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John Workmann der Zeitungsboy

Hans Dominik: John Workmann der Zeitungsboy - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann der Zeitungsboy
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid8be3f044
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16. Kapitel

»Hallo, Mr. Arndt«, begrüßte Fred Harryson schon von der Schwelle her den Wirt, der rund und behaglich hinter dem Schanktisch stand.

Mehrere Farmer, welche vor der Bar standen, wendeten die Köpfe und sahen auf Fred Harryson.

»Hallo, Mr. Harryson, freit mich, Ihne wiederzusehe«, rief Mr. Arndt. Er sprach jenes eigentümliche Kauderwelsch von Englisch und Pfälzisch, welches die eingewanderten Pfälzer und Hessen noch nach Generationen beibehalten.

»Freit mich really, Sie zu sehe, und Ihre junge Friend habe Sie auch mitgebracht?«

»Yes, Mr. Arndt, geben Sie uns vor allen Dingen zwei Glas Lagerbier und lassen Sie uns in der kitchen einige Sandwiches machen.«

»Soll besorgt werden, Mr. Harryson«, erwiderte der Wirt, während er zwei Glas Lagerbier einschenkte, »wolle wohl wieder nach Manituba?«

»Yes, Mr. Arndt, glaube, sie werden mich wieder brauchen können.«

»Das weiß Gott«, mischte sich einer der Farmer ein, »wir sind hier draußen dankbar für jede Hand, die sich uns zur Verfügung stellt. Wollen Sie zu mir auf die Wilcox-Farm kommen? Zahle Ihnen pro Tag einen Quarter mehr als Mr. Hamley.«

»Tut mir leid, Sir«, entgegnete Fred Harryson, »ich habe Mr. Hamley mein Wort gegeben, dieses Jahr wieder die Mähmaschine zu bedienen.« –

Geschäftig hantierte der dicke Wirt, der ganz und gar nichts von einem echten Amerikaner hatte, hinter der Bar und stellte jetzt zwei große Gläser hellen, schäumenden Bieres vor Fred Harryson.

»Deine Gesundheit, mein Junge!« sagte Fred Harryson und trank John Workmann zu, welcher auf dem staubigen Wege durstig geworden war, und mit langem Zuge das erfrischende, wenig Alkohol enthaltende Getränk zu sich nahm.

»Well«, fuhr Fred Harryson fort, »ich werde mit Mr. Hamley telefonieren, damit er uns mit der Motordräsine abholt.«

John Workmann blickte ihn überrascht an.

»Glaubst du wirklich, Fred, daß man uns einen Motorwagen 150 Meilen über Land entgegenschickt?«

»Aber sehr stark, Jonny. Sie brauchen jetzt, da der Weizen reif ist, alle Hände, und besonders mich, der ich eine Mähmaschine bedienen kann. Jetzt ist es 2 Uhr nachmittags, und bis zum Abend werden wir in Manituba Farm sein.«

Er verschwand hinter einem hölzernen Verschlag, in dem sich eine Telefonleitung befand, die nach Manituba Farm führte. Während seiner Abwesenheit lauschte John Workmann interessiert auf die Gespräche der an der Bar stehenden Farmer.

Vieh und Weizen, der Ertrag der Ernten in diesem Jahr, der Mangel an Arbeitskräften, das war die Unterhaltung, welche die Männer führten. Man sah es diesen Männern nicht an, daß sie große Vermögen repräsentierten. In den großen Städten hätte man ihnen höflichst auf der Straße Platz gemacht, in der Meinung, nach der Kleidung zu urteilen, mit Landstreichern zu tun zu haben. Und doch besaßen sie vielleicht mehr Vermögen als mancher Bankier in den großen Städten, und sie waren im Winter die bestzahlenden Gäste in den großen amerikanischen Hotels.

In diesem Augenblick kam Fred Harryson wieder aus dem Verschlage heraus.

