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John Workmann der Zeitungsboy

Hans Dominik: John Workmann der Zeitungsboy - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann der Zeitungsboy
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid8be3f044
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22. Kapitel

An einem der heruntergelassenen Abteilfenster des nach New York aus dem Westen kommenden, einfahrenden Zuges stand John Workmann und blickte auf die Häusermassen, die Plätze und Straßen New Yorks, welche ihm so wohlbekannt waren und seine Heimat bedeuteten.

Da kam er nun zurück nach New York – nach seiner Heimat, welche er vor einem guten Jahr mit so kühnen Hoffnungen verlassen – hinaus nach dem Westen wandernd, erwartend, daß ihm dort der Reichtum wie auf einer gutgefüllten Schüssel gereicht würde.

Er hatte in der Fremde eingesehen, daß das nur Phantasiegebilde, die unklaren Gedanken eines Knaben seien.

Unwillkürlich mußte er an eine kleine Geschichte denken, die er vor einiger Zeit gelesen hatte.

Da waren zwei Einwanderer soeben in New York vom Schiff gekommen und gingen die Hauptstraße der Riesenstadt, den Broadway, hinauf.

Beides einfache Arbeiter, ihre alte Heimat verlassend, um hier in Amerika, dem sagenumwobenen Lande des Goldes, Reichtümer zu finden.

Der eine der beiden sieht plötzlich vor seinen Füßen einen Diamanten aufblitzen, der von irgend jemand verloren worden war.

Mit freudigem Ausruf will er sich bücken, um den kostbaren Stein aufzunehmen, da hält ihn sein Genosse zurück und sagt:

»Mach doch nicht solchen Unsinn, Claas. Warum willst du dich nach dem Stein bücken. Ein paar Meilen weiter ins Land hinein liegen die Goldblöcke auf der Straße und du kannst damit Wagen volladen.«

Und er ließ den Diamanten liegen, wanderte dem Trugbild der auf der Straße liegenden Goldblöcke nach und war sicher irgendwo im fernen Westen in einem Elendviertel mit seinem Goldtraum begraben worden.

An diese Geschichte dachte John Workmann.

War er nicht auch solch ein unsinniger Phantast? –

War nicht auch ihm ein Diamant in der Stadt geboten worden? – Arbeit und Existenz, Brot und Fortkommen? – Und er hatte es verächtlich behandelt, hatte es nicht wert gehalten und war fortgewandert.

Aber dann überdachte er alle die Erfahrungen und Eindrücke des verflossenen Jahres, und der junge Knabe, der eben erst Sechzehnjährige, spürte es deutlich, daß er sein letztes Jahr doch nicht verloren habe, ja, daß er es um keinen Preis in seinem Leben missen möge. Er war in diesem Jahre um vieles männlicher und reifer geworden. Nur nebensächlich schien es ihm, daß auch der Ertrag seiner Arbeit in diesem Jahre ein guter gewesen war. Wohl erfüllte ihn der Umstand, daß er mit mehr als dreitausend Dollar in der Tasche zurückkehrte, mit einer stillen Befriedigung. Aber wichtiger erschien ihm doch, was er in diesem Jahre gelernt hatte. Wenn ihn heute jemand fragte, was er könne, so brauchte er nicht mehr schweigend zu erröten. Sicher und selbstbewußt konnte er heute zur Antwort geben: Jede Maschine kann ich bedienen.

Nun fuhr der Zug in die Zentralstation ein. – Überall wurden die Reisenden von Erwartenden freudig begrüßt, und vielleicht war John Workmann der einzige, welcher, ohne freundschaftliche oder liebe Augen zu sehen, allein durch die Menschenmenge ging, sein kleines Gepäck selbst in der Hand tragend.

Als einige Zeitungsjungen mit ihrem gewohnten gellenden Ruf, der wie ein Alarmschuß wirkte, mit den neuesten Zeitungen auf ihn losstürzten, wich er ihnen scheu aus. Er hatte Furcht, daß er von ihnen erkannt werden könnte.

