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John Workmann der Zeitungsboy

Hans Dominik: John Workmann der Zeitungsboy - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann der Zeitungsboy
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid8be3f044
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18. Kapitel

Der Frühling war wieder im Lande. In zwei knappen Wochen hatte die weite Prärie ein neues Gewand angezogen. Wo bis dahin vertrocknete und erfrorene Halme die unermeßliche Fläche mit einem düsteren, graubraunen Filz überdeckt hatten, da sproßte es jetzt hellgrün und saftig in Millionen von jungen Halmen. Ein warmer Frühlingsregen hatte die schlummernde Prärie zu neuem Leben erweckt, und bunte Blumen in allen Farben des Regenbogens sprenkelten den frischen, saftgrünen Teppich.

Aber Mr. Hamley, der Besitzer von Manituba Farm, betrachtete die Dinge nicht mit dem Auge des schwärmenden Dichters, sondern mit dem des nüchternen Landwirtes.

»Es ist Zeit, Clarke«, sagte er eines Tages, »unsere Frühjahrslieferung nach Chikago zu bringen, 600 Rinder! Ich denke, zwölf Boys werden genügen, um die Herde nach Springshill zu treiben.« Mr. Clarke nickte zustimmend; mit einem kurzen »all right, Sir« war für ihn die Sache erledigt. Aber sie war es nicht für John Workmann, der gerade im Nebenzimmer stand und das Gespräch durch die offene Tür mit anhörte. John Workmann war gekommen, um seinen Abschied von der Farm zu nehmen. Er kannte jetzt jede Maschine und jeden Betrieb hier ganz genau. Aber er fühlte von Tag zu Tag deutlicher, daß es hier nichts mehr für ihn zu lernen gab.

Mr. Clarke schaute von seinen Büchern und Rechnungen auf.

»Ah, Sie sind es, Mr. Workmann, wollen weg von uns. Tut mir leid, sind ein tüchtiger Engine-Driver geworden. Könnten noch viele Dollars bei uns verdienen.«

»Das stimmt wohl, Mr. Clarke, aber ich kann bei Ihnen jetzt nichts mehr lernen, und darum will ich weiter.«

»All right, Mr. Workmann. Zu wann wünschen Sie Ihre Abrechnung?«

»Ich wollte eigentlich morgen fort. Aber jetzt komme ich Ihnen mit einer besonderen Bitte.«

»Und die wäre?«

»Ich möchte mich dem Viehtransport anschließen, den Sie nach Chikago schicken.«

Mr. Clarke schaute interessiert von seinen Büchern auf.

»Viel verlangt, junger Mann. Als cattleman für den Bahntransport könnte ich Sie wohl gebrauchen. Aber die 150 Meilen durch die Prärie, da brauche ich Cowboys, Burschen, die mit ihren Pferden verwachsen sind und mit dem Vieh Bescheid wissen.«

John Workmann trat einen Schritt näher. »Versuchen Sie es mit mir, Mr. Clarke. Ich glaube, Sie werden den Versuch nicht bereuen.«

Wohl eine Minute überlegte Mr. Clarke. Dann kam seine Antwort.

»Well, Mr. Workmann, Sie gefallen mir. Sie mögen den Transport von hier bis Chikago im Dienst der Farm begleiten, aber auf Ihre eigene Gefahr. Passiert Ihnen etwas, so haben Sie das Risiko auf Ihre eigene Kappe zu nehmen. Gehen Sie jetzt sofort zu Jay Williams. Es hat keinen Zweck, daß ich Ihnen etwas Schriftliches mitgebe, denn lesen kann er nicht. Aber desto besser reiten. Sagen Sie ihm, daß Sie den Transport begleiten sollen und daß er Ihnen ein gutes Pferd gibt. Morgen nachmittag holen Sie hier Ihre Abrechnung. Übermorgen früh geht der Transport auf die Reise.«

Zwei Stunden später stand John Workmann vor Jay Williams. Jay Williams, ein hochgewachsener Vierziger, war der chief der Cowboys auf der Farm. Er hatte seine Boys ausgeschickt, die einzelnen Tiere des Transports zusammenzutreiben, und war dabei, ein einfaches, aber kräftiges Mahl zu sich zu nehmen.