»Hol's der Teufel, ich kann keinen Anschluß bekommen. Sie sitzen doch sonst in Manituba Farm nicht auf den Ohren. Ich fürchte fast, die Leitung ist gestört.«

»Faule Sache«, brummte der Farmer, der Fred Harryson zu engagieren versucht hatte. »Wenn Sie keinen Anschluß bekommen, schickt Mr. Hamley die Motordräsine heute sicher nicht mehr runter. Sie haben auch jetzt zu hart zu tun, um die Leitung sofort abzusuchen. Da werden Sie hier wohl ein paar Tage vor Anker gehen müssen.«

»Eine Motordräsine? Was ist denn das?« fragte John Workmann.

»Das praktischste Ding von der Welt, John«, erklärte Fred Harryson. »Ein federleichtes Gestell mit vier Rädern, die auf die Spurweite des Geleises passen. Dazu ein kleiner Benzinmotor, der die ganze Karre mit 70 Meilen über das Geleise dahintreibt. Hätten wir die Dräsine hier, so könnten wir in 2½ Stunden in Manituba sein.«

»Ich halte nix von dem Gelumpzeug«, mischte sich Mr. Arndt ein. »Vor Jahren hielt ich mir selber solch Ding, um mal schnell in die Prärie kommen zu können. Alle Augenblicke war an dem Motor etwas entzwei. Schließlich habe ich Stück um Stück davon verkauft. Erst den Motor, dann das Getriebe. Gerade das Wägele selbst mit seinen vier Rädern liegt noch in der Rumpelkammer.«

John Workmann war unruhig im Schankraum hin- und hergegangen, während der Wirt sprach und Fred Harryson seine Sandwiches vertilgte.

»Können Sie mir den Wagen zeigen?« fragte John Workmann unvermittelt den Wirt.

»Wenn Ihne des Gelumpzeug Freid macht, müsse Sie hinter das Haus gehe und in den Stall gucke.«

»Was willst du denn mit dem Wagen machen?« rief Fred Harryson, aber John Workmann war schon draußen, um sich das Gelumpzeug anzusehen.

Dicht hinter dem Hause liefen die Schienen der Feldbahn, und John Workmann konnte den Strang als eine fortlaufende Linie bis zum Horizont der Prärie verfolgen. Sinnend blieb er vor dem Geleise stehen und blickte auf die weite, braun-grün schimmernde Fläche hinaus, die fast ohne Grenzen, wie das unendliche Meer vor ihm lag, und er vergaß fast, daß er ja auf den Hof gekommen war, um sich den motorlosen Wagen anzusehen.

Wie gebannt hingen seine Augen an dem in der Ferne mit dem Himmel verbundenen Horizont der Prärien.

Dort irgendwo vor ihm sollte das noch unfaßbare Glück liegen, ja dort mußte es irgendwo liegen – ganz sicher – ganz bestimmt – entweder die Goldmine oder die Petroleumquelle oder die Kohlen- und Eisenstätten.

Und im Geiste sah er sich bereits im Besitz des Landes, herrschend wie ein großer Fürst, und Tausenden Arbeit und Brot gebend. Er brauchte ja jetzt nur in die weite, unendliche Welt hineinzuwandern, und in ihm war eine Stimme, die ihm sagte:

»Du wirst das finden, was du hier suchst.«

Dann überlegte er bei sich. Eigentlich war es eine Dummheit, daß er auf die Manituba Farm ging, um dort wie ein gewöhnlicher Arbeiter mehrere Monate lang sein Geld zu verdienen. Er glaubte ja doch zu wissen, daß man Geld nicht mit den Händen verdient, sondern dadurch, daß man Tausende von anderen Händen für seine Sache in Bewegung setzt. Aber natürlich müßte er erst solche große Sache sein eigen nennen.

Wie gebannt hingen seine Augen an den weiten Gefilden vor ihm. In deren Bann waren Tausende und aber Tausende von Auswanderern gezogen worden, hatten wilde Kämpfe mit Indianern bestanden und waren als reiche Leute nach Jahren zurückgekehrt – oder in der Prärie gefallen.

