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John Workmann der Zeitungsboy

Hans Dominik: John Workmann der Zeitungsboy - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann der Zeitungsboy
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid8be3f044
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4. Kapitel

Einen erstaunten Blick hatte der alte Oberfaktor auf John Workmann geworfen, als der wenige Tage nach seiner Unterredung mit Mister Bennett in den großen Maschinenraum hineinspaziert kam.

»Kannst du nicht lesen, Junge«, herrschte er ihn an und wies auf ein Schild, welches die Inschrift trug: »Entrance positively not permitted« (Eintritt durchaus nicht erlaubt).

»Ich sah das Schild, aber ich denke, ich kann trotzdem hier umhergehen«, erwiderte John Workmann und zeigte die Karte von Mister Bennett vor.

»So, so«, meinte der Oberfaktor, Mister Napp, »also du willst hier den Betrieb studieren. Verstehst du denn schon was von der Sache?«

»Einstweilen noch wenig«, sagte John Workmann. »Bis jetzt habe ich Zeitungen verkauft. Jetzt will ich sehen, wie sie gemacht werden.«

»Nanu – mußt du denn das wissen? – Das würde ja 'ne nette Wirtschaft, wenn ihr Zeitungsjungen euch in Zukunft hier ansehen wollt, wie die Zeitungen, die ihr verkauft, hergestellt werden. Ich denke, es genügt, daß sie hergestellt werden und ihr sie verkaufen könnt.«

John Workmann hörte dem Alten mit kalter Miene zu. Dann sagte er in bestimmtem Ton:

»Soll ich Ihnen noch mal wiederholen, was ich wünsche?«

Der energische Klang verfehlte seine Wirkung nicht.

Mr. Napp sah auf seine Uhr.

Bedeutend höflicher, als es sonst seine Art war, sagte er:

»Jetzt wird das Abendblatt stereotypiert, komm mit und sieh es dir an.«

»Was heißt denn das?«

»Meine Zeit langt nicht, um dir den ganzen Betrieb zu erklären. Ich werde dich später an den Maschinenmeister Gransea empfehlen, der soll dir den Betrieb von vorn bis hinten erklären, denn ohne solche Erklärung stehst du auch bei dem besten Willen wie ein Blinder vor den Maschinen und Apparaten.

Was stereotypieren ist, will ich dir kurz erzählen:

Die Zeitung steht jetzt im Satz fertig.

Das heißt, ihre einzelnen Seiten sind jetzt tafelförmig in Bleibuchstaben zusammengestellt.

Mit diesen Tafeln könnte man nur in Flachdruckpressen drucken. Für unsere Rotationspressen muß diese Bleibuchstabenseite auf runde Form gebracht werden. Man muß sie auf den Druckzylinder der Rotationsmaschine aufschrauben können.

Außerdem müssen wir dieselbe Seite in mehreren Maschinen drucken. Wir müssen also von der flachen Bleiseite mehrere bleierne Druckplatten gewinnen, und zwar Druckplatten, die rund sind, so daß sie auf den Druckzylinder in der Presse passen. Nun komm und sieh.«

Beide traten in den Stereotypiersaal und gingen an einen der Tische.

Eben schob man auf diesen eine der großen Herald-Seiten, die in Bleibuchstaben gesetzt und durch einen Stahlrahmen in richtiger Form zusammengehalten war.

Ein Mann warf sofort einen leichten, kleisterfeuchten Seidenpapierbogen über die Form.

Ein zweiter tupfte das Papier mit einer weichen Bürste fest in alle Vertiefungen der Buchstaben hinein. Im Augenblick war es geschehen, und ein zweiter Bogen wurde darübergelegt.

Wieder trat die Bürste in Tätigkeit und ein dritter Bogen folgte. So ging es wohl fünf Minuten hindurch, und schon bildeten eine große Schicht Seidenpapierbogen eine stattliche Pappe.