»Sie wollen uns begleiten, Master Workmann? All right. Habe Sie gelegentlich bei der Maschine gesehen. Scheinen Ihre Arbeit doch zu verstehen. Ist mir aber zweifelhaft, ob Sie länger als eine Minute auf einem Pferderücken aushalten werden.«

»Ich komme zu Ihnen, um es zu versuchen.«

Mr. Williams war kein Freund von langen Verhandlungen. Er pfiff, und auf den Pfiff kam ein Gaul angetrabt. Ein Tier, das man in Deutschland seiner Farbe nach als Fuchs bezeichnet haben würde. Mittelgroß, leicht und sehnig. Das Tier, welches den Sattel der Cowboys mit den beiden hohen Höckern vorn und hinten trug, war vollkommen aufgezäumt. Die taschenförmigen Steigbügel waren über den Sattel geschlagen. Das Zaumzeug bestand nur aus einer Kandare, deren Zügel an dem vorderen Sattelknopf hingen. Dicht bei Jay Williams blieb der Wallach stehen. »Well, Mr. Workmann, versuchen Sie Ihr Heil. Es ist Ihre Sache, ob Sie oben bleiben oder runterfallen.«

John Workmann hatte noch nie in seinem Leben auf einem Pferderücken gesessen. Aber er hatte die Reiter und das Reiten häufig beobachtet, und er war jung, gewandt und leicht. Ruhig trat er an das Tier heran, streichelte ihm die Nüstern, sprach mit ihm und schlug die Bügel herunter. Und dann, es mochte im ganzen eine halbe Sekunde gedauert haben, saß er im Sattel, hatte die Zügel und lenkte das Pferd, welches in wilden Sprüngen mit ihm durch die Prärie galoppierte. Er spürte, wie ihm die Beinkleider allmählich zu den Knien heraufrutschten, und hatte den bestimmten Eindruck, daß ein galoppierendes Pferd eine recht unruhige Sache ist. Aber dann kam ihm die Überlegung zurück. Fiel er etwa von dem Pferd, dann war es mit dem Plan, den Transport zu begleiten, ein für allemal vorbei. Er mußte unbedingt oben bleiben, mußte auf diesem rüttelnden und springenden Untergrund heimisch werden, mußte ihn schließlich mit Hilfe der Zügel lenken lernen und mit leidlich guter Figur zu Jay Williams zurückkehren.

Jay Williams stopfte sich inzwischen mit großer Gemütsruhe seine kurze Holzpfeife. Sein Urteil über John Workmann war bereits gefällt. Nach der Meinung dieses alten Cowboys war Reiten keine Kunst, die man durch Unterricht erlernen konnte, sondern eine von Gott geschenkte Begabung. Entweder man konnte reiten, sobald man das erstemal auf einen Pferderücken kam, oder man lernte es in seinem ganzen Leben nicht. John Workmann, das sah er nach einer Minute, gehörte zu der ersten Kategorie. Ein paar kurze Unterweisungen würde er noch nötig haben, betreffend die Haltung der Unterschenkel, damit er das Tier nicht unnötig kitzelte, wenn man ihm Sporen an die Stiefel schnallte. Auch betreffend die Zügelführung eine kleine Nachhilfe, aber im großen und ganzen würde es gehen. Und er rauchte behaglich seine Pfeife, bis nach einer Stunde John Workmann wieder angetrabt kam.

»All right, Sir, Sie können das Tier für die Reise behalten, übermorgen früh bei Sonnenaufgang geht es los. Sehen Sie die fence da drüben. In den Drahtzaun treiben wir heut und morgen die Herde. Seien Sie übermorgen eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang hier.«

Am Nachmittag des nächsten Tages stand John Workmann wieder vor Mr. Clarke. Die Abrechnung war kurz und für John Workmann erfreulich.