»Hallo, Jonny, fängst du hier Moskitos oder was fehlt dir?«

»Was mir fehlt, Fred, eine Fahrgelegenheit nach Manituba Farm. Vielleicht finden wir sie dort in dem alten Stall.«

Da lachte Fred Harryson laut auf.

»Du hast doch gehört, Jonny, daß der Wirt seine Motordräsine so richtig abgewrackt hat. Damit ist sicher nichts anzufangen.«

»Sehen wir sie an«, meinte John Workmann und drang entschlossen in den Stall ein. Eine Wolke von Schmutz, Staub und Rost. Ein wilder Haufen von allem möglichen und unmöglichen Gerümpel. Aber aus dem Wuste schaute das eiserne Rad eines Wagengestelles hervor, und kopfschüttelnd half Fred Harryson, das ganze Gestell aus dem Haufen herauszuziehen und ans Tageslicht zu bringen.

Vier Räder, etwa in der Größe von Fahrrädern. Die Felgen aus leichtem Stahlblech und mit Flanschen versehen, so daß sie auf einem Eisenbahngleis die Spur halten mußten. Zwei Achsen, welche die Räder trugen und einfach an ein Eichenbrett von zwei Metern in der Länge und einem halben Meter in der Breite geschraubt waren. Sonst nichts mehr. Das Ganze verstaubt, verrostet und unansehnlich.

Ironisch betrachtete Fred Harryson diese Erwerbung.

»Mit der Karre kommen wir im ganzen Leben nicht nach Manituba Farm.«

John Workmann ließ sich jedoch auf keine Erörterungen ein.

»Hilf mir erst mal, das Ding aufs Gleis zu bringen.« Etwa 50 m von dem Schuppen entfernt lief das Gleis durch das halb verdorrte Gras der Prärie.

»Du bist verrückt, Jonny«, brummte Fred Harryson vor sich hin. Er wurde noch in seinem Urteil durch das weitere Benehmen von John Workmann bestärkt. Der betrachtete nämlich erst den Stand der Sonne, verfolgte mit den Blicken den Lauf des Schienenstranges durch die Prärie und hob dann die rechte Hand hoch.

»Total verrückt«, murmelte Fred Harryson zum zweitenmal vor sich hin. »Leichte Form von Sonnenstich, hervorgerufen durch ungewohnten Aufenthalt in der Prärie.«

»Jetzt werden wir gleich nach Manituba Farm losfahren«, erklärte John Workmann entschlossen. »Geh zu Mr. Arndt, bezahle unsern Lunch und sage ihm, daß wir uns seinen Wagen für ein paar Tage leihen.«

Kopfschüttelnd verschwand Fred Harryson im Saloon, um die Zeche bei Mr. Arndt zu begleichen. Als er nach 10 Minuten heraustrat, bot sich ihm ein eigenartiger Anblick. Aus dem Gerümpelschuppen hatte sich John Workmann drei kräftige Bohnenstangen, einen großen Kartoffelsack und allerlei Bindedraht und Bindfaden zusammengesucht. Zwei der Stangen waren an dem hinteren Ende des Brettes befestigt, so daß sie senkrecht, aber nach oben auseinanderspreizend, in die Höhe gingen. Als Querjoch war die dritte Stange darüber gebunden. Über diesen Rahmen aber war als Segel der große Kartoffelsack mit reichlich 4 qm Fläche gespannt. Der kräftige Südwind schwellte dies improvisierte Segel, und nur deshalb blieb der Wagen noch an seiner Stelle, weil John Workmann einen kräftigen Stein vor seine Räder auf die Schienen gewälzt hatte.

Jetzt begriff Fred Harryson, daß es so wohl gehen könnte. Wie lange, das war freilich eine andere Frage.