Jetzt rollte ein Wagen an den Tisch heran. Die Form mitsamt dem aufgeklopften Zeitungspapier wurde in eine Presse geschoben. Mit gewaltigem Druck holten mächtige Schrauben den bleiernen Satz und das aufgelegte Papier zusammen und das ganze verschwand in einer Heißluftkammer.

»Da bleibt es jetzt fünf Minuten bei einer Temperatur von 120 Grad, und da kommt gerade eine andere Form aus der Kammer«, sagte Mr. Napp. »Sehen wir, was damit geschieht.«

John Workmann sah, wie eifrige Hände die Presse öffneten und von der bleiernen Seite eine trockene harte Platte abhoben, auf deren einer Seite jede Einzelheit des Bleisatzes mikroskopisch genau abgedrückt war.

»Wie nun weiter?« fragte John.

»Wir sehen es in der Gießerei.«

In der Gießerei bogen geschickte Arbeiter jene Pappe vorsichtig auf einen Viertelkreisbogen, brachten sie in eine runde Form und spannten sie fest ein.

Aus einem Schmelzofen floß flüssiges Hartblei in eine Gießpfanne. Ein Mann schüttete den Inhalt der Pfanne in eben jene Form.

Nach kaum einer Minute löste man die Schrauben, und heraus fiel eine glänzende Metallplatte, auf die Form eines Viertelzylinders gebogen, und trug den Inhalt jener Zeitungsseite Buchstaben für Buchstaben auf ihrem glänzenden Leibe.

Schon spannte man die Pappform wieder in die Gießform ein, während eine Bohrmaschine der gegossenen Bleiseite hier und dort Löcher beibrachte. Dann trug man sie zum Maschinensaal.

»Wohin jetzt?« fragte John Workmann mit leuchtenden Augen.

»Zur Rotationsmaschine.«

Da standen sie nun vor einer Maschine, so hoch wie zwei Stockwerke und so lang wie ein Haus. Der Maschinenmeister und seine Leute kletterten zwischen den blanken Gliedern des metallenen Riesen umher.

John Workmann stand ratlos vor diesem Gewirr von Zylindern und Walzen.

»Sieh erst das Bekannte«, sagte Mister Napp und zeigte auf einen Zylinder, der etwa zwei Meter im Durchmesser hielt.

Und John Workmann sah, wie auf diesen Zylinder gerade die frisch gegossene Stereotypieplatte festgeschraubt wurde.

Und er fand einen zweiten solchen Zylinder und sah in der Nähe jener beiden großen Zylinder eine Fülle dünnerer und dickerer Walzen, die von schwarzer Farbe glänzten.

»In der Ausführung ist die Sache verwirrend. In der Theorie ist sie einfach«, erklärte Mr. Napp. »Hier siehst du eine Rolle endlosen Papiers. Gleich werden wir das Papier in die Maschine ziehen und du wirst etwas klarer sehen.«

»Einziehen!« erscholl jetzt ein scharfes Kommando, und John Workmann sah, wie zwei Männer von der riesenhaften Papiertrommel, die an einem Ende der Maschine auf einer Achse leicht drehbar gelagert war, das Papier abrollten und in die Maschine brachten.

Erst wurde es zwischen zwei kleinen Walzen hindurchgeführt. Dann unter dem einen gewaltigen Zylinder mit den Stereotypplatten hindurch, wobei eine zweite große Walze es von unten her fest dagegendrückte. Dann wieder durch mehrere Walzenpaare hindurch und dann über den zweiten großen Stereotypzylinder hinweg, so daß jetzt die andere Seite des Papiers mit den Buchstaben in Berührung kam. Und dann wieder durch Walzen, und schließlich traten die Männer aus der Maschine.

»Farbwalzen anlegen!« hieß ein neues Kommando.

Hebel wurden umgelegt und an acht Stellen senkten sich gegen jeden der großen Druckzylinder die Farbwalzen, die während des Druckes fortwährend neue Farbe über die Buchstaben verteilen sollten.

