten auf den beiden Pfählen. Bis sie das Fünffache der projektierten Belastung erreicht hatten. Da setzte sich der Holzpfahl plötzlich in Bewegung und rutschte glatt in die Tiefe. Sein Kopf verschwand in den Boden, und die auf ihm ruhende Platte mit der Bleilast drang auch noch einen halben Meter tief ein, bevor sie zur Ruhe kam. Zur gleichen Zeit hatte der Betonpfahl aber nur um drei weitere Zentimeter nachgegeben und trug noch einmal dreißig Tonnen, bevor der Beton unmittelbar unter der Eisenplatte dort, wo der Pfahl etwa einen halben Meter hoch frei aus dem Boden herausragte, knirschend und stäubend zu Bruche ging.

Der Versuch war zu Ende. Er hatte so deutlich zugunsten des von John Workmann vorgeschlagenen Fundamentierungsverfahrens gesprochen, daß man es sofort für diesen Bau annahm.

Seit diesem Vorkommnis nahm man die Vorschläge des jungen Menschen in den Sitzungen von Anfang an mit größter Achtung auf, und er hatte noch mancherlei vorzuschlagen.

Während sich draußen am Ontario am Lake Road die Bauten für die neuen Werke erhoben, während dort nach dem zuerst von Edison vorgeschlagenen Verfahren die Wände und Dächer der neuen Werke zwischen Bretterverschalungen aus Beton gegossen oder gestampft wurden, gingen die Sitzungen in Detroit weiter. Und während John Workmann ihnen folgte und hier und dort Einwürfe und Vorschläge machte, spürte er mit tiefer Freude, daß die letzten drei Jahre seines Lebens nicht verloren waren. Alles das, was er an Maschinen und maschinellen Apparaten in dieser Zeit gesehen und unter den Händen gehabt hatte, stand plastisch vor ihm. Er hatte nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Kopf alle diese Konstruktionen aufgenommen und verdaut. Er empfand und dachte plastisch und konnte jede Lösung für irgendeine der vielen neuen Aufgaben, welche die Beratungen hier brachten, sofort bis in alle Einzelheiten beschreiben und angeben.

Das zeigte sich gleich bei der Besprechung über die neuen Werkzeugmaschinen. Die Ingenieure hatten für die Flugzeugmotoren die gleichen karussellartigen Vorrichtungen vorgeschlagen, die sich in den Automobilwerken in Detroit seit Jahren bewährten.

John Workmann legte eine ganze Reihe von Skizzen auf den Tisch: Da war die massive Karussellscheibe durch ein kreisförmiges; kettenartiges, breites Band ersetzt, welches das aufgespannte Werkstück von Maschine zu Maschine transportierte. Aber nun war es möglich, die das Stück bearbeitenden Werkzeugmaschinen auch innerhalb dieses Kreises aufzustellen und die ganze Bearbeitung ließ sich, nachdem das Werkstück einmal aufgespannt war, vollkommen automatisch durchführen.

Auch dieser Vorschlag stieß erst auf Widerspruch. Man bezweifelte, daß eine gelenkige Kette jemals die gleiche zuverlässige und unveränderliche Unterlage bieten könne wie die feste Scheibe. Aber John Workmann zeigte, daß diese Kette ja gar keine Kräfte aufzunehmen brauche. Hatte sie die Werkstücke bis vor die nächsten Werkzeugmaschinen geführt, so legten sich festklammernde Hebel an bestimmte Nocken und Anschläge der Kette und das Werkstück stand genau so fest und zuverlässig, als ob es auf einer massiven Platte befestigt gewesen wäre.

So ging auch dieser Vorschlag John Workmanns durch, und er leitete eine ganz neue Ära im Werkzeugmaschinenbau ein.

Jetzt kam die Zeit, wo John Workmann dem Betriebe, dem er diente, mit Zins und Zinseszins wieder zurückzahlen konnte, was er einst in ihm gelernt hatte. Seine Vorschläge und Ideen, obwohl sie aus einem so jungen Gehirn kamen, gelangten zur Ausführung. Was er heute auf dem Papier entwickelte, wurde morgen schon in Eisen und Stahl ausgeführt.

Während die neuen Werke noch vor dem Beginn des Winters unter Dach kamen, arbeiteten die größten Werkzeugmaschinen der Vereinigten Staaten Tag und Nacht an der Ausbildung der neuen Werkzeugmaschinen, welche diese Räume füllen sollten.