»Warte, John«, rief er und sprang noch einmal zu dem Saloon hinüber. Als er wieder herauskam, trug er ein Fäßchen mit frischem Wasser und gehörigen Mundvorrat. In seinem Gefolge befand sich Mr. Arndt mit den übrigen Gästen.

»Der junge Mann ist very smart, der kanns in die United Staates zu was bringe«, meinte Mr. Arndt, während seine Gäste Hurra schrien und ihre Hüte vor Vergnügen in die Luft warfen.

Die beiden Reisenden nahmen auf dem Brett Platz. Mr. Arndt schob den Stein zurück und gab dem wunderlichen Fahrzeug einen kräftigen Stoß nach vorwärts. Erst langsam, dann immer schneller setzte es sich in Bewegung. Jetzt rollte es mit der Geschwindigkeit eines flinken Fußgängers dahin.

Wohl fünf Minuten sprachen die beiden kein Wort. Immer schneller begann das Fahrzeug auf den Schienen vorwärts zu rollen. Je mehr sie aus dem Schutze der Hügel fortkamen, um so stärker legte sich der Wind in ihre Leinwand. Die Stangen und die Seile ächzten. Immer schneller ging ihre Fahrt. In dieser schier endlosen Ebene war es schwer möglich, die Geschwindigkeit taxieren zu können. Sie sahen nur das weite Feld, dessen dürres Gras halbmannshoch wie in Wellen um sie auf und nieder wogte, und freuten sich, wie schnell ihr eigenartiger Segler vorwärts kam.

Für eine Stunde Fahrt hörten sie nichts weiter als das knarrende, metallisch klingende Rollen der Räder auf dem Schienenstrang und das stoßweise Einsetzen des Windes, der sich jetzt zum Sturme steigerte.

Besorgt blickte Fred Harryson zum Himmel empor, dessen Farbe sich geändert hatte.

Sollte es ein Gewitter geben? – Irgendwelche Wolken waren nicht zu sehen. Aber der bis jetzt stahlblaue Augusthimmel zeigte eine graue Färbung und vor ihnen am Horizont merkwürdige schwarze Flecken.

Die flogen bald niedriger, bald höher, und John Workmann verglich sie mit zerfetzten Rauchgebilden, die, aus Fabrikschornsteinen kommend, vom Sturm zerrissen werden.

Fred Harryson sah gespannt auf die seltsame Fleckenbildung, drehte sich jetzt zu John Workmann um und rief:

»He, Jonny, was hältst du von dem Aussehen des Himmels da vor uns. Die Sache gefällt mir nicht.«

»Ich beobachte es auch. Was mögen das für seltsame Wolken sein?«

»Ich weiß nicht, Jonny. Es sieht aus wie ein Präriebrand. Da der Sturm uns darauf zutreibt, so können wir nichts von irgendwelchem Brandgeruch merken. Es würde mir erklären, warum die Telefonleitung unterbrochen war.«

»Meinst du wirklich, Fred, daß die Prärie vor uns brennt?«

Der erwiderte nichts, sondern blickte fieberhaft gespannt dorthin, wo der Schienenstrang den Horizont berührte.

Einmal drehte er sich um:

»Jonny, wir hätten bei Mr. Arndt sitzenbleiben sollen. Erstens waren die Stühle auf jeden Fall weicher als dies Eichenbrett, und zweitens ist mir die Prärie vor uns nicht mehr geheuer.«

Wieder vergingen schweigsame Viertelstunden, während der Sturm immer mehr und mehr anwuchs.