Einen Augenblick herrschte Stille an der Maschine. Der Oberfaktor warf einen Blick auf die Uhr. »4 Uhr 30«, murmelte er. »Die erste Mammutpresse des ›New York Herald‹ geht mit der Abendausgabe in Druck.«

»Langsam anfahren!« kommandierte der Maschinenmeister von neuem. Ein Hebel an der elektrischen Schalttafel wurde eingelegt, der Griff eines elektrischen Anlaßwiderstandes fuhr schnarrend über blanke Knöpfe, und im selben Moment kam Leben in die Glieder der großen Rotationspresse.

Tausend Gelenke bewegten sich.

Langsam begannen die gewaltigen Druckzylinder, die vielen Farbwalzen und Führungsrollen zu rotieren. Langsam fuhr das Papier an einem Ende in die Maschine ein.

Am anderen Ende aber ging es wunderlich zu.

Große Messer schossen wie Henkersbeile auf das Papier los.

Stäbe faßten es.

Bald war ein Blatt über dem Tisch, bald unter ihm, und ganz zuletzt fielen komplette Zeitungen sauber gefalzt und auf beiden Seiten fix und fertig gedruckt heraus.

Jede Sekunde kam eine Zeitung und schon hatten die Korrektoren sich Exemplare gelangt und fast im Augenblick konstatiert, daß alles in Ordnung war, daß keine Seite auf dem Kopf stand und jede Stelle gut Farbe bekam.

»All right«, nickte der erste Korrektor dem Maschinenmeister zu.

»Go on!« gab der das Kommando an die Schalttafel weiter.

Beinahe im gleichen Moment wurde das Schnurren und Sausen stärker. Das Spiel der Maschinenteile ging in ein einziges Schimmern und Blitzen über und aus der Maschine quollen die fertigen Zeitungen in zusammenhängendem Strome und häuften sich in Minuten zu regelrechten Stapeln.

Atemlos stand John Workmann vor diesem sinnverwirrenden Schauspiel.

»Hallo!« rief plötzlich der Maschinenmeister, »steht da nicht John Workmann vom Broadway? Willst du auch einmal sehen, wie deine Ware gebacken wird? Du hast das beste Ende erwischt. Mit der Mammut des ›New York Herald‹ kommt keine andere Presse der Welt mit.«

»Es ist John Workmann«, sagte der Oberfaktor, »und das ist Mr. Gransea, der Maschinenmeister der Mammut. An den halte dich. Er kann dir mehr als ich erzählen und kennt jeden Winkel unseres Betriebes.«

»Ich will es tun, Mister Napp, aber jetzt heißt es, das frische Brot unter die Leute bringen. Meine Abendausgabe ist fällig.«

Und mit hochgeröteten Wangen verließ John Workmann an jenem ersten Tage den Betrieb des Zeitungsriesen.

*

Als John Workmann am nächsten Tage seine Mittagszeitungen verkauft hatte, ging er wieder zum Maschinenraum.

Wo gestern abend Leben und Bewegung geherrscht hatte, da war es jetzt beinahe still. In den Mammutmaschinen kletterten einige Schlosser herum und putzten und schmierten die eisernen Glieder des Ungeheuers. Daneben saß der Maschinist Mister Gransea und rauchte behaglich seine kurze Shagpfeife.

»Hallo, Jonny«, rief er den Knaben an. »Komm hierher und laß uns ein wenig plaudern. Jetzt habe ich eine Stunde Zeit.«

»All right, Mr. Gransea«, erwiderte John und setzte sich neben ihn. »Ich habe gehört, daß Sie in allen Betrieben Bescheid wissen.«

»Das stimmt, mein Junge«, schmunzelte der Maschinenmeister. »Ich bin, was sie hier eine ›all round Hand‹ nennen, ein Kerl, der überall herumgekommen ist und überall seine Hände drin gehabt hat.«

»Das hörte ich, und ich wundere mich, daß Sie es dann nicht weitergebracht haben, daß Sie nicht etwas Ähnliches wie Mr. Bennett geworden sind.«

Ein Schatten flog über Granseas Gesicht.

