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John Workmann der Zeitungsboy

Hans Dominik: John Workmann der Zeitungsboy - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann der Zeitungsboy
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid8be3f044
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15. Kapitel

Zum erstenmal in seinem Leben sollte John Workmann nun in einem der großen, wegen ihrer Schnelligkeit berühmten Westernzüge eine Fahrt machen.

Aufregung hatte ihn ergriffen, als er daran dachte, jetzt genau so schnell und vornehm wie die reichen Leute eine Fahrt nach dem Westen zu machen. Mit einer Schnelligkeit, die er bis dahin, obwohl er in der Riesenstadt New York aufgewachsen, für etwas Märchenhaftes gehalten hatte.

Oftmals, wenn er auf den großen Zentralstationen in New York Zeitungen verkaufte, stand er staunend und bewundernd und hatte die Empfindung, als befände er sich in einem der großen Theater des Broadway und sähe der Entwicklung eines ungeheuer spannenden und aufregenden Dramas zu.

Wie da alles hastete und eilte, jede Sekunde kostbar abwiegend, um noch im letzten Moment einen der großen Westerntrains zu erreichen – wie sich trotzdem alles wie in einer arbeitenden Riesenmaschine auf den Bruchteil der Sekunde abwickelte – wie hier einer der großen Pazifiktrains ankam, mit dem Staube eines Weltteils beladen, aber trotz der ungeheuren Entfernung auf die Minute genau. Und die Lokomotiven! Die erschienen John Workmann wie märchenhafte Ungeheuer, die mit ihren eisenglänzenden, gewaltigen Körpern, mit ihren vielen Rädern dastanden, als wären sie Wesen aus einer unfaßbaren Welt.

Seltsam feierlich, fast gespenstig, wie mit riesigen Glotzaugen schauten sie mit ihren mächtigen Scheinwerfern in die gewaltige Bahnhofshalle; was hatten diese Augen alles gesehen? Mit welcher Schnelligkeit waren diese Räder über einen Weltteil gefahren, mit welch ungeheurer Kraft hatte dieser Kolossalleib die schweren, ungefügen Wagen hinter sich hergezogen und von der Küste des Pazifik zum Atlantik gebracht?

In Tagen, wozu früher Monate gehörten!

Und kaum Zeit ließen die Menschen diesen Kraftwesen zum Ausruhen – knapp waren sie angekommen, so erschien eine kleine Armee von Mechanikern, Putzern und sonstigen Arbeitern, um die Riesenmaschine in all ihren Teilen zu untersuchen, und wenige Stunden später stand sie, die Augen wieder aus dem Bahnhof gerichtet, mit dem Befehl versehen, den Weg, den sie eben gekommen, die Tausende von Kilometern vom Atlantik zum Pazifik zurückzujagen.

John Workmann konnte sich auf dem Wege zu der kleinen Bahnstation Stamfort nicht enthalten, mit den neuen Freunden, die ihm und Fred Harryson das Ehrengeleit gaben, über die Schnelligkeit der amerikanischen Züge zu sprechen.

»Es wundert mich«, sagte er zu dem jungen Vanderbilt, »daß auf unseren Eisenbahnen bei der großen Schnelligkeit nicht mehr Unglück passiert.«

Der junge Vanderbilt lachte:

»Ein Hundertmeilentrain ist der sicherste Platz in der Welt. Das weiß ich aus Erfahrung, John. Stimmt es nicht, Boys?«

»Jawohl«, antwortete es im Chor.

»Mein Vater, dem ein Teil der Eisenbahnlinien im Süden gehört, ließ mich vor zwei Jahren auf einer Lokomotive als Heizer eine Reise machen. Ich war vier Wochen auf Nr. 3590. Jimmy Ryan hieß mein Lokomotivführer. Er sagte mir aus seiner langen Erfahrung – 22 Jahre im Dienst – daß sehr selten ein Unglück durch die Lokomotive selbst geschieht, stets sind die Fehler von Menschen die Ursache. Wie sollte es auch anders sein! Die Maschinen sind aus geprüftem Stahl und Eisen, so fein in ihrem Mechanismus, wie die Nerven und Muskeln eines Menschen, aber mit sicher lenkbarer Kraft.«

Unter solchen Gesprächen wurde die Station erreicht.