»Sie haben auf der Farm 586 Dollar und 15 Cent verdient. Auf die Ergreifung von Bill Smith war eine Prämie von 2000 Dollar ausgesetzt, die zu gleichen Teilen auf Mr. Harryson und Sie entfällt. Macht 1000 Dollar für Ihren Part. Für das wiedererlangte Raubgut steht Ihnen ein gesetzlicher Anspruch von 10 Prozent des Wertes zu, der auch zu gleichen Teilen an Sie und Mr. Harryson geht. Macht nochmals 1000 Dollar für Sie. Außerdem ist vom ›Herald‹ für Sie ein Honorar von 50 Dollar eingegangen. Hier ist ein Scheck auf die First-National-Saving-Bank von Chikago über den Betrag von 2636 Dollar und 15 Cent.«

Das war mehr, als John Workmann in seinen kühnsten Träumen erwartet hatte. Er schob den Scheck verwirrt in die Hosentasche.

»Wollen Sie bitte quittieren«, sagte Mr. Clarke geschäftsmäßig. »Ich danke.« Er nahm die vollzogene Quittung wieder an sich.

»Wenn ich Ihnen noch einen Rat geben kann, Mr. Workmann, so stecken Sie Ihren Scheck etwas sorgfältiger weg. Es ist bares Geld und kein beliebiges Stück Papier. Wenn Sie ihn verlieren, gehört er dem, der ihn findet.«

John Workmann errötete, zog die Brieftasche von Charly Beckers hervor, die er wie einen Talisman stets bei sich trug, und barg den Scheck sorgfältig in ihr. Ein kurzer Händedruck, und er war entlassen. Die Episode auf der Manituba Farm war zu Ende. Morgen ging es nach Chikago.

Es waren 150 Meilen von Manituba Farm nach Springshill, und Jay Williams wollte die Sache in einer Woche machen. Das bedeutete gut 21 Meilen oder 35 Kilometer am Tage. So weit konnten die halbwilden Rinder wohl täglich laufen, ohne merklich an Fleisch zu verlieren. Dabei blieb ihnen noch reichlich Zeit zum Weiden, Ruhen und Wiederkäuen. John Workmann war pünktlich mit seinem Ränzel an der Drahtumzäunung gewesen, in welcher die Herde vollzählig lagerte, und Jay Williams hatte ihm mancherlei an seiner Kleidung geändert, über seine eigenen Beinkleider, die an den Stiefeln mit kräftigem Bindfaden fest zusammengebunden wurden, mußte er ein Paar Buxen von besonderer Art anziehen. Beinkleider aus kräftiger Leinwand, die an der Außenseite der Schenkel mit starkem, langhaarigem Schaffell besetzt waren. Durch diesen Besatz, der von der unteren Kante bis zur Hüfte reichte, wurde der Unterteil von John Workmann mit einem Schlage auf den doppelten Umfang seines Oberkörpers gebracht. Weiter mußte er ein Paar Sporen von ungeheuerlichen Abmessungen anschnallen, und schließlich verschwand sein sauberer Kragen in seinem Reisebündel. Dafür knüpfte ihm Jay Williams ein rotes Halstuch um und gab ihm eine Peitsche von beträchtlichem Gewicht mit langer Lederschnur in die Hand.

Eine halbe Stunde später war die Karawane auf dem Marsch. Jay Williams hatte die Spitze und hielt John Workmann neben sich. Zehn Cowboys umschwärmten die gewaltige Herde, hielten sie zusammen und trieben sie in gleichmäßigem Tempo vorwärts. Bis jetzt war die Sache jedenfalls nicht aufregend. Hier und da mußte ein Tier, welches zu weiden begann, durch Peitschenhiebe wieder in Bewegung gesetzt werden. Hin und wieder mußten Nachzügler in der gleichen Weise angetrieben werden. Nach der Uhr führten Jay Williams und seine Leute die Herde ungefähr acht Stunden lang vorwärts und lagerten sich dann bis zum kommenden Morgen. So ging es diesen ersten Tag, und so ging es die folgenden vier Tage. Je länger, desto mehr kam John Workmann zu der Überzeugung, daß die Landwirtschaft und alles, was damit zusammenhing, eine wenig aufreibende Sache sei.