»Mein Junge, du denkst dir das leichter als es ist. Ich kann dir Geschichten erzählen, aus denen du ersiehst, daß es mit dem Millionärwerden nicht so ganz einfach ist, daß man dabei bisweilen ein weites Gewissen haben muß.«

»Aber das trifft doch nicht auf Mr. Bennett zu«, rief der Kleine.

»Von ihm kann ich es nicht sagen. Er oder richtiger sein Vater kam Schritt um Schritt zu seinem Reichtum, und sie haben ihn wohl ehrlich erworben. Aber wie es die Herren sonst machen, die schnell zu Reichtum kommen wollen, dafür kann ich dir tausend Geschichten erzählen. Höre nur.

Es sind jetzt ungefähr 25 Jahre her. Ich war ein blutjunger Kerl und eben aus meiner Heimat, dem Waldstaate Michigan, nach New York gekommen. Zusammen mit meinem Kumpan Bill Jefferson, der jetzt einer der reichsten Leute in Detroit ist.

Wir kannten unsere Heimat, waren in den riesigen Waldungen, die damals noch den Norden von Michigan bedeckten, zu Hause und wollten unser Wissen und unsere Erfahrung in New York als Waldläufer verwerten.«

»Aber wie ist denn das möglich?« unterbrach ihn John Workmann unwillig. »Denken Sie, Sie können mir Märchen erzählen? Was soll denn ein Waldläufer, ein Backwoodsmann, ein Hinterwäldler in New York?«

»Beruhige dich, Jonny«, fuhr Mr. Gransea lachend fort. »Die Sache ist schon so, wie ich sie erzähle. Damals verkaufte die Regierung das Recht, Holz zu schlagen, zu billigen Preisen. Es war ein Geschäft für die reichen New Yorker Kapitalisten, über viele hundert Quadratkilometer des Michiganlandes hin das Holzungsrecht zu erwerben.

Aber sie wollten die Katze nicht im Sack kaufen, denn weite Strecken von Michigan sind auch von Sümpfen, den Swamps, bedeckt.

So sollten wir Waldläufer hinausgehen und für die Kapitalisten in Karten sauber eintragen, wo guter, schlagfähiger Hochwald stand und wo Swamp war.

Ich reiste für Mister Bennett. Jefferson ging für eine andere Gruppe nach Michigan. Was meinst du nun, wie die Dinge sich weiter entwickelten?«

»Nun, Sie haben den Auftrag Ihrer Brotgeber ausgeführt und dafür einen guten Lohn geerntet.«

»Stimmt nur halb, Jonny. Bei mir trifft es zu. Ich habe so gehandelt und darum bin ich auch heute noch ein einfacher Maschinenmeister.

Aber Jefferson machte es anders. Der nahm zwei Karten mit. Auf der einen trug er überall, wo guter Wald stand, den auch richtig ein. Und wo Sumpf war, da schrieb er ihn getreulich hin.

Aber diese Karte war nicht für unsere Auftraggeber bestimmt. Für die machte er eine ganz andere zurecht!

Auf der stand Sumpf, wo der schönste schlagwürdige Wald sich erhob. Wo aber ein Sumpf war, in dem man höchstens Moskitos und Klapperschlangen fangen konnte, da schrieb Mr. Jefferson sein good forest (guter Wald) hinein.

Die Karte brachte er seinen Auftraggebern und die kauften für ein Riesenvermögen so ziemlich alle Sümpfe von Michigan. Jefferson aber, der smarte Jefferson, fand mit Leichtigkeit einen Partner, um die Schlaggerechtigkeit in den Sümpfen seiner Karte zu erwerben, die in Wirklichkeit die Stellen des besten Hochwaldes waren.