Eine kleine, unscheinbare Station, die ihr Entstehen nur dem in der Nähe wohnenden Rockefeller verdankte, war Stamfort.

Wenige Meilen von der Station entfernt befanden sich die Landsitze der größten Millionäre Amerikas, und deshalb mußten hier die Schnellzüge zum Ärger der Reisenden eine halbe Minute halten.

Eine halbe Minute, und trotz der Kürze des Aufenthalts ertönten jedesmal über den Zeitverlust laute Rufe des Unwillens der Passagiere. Als echte amerikanische Geschäftsleute verlangten sie von ihrem Zug, daß er »Speed« besaß.

Speed – Speed – Speed – Schnelligkeit. Das war es, was die Amerikaner von den Eisenbahnen ihres Landes verlangten. Die größten Anstrengungen wurden zur Erfüllung dieses Wunsches von den Eisenbahngesellschaften gemacht. Lokomotivführer und Heizer waren Männer, von denen man tatsächlich behaupten konnte, sie beständen, wie ihre Maschinen, aus Stahl und Eisen. Harte Gesichter, in denen jede Miene Entschlossenheit zeigte, Augen, welche kalt und scharf unentwegt durch die Fenster der Lokomotive auf den endlosen Schienenweg hinausblickten, Nerven, welche sich durch nichts beirren ließen.

Wie eine sich überstürzende, den Boden vor sich verschlingende Lawine jagte der Empire-Expreß von New York nach San Franzisko in die kleine Station Stamfort hinein.

Als John Workmann und Fred Harryson in den Zug stiegen, blickten die Passagiere verwundert auf die jungen Indianer, welche in laute Abschiedsrufe ausbrachen. John Workmann und Fred Harryson eilten an ein Fenster, winkten einen letzten Gruß – schon gellten die Abfahrtssignale – ein Ruck – ein Knirschen der Räder auf den Schienen.

Da raste wie ein toll gewordenes Wesen ein Auto in voller Fahrt heran, kam auf den Bahnsteig, als der Empire-Expreß ihn soeben verließ, und raste ihm auf dem Bahndamm nach.

Ein Halten des Zuges gab es nicht mehr.

Seite an Seite jagten Auto und Expreß.

Im Auto standen im Rücksitz zwei junge Männer und warteten kaltblütig und besonnen auf den Moment, wo es einem von ihnen gelingen würde, auf eins der hohen Trittbretter des Zuges überzuspringen.

Alle Fenster des Zuges waren besetzt, um das aufregende Schauspiel mit anzusehen.

Immer schneller fuhr der Empire-Expreß – im gleichen Tempo das Auto.

Ein Schreien ertönte von all den Passagieren, als jetzt der erste von beiden von seinem Wagen auf den Zug sprang und mit lautem Hallo sein Ziel erreicht hatte.

Unmittelbar darauf sprang der zweite, und er wäre, minder glücklich, wahrscheinlich ein Mann des Todes zwischen Auto und Zug geworden, wenn ihn sein Freund nicht mit sicherer Hand gepackt und neben sich auf das Trittbrett gezogen hätte.

Kaum stand der zweite gleichfalls sicher, so wandte er sich an den noch immer mit dem Zuge mitfahrenden Chauffeur und rief:

»Kehren Sie um und telefonieren Sie sofort nach New York, daß mir Briefe und Telegramme mit dem nächsten Zuge nach Chikago nachgesandt werden.«

»Yes Sir«, schrie der Chauffeur zurück. – Er stoppte – wie der Wind war der Empire-Expreß an ihm vorüber – in wenigen Sekunden war das Auto nur noch ein Punkt am Horizont und bald war es ganz verschwunden.

Erst jetzt stiegen die beiden neuen Passagiere vom Trittbrett in den Zug hinein.

Von allen Seiten wurden sie wegen ihrer kühnen Fahrt beglückwünscht. Während der eine von ihnen sich in den bequemen Ledersessel setzte, begrüßte der andere einen Bekannten von sich, der im Zuge saß.