Endlich sagte John Workmann:

»Wenn da vorne Feuer ist, was kann uns geschehen?«

»Der Sturm wird uns in die Flammen jagen.«

»Wait a bit! Da hat der Sturm vor allen Dingen erst bei uns anzufragen. Ich brauche nur die Leinwand hinter uns fortzuschneiden, und unser Wagen kommt zum Stillstand. Aber was dann?«

Fred Harryson sah sehr nachdenklich aus:

»Ja was dann – wenn wir stehenbleiben, sind wir nicht aus der Gefahr. Wenn da wirklich Feuer in der Prärie ist, dann breitet es sich nach zwei Seiten aus.«

»Inwiefern nach zwei Seiten, Fred?«

»Du kennst keinen Präriebrand – auf der einen Seite läuft der Brand im Grasfeld rasend schnell vor dem Winde. Auf der anderen Seite arbeitet er sich langsam gegen den Wind vor. Aber wir würden trotzdem nicht so schnell aus der Prärie herauskommen, um dem Brande zu entgehen!«

Wieder folgten Minuten des Schweigens. John Workmann sann hin und her. Plötzlich fiel ihm etwas ein.

»Ich denke, Fred, wir fahren weiter!«

»Das ist eine Tollheit, Jonny.«

»Ich glaube nicht, Fred.«

»Aber wir fahren ja direkt in die Flammen hinein. Schneide die Leinwand herunter!«

Fred Harryson erhob sich halb von seinem Sitz, um John Workmann bei einem Einreißen des Segels zu helfen.

Auf den Flügeln des Sturmes jagte die bergab gehende Fahrt. Das Maschinenöl und Petroleum, welches John Workmann in die trockenen Lager der vier leichten Räder gespritzt hatte, tat seine Schuldigkeit.

Die Segelfläche von etwa vier Quadratmetern hatte das Fahrzeug von kaum zwei Zentnern im Gewicht vorwärts zu treiben. Längst hatte das Fahrzeug Eisenbahngeschwindigkeit erreicht. Mit mindestens 50 km Stundengeschwindigkeit jagte es vorwärts und jetzt, als sich Fred Harryson erhob, verdichtete sich der Himmel vor ihnen zu dunkler Farbe.

Deutlich konnte John Workmann schwere Rauchwolken sehen, die vom Sturm gepackt in wilder Jagd dahinstoben. Wohl nur noch eine Viertelmeile waren sie entfernt. Mit angstvoll aufgerissenen Augen blickte Fred Harryson auf den roten Saum, der wie ein blutiges Band sich über den Horizont legte, ein schauerliches Band von zwei Meter hohen Flammen.

Und jetzt, in der Angst um sein Leben, aus Furcht vor dem Feuerstrudel des Todes, schrie Fred Harryson noch einmal mit gellender Stimme:

»Reiß das Segel ein, Jonny!«

Aber John Workmann saß mit kaltblütigem Gesicht, in den Augen Energie. Er schrie:

»Nein, Fred! Duck dich nieder! Zieh die Jacke über den Kopf! Wir werden hindurchjagen.«

Mit rasendem Aufschrei, wie ein Wahnsinniger, wollte Fred Harryson aus dem Wagen springen.

Mit fast übermenschlicher Kraft zog ihn John Workmann auf den Boden des Wagens nieder, achtete nicht auf die schweren Faustschläge, welche ihm der um sein Leben kämpfende Fred Harryson versetzte.

Näher und näher kam das gefräßige, alles verheerende Element. Schon hörte man das Rascheln und Zischen, das gewehrschußähnliche ununterbrochene Knattern – – noch einmal versuchte Fred Harryson den auf ihm liegenden John Workmann abzuschütteln. Noch einmal nahm John Workmann all seine Kraft zusammen, um den stärkeren Fred Harryson niederzuzwingen. Hielt ihm, da er sich nicht anders zu helfen wußte, mit beiden Händen die Kehle umspannt, damit ihm die Luft ausging.

Und was dann kam – niemals hätte John Workmann es hindern können.

Eine glühende Hitze – ein Feuerofen – ein Höllenrachen, in den er hineinjagte.