Jefferson hat an dem Geschäft weit über 100 000 Dollar verdient, während ich meinen Waldläuferlohn von 503 Dollar einstrich.«

»Aber das ist doch Betrug und Schwindel«, rief John Workmann empört. »Da hat Jefferson das Vertrauen seiner Auftraggeber ja in schlimmster Weise getäuscht!«

»Ja, Jonny, sehr moralisch ist die Geschichte gerade nicht, und eine Zeitlang interessierten sich auch die Gerichte für Jefferson. Aber der war nicht nur ›smart‹ genug, solch Geschäft zu machen. Er war auch so schlau, danach auf ein paar Jahre nach Kanada hinüberzuwechseln, bis Gras über die Geschichte gewachsen war.«

»Dann kann man also nur ein reicher Mann werden, wenn man die anderen beschwindelt?« fragte John Workmann und schüttelte nachdenklich das Haupt.

»Das kann ich dir nicht sagen, Jonny! Da mußt du andere nach fragen. Ich weiß nur, daß viele Leute durch solchen Schwindel reich geworden sind und daß ich selber niemals betrogen habe und heute noch ein armer Teufel bin.«

»Ich will mich weiter erkundigen, ich will erfahren, wie man auf ehrliche Weise Millionär wird«, murmelte John Workmann vor sich hin.

»Da mußt du woanders fragen, Jonny, vielleicht ist das ja auch möglich. Aber ich kann dir nur solche smarte Geschichten erzählen und dann allerlei aus dem Betrieb.«

»Ja, der Betrieb! Vom Betriebe will ich hören«, rief der Kleine.

»Der Betrieb Mr. Bennerts fängt sehr weit an, mein Junge. Die Bäume, die in Kanada wachsen, gehören schon dazu und die Kohlen, die man in Minneapolis aus der Tiefe holt, ebenfalls.«

»Wird denn mit Holz und Kohlen geheizt?«

»Nein, mein Junge, das Holz ist dazu viel zu teuer geworden. Die Zeiten, da man ganze Wälder niederbrannte, um Ackerboden zu gewinnen, die sind vorbei. Das Holz wird heut in Papier verwandelt.

Wenn du mit dem Zeitungspack über den Broadway gehst, so trägst du tatsächlich Holz unter dem Arm, das noch vor wenigen Wochen in Kanada im Walde stand.«

»Und wo wird das Papier gemacht?« unterbrach ihn der Knabe.

»Teils hier und teils dort, Jonny. Ich war auch mit draußen in den kanadischen Betrieben von Mr. Bennett. Da ziehen die Kolonnen in den Wald. Aber nicht mehr mit Säge und Handaxt.

Eine fahrbare Dampfmaschine nehmen sie mit, eine Lokomobile und weiter eine Dampfsäge. Die Säge wird an den Fuß des Stammes gebracht. Zischend tritt der Dampf in die Zylinder und blitzschnell fährt das scharfe Sägeblatt durch das Holz. In wenigen Minuten ist der gewaltige Stamm abgeschnitten und zu Boden geworfen.

Sofort stürzt sich die Dampfsäge weiter auf ihn und zerschneidet ihn in Stücke, die sich bequem in die Eisenbahn verladen lassen. Eine kleine Waldbahn, roh gelegt, bringt das Holz vom Holzfällerlager bis zur Hauptbahn, und die transportiert es zur Schleifmühle.

Das ist die Hölle auf Erden. Andere Sägen packen hier das Holz und schneiden es in fußstarke Scheiben. Maschinenmesser reißen Rinde und Bast herunter und dann legt man es in die Schleifmaschinen. Grobe Sandsteine drehen sich dort mit hexenmäßiger Eile und zerreißen das kernige Holz in feinste Fasern und Fäserchen.

Ein Wasserstrom durchspült die Masse und hinter dem Sandfänger finden wir das, was eben noch ein schöner Baum war, als eine trübe, faserige Brühe wieder.