»Well, Johnston. Ich mußte den Zug erreichen. Verließ meine Office in New York bei Börsenschluß – um 3 Uhr – – auf die Minute. Leider hatte mein Auto Aufenthalt und erreichte den Zug in New York nicht mehr. Aber bis Stamfort fährt er nicht allzu schnell, das war mein Vorteil, so konnte ich ihn einholen. Morgen bin ich rechtzeitig bei der Eröffnung des Marktes auf der Chikagoer Börse. Nachmittags 3 Uhr geht es mit dem Gegenzug zurück, und übermorgen erreiche ich die New Yorker Frühbörse.« John Workmann, welcher dicht dabeistand, bekam zum ersten Male in seinem Leben einen Einblick in das aufreibende amerikanische Geschäftsleben. Jetzt begann er zu begreifen, warum seine Landsleute tagtäglich nach immer mehr »speed« schrien.

Der Zug begann speed und immer mehr speed zu entwickeln; mit einer Geschwindigkeit von achtzig Meilen in der Stunde jagte er in beinahe nördlicher Richtung dahin. Immer auf dem linken Ufer des Hudson bleibend, folgte er dem Laufe dieses Flusses 200 Kilometer weit bis zum Städtchen Albany. Dann schwenkte die Bahn energisch nach links. Auf einer mächtigen eisernen Brücke donnerte der Westerntrain über den amerikanischen Rhein, und die wilde Jagd gen Westen begann. Utica und Syracuse flogen vorüber. Durch den Bahnhof von Rochester brauste die wilde Jagd und kam erst in Buffalo am Eriesee wieder zum Halten. Jetzt folgte der Bahnstrang über 250 Kilometer unmittelbar dem Seeufer. Während die Sommernacht hereinbrach und Dunkelheit die Landschaft umhüllte, saß John Workmann neben Fred Harryson im Aussichtswagen und suchte vergeblich das andere Ufer des Eriesees zu entdecken.

»Jetzt endlich«, erklärte Fred, »kommen wir aus dem Staate New York heraus und bleiben etwa eine Stunde im Staate Pennsylvania. Dann kommt Ohio, und bei Tagesanbruch werden wir Indiana erreichen.«

John Workmann saß da und hörte und staunte. Wie groß waren doch die Vereinigten Staaten, die zusammen sein Vaterland bildeten. Wohl an 60 solcher Staaten waren es, welche die Union bildeten, und der Westerntrain, der Empire-Expreß, der schnellste aller schnellen Züge, brauchte halbe Tage, um auch nur einen einzigen dieser Staaten zu durcheilen. Unendliche, reich gesegnete Fluren waren an diesem Nachmittag vor den Augen des jungen Reisenden vorübergeglitten. Wälder, deren allzu dunkles, bronzeartig schimmerndes Grün bereits den nahen Herbst ahnen ließ. Felder, auf denen der Weizen seine Halme unter der Last der schweren Körnerfrucht zu Boden bog, Felder, die zur Ernte reif waren.

John Workmann überlegte, daß er vier Nächte und fünf Tage so weiterfahren und jagen könnte, bevor der Zug ein anderes Weltmeer, das goldene Frisko und die Westgrenze seines Vaterlandes erreichen würde. Er sann und dachte, während die Räder des Schnellzuges ihr eintöniges Lied auf den Schienen hämmerten, und während des Denkens sanken ihm die Lider hinab, und er fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf gesunder Jugend.

Es war bereits heller Morgen, als Fred Harryson ihn anstieß und munter machte. Sein erster Blick fiel wieder auf eine unendliche Wasserfläche. Aber es war nicht mehr der Erie-, sondern der Michigansee, an dessen Südufer der Zug jetzt entlangraste. In Fred Harrysons Begleitung begab er sich in den Frühstückswagen und verfolgte auch während des reichen Mahles, das der schwarze Zugkellner auftrug, eifrig die Gegend. Auch hier Felder und Farmen. Aber man merkte bereits die Nähe der Großstadt. Da stand mitten im üppigen Korn eine Riesenreklame, eine übermenschlich große Holzzigarre, darüber in goldenen Buchstaben: The Hiavatha cigar manufactury.

Schon war der letzte Buchstabe in dem blauen Himmel wie ein feines Goldflittern verschwunden, und rein mechanisch sprach John Workmann vor sich hin:

»Hiavatha, die beste 5-Cent-Zigarre der Welt.« – Denn so lautete überall in der Union die Reklame für diese Zigarre, die er von seinen Zeitungen her kannte. Andere Reklamen für Milch, Cornedbeef und Kaugummi folgten. Dann, während der Zug noch mit unverminderter Geschwindigkeit weiterlief, ein Riesenkomplex roter Backsteingebäude, die Dachfirste gekrönt von der Hiavatha-Zigarre. Das mußten zweifellos die Hiavathawerke selbst gewesen sein. Jene Riesenwerke, in denen Tausende von Menschen arbeiteten, um Millionen von Zigarren herzustellen. Der Unternehmer mußte ein ebenso großer Mann sein wie Bennett. Aber John Workmann schauderte vor dem Gedanken zurück, in dieser Art selbst einmal Geld zu verdienen. Die Arbeitsstätten sahen zu unheimlich aus.