Mit eisigkalter, furchtloser Überlegung riß er über sich und Fred Harryson seine Jacke, so daß ihre Köpfe und Arme darunter waren – dann ein Schmerz, als ob ihn tausend Peitschenhiebe zu gleicher Zeit trafen – ein Tosen, als stürze ein Wolkenbruch hernieder. – Langsam ließ John Workmann die Hände von der Kehle seines Freundes – wartete wie ein lauerndes Tier durch Sekunden oder Minuten, bis die Luft – die erstickend heiße, mit Feuerschwaden gesättigte Luft, wieder geatmet werden konnte – langsam hob John Workmann die Jacke von dem Kopf, blickte hinaus und sah eine ungeheure, schwarze, nichts als schwarze Fläche um sich her.

Weit hinter ihnen lag das Feuer, und nur der Sturm brachte von dort dichte Flockenwolken von Asche und trieb Qualm und Rauch zum Himmel empor.

»Wir sind durch, Fred!« rief er diesem zu, der mit geschlossenen Augen, bleich wie der Tod auf dem Boden des Wagens lag.

»Wasser«; stöhnte er. »Gib mir Wasser zum Trinken. Mir ist, als verbrenne ich.«

John Workmann flößte ihm Wasser ein.

»Sind wir wirklich durch?« fragte Fred Harryson, indem er die Augen öffnete und immer noch denselben furchtsamen, halb abwesenden Ausdruck zeigte, den die Todesangst dem Menschen in das Gesicht prägt.

»Wir sind durch!«

Langsam richtete sich Fred Harryson empor und sah, daß John Workmann die Wahrheit sprach.

Er streichelte John Workmann Hände und Kopf:

»Jonny, du hast eine Heldentat vollbracht. Ohne deinen Mut wären wir elendiglich verbrannt. Mein Gott, wir sind gerade durch das Feuer gefahren.«

»Das sind wir, Fred. Aber jetzt heißt es doppelt und dreifach aufpassen. Die Feuerzone, welche da vor uns in die Prärie hineinjagt, dürfen wir nicht erreichen, sonst müßten wir elend braten. Wir wollen unser Segel verkleinern.«

»Das wird nicht mehr nötig sein«, rief Fred Harryson, »denn unser Segel brennt.«

Bevor sich John Workmann noch umdrehte, fiel ein großer Fetzen dicht neben ihm nieder und sofort sprang er auf.

Die Leinwand hinter ihm brannte lichterloh, und die brennenden Fetzen wurden durch den Wind nach vorn getrieben. Der Wagen aber lief immer noch mit dreißig Kilometern in der Stunde.

»Was kann passiert sein?« fragte Fred Harryson. »Wir sind weit von dem Feuer entfernt und jetzt fängt es erst zu brennen an.«

»Die Leinwand war unser Schutz. Sie hat den Flammen- und Funkenwurf, der uns durch den Sturm nachgetrieben wurde, hinter uns aufgefangen und ist daher in Brand geraten. Ich will retten, was zu retten ist. Wir können nicht wissen, ob wir es nicht noch gebrauchen können.«

John Workmann sprang auf den Sitz und schnitt mit dem Messer die Leinwand, soweit sie noch nicht brannte, von den Stangen. Man merkte alsbald, wie der Segeldruck nachließ. Zusehends verlangsamte sich das Fahrzeug in seiner Bewegung. Nach fünf Minuten bewegte es sich nur noch mit Fußgängergeschwindigkeit.

Jetzt sprang John Workmann zur Seite des Wagens herunter, griff eine der Stangen und brachte das Gefährt völlig zum Stehen.

»Hallo, Fred, komm auch vom Wagen. Überlegen wir, was wir weiter tun können!«

Fred Harryson begann wieder zu denken:

»Ich glaube, wir sind höchstens noch einige Meilen von Manituba Farm entfernt. Es ist jetzt 4 Uhr 30 Minuten.« Er zog seine Taschenuhr. – »Wir sind vor 2½ Stunden von Springshill fortgefahren. Nach meiner Schätzung hat uns das Fahrzeug bei der Sturmesgeschwindigkeit bis dicht an die Farm herangebracht. Man kann sich in der Prärie schlecht einen genauen Ort merken. Aber ich denke, wir müssen ziemlich am Prärierand sein. Soweit ich mich erinnere, beginnt das Land stark zum Springriver abzufallen. Das trockene Präriegras hört da auf, wo die Farmfelder beginnen.«

