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John Workmann der Zeitungsboy

Hans Dominik: John Workmann der Zeitungsboy - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann der Zeitungsboy
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid8be3f044
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12. Kapitel

»Guten Morgen, Mister Berns«, sagte John Workmann am nächsten Tage zu dem Redakteur, als er in dessen Büro trat.

Freundlich begrüßte ihn Mister Berns und bot ihm einen Stuhl an.

Dann fragte er, was John Workmann von ihm wünsche.

»Ich bringe Ihnen einen guten Artikel, Mister Berns, und wollte Sie bitten, einige Fotografien dazu machen zu lassen Ich möchte nämlich, daß es ein recht langer Artikel wird, da ich das Geld für meinen Klub brauche.«

Mister Berns lächelte:

»Für deinen Klub? Bist du zur Börse oder zum Theater gegangen?«

»Beides nicht, Mister Berns, aber ich bin der Präsident des Klubs der New Yorker Zeitungsjungen.«

»Alle Wetter – das ist ja großartig. – Seit wann habt ihr denn den Klub – ich hörte noch nichts von ihm.«

»Seit gestern abend.«

»Also ein ganz neuer.«

»Funkelnagelneu.«

»Und du bist der Präsident?«

John Workmann nickte.

»Habt ihr denn auch ein Klublokal?«

»Ein ganzes Haus.«

»Wie?« – Der Redakteur glaubte nicht recht gehört zu haben.

»Ein ganzes Haus«, wiederholte John Workmann mit ernster Miene.

»Ja – aber – wer gab euch das Geld?«

»Zum Teil ich – zum Teil die Jungen.«

Mister Berns nahm ein Blatt Papier und begann das Gespräch, welches sich ganz von selbst zu einem Interview gestaltete, zu stenografieren. –

»Darf ich fragen, zu welchem Zweck?«

»Well – wir brauchen doch endlich ein Dach über dem Kopf. Auf den Parkbänken schläft es sich nicht besonders gut. Man kann sich da leicht eine Krankheit holen, und man muß gesund sein, um Geld zu verdienen.«

»Das muß man allerdings. Aber habt ihr auch Betten?«

»Erstklassig, wie die Millionäre – und eine Küche haben wir auch.«

»Wer kocht denn von euch?«

»Niemand. – Das besorgt meine Mutter.«

»Und was habt ihr zu zahlen?«

»Das will ich Ihnen vorrechnen. – Jeder Junge zahlt pro Tag 5 Cent, und wer schlafen will, zahlt 5 Cent extra. – Dadurch erhalten wir im Monat so viel Dollars, daß wir die nötigsten Ausgaben vorläufig bezahlen können. – Aber uns fehlt noch viel und deshalb komme ich mit dem Artikel über unseren Klub zu Ihnen, um das Honorar in die Klubkasse zu geben.«

»Du bist ein famoser Junge. – Alle Wetter! Während unsere Millionäre nicht wissen, was sie alles für unsinnige Wohltätigkeitssachen gründen sollen, machst du ihnen mit geringen Geldmitteln die schärfste Konkurrenz und beschämst sie. – John, meine größte Hochachtung.«

»Es freut mich, daß Ihnen mein Plan gefällt. Jetzt haben die armen Jungens doch ein Heim und liegen nicht auf der Straße in Wind und Wetter. – Sie müßten mal sehen, wie elend die meisten leben, weil sie nicht die teuren Preise für ein anständiges Nachtlager ausgeben können.«

»Ich weiß es, John. – Vielleicht weißt du aber gar nicht, welche segensvolle Tat du ausgeführt hast. Junge, ich laß' dich oben im Atelier sofort fotografieren. – Die Menschen müssen dich kennenlernen. – Und einen Artikel will ich dir schreiben, daß die Leute staunen sollen.« –

»Ja – aber – ich möchte doch gerne das Geld