Jetzt rasselte der Zug in eine Riesenhalle. Genau wie in New York auf der Zentralstation war es. Züge fuhren ein und aus, und Hunderte von Menschen eilten hin und her.

Chikago, die Stadt der Winde, war erreicht. Derselbe weißlich-graue Kohlendampf aus Hunderten von Lokomotiven lagerte wie in New York in einer dichten Wolke unter dem eisernen Kuppeldach. Dieselben Menschen mit denselben Wünschen eilten an den Zügen hin und her. Zeitungen – die ersten Morgenzeitungen wurden ausgerufen, und das war es, was John Workmann am meisten interessierte. Er kaufte sich die Ausgabe der »Chikagoer News«.

Dann sprangen die Zugbediensteten wieder in die Wagen, die Türen klappten zu, langsam setzte sich der Zug in Bewegung und rollte aus der Riesenhalle weiter gen Westen.

In dem mattgoldenen Frühlicht tauchten, als der Zug die Halle verlassen, zuerst graue Häusermassen zu beiden Seiten auf, hier und da Riesengebäude – hohe Schornsteine, hier und da Einblick in eine der Straßen. Noch lagen sie um diese Zeit still und ruhig und ließen nichts von dem riesenhaften Verkehr ahnen, der wenige Stunden später auf ihnen tobte. Schneller und schneller jagte der Zug seinem fernen Ziele, San Franzisko, zu. Weiter und weiter versank die Stadt.

Noch immer blickte John Workmann auf das steinerne Wunder der Riesenstadt, bis es nur noch wie eine große Dunstwolke sich gegen den Morgenhimmel am Horizont abhob. Ein leises Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Da war er nun in Chikago gewesen und hatte doch nichts gesehen. Nicht einmal gewußt hätte er es, wenn man es ihm nicht gesagt hätte.

Langsam ging er zu seinem Platz zurück.

Er wachte erst aus, als der Zug weit von Chikago durch das Land eilte. Illinois wurde durchrast, auf einer riesenhaften Brücke ging der Zug über den Mississippi und drang in den alten Indianerstaat Iova ein. Der Missouri wurde überschritten und Nebraska angeschnitten. Durch endlose Gegenden rollte der Zug, Meilen auf Meilen durch die Kraft des Dampfes mit jagender Sturmeseile durchmessend, bis er endlich nach einer zweiten Nacht am frühen Morgen Springshill erreichte.

Ein einfaches, fast wie ein Blockhaus aussehendes Stationsgebäude war es, vor dem der Expreßzug, um Wasser einzunehmen, mehrere Minuten halten mußte. Andernfalls wäre die kleine Station niemals zu einem Haltepunkt für den Schnellzug geworden. Soweit man ringsum blicken konnte, dehnte sich nach allen Seiten die endlose Prärie.

Fred Harryson zeigte auf die weiten Grasfelder.

»Hallo, John, da siehst du vor uns die Prärie. Das war einmal der Schauplatz der Heldenkämpfe zwischen den Rothäuten und uns Weißen.«

»Stimmt!« erwiderte John Workmann. »Ich habe immer gewünscht, die Prärie zu sehen. Sie sieht aus wie der Ozean bei New York. So, als ob sie überhaupt keinen Anfang und kein Ende besäße.«

»Es ist fast so, Jonny. Du kannst wochen-, ja du kannst sogar dort nach Westen hinüber monatelang in ihr wandern, bevor du ihre Grenzen erreichst.«

Sie traten beide in die Holzhütte, die sogenannte Station, die einen Warteraum und eine Wohngelegenheit für zwei Eisenbahner enthielt.

