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John Workmann der Zeitungsboy

Hans Dominik: John Workmann der Zeitungsboy - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann der Zeitungsboy
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid8be3f044
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8. Kapitel

Es war am nächsten Morgen, kurz nach 8 Uhr, als John Workmann, nachdem er seine Zeitungen verkauft, in die Redaktion zu Mister Berns ging.

Das Büro lag in einem endlos langen Gang, auf dem wohl an hundert Türen mündeten. An jeder Tür war ein kleines weißes Schild mit einem Namen angebracht, und darüber eine auffallend leuchtende Nummer. Falls sie dunkel war, so besagte es, daß niemand in dem Zimmer anwesend sei.

Hinter jeder der Türen saß in einem ähnlichen Raum wie Mister Berns ihn hatte, einer der Dutzende von Unterredakteuren der Riesenzeitung, während eine Treppe höher sich die Hauptredaktion befand.

John Workmann wußte bereits, daß die vielen Redakteure nötig waren, um täglich die umfangreiche Ausgabe der Zeitung zusammenzustellen.

Da hatte jeder sein bestimmtes Arbeitsfeld. Erst das Zusammenwirken all der Redakteure und die noch weitere Arbeit von mehreren hundert festangestellten Mitarbeitern in der ganzen Welt brachten es fertig, das moderne Meisterwerk einer mehrmals täglich erscheinenden Riesenzeitung zu schaffen.

Mit einer Kolossalpyramide der alten Zeit, die aus Millionen von beschriebenen Tonziegeln gebildet, ist eine jede Ausgabe die Riesenzeitung zu vergleichen.

Wie in alten Zeiten auf jedem Tonziegel einer Pyramide die Taten eines Herrschers aus seinem Leben eingegraben, so waren in der Zeitungspyramide die Nachrichten aus der ganzen Welt enthalten.

Das war der große Unterschied zwischen den Tonziegeln der Pyramide des Altertums und der modernen Zeitungspyramide, daß jene in ihrem Riesenbau nur die Begebenheiten aus dem Leben eines einzigen Herrschers der Nachwelt überlieferte, während die moderne Zeitungspyramide das Leben der Welt aus einem gewissen täglichen Bruchteil von noch nicht 500 Minuten mitteilte.

In den 1440 Minuten des Tages ruhte der mächtige Betrieb auch nicht eine Sekunde. Unaufhörlich, wie ein endloser Riesenstrom, kamen aus allen Teilen der Welt Nachrichten, Notizen, Aufsätze und Geschichten und wollten und mußten veröffentlicht werden.

Keine Armee der Welt besaß eine strengere Pünktlichkeit in Arbeits- und Diensteinteilung als der Betrieb im Reiche des Zeitungsriesen. –

John Workmann wollte soeben an die Tür des Büros von Mister Berns klopfen, als ein Boy im Laufschritt zu ihm eilte und ihn respektvoll anredete:

»Entschuldigen Sie, Sir, Ihr Name ist John Workmann?« –

»Jawohl, das ist mein Name. Was wünschst du von mir?«

»Ich habe eine eilige Bestellung von Mister Bennett an Sie. Er hat den Auftrag gegeben, Sie gleich zu benachrichtigen, wenn Sie das Gebäude betreten und Sie sofort zu ihm zu bitten.«

John Workmann war eigentlich ungehalten darüber, daß ihm Mister Bennett einen Strich durch sein Vorhaben machte. Und damit Mister Runge wenigstens nicht vergebens auf ihn wartete, wollte er dem Redakteur über sein Ausbleiben Bescheid sagen.

Der Boy sah, wie John Workmann an die Tür der Redaktion klopfen wollte.

»Lassen Sie das, Sir«, bat der Boy. »Mister Bennett weiß, daß Sie im Hause sind, und es könnte mir Unannehmlichkeiten machen, falls Sie länger ausbleiben, als Mister Bennetts Zeit es erlaubt. Sie können –«

Der Boy blickte schnell auf die Tür und prägte sich den Namen des Schildes ein.

»Sie können Mister Berns telefonisch über den Grund Ihres Ausbleibens benachrichtigen. Ich werde es sofort selbst besorgen.«

John Workmann sah die Richtigkeit der Worte ein und folgte dem Boy in den Empfangssaal.

Er erstaunte, mit welcher absoluten Sicherheit hier jeder im Hause über die Wünsche Mister Bennetts Bescheid wußte.