Mit flüchtigem Blick sah er auch, daß einige unter den Jungen Mitglieder des von ihm gegründeten Klubs der Zeitungsjungen waren. Aber sie hätten ihn nicht erkannt, darüber konnte er unbesorgt sein.

In der stärkenden Landluft und bei reichlicher Nahrung hatte sich seine schmalbrüstige Gestalt gebreitet, und er war wohl auch um einen halben Kopf größer geworden. Auch seine blasse Gesichtsfarbe war tief gebräunt und der weiche Ansatz eines Bartes machte sich auf der Oberlippe bemerkbar. Das war nicht mehr der Knabe John Workmann, sondern der Jüngling.

Die Kinderschuhe harte er ein für allemal ausgezogen.

Und dann, was er selbst gar nicht beobachtet hatte, seine Stimme war kräftig und rauh wie die eines Mannes geworden.

Langsam ging er mit etwas müden Schritten, infolge der langen Eisenbahnfahrt, die Fifth Avenue hinunter, um zum Gebäude des »New York Herald« zu gelangen.

Es war vier Uhr nachmittags. Ein wunderschöner Spätsommertag, welchen die Reichen der Stadt dazu benutzen, um mit ihren prächtigen Wagen, Autos und zu Pferde den Zentralpark aufzusuchen und dort den Korso mitzumachen.

Mit brennenden Augen sah John Workmann auf die reichen Leute, welche anscheinend nur des Genusses wegen lebten und keine andere Sorge kannten als die, mit vielem Vergnügen ihre Zeit auszufüllen.

Besonders die Frauen, welche nachlässig in die seidenen Kissen der Wagen zurückgelehnt dasaßen, überboten sich gegenseitig mit ihren prächtigen Toiletten und Edelsteinen, und elegante Männer saßen zu ihren Seiten oder ritten zu Pferde neben den Wagen, scharfgeschnittene Typen, vielfach Abkömmlinge der vor mehreren hundert Jahren eingewanderten Geschlechter spanischen oder englischen Ursprungs.

Die Millionen, welche ihre Väter in dem reichen Lande schaffen konnten, gaben ihnen das Recht, sich die oberen Vierhundert zu nennen und sorglos in den Tag hinein zu leben, aber nur dem äußeren Anschein nach. In Wirklichkeit arbeiteten die meisten dieser Männer hart und energisch, um die Vermögen ihrer Väter zu erhalten und um den Luxus, den sie für sich und ihre Frauen aufwandten, bestreiten zu können.

Das hatte sich John Workmann, wenn er seine Zeitungen im Zentralpark um die nachmittäglichen Stunden verkaufte, auch immer geträumt.

In solchen Wagen wollte er auch spazierenfahren oder auf einem solch prächtigen Pferde reiten. Dann wünschte er sich ein ebenso prächtiges Haus, wie sie zu Dutzenden zur Seite der Fifth Avenue am Zentralpark standen.

Die gellenden Rufe der Zeitungsjungen riefen John Workmann aus seinen Träumen in die Wirklichkeit zurück.

»The swamp of Chicago!« »Die Mißstände in der Packerei von Armour and Company!« »Ungeheuerliche Schmutzereien bei der Fleischfabrikation!« »Neueste Enthüllungen über die Volksvergifter in Chikago!« so gellte es ihm von allen Seiten in die Ohren, und neugierig kaufte er sich eine Zeitung.

John Workmann überflog die Zeitung und die Röte der Entrüstung stieg ihm in die Wangen. Gewiß hatte er erkannt, daß in dem großen Betriebe von Armour and Company manches nicht so war, wie es sein sollte. Aber das hier war maßlos übertrieben, war geeignet, eine große, blühende Industrie des Landes in der ganzen Welt bloßzustellen. Er sprang auf den nächsten Straßenbahnwagen und fuhr, wie er da war, sein Reisebündel immer noch in der Hand, zum Gebäude des »New York Herald«. Wenige Minuten später stand er im Zimmer des Sekretärs George B. Taylor, der ihn erst nach schärferem Zusehen wiedererkannte.