»Hallo, Boß!« redete Fred Harryson den einen derselben an, »ist niemand hier von Springfield?«

»No, Sir! Aber in Springshill, im Hotel Wisconsin, könnt ihr wahrscheinlich jemanden von Springfield antreffen. Wollt ihr dort arbeiten?«

»Yes, Sir«, erwiderte Fred Harryson. »Ich hoffe, es gibt was zu tun.«

»Seid ohne Sorge. Das Jahr scheint ein besonders gesegnetes zu werden. Wir werden wahrscheinlich wieder zuwenig Hände haben, um alle Frucht einbringen zu können. Von wo kommt ihr?«

»Von New York, Sir!«

»Ihr habt recht daran getan, daß ihr das Hudsonbabel verlassen habt und hier Arbeit sucht.«

Fred Harryson nickte und wandte sich zum Gehen! Während er aus dem Holzhause auf die Landstraße treten wollte, kamen wie eine wilde Jagd fünf Reiter aus der Prärie gestürmt, Gestalten, wie sie John Workmann noch nicht kannte.

Er erschrak, als die fremden Reiter ihre Revolver abfeuerten, und glaubte nichts weniger, als daß es sich um einen Überfall von Räubern handele.

»Was sind das für Leute, Fred?« fragte er leise.

Fred Harryson, der sein Erschrecken bemerkt hatte, lachte und entgegnete:

»Das sind Cowboys, die hier Halt machen, um einen Whisky zu trinken. Die Burschen sind ewig durstig.«

Große, breitkrempige Hüte trugen die Cowboys auf ihren sonnenverbrannten, scharfgeschnittenen Gesichtern, hatten bunte Hemden an, welche die Brust offen ließen, Lederhosen, welche mit Schafwolle bekleidet waren, und einen Gürtel, in dem drohend mehrere Revolver und Messer steckten. Struppige, große Hunde begleiteten sie und wurden von ihnen mit der Peitsche im Zaume gehalten.

Fred Harryson und John Workmann gingen den von der Station führenden Landweg zu der kleinen Ortschaft Springshill.

Ein Weg von trostloser Beschaffenheit zog sich in der Nähe des Bahndammes entlang.

»Ein schlimmer Weg, Fred«, sagte John Workmann und zeigte auf die einen halben Meter tief ausgefahrenen Spuren.

Ein kleiner Hügel tauchte vor ihnen zur linken Seite auf, und mehrere Rauchwolken, welche zum klaren Himmel aufstiegen, zeigten, daß dort Menschen wohnten.

Fred Harryson deutete auf den Hügel und sagte:

»Dort ist Springshill, die größte Stadt in einem Umkreis von mehreren hundert Meilen.«

»Eine Stadt?« fragte John Workmann verwundert und versuchte irgendwo ein Haus zu entdecken.

»Yes, Jonny, die Häuser liegen auf der anderen Seite des Hügels. Du wirst sie gleich erblicken.«

Zwei Kilometer weiter sah John Workmann tatsächlich drei kleine Holzhäuser auftauchen, zwischen denen der Landweg, vom Eisenbahndamm abzweigend, in die Prärie führte.

John Workmann zeigte auf die Häuser und sagte:

»Hör mal, Fred, du hast dir wohl einen Spaß mit mir gemacht? Das ist doch keine Ortschaft, in die wir hinein können.«

»Doch, mein Junge«, erwiderte Fred Harryson. »Sogar eine große Ortschaft. Du findest hier erstens einen Saloon, in dem sämtliche Prärieläufer und Cowboys ihre Zeit totschlagen. Und zweitens findest du dort einen Storekeeper, bei dem du die beste Stiefelwichse, Magentropfen, Schmieröl für Wagen, Leder und Kleidungsstücke, Frankfurter Würstchen und Hosenknöpfe zusammenfindest. Manchmal auch einen guten Schweizerkäse, und vor allen Dingen Tabak. Alle Monat kannst du dort auch Zeitungen lesen. Das heißt, wenn ich dir einen guten Rat geben darf, lies dort keine Zeitung, denn die Leute würden dich für einen Verbrecher ansehen.«

»Warum?« fragte John Workmann erstaunt, der, sobald man auf Zeitungen zu sprechen kam, interessiert aufhorchte.