In wenigen Sekunden war er im Vorraum von Mister Bennett.

Mit freundlichem »Guten Morgen« begrüßte ihn die Sekretärin und meldete ihn sofort an.

»Guten Morgen, John«, rief Mister Bennett und reichte John Workmann seine Hand. »Das muß ich sagen, du machst dich rarer für mich als für meine Freunde! Hast du meinen Brief nicht bekommen?«

»Jawohl«, erwiderte John Workmann, »ich habe Ihren Brief bekommen. Aber da ich keine Zeit hatte, weil es sehr viel für mich zu tun gab, so verschob ich den Besuch bei Ihnen.«

»Erlaube mal«, entgegnete Mister Bennett, »wenn ich dir einen Brief schreibe, daß du mich aufsuchen sollst, so muß dir das sagen, daß mir die Angelegenheit sehr wichtig ist.«

»Das mag sein«, erwiderte gleichmütig John Workmann, »aber ich denke, daß in diesem Fall derjenige, der über die Wichtigkeit zu bestimmen hat, ich bin.«

Mister Bennett war vielleicht zum erstenmal in seinem Leben verblüfft. Er konnte nicht entscheiden, war das Klugheit oder knabenhafter Übermut, der ihm solche Antwort erteilte. – Was es aber auch war, die Antwort imponierte ihm.

»Well, du magst recht haben, und ich schätze deine Ansicht, sowohl über den Wert deiner Zeit als auch über deine Beurteilung. –

Ich las nun heute morgen eine Notiz, daß du dich von jetzt ab als Berichterstatter, als Mitarbeiter für meine Zeitung betätigen willst.«

»Jawohl«, nickte John Workmann; »Mister Runge hat die Notiz in Ihre Zeitung gebracht. Er hörte bei Ihrem Redakteur, Mister Berns, daß ich von heute ab als Berichterstatter arbeiten will.«

»Ich halte das für eine gute Idee von dir und glaube, daß du eine wertvolle Kraft meiner Zeitung bilden wirst.

Ich sehe daraus, daß dir ein Arbeitsplatz in meinem Maschinenbetrieb nicht zusagt.«

»Nein, Herr«, erwiderte John Workmann sehr energisch, »ich glaube, ein Mensch, der zwei Dollar besitzt, wird nicht um fünf Cent verlegen sein.«

»Das verstehe ich nicht, wie meinst du das?«

»Sehr einfach«, erklärte John Workmann, »ich habe meiner Meinung nach mehr Verstand in meinem Kopfe, als nötig ist, um eine Maschine zu bedienen.«

John Workmann hörte nicht das leise Bravo, das Mister Bennett zu sich selbst sagte.

Bevor er antworten konnte, ertönte eine große Metallglocke auf dem Schreibtisch des Zeitungsriesen dreimal. – Es war ein so eigentümlich mahnender gewaltiger Klang, daß John Workmann erschauerte.

Sofort drückte Mister Bennett auf mehrere Knöpfe von elektrischen Klingelleitungen.

Wie auf ein geheimnisvolles, furchterregendes Etwas, so schaute John Workmann auf die große Metallglocke.

Mister Bennett beobachtete den Blick und sagte:

»Wenn diese Glocke ertönt, so bedeutet es, daß ein außergewöhnlich großes Unglück geschehen ist. Ich lasse deshalb sofort meine Hauptredakteure zu mir kommen, um zu hören, was es gibt, und mit ihnen die nötigen Maßregeln zu treffen. Zu gleicher Zeit, wo die Alarmglocke bei mir anschlägt, setzt sie ähnliche Alarmglocken in den Büros meiner Chefredakteure in Bewegung, so daß für die nächsten Minuten jeder darauf zu warten hat, welcher Befehl von mir aus gegeben wird.«

Er hatte kaum die letzten Worte gesprochen, als fünf Herren ohne jede Anmeldung in das Zimmer traten und der eine von ihnen, ein hagerer schlanker Fünfziger, mit dem echten Typus eines Yankees ein kleines Stück Papier vor Mister Bennett auf den Schreibtisch legte.

Mister Bennett nahm das Stück Papier und las. Nach kurzen Sekunden sagte er:

»Meine Herren, hier ist ein Funkspruch. Er lautet:

C. Q. D.

»Republic gerammt durch unbekanntes Schiff und sinkend vierzig Meilen von Nantucket.«

John Workmann sah, daß die Gesichter der Männer ihre frischen Farben verloren und ein Bann lähmender Furcht ihre Körper niederdrückte.