Tausende von Händen waren tätig. Kaum hatten die Dachdecker an einer Stelle das Feld geräumt, so traten die Installateure auf den Plan und legten die Leitungen für Gas, Wasser und Elektrizität. Und eben waren diese fertig, so traten schon die Maschinenmonteure an und brachten die schweren Maschinen auf ihre Fundamente.

Diese Montage war eine Technik, die John Workmann bisher noch nicht gesehen hatte. Stunden und halbe Tage hindurch konnte er in den noch unfertigen Hallen des neuen Werkes herumstehen und den Monteuren zuschauen, wenn sie Maschinen setzten. Er sah, wie sie die riesigen Massen mit den einfachsten Mitteln auf die Fundamente brachten. Bauholz, Klötze, Keile und starke Brechstangen genügten, um die Massen dorthin zu bringen, wo man sie haben wollte.

Dann aber kam die feine Einstellung. Mit spitzen Stahlkeilen wurden die Maschinen gehoben, gerückt und geschoben, bis ihre Schwungräder, auf einen Viertelmillimeter genau, an feine Schnüre streiften, welche die Monteure in den Maschinenraum gespannt hatten. War aber diese Feineinstellung mit unendlicher Sorgfalt vollendet, waren die Maschinen genau ausgerichtet, dann wurde das Fundament mit einem Bretterrand versehen. Flüssiger Beton ergoß sich in den Raum zwischen dem gemauerten Fundament und der Grundplatte der Maschine. Er füllte jeden kleinsten Zwischenraum. Er lief in alle Kanäle für Fundamentschrauben, und wenn er nach drei Tagen steinhart geworden war, dann stand die Maschine für alle Ewigkeit gefügt. Dann konnte sie Riesenkräfte aufnehmen oder abgeben, ohne auch nur um die Breite eines Haares von ihrer Stellung abzuweichen.

Als der Frühling wieder ins Land kam, als das Eis auf den Seen schmolz und die ersten großen Seedampfer, die den Ozeandampfern an Größe nicht nachstehen, ihre Fahrten wieder aufnahmen, da ließen sie die Anker an den funkelnagelneuen Landungsdämmen der neuen Flugzeugwerke fallen. Kräne, die erst vor vier Wochen fertig geworden waren, rauschten heran und hoben unendliche Mengen wertvoller Metalle aus den Laderäumen der großen Dampfer. Edelstähle und das leichteste und doch auch festeste aller Metalle, das Duraluminium, schwarze Diamanten, die beste Steinkohle aus den pennsylvanischen Gruben und rotes Kupfer aus den Minen des Südens. Die Lager füllten sich und das psychotechnische Laboratorium des Mr. Taylor errichtete eine wichtige Filiale in Lake Road, um Menschen zu prüfen und auszusuchen, die nicht zu Hunderten, sondern zu Tausenden für die neuen Werke geworben werden mußten.

Das Büro des Mr. Taylor eröffnete als erstes den neuen Betrieb. Aber es blieb kaum acht Tage allein. Schon begannen die Neugeworbenen in diesen und jenen Abteilungen der riesenhaften Werke ihre Tätigkeit.

Eine kritische Zeit war zu überwinden. Die Neugeworbenen mußten beschäftigt werden, aber die Beschäftigung mußte so geleitet werden, daß die Erzeugnisse dieser Beschäftigung zueinander paßten, daß es nicht Stauungen und Häufungen gab, bis das ganze Werk voll in Betrieb kam.

Das waren vier kritische Wochen, die an das organisatorische Genie von Mr. Taylor die höchsten Anforderungen stellten. Es gab Tage, an denen er vierundzwanzig Stunden hindurch nicht aus den Kleidern und aus seinem Büro herauskam. Mr. Reppington war heiser bis zur Unverständlichkeit. Der Telefonapparat auf seinem Schreibtisch kam nur sekundenweise aus seiner Hand.

Und dann war die Arbeit getan. Als der Mai kam, waren die Werke in vollem Gange. An schimmernder Kupferleitung flog die elektrische Energie von den Niagarafällen heran. Dampfer und Eisenbahnen brachten die Werkstoffe, und wie in Detroit die Kraftwagen, so tropften hier die schimmernden Flugzeuge in unaufhörlichem und unaufhaltsamem Strome aus dem Werke heraus.

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