»Erstens kann die Hälfte von den Leuten hier überhaupt nicht lesen. Zweitens interessiert es die wenigsten, was außerhalb von Springshill in der Welt passiert. Ja, wenn eine Zeitung von Springshill existierte, die würden sie unbedingt lesen. Aber was in New York und Chikago oder sonstwo los ist, das kümmert hier keinen Menschen. Höchstens einen Verbrecher, der irgendwo etwas ausgefressen hat und sich aus den Zeitungen informieren will, ob man ihm auf der Spur ist, der nimmt sich die Zeitungen vor und liest sie, der Sheriff natürlich auch.«

»Das ist ja trostlos, Fred! Ich werde aber trotzdem die Zeitungen lesen.«

»Dann tue es wenigstens so, daß dich niemand dabei sieht.

Geh irgendwo an einen Platz in der Prärie und lies dort die Dinger. Das Haus dort am Horizont mit dem roten Anstrich ist das Hotel Wisconsin.«

John Workmann lachte:

»Ein Hotel?«

»Jawohl, ein Hotel«, entgegnete Fred Harryson. »Natürlich ist es nicht ein Riesenbau wie in New York und den anderen Großstädten. Die meisten Menschen brauchen hier kein Hotel. Entweder schlafen sie in der Schankstube auf dem Boden oder, wenn gut Wetter ist, legen sie sich mit ihren Wolldecken ins Grasfeld. Ich sage dir, Jonny, auch du wirst noch entdecken, daß es sich im Grasfeld oft viel schöner schläft als im Hotelbett. Ich glaube sogar, daß der Wirt hier außer einer eisernen Feldbettstelle für sich selbst kein zweites Bett im Hause hat.«

»Aber warum nennt er sein Haus denn Hotel?«

»Weil er unten im Hause den Saloon betreibt, in dem er Whisky und Bier ausschenkt. Das darf er nach den Gesetzen nur in Verbindung mit einem Hotel. Übrigens rate ich dir dringend davon ab, Flaschenbier zu trinken. Es ist unter Umständen mehrere Jahre alt. Dagegen kann ich dir Sodawasser und Whisky empfehlen, es ist ein Vorbeugungsmittel gegen das Präriefieber. Komm nun weiter!«

John Workmann stand noch immer schweigend da.

Der ältere Freund schlug ihm auf die Schulter. »Du kannst dich wohl von dem schönen Anblick der Station noch nicht trennen? Ich sage dir, Springshill ist eine Perle der glorreichen Union.«

»Der Ort gefällt mir nicht«, rief John Workmann. »Es ist eine Unverschämtheit von den Leuten hier, die drei wackligen Holzbuden einen Ort zu nennen. Wir wollen machen, daß wir weiterkommen. Du kennst doch den Weg.«

Fred Harryson pfiff durch die Zähne:

»Die Sache ist nicht so einfach, wie du denkst, Jonny. Die Farm, zu der wir wollen, Springfield, liegt noch 150 Meilen von hier nach Süden zu. Das sind fünf Tage strammer Marsch, wenn wir die Sache zu Fuß machen wollen.«

In diesem Augenblick hörten sie hinter sich das Geräusch galoppierender Pferde.

Zu gleicher Zeit wandten sie die Köpfe und sahen in eine Staubwolke gehüllt von der Station herkommend die Cowboys.

»Spring beiseite, John«, rief Harryson, »die Kerle reiten uns über den Haufen!«

Die letzten Worte wurden bereits von dem Knattern der Pferdehufe auf dem trockenen, harten Boden des Prärieweges übertönt.

Hastig sprangen sie beiseite, und dann jagten wie die wilde Jagd, einen lauten Yell (Schrei) als Begrüßung ihnen zurufend, die Cowboys vorüber.

»Stop, Boys!« rief aus der Mitte der Reiter irgend jemand. Die Pferde wurden herumgerissen, so hart, so scharf, daß sie fast in die Knie brachen, und der ganze Haufen hielt dicht vor John Workmann und Fred Harryson.

Jetzt drängte ein Reiter das Pferd zu John Workmann heran und rief:

»Komm einmal näher, mein Junge, ich habe mit dir etwas zu sprechen.«

John Workmann blickte voll Interesse auf den von der Sonne tief gebräunten Mann, dessen blaue Augen klar und furchtlos auf ihn niederschauten. Den mächtigen grauen Filzhut trug er weit im Genick, und im Gegensatz zu seinen Begleitern besaß er einen bis auf die Brust herabfallenden blonden Vollbart.

»Ich wollte mit dir und deinem Freunde ein kurzes Wort reden«, sagte der Mann, »ich bin der Sheriff von Endicott und auf der Streife durch den Staat nach einem Farmräuber. Ich will euch den Burschen beschreiben, vielleicht habt ihr mehr Glück und könnt euch die Prämie von 2000 Dollar auf seinen Kopf verdienen. Der Bursche streift seit einigen Tagen hier herum und soll gestern in der Nähe von Manituba Farm ein neues Verbrechen ausgeführt haben. Er ist ungefähr 22 Jahre alt, einen Kopf größer als ihr, bartloses Gesicht und besitzt eine Narbe unter dem rechten Auge, die sich über die rechte Gesichtshälfte hinüberzieht. Daran könnt ihr ihn sicher erkennen. Es ist gleichgültig, ob ihr ihn lebend oder tot einliefert. Die Belohnung wird euch in jedem Fall ausgezahlt. Good bye!«

Ein Wink von seiner Hand zu den abseits wartenden Cowboys, einige gellende Zurufe, und in wenigen Sekunden waren sie, den Ort Springshill durchreitend, in der Prärie verschwunden.

»Die Gegend wird immer schöner«, rief John Workmann Fred Harryson zu, »es gibt also tatsächlich noch Räuber hier im Westen.«

»So sicher wie in den Straßen von New York sind wir hier nicht, mein Junge«, erwiderte Fred Harryson, »und ich bin deshalb ganz zufrieden, daß wir zu zweit den Weg durch die Prärie machen.«

Nach diesen Worten setzten sich beide in Bewegung. John Workmann fragte:

»Hör mal, Fred, du sagtest, daß wir nach Springsfield Farm fahren können. Geht dorthin eine Eisenbahn?«

»So etwas Ähnliches, mein Junge. Du wirst bei Springshill sehen, daß bis dicht an die Bahn heran eine schmalspurige Feldbahn von der Farm läuft. Mittels Motorlokomotive, welche die mit Getreide oder Feldfrüchten beladenen Loren zieht, schafft die große Farm ihre Riesenernten zur Bahn. Anders wäre es unmöglich, auch nur den vierten Teil zu bewältigen. Du wirst sehen, wie selbst auf der Farm nach allen Richtungen hin die Feldbahn gelegt ist, um bei der meilenweiten Ausdehnung den Boden ausnützen zu können.«

»Ich habe mir das ganz anders gedacht. Ich habe geglaubt, daß die Farmer mit ihren Leuten und mit Vieh und Wagen die Felder bestellen. Noch niemals hörte ich, daß es Farmen gibt, die vermittels einer Schienenbahn bewirtschaftet werden.«

»Die kleinen Heu- und Gemüsefarmer bei New York können wohl mit ihren eigenen Kräften und einigen Arbeitern ihre Farm bewirtschaften, John, aber hier im Westen findest du nur Riesenfarmen, die oft größer sind als ein kleines Fürstentum in Europa. Du wirst dich wundern, wenn du alle Maschinen siehst, welche die Menschen erfunden haben, um diese ungeheuren Flächen nutzbar zu machen. Doch davon später. Jetzt stehst du vor der Stadt Springshill, vor ihr, die nur drei Häuser besitzt, in denen du alles erhältst, was du irgendwie in der Prärie gebrauchen kannst.«

»Es sind tatsächlich nur drei Häuser! Bis jetzt glaubte ich noch, daß du dir einen Spaß mit mir machen wolltest.«

»Nein, mein Junge! Du siehst hier dicht vor dir das rote Haus mit der Inschrift: European Hotel, Nebrasca's greatest tenement (Nebraskas größtes Haus).«

John Workmann lachte hellauf. Im Geiste verglich er dieses einstöckige, kleine Haus mit den Riesenbauten der Hotels zu New York, deren oberste Stockwerke, vom zwanzigsten aufwärts, sich in den Himmel zu verlieren schienen. Dagegen sah das hier wie ein Spielzeug aus einem Broadway-Laden aus.

Deutlich konnte John Workmann im oberen Stockwerk des aus Holz gebauten Hauses drei kleine Logierzimmer sehen, während das ganze untere Geschoß von dem Barraum, der Küche und einigen Nebengelassen eingenommen wurde.

Der Barraum war der Ausschank des Hotels, und an den Holzpfählen, welche an der Straße mit einem kleinen Bretterdach darüber errichtet waren, banden Cowboys und sonstige Berittene ihre Pferde an. – Weniger für die Tiere als für die Menschen waren an den Pfählen große Tafeln angeschlagen, auf denen zu lesen war:

Lagerbeer, Brandy und vor allen Dingen: Old Whisky. An den Pfählen waren einige Pferde angebunden.

»Es ist nicht so ganz vornehm wie das Waldorf-Astoria-Hotel, John. Dafür liegt dort noch eine zweite Gastwirtschaft, welche du in gleicher Qualität auch nicht in New York finden wirst«, sagte Fred Harryson. Jetzt lachte John Workmann laut auf:

Dieses zweite Gebäude, ja, war das überhaupt ein Gebäude? Das schien eher ein Stall für Kühe! Aber nein, für Kühe war es noch nicht groß genug, ein Verschlag für Schweine oder dergleichen. Baufällig hing das Ganze windschief nach der rechten Seite, als ob es im nächsten Moment einen Haufen Bretter bilden wollte. Aber auf einer großen Tafel, welche sich über das Dach hinzog, war mit Riesenbuchstaben zu lesen: Nebrasca's first Saloon, und an einem hohen Mast flatterte eine schmutzige, sturmzerfetzte amerikanische Flagge.

»Du hast recht, Fred«, sagte John Workmann, »eine derartig gewöhnliche Schnapskneipe findest du in ganz New York nicht.«

Und wieder lachte er laut auf.

Seine Augen lasen auf einem anderen Riesenschild den stolzen Namen: Warenhaus.

Das war das dritte und letzte Haus des Ortes.

Hier wohnte ein shop-keeper, ein Händler, der in seinem Laden alles hatte, was man sich in dieser Gegend nur denken konnte.

Drogen und Nahrungsmittel, Schuhwichse und Nägel, Seile, Zahnbürsten und Haaröl, schwere Messer, Revolver und allerlei Eisengeräte, Tabak und Kleidungsstücke, und vor allen Dingen wieder Whisky von allen Arten und Sorten. Dieser Laden gefiel John Workmann noch am besten. Er erinnerte sich an die Läden in Hoboken, wo für die Ozeanfahrer, für das Seevolk allerlei ähnliche Dinge in ein und demselben Laden zu kaufen waren.

Jetzt schlug John Workmann seinem Freund auf die Schulter und sagte:

»Hör mal, Fred, wie weit liegt nun noch die Springfield Farm von hier aus?«

»Ich sagte schon, 150 Meilen, Jonny. Fünf Tage strammer Marsch, wenn wir nicht eine Fahrgelegenheit finden.«

»Ich verzichte«, erwiderte John Workmann mit nachdenklichem Gesicht. »Ich bin überhaupt kein Freund von Zeitverlusten. Ich bin in die Welt gegangen, um vorwärtszukommen und Geld zu verdienen. Ich hätte lieber in die nächste größere Stadt fahren sollen.«

»Möglich«, meinte Fred Harryson. »Aber glaubst du wirklich, die Menschen warten in den Städten bloß auf dich, damit du Geld verdienen kannst?«

»Das ja gerade nicht, Fred, aber es bietet sich einem da hundertfach Gelegenheit dazu, und sei es als Fensterputzer oder Tellerreiniger.«

»Um Fensterputzer oder Tellerreiniger zu werden, hättest du auch in New York bleiben können.«

»Ich meine nur so, weil ich schon seit vier Tagen keinen einzigen Cent mehr verdient habe.«

Jetzt lachte Fred Harryson:

»Die Welt wird tausend Jahre alt, ehe du mit deinen Cents auf diese Weise Millionär wirst.«

»Darin gebe ich dir recht. Statt der Cents möchte ich lieber Dollars verdienen.«

»Das wirst du ja. Du bekommst auf der Farm, wo jetzt während der Ernte jede Hand willkommen ist, pro Tag anderthalb Dollar. Außerdem Essen und Trinken. Zum Schlafen suchen wir uns in den trockenen Heuscheunen einen molligen Winkel. Alles Geld, das wir verdienen, ist unsere Ersparnis. Ich habe im vorigen Jahr so viel von hier mit nach New York genommen, daß ich davon im Winter mein Leben und meine Studien bezahlen konnte. Sei zufrieden und laß uns in das European-Hotel gehen. Dort hoffe ich Nachricht über die Beförderung nach Manituba Farm zu erhalten.«

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