»Hallo, Mr. Workmann, groß und stark und braun geworden. Ich hörte, Sie seien im Westen.«

»Ich komme eben daher. Direkt vom Zentraldepot. Ich muß Mr. Bennett unbedingt sprechen.«

Der Sekretär zuckte zusammen. »Mr. Bennett ... ich will es versuchen ... vielleicht ist er zu sprechen.«

»Er muß zu sprechen sein. Nach dem, was eben in seiner Zeitung steht, muß er für mich zu sprechen sein. Das ist seine Pflicht.«

Geräuschlos hatte sich während dieser letzten Worte die Tür zum Nebenraum geöffnet. Von John Workmann und dem Sekretär ungesehen, stand Mr. Bennett auf der Schwelle und betrachtete ruhig und forschend die erregten Züge John Workmanns.

»Was steht in meiner Zeitung und warum ist es meine Pflicht, Sie zu empfangen?«

John Workmann drehte sich um und stand dem Gewaltigen Angesicht zu Angesicht gegenüber. Einen Moment schlug ihm das Herz bis in den Hals hinauf. Dann faßte er sich und sagte mit fester Stimme:

»Mister Bennett, ich komme direkt aus den Betrieben von Armour and Company. Ich habe diese Betriebe ebenso sorgfältig studiert wie Ihren Zeitungsbetrieb. Hier finde ich diese Anschuldigungen ...« Er wies auf die vor ihm liegende Nummer des Herald.

»... Nach Ehre und Gewissen behaupte ich, diese Angriffe und Anschuldigungen sind zum größten Teil Lügen.«

Mr. Bennett überlegte einen kurzen Moment.

»Sie behaupten, Sie hätten den Betrieb wie meinen studiert. Wie ist das möglich gewesen?«

John Workmann zog seine Papiere heraus und überreichte Mr. Bennett die Karte, die der alte Armour ihm gegeben hatte.

»Sir, der Text dieser Karte wurde von Mr. Amour nach dieser Vorlage geschrieben.«

Er legte die Karte, die ihm einst Mr. Bennett selbst vor drei Jahren ausgefüllt hatte, daneben. Der Zeitungsriese nahm die beiden Blätter und verglich die Texte Wort für Wort. Dann ging ein kurzes Lächeln über seine ehernen Züge.

»All right, Mr. Workmann. Ich sehe, Sie haben Ihre Zeit nicht verloren. Soviel ich weiß, sind Sie mit unserm Redakteur, Mr. Berns, befreundet ... Gehen Sie sofort an die Arbeit und legen Sie Ihre Erfahrungen schriftlich nieder. Mr. Berns soll Ihnen behilflich sein, soll ihren Arbeiten die richtige Fassung geben und die nötigen head lights aufsetzen. Fangen Sie sofort an. In einer Stunde muß Ihr erster Artikel auf der Straße sein.« Ohne ein Wort der Erwiderung abzuwarten, war Mr. Bennett in sein Zimmer zurückgegangen.

Das Telefon arbeitete ... die Befehle des Zeitungsriesen gingen an alle Stellen des großen Betriebes, und fünf Minuten später saß John Workmann im Zimmer von Mr. Berns und schrieb Bogen um Bogen. Jeder Bogen wanderte sofort in die Hände von Mr. Berns, wurde zerschnitten, auf große weiße Blätter geklebt und an den Schnittstellen durch riesige Oberschriften, die head lights der amerikanischen Zeitungen, unterbrochen. Und jeder so bearbeitete Bogen glitt durch die Rohre der pneumatischen Hauspost mit Pfeilgeschwindigkeit in die Setzerei.

Zwei Stunden waren über dieser Tätigkeit verflossen. Dann verließ John Workmann den Palast des Zeitungsriesen und trat wieder auf die schon im Dämmerlicht liegende Straße. Heftiger denn je tobte hier der Lärm der Zeitungsjungen. Gellend schrien sie die Überschriften in das Publikum, die Mr. Berns vor einer knappen halben Stunde geschrieben hatte.

»Authentische Informationen über die Betriebe von Armour and Company.« »Unser Spezialberichterstatter John Workmann.« »Unerkannt im Betriebe von Armour and Company.« »Seine Erfahrungen in der Packerei.« »Dreißig Schweine in der Minute.« »Tausend Rinder am Tag.« John Workmann schritt weiter.

Er achtete gar nicht darauf, daß er unwillkürlich mitten auf den Haufen der wartenden Zeitungsjungen vor dem Gebäude des »New York Herald« zuging.

Und plötzlich – ein Jubelschrei! – » John Workmann! John Workmann!« – und dann verstärkt von Dutzenden von frischen Knabenkehlen. – Wie eine Horde Wilder umzingelten und umsprangen sie John Workmann, streckten ihm Dutzende von Händen entgegen, umschlossen ihn wie mit einem festen Keil, und wohin er auch blickte, sah er leuchtende, freudige Jungenaugen.

Die Zeitungsjungen hatten ihren jungen Präsidenten wieder.

Keiner von all den Jungen achtete jetzt noch darauf, daß neue Ausgaben zum Versand fertig waren – was galt ihnen heute der Zeitungsverkauf. Wie im Triumph führten sie John Workmann den Broadway hinab, immer mehr Jungen schlossen sich ihnen an, immer wieder jubelten sie: »John Workmann! – John Workmann!« und führten ihn mit diesen Jubelrufen die Straßen hinab zum Klub der Zeitungsjungen.

Einige von ihnen waren vorausgeeilt wie flinke Wiesel, schneller, als die elektrischen Bahnen fuhren, und hatten die Kunde zur Mutter John Workmanns gebracht.

Alles stand noch festlich vom Sonntag hergerichtet da. Im ganzen Hause wehte feiner Kuchenduft und es war, als ob es auf Weihnachten ginge.

Dann führten die Jungen John Workmann zur Türe des Hauses hinein.

Die Treppe herab kam seine Mutter mit ausgebreiteten Armen, Henry Colbert führte sie, da sie vor Freude zitterte.

Dann aber stürzte John Workmann mit dem lauten Ausruf: »Liebe Mutter!« ihr entgegen, umarmte sie und während alle Jungen in heiligem Schweigen umherstanden, fanden sich Mutter und Sohn wieder zusammen.

Ein Jubeln begann jetzt und eine späte abendliche Feier, so freudig und so glücklich, wie sie das kleine Haus seit John Workmanns Fortgang nicht wieder gesehen.

In dem großen Versammlungssaal des Klubs hatten sie sich an den weißgedeckten Tischen niedergelassen. Bier wurde gereicht, und John Workmann mußte den Ehrensitz an der Tafel einnehmen. Dann hob Henry Colbert, der jetzige Präsident des Klubs, zur Begrüßung das Glas und sagte:

»Die Zeitungsjungen New Yorks grüßen den ehemaligen Zeitungsjungen John Workmann, den heutigen jungen Zeitungs-General. Three cheers für General Workmann!«

Die Hochs, in welche die Jungens ausbrachen, machten die Fensterscheiben klirren, und manch einer von ihnen trank heute in seiner Freude so viel, daß er mit schwerem Kopf zu Bett ging.

Und endlich, spät abends erst, als sich der Jubel der Jungen gelegt, vermochte John Workmann zu seiner Mutter zu gehen und dort mit ihr die Freude des Wiedersehens zu feiern.

»Wie groß du geworden bist«, sagte die Mutter und streichelte immer wieder seinen Arm und sein Haar.

»Wie ein Mann sprichst du schon«, sagte wieder die alte Frau, »und dein Gesicht ist ernster geworden.«

»Seit wann bist du in New York, John«, fragte die Mutter, und John Workmann wußte gar nicht so schnell auf alle die Fragen die Antwort zu geben.

Endlich wurde es ihm doch zuviel.

Glücklich auflachend setzte er sich an den festlich gedeckten Tisch und sagte:

»Ich sehe, ihr habt da den famosen Napfkuchen, den es sonst immer nur zu Weihnachten gab. Tut mir den Gefallen und fragt mich nicht mehr soviel, sondern schneidet mir ein ordentliches Stück davon ab.«

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