C. Q. D. – die Funkzeichen bedeuten: Wir sind in größter Not – Helft! –

Jeder wußte, daß die »Republic« ein großer Ozeandampfer von der White Star-Linie war und am Tage vorher aus New York abgegangen, um viele Hunderte angesehener und bekannter Amerikaner nach den Häfen des Mittelländischen Meeres zu bringen.

Die veröffentlichte Passagierliste umfaßte über fünfhundert Namen. Angehörige der besten Familien Amerikas, welche die kalte Jahreszeit im Süden Italiens oder in Ägypten ihrer Gesundheit wegen verleben wollten.

Auch Mister Bennetts Familie – Frau und Kinder – befand sich auf dem gerammten Dampfer. – Seine Hände zitterten, als er nochmals den winzigen Papierstreifen vor die Augen führte und ihn Wort für Wort las. –

Aber unverändert blieb die furchtbare Nachricht.

Ein harter, entschlossener Ausdruck trat in die Augen Mister Bennetts, er hatte wieder volle Gewalt über sich gewonnen. Seine schlanke Gestalt reckte sich auf, er dachte nicht mehr an Frau und Kinder, die vielleicht in dieser Stunde um ihr Leben auf dem Ozean kämpften.

Er stand als Fürst der Zeitungsmacht und hatte zu handeln. –

Klar und ruhig sagte er:

»Benachrichtigen Sie die Redaktionen.«

Vier der Herren liefen zu den in einer Ecke des Raumes befindlichen Apparaten, und es verging kaum ein halbe Minute, so kannten die Redaktionen den Inhalt der Depesche.

Und fünfundzwanzig Minuten später tönten auf dem Broadway die gellenden Rufe der Zeitungsjungen mit den Extrablättern:

»Die ›Republic‹ durch unbekanntes Schiff gerammt, sinkend mit fünfhundert Passagieren an Bord vierzig Meilen von Nantucket.

Jede Hilfe fast aussichtslos infolge dichten Nebels.«

Eine halbe Stunde später, die New Yorker hatten sich noch nicht von ihrem Entsetzen erholt, flog aus dem Hause des Zeitungsriesen eine neue Nachricht in Tausenden von Exemplaren in das Publikum.

Tausende und aber Tausende von Händen griffen nach den Zeitungsblättern. Aller Verkehr stockte, alles las:

»Die Herald Office sendet sofort Hilfsexpeditionen, um dem gerammten Dampfer Hilfe zu bringen.«

Ununterbrochen – – alle fünf Minuten brachte der Funkapparat in der Herald Office immer wieder die drei inhaltsschweren Buchstaben: C. Q. D., und mit starren Augen schauten die Empfänger Bennett und sein Stab auf den geheimnisvollen furchtbaren Notruf, den ihnen das sinkende Schiff aus den Schrecken des Ozeans sandte – immer wieder – unablässig – vielleicht das letzte, letzte Zeichen von Hunderten von Menschen, die einem grausigen Tod entgegensahen. –

Wie mochten sie in die tobenden Elemente starren – nach Hilfe auf den Notschrei, den ihr braver Funker von dem sinkenden Schiff an Land sandte. –

Und die Helfer regten sich mit tausend Händen und bemühten sich, das lähmende Entsetzen abzuschütteln, um mit aller Kraft Hilfe zu bringen.

Am äußersten Platze New Yorks, der sogenannten Batterie, dort, wo vor Hunderten von Jahren holländische Kanonen den Neuankömmling begrüßten, wo der »Half Moon«, das erste holländische Schiff an Land gekommen, steht ein kleines einstöckiges Haus, an dessen Dach ein hoher eiserner Mast in die Lüfte ragt. An seiner Spitze hängt ein seltsames Gewirr von Kupferdrähten, die durch das Dach in das Innere des kleinen Hauses führen.

Draußen an der Tür steht mit großen goldenen Buchstaben zu lesen:

New York Herald

Dieses Haus ist die drahtlose Empfangsstation des »New York Herald« für alle Nachrichten von See. In New York und im »New York Herald« selbst nennt man das kleine Haus mit dem kurzen lakonischen Namen: Ship News, das heißt auf Deutsch: Schiffsneuigkeiten.