Die fließt in ein Chlorbad und weiß gebleicht verläßt sie es, von neuem gewaschen, zerfasert, verrührt, um schließlich auf einem endlosen, aus Draht gewebten Bande zu landen. Da läuft das Wasser durch das Drahttuch ab und der Faserstoff gerät zwischen Walzen, wird gepreßt, erhitzt und wieder gepreßt, und zehn Meter weiter ist aus der Brühe ein weißes Druckpapier geworden, jenes Papier, das du gestern an der Mammutmaschine sahst. Das ist ein Teil von Mr. Bennetts Betrieb.«

»Well«, sagte der Kleine, »aber nun weiter.«

»All right, ich denke, wir gehen in den Setzmaschinensaal, da sind sie jetzt in bester Tätigkeit. Da kannst du sehen, Jonny, wie jene Bleitafeln gemacht werden, von denen wir gestern die Papierform abnahmen.«

Die beiden gingen aus dem Maschinensaal in einen anderen gewaltigen Raum. Da standen Maschinen, die John Workmann an die Musikautomaten der Gastwirtschaften auf dem Broadway erinnerten. Hohe, schrankartige Dinger, durch derer Glasscheiben man allerlei Hebel und blanke Teile sah.

Und dann auch wieder ein wenig an die Schreibmaschine! Denn vor jedem Schrank war eine Tastatur, ähnlich derjenigen der Schreibmaschine. Und vor jedem Schrank saß ein Mann und tippte auf diesen Tasten, als ob es um das Leben ginge.

»Hallo, Jimmy, was ist los?« fragte Mr. Gransea den Vormann der Setzer.

»Große Sache, Joe, Wahlrede des Präsidenten. Haben schon seit zwei Stunden direkten Draht aus Milwaukee. Der Präsident spricht so schnell wie zwei Setzmaschinen. Aber wir schaffen es zur ersten Abendausgabe.«

John Workmann trat hinter einen der Setzer. Er sah, wie der ein Telegramm von 500 Zeilen abtippte. Er sah, wie hinter dem Glas Messinglettern in unaufhörlichem Strome in Röhren von oben nach unten rieselten und wieder verschwanden.

Er hörte alle zehn Sekunden ein Glockenzeichen, vernahm dann ein leichtes Zischen und Brodeln und sah, wie noch brennend heiß eine blanke, eben frisch gegossene Bleizeile zur Seite aus der Maschine herausfiel.

»Es ist wohl die sinnreichste Maschine, die wir haben«, sagte Mr. Gransea. »Schlägt der Setzer z. B. den Hebel A an, so rutscht eine Messingtype hier hinter dem Glase nach unten. Alle diese Typen werden so, wie sie der Setzer angeschlagen hat, zu einer Zeile zusammengefaßt und automatisch, sowie das Klingelzeichen die neue Zeile anzeigt, von der Maschine zusammengefaßt und in Blei abgegossen. Das alles geschieht selbsttätig. Du hast gesehen, wie die einzelnen Zeilen fertig gegossen aus der Maschine kamen.

Aber dann kommt erst das Allerschönste. Mit einem Schlage befördert die Maschine die einzelnen Messingtypen nach Buchstaben gesondert wieder in den Vorratskasten zurück. Sie legt die Lettern vollkommen selbsttätig ab.«

In diesem Augenblick ging die Depesche des Setzers zu Ende und in demselben Moment kamen auch Boten mit neuem Manuskript.

»Das scheint der Schluß zu sein«, sagte der Setzer. Da schrillte das Telefon.

»Hab's mir gedacht«, sagte der Vormann und hängte den Apparat wieder an. »Sofort Extrablatt machen und bereits eine Stunde vor der Abendausgabe die Rede des Präsidenten bringen!«

»Also alle Mann an die Gewehre!« lachte Mr. Gransea. »Um meine Mammut habe ich keine Sorge, die wird das Rennen machen.«

Und beide gingen weiter und sahen, wie der Metteur aus den Bleizeilen das große Bleiblatt zusammenstellte, sahen ferner, wie wieder stereotypiert wurde, wie die Mammut zu arbeiten begann, und dann lief John Workmann über den Broadway und rief mit gellender Stimme:

»Das neueste Extrablatt des ›New York Herald‹, die Rede des Präsidenten, die neue Plattform der Republikaner!!«

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