»Meinst du, daß die Farmfelder nicht auch vom Feuer ergriffen werden?«

»Das ist unmöglich, Jonny. Als Feuerschutz werden gegen den Präriebrand besondere Pflanzungen und Gräben angelegt. Die meisten Anpflanzungen bleiben bis in den Herbst saftig grün. Das Präriefeuer kommt an ihnen zum Stehen.«

Ein neuer Windstoß ging durch das weite kohlschwarze Feld und wirbelte die Asche der verbrannten Gräser in große Staubwolken auf.

»Wir wollen den Wagen abwechselnd schieben. Also mache den Anfang, Fred.«

»All right«, rief Fred Harryson. »Wir wollen uns alle zehn Minuten ablösen und das nach der Uhr regulieren.«

In einer flotten Fußgängergeschwindigkeit rollte jetzt das Fahrzeug auf dem leicht fallenden Gelände vorwärts. Mehrmals hatten sie sich abgewechselt und eine Stunde war dahingegangen, als plötzlich John Workmann, der im Wagen saß, aufsprang, nach rechts in die verbrannten Prärien hineinstarrte und sich dann an Fred wandte und sagte:

»Halte den Wagen an, Fred. Hörst du das Schreien aus der Prärie?«

Atemlos lauschten die beiden, die Hände an die Ohren gelegt, nach der Richtung, die John Workmann angedeutet hatte. Alles war still. Nichts zu hören.

»Du hast dich getäuscht, Jonny!«

»Nein, Fred! Ich hörte deutlich einen Hilferuf. Aus jener Richtung kam er her.«

Wieder lauschten sie.

»Fahren wir weiter, Jonny.«

Fred Harryson wollte den Wagen wieder in Bewegung setzen. Er hielt damit inne, denn jetzt hörte auch er ganz deutlich ein Hilferufen, das wie erstickt klang. Ohne ein Wort zu sagen, sprang John Workmann von dem Wagen und lief mehr, als er ging, nach der Richtung, aus welcher die Schreie herüberkamen.

Fred Harryson folgte. Wieder erklang der Schrei, deutlicher und vernehmbarer. Aber war das überhaupt ein Schrei um Hilfe? Klang es nicht eher wie der Schmerzensruf eines Menschen – gequält – gemartert? Der Ruf beschleunigte den Lauf John Workmanns. Nun erkannte er in der Asche, die mehrere Hand hoch den Boden bedeckte und silbergrau schimmerte, zwei schwarze, dunkle Körper. Das eine mußte ein Pferd sein. Und dicht dabei – das Herz stockte John Workmann – ein Mensch. Das Pferd hatte die ankommenden Menschen zuerst gewittert. Es hob den Kopf nach der Richtung von John Workmann und stieß ein kurzes Wiehern aus.

Ja, es wollte sogar aufspringen, aber es gelang ihm nicht, auf die Füße zu kommen.

Jetzt standen sie dicht neben dem Tiere und sahen, daß es mit furchtbaren Brandwunden bedeckt war. Eine Qual war es, das verunglückte Tier zu sehen. Doch was galt das Mitleid für das Tier, wo dicht neben ihm ein Mensch in einer kleinen Vertiefung lag, das Gesicht in den Boden gedrückt, gerade jetzt hob er wieder den Kopf ein wenig und ließ langgezogene Schmerzensrufe ertönen. Dieselben, die John Workmann zu Hilfe gelockt hatten.

Dieser kniete bei dem Verbrannten nieder.

»Sind Sie bei Besinnung, Freund?«

Aber der Mensch war bewußtlos vor Schmerz. Als er jetzt den Kopf hob, sah John Workmann, daß ihm die Haut auf der einen Gesichtshälfte völlig verbrannt war und daß auch der Körper ebenso verbrannt war wie das Gesicht.