Die New Yorker gebrauchen die Bezeichnung einfach als Eigennamen.

Und vor den Ship News hatten sich Tausende von Menschen versammelt und warteten mit erregten Gesichtern auf neue Nachrichten. – Autos und Wagen kamen im Eiltempo zu den Ship News, Männer sprangen heraus und eilten zu der kleinen Office in angstvoller Erwartung. New Yorker, deren Frauen und Kinder draußen auf See in dem gerammten Dampfer auf Leben und Tod kämpften. –

Und unweit von Ship News lag im Wasser die »Owlet«, das Depeschenboot des »New York Herald«, ausgestattet mit Funkstation, und, wie die New Yorker von dem Boote sagten: ein Auge, das nie schläft.

Und in der Tat, dieses Depeschenboot des »New York Herald« machte wie ein ruheloser Seevogel in den 1440 Minuten des Tages keine Sekunde eine Ruhepause, sondern unentwegt, bevor die ankommenden Dampfer noch den Hafen erreichen, waren bereits die Berichterstatter des »Herald« an Bord der Dampfer abgesetzt, um von etwa eintreffenden hervorragenden Persönlichkeiten Informationen für die Zeitungen zu erreichen.

Dieses Depeschenboot weiß alles, was im Hafen von New York oder bis weit draußen zum Leuchtschiff von Sandy Hook oder noch weiter bis zu den Sandbänken von Nantucket vor sich geht.

Heute allerdings war das kleine Boot gezwungen, an seinem Ankerplatz an der Batterie zu liegen, da im Hafen und nach dem Ozean zu ein Seenebel lag, der, wie die Schiffsleute sich ausdrücken, so dick wie zehn wollene Bettücher übereinander war. –

Trotzdem die »Owlet« vielleicht nur fünfzehn Meter von Ship News verankert lag, waren doch ihre Umrisse nur ganz schwach zu erkennen.

Jetzt trat aus Ship News ein Trupp Männer heraus, alle in Ölzeug gehüllt, und unter ihnen fiel den draußen Stehenden eine Gestalt wegen ihres knabenhaften Aussehens auf. Es war John Workmann. Mister Bennett hatte ihm gestattet, die Hilfsexpedition zu begleiten.

Aus dem Nebeldunkel ertönte jetzt das langgezogene Heulen einer Sirene. Langsam zog sich durch die grauen Wolken der schwarze Schatten eines kleinen Ozeandampfers, wie ihn Polizei- oder Zollbehörden zu benutzen pflegten, dicht an Land vorbei.

Ihm folgten drei sogenannte Tugboote, kleine Schleppdampfer, welche die Ozeanriesen in den Hafen bugsieren.

Sie waren mit Decken, Lebensmitteln, Korkmatten, Seilen und sonstigen Dingen, welche zur Rettung oder Unterbringung von Schiffbrüchigen dienten, beladen.

An Bord dieses Dampfers begaben sich jetzt die Korrespondenten des »Herald« in Begleitung mehrerer Ärzte und John Workmann.

Unter lautem Heulen der Sirenen und Schrillen der Glocken setzten sich jetzt die Dampfer und das Depeschenboot in Bewegung und waren nach wenigen Metern für die schärfsten Augen an Land in dem dicken Nebel verschwunden.

Tappend und tastend, mehr kriechend als fahrend, nur nach dem Kompaß sich richtend, suchten die Dampfer und das Depeschenboot ihren Weg durch den Hafen und gelangten nach vierstündiger Arbeit zu dem Ausgang des Hafens zwischen Staten Island und Coney Island in den Ozean.

Jede Sekunde befanden sie sich in Gefahr, gegen irgendeinen der vor Anker liegenden Passagierdampfer oder Frachtschiffe anzurennen, und mehr als einmal tauchte vor ihrem Bug wie eine riesige schwarze Wand der eiserne Leib eines Ozeandampfers auf, der infolge des Nebels mitten auf der Fahrstraße hatte Anker werfen müssen.

Alles Bellen und Heulen von Schiffssirenen, Lärmen und Schreien von Glocken, Rufen von Megafonen, Signalschüsse hatten in dieser grauen Höllenatmosphäre keinen Zweck. Man wußte nicht, da der Nebel keine Leitung gab, von welcher Seite de Töne der Warnungssignale kamen.

Es war wirklich so, wie die Seeleute sagen: zehn wollene Decken übereinandergelegt.

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