Heiß, beinahe drückend schwül war der fünfte Tag der Reise zu Ende gegangen, und nur noch zwei Tagemärsche trennten die Herde von Springshill. Die Nacht brach heran, eine Mondscheinnacht. Aber dichte Wolken bedeckten den Himmel und zogen immer schwärzer und schwerer herauf. John Workmann lag am halb erloschenen Lagerfeuer. In eine Wolldecke gewickelt, war er sofort in den tiefen, traumlosen Schlaf gesunder Jugend gefallen. Er wurde munter, als Jay Williams ihn kräftig rüttelte.

»What's the matter, boss?«

»Get up, boy, es ist Unruhe in der Luft. Wir müssen wachen.«

John Workmann ermunterte sich vollends. Er sprang auf und schlug die Arme ein paarmal ineinander, um das Blut in Umlauf zu bringen. Da spürte auch er, daß nicht alles so war, wie es sein sollte. Ein schwüler Wind strich stoßweise über die Prärie, daß die Gräser im unsicheren Lichte der Nacht wie die Wellen der See auf und nieder wogten. Die angepflockten Pferde liefen im Kreise herum, soweit ihnen das fesselnde Lasso die Freiheit gewährte, sogen schnobernd die Luft ein und wieherten bisweilen ängstlich. Die Rinder, die sonst zu dieser Zeit ruhig weideten oder wiederkäuend im Grase lagen, standen dicht gedrängt, dumpf brüllend beieinander.

Jay Williams blickte nach allen Seiten und ging auf seinen Gaul zu.

»Zu Pferde, Boys!« Gellend ertönte sein Befehl über die Prärie und wurde allseitig vollzogen. Auch John Workmann saß im nächsten Moment im Sattel seines Fuchswallachs »Billy« und hielt sich dicht an der Seite von Jay Williams.

Sie waren keine Sekunde zu früh in den Sattel gestiegen. Denn nun brach das Frühlingsgewitter mit majestätischer Stärke und Schönheit los. An einem halben Dutzend von Stellen gleichzeitig schien der Himmel zu bersten und flüssiges Feuer zu speien. Zuckend fuhren die Blitze hernieder, und grollender Donner erfüllte die Luft. Von drei Seiten zog das Unwetter herauf. Immer kürzer wurden die Pausen zwischen Blitz und Donner, immer gewaltiger die Schläge, immer unruhiger die Tiere.

Jetzt wieder ein greller Blitz und gleichzeitig ein betäubender Donner. Schweflig gelb flammte es dicht vor den Cowboys auf. Der Blitz hatte in die Herde geschlagen, wohl ein Dutzend Tiere betäubt und getötet. Und nun brach das Unheil los, welches Jay Williams bang befürchtet hatte. In sinnloser Furcht tobten ein Dutzend der stärksten Rinder davon, und die ganze Herde schloß sich ihnen an. Diese scheinbar so trägen Rinder, die den ganzen langen Weg nur im Schritt gegangen waren, stürmten in vollem Galopp dahin, daß der Boden unter mehr als zweitausend Hufen dröhnte und die Pferde der Cowboys Mühe hatten, ihnen zu folgen.

Eine Stampede war ausgebrochen. Sinnlos vor Furcht, unlenkbar und vorläufig unbeeinflußbar stürmte die Herde geradlinig in die tobende Gewitternacht hinein. Ein Peitschenhieb traf irgendwoher das Pferd John Workmanns. Wild bäumte es sich auf, und er hatte alle Mühe, im Sattel zu bleiben. Dann stürmte der Gaul in die Nacht hinein. Als John Workmann wieder einigermaßen zu sich selber kam, erkannte er beim Scheine der immer noch niedergehenden Blitze, daß er Seite an Seite mit Jay Williams dahinjagte und daß die Mehrzahl der Cowboys sie in dichtem Schwarme umgaben. Dies Rudel von einem knappen Dutzend Pferden war aber wiederum dicht von der Spitze der ausbrechenden Rinderherde umgeben und flankiert. Blitzartig erkannte John Workmann die Gefahr. Wurde ein Reiter abgeworfen, so drohte ihm das Schicksal, zerstampft zu werden. Nur auf dem Sattel der sicher galoppierenden Pferde war Rettung. Und das Gelände war nicht eben das beste. Der Boden der Prärie wies Maulwurfhügel und Bauten von allerlei kleinem Getier auf, die unter Umständen einem Reiter verhängnisvoll werden konnten.

Wohl eine halbe Stunde brauste die wilde Jagd so über die Prärie. Da spürte John Workmann, wie Jay Williams ihn nach rechts abzudrängen begann. Der erste Ansturm der Stampede war gebrochen. Wohl galoppierte die Herde noch weiter, aber das Tempo des rasenden Galopps verlangsamte sich, und es wurde möglich, die Herde wieder zu führen. Die vordersten Rinder folgten den Pferden, und die ganze Herde folgte natürlich den vordersten Rindern. Während der Galopp allmählich mehr und mehr abebbte, führte Jay Williams seine Herde in großem Bogen wieder zu dem Bahngeleise zurück, von welchem sie im Schrecken des Gewitters links fort in die Prärie hinausgestürmt war. Zwei Stunden vergingen darüber. Dann harten die Cowboys die Herde wieder in voller Gewalt. Sie umschwärmten sie von allen Seiten, bearbeiteten sie mit den langen Peitschen und brachten sie schließlich beinahe an der alten Stelle neben der Bahn wieder zum Stehen. Und dies Stehen währte nicht lange. Nachdem die sinnlose Angst von den Tieren gewichen war, spürten sie die volle Erschöpfung der wilden Jagd. Massig und schwerfällig, mit keuchenden Flanken und hängender Zunge ließ sich eines der Tiere nach dem anderen nieder, wo es gerade stand. Das Gewitter war inzwischen in einen kurzen, wolkenbruchartigen Regen übergegangen. Jetzt nahm auch der ein Ende. Die Wolken verzogen sich, und heller Mondschein bestrahlte die weite Fläche.

Jay Williams überschaute das Ganze mit prüfendem Blick. Dann blieb sein Auge auf John Workmann haften.

»All right, Mr. Workmann, Sie sind ein fixer Kerl. Sind die letzten drei Stunden verdammt dicht an der ewigen Seligkeit vorbeigeritten. Well, Reiten ist keine Kunst, sondern eine Gabe.«

Jay Williams rief ein paar Cowboys und gab ihnen den Auftrag, die auf dem alten Lagerplatz zurückgelassenen Decken, Zelte und Proviantvorräte heranzuholen.

»Ein glattes Stück Arbeit«, wandte er sich wieder an John Workmann. »Abgesehen von den paar durch den Blitz getöteten Tieren haben wir die Herde vollzählig beisammen. Ich habe Stampedes erlebt, bei denen das Viehzeug nach allen vier Seiten auseinanderstob und nicht der fünfte Teil gerettet werden konnte.

»Ich sah, Mr. Williams, daß Sie sich sofort an die Spitze der Herde setzten. Wir galoppierten direkt vor den Hörnern und Hufen der tollen Rinder. Warum taten Sie das?«

»Weil es die einzige Möglichkeit ist, die wilde Herde so allmählich wieder in die Gewalt zu bekommen. Wenn man das will, my boy, dann darf man die Gefahr nicht scheuen. Das haben sogar unsere Politiker begriffen. Da gibt es in den großen Wahlversammlungen nämlich manchmal auch solche Stampedes. Plötzlich brechen die Wähler, welche bis dahin ganz folgsam waren, in Massen aus und laufen ihren eigenen Weg. Da bleibt den Führern dann nichts anderes übrig, als sich sofort schnell entschlossen an die Spitze der neuen Richtung zu stellen. Sonst sind sie ihre Gefolgschaft ein für allemal los. Gehen sie aber bei der Stampede voran, so können sie das Volk nachher wieder leiten, wohin sie wollen.«

John Workmann vernahm diese Ausführungen erstaunt. Er hatte noch nicht viel über das amerikanische Parteileben nachgedacht. Er wußte nur, daß zu den Zeiten der Präsidentenwahlen fieberhafte Aufregung herrschte, daß die Zeitungen dicker als gewöhnlich waren und öfter als sonst erschienen. Hier hörte er zum ersten Male, daß die Wählermasse nach dem gleichen Rezepte behandelt wurde, wie die Rinder von den Cowboys. Das gab ihm zu reiflichem Nachdenken Veranlassung.

Die Nacht verging ruhig, und am nächsten Tage zog die Herde wieder in gemütlichem Schritt ihrem Ziele Springshill entgegen. John Workmann, der neben Jay Williams ritt, nahm das Gespräch vom gestrigen Tage wieder auf.

»Ich habe immer gedacht, Sir, daß die Politik von den Zeitungen gemacht wird. Was Sie mir gestern von politischen Führern erzählt haben, war mir ganz neu.«

Jay Williams schnitt sich bedächtig einen gehörigen Splitter von einem Stück Preßtabak ab, das wie ein Stück Mahagoniholz aussah. Während er Messer und Tabak wieder in die Taschen seiner weiten Beinkleider versenkte und den abgehackten Splitter in die eine Backentasche schob, sann er eine Weile nach. Dann begann er langsam und bedächtig: »Well, my boy, werde später einmal, was du willst. Wenn du bei mir bliebest, würdest du wahrscheinlich ein first rate cowboy werden. Werde meinetwegen sogar ein Pferdedieb, obwohl ich dir dazu nicht raten möchte, denn der Strick ist immer dicht beim Pferde. Aber werde um alles in der Welt kein Politiker.«

John Workmann hatte sich über Politik noch zuwenig Gedanken gemacht, um die abfällige Meinung des alten Cowboys richtig beurteilen zu können, aber er nahm sich vor, sich darüber in Chikago zu unterrichten.

Am Abend des nächsten Tages kam die Station Springshill in Sicht, und die Nacht über lagerte die Herde neben der Hauptbahn. Im Dämmergrauen des folgenden Morgens schob sich lang und schwarz ein Güterzug auf das Nebengleis. Reichlich sechzig der großen eisernen Güterwagen umfaßte er, die auf den amerikanischen Bahnen für den Viehtransport benutzt werden. Und nun begann für die Cowboys ein hartes Stück Arbeit. Stück um Stück mußten sie die Tiere aus der Herde heraus mit dem Lasso fangen und ihnen dann einen dicken Sack über die Augen binden. In dem Augenblick, da die Tiere nichts mehr sehen konnten, ließen sie sich gutwillig über die Laderampe in die Waggons treiben und blieben dort, mit Halfterstricken an Ringen der Wagenwand befestigt, stehen. Reichlich der halbe Tag ging über dem Einwaggonieren von 595 Rindern dahin. Der Zug hatte ein halbes Dutzend Cattlemen mitgebracht. Es waren berufsmäßige Viehfütterer, welche die Herden der Farmen auf den verschiedenen Bahnstationen des Landes in Empfang zu nehmen und bis zum Bestimmungsort zu füttern, tränken und beaufsichtigen hatten. Sobald ein Waggon gefüllt und durch ein eisernes Gitter geschlossen war, gingen die Cattlemen an ihre Arbeit. Aus einem der Beiwagen schafften sie Heu herbei, welches hydraulisch zu Ballen gepreßt war. John Workmann war sofort auf eine schriftliche Mitteilung von Mr. Clarke zu den Cattlemen übergetreten und lernte die neue Arbeit kennen. Mit Kneifzangen mußten die schweren Drähte, welche die Heuballen zusammenhielten, aufgekniffen und sorgfältig entfernt werden. Blieb ein Stück Draht im Heu, so wurde es vom Rindvieh mitgefressen, und das gab natürlich Todesfälle. Weiter mußte das hart und dicht wie Holz zusammengepreßte Heu mit Handbeilen gelockert werden. Und schließlich genügte es nicht, den Tieren das Heu hinzuwerfen, sondern sie mußten auch ausgiebig getränkt werden. Auf der sechstägigen Reise durch die Prärie hatte es nur einmal eine Trinkstelle gegeben. Aber dafür hatten die Tiere dort das saftige, frische Gras. Jetzt brauchten sie den Tag zu ihrem Heufutter zweimal kräftige Tränkung. John Workmann fand, daß seine Hände sehr schnell in einen beklagenswerten Zustand gerieten. Das hydraulisch gepreßte Heu enthielt große Mengen einer Distel, die sicherlich für Rindergaumen sehr wohlschmeckend sein mochte, die aber Menschenhände mit einer Unzahl feiner Stacheln spickte. Und er fand weiter, daß das Heranschleppen von unzähligen Eimern Wassern reichlich anstrengend und eintönig wäre. Noch bevor der Zug sich in Bewegung setzte, stand es bei ihm fest, daß seine cattlemanship nur von Springshill bis Chikago dauern würde.

Dann kam der Abschied von Jay Williams. Hüteschwenkend galoppierten die Cowboys in der Richtung auf Manituba Farm in die Prärie. Die Lokomotive pfiff, als ob sie einen Toten erwecken wollte, und ächzend und stoßend kam der lange Zug in Bewegung. Jetzt rollte er auf das Hauptgleis und nun begannen die Telegrafenstangen schneller und immer schneller vorbeizuhuschen.

John Workmann saß auf einem offenen Heuwagen am Ende des Zuges und sah den roten Sonnenball auf der endlosen Prärie langsam untergehen. Sein Nachbar war ein älterer Mann, wohl beinahe sechzig Jahre alt. John Workmann fragte ihn, wie lange er schon als Cattleman tätig sei. Der Alte besann sich eine Weile. Er stammte von der grünen Insel, von Irland her, und der irische Dialekt lag ihm unausrottbar auf der Zunge. Wie lange er schon Cattleman wäre. Ja, wie lange denn eigentlich. Vor fünfunddreißig Jahren hätte er als Cattleman auf den Seedampfern zwischen England und Amerika angefangen. Das wäre ein feines Leben gewesen. Von England nach Amerika immer als Passagier zweiter Klasse auf Kosten des Boß und zurück als Cattleman. Nach dem fürchterlichen Dasein auf dem väterlichen Pachtgut in Irland ein herrliches Leben! Manchmal nach Nordamerika und manchmal nach Südamerika. Einmal war er in New York hängen geblieben. Hatte den Anschluß an Bord verpaßt. Ein Agent hatte ihn nach Chikago vermietet. Das waren jetzt ... der Alte zählte an den Fingern ... das waren jetzt achtzehn Jahre her. Seit achtzehn Jahren fuhr er als Cattleman für Armour & Co. in Chikago und holte die Herden, immer aus dem Westen. Heute, das war eine nahe Tour. Manchmal ging die Reise bis zu den Salzseen des Staates Utah, wo die Heiligen der letzten Tage, die Mormonen, zu Hause seien, und manchmal sogar bis dicht an Frisko heran.

John Workmann überlegte. Seit fünfunddreißig Jahren fuhr dieser Mensch als Cattleman, verrichtete die eintönigste, stumpfsinnigste Arbeit, die sich denken ließ, und war mit seinem Schicksal zufrieden.

Der Alte kramte weiter in seinen Erinnerungen. Er erzählte vom lustigen Hafenleben in New York und Buenos Aires, als der Zug langsam hielt und pfiff. Nun war es Zeit, Wasser zu schleppen und die Tiere zu tränken.

Am Morgen des dritten Tages fuhr der Zug in das Weichbild von Chikago ein. Unter vielem Pfeifen, Anhalten und Wiederanfahren suchte er sich seinen Weg durch das endlose Gewirr des großen Güterbahnhofes. Dann bog er auf Nebengeleise ab und erreichte nach zehn Minuten einen riesigen Gebäudekomplex. »Armour and Company« hob sich die Firma in riesigen, goldenen Luftbuchstaben vom Himmel ab. Der Zug war an seinem Ziele und der letzte Akt des Dramas für die Rinderherde begann.

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