John Workmann stieß plötzlich einen lauten Schrei aus, sprang auf und blickte mit weit aufgerissenen Augen auf den Schwerverwundeten.

»Jonny, was ist dir?« fragte voll Besorgnis Fred Harryson und schüttelte seinen Freund am Arme. Ganz langsam beugte sich John Workmann zu dem Verwundeten herunter, schaute ihn noch einmal prüfend an, drehte sich dann zu Fred Harryson und sagte:

»Hier liegt Bill Smith.«

Fred Harryson verstand ihn nicht.

John Workmann strich sich mit der Hand über die Stirn, wie ein Mensch, der trübe Gedanken fortscheuchen will, und antwortete:

»Da müßte ich dir eine lange Geschichte erzählen. Von einem Jugendfreunde von mir, Robert Barney, Zeitungsjunge wie ich, der dieses Menschen wegen fast ins Gefängnis gekommen wäre. Ich rettete ihn und brachte diesen Banditen – denn das ist er – ins Gefängnis. Mich selbst hat er mit einer Revolverkugel verwundet und jetzt finde ich ihn in der verbrannten Prärie wieder. – Ich denke, wir nehmen ihn hoch und tragen ihn zu unserem Wagen, damit die Leute in Manituba Farm ihm helfen können?«

»Den Banditen willst du mitnehmen?«

»Aber gewiß, Fred.«

Der Verwundete hatte für kurze Zeit das Bewußtsein wiedererlangt. Mit schmerzverzogenen Augen blickte er auf die beiden Fremden, ohne John Workmann zu erkennen, und stöhnte: »Gebt mir Wasser.«

Während Fred Harryson den Verunglückten tränkte, ging John Workmann zu dem Sattel des Pferdes und zog einen der beiden in der Tasche steckenden Revolver hervor. Er entsicherte ihn und steckte die Mündung in das Ohr des Pferdes, wie er es oftmals von den Policemen auf den Straßen von New York gesehen hatte. – Ein kurzer Druck auf den Hahn! – ein Zucken und Bäumen des Pferdes, und es war tot. –

Aber der Schuß hatte wiederum den jungen Desperado zum Bewußtsein gebracht. Er hatte John Workmann erkannt. Ein wilder Fluch entfloh seinen Lippen, so daß Fred Harryson dem Banditen die Faust vors Gesicht hielt und ausrief:

»Wenn du nicht ruhig bist, dann schließe ich dir den Mund, obwohl du verwundet bist.«

John Workmann schnallte dem toten Pferde den Sattel ab.

»Komm einmal her, Fred. Die große Satteltasche scheint mit Eisen gefüllt zu sein. Ich schaffe es nicht allein.«

Sie öffneten die Tasche und sahen, daß sie bis zum Platzen mit Gold und Silberdollars gefüllt war.

»Raubgut«, dachten beide zur gleichen Zeit. Zusammen machten sie sich daran, den wimmernden Desperado zum Wagen zu tragen. Dann holten sie die Satteltasche. Als sie diese auf dem Wagen niederlegten, sagte Fred Harryson:

»Wenn mich nicht alles täuscht, Jonny, so paßt die Beschreibung, die der Sheriff uns heute in Springshill gab, auf diesen hier; obwohl ihm die rechte Gesichtshälfte verbrannt ist, vermag ich doch noch die Narbe zu erkennen, die ein besonderes Merkzeichen an ihm ist. Dann werden wir die Fangprämie erhalten.«

»Möglich, Fred. Aber jetzt wollen wir eilen, daß wir ihn zur Farm bringen. Vielleicht ist er noch zu retten.«

Mit den unverbrannten Resten der Leinwand stellten sie ein Notsegel her. Der Wagen kam in Bewegung, und so fuhren sie ein gutes Stück mit ihm vorwärts, bis sie plötzlich in kurzer Entfernung große, mannshohe Maisfelder vor sich sahen. Die Grenze von Manituba Farm war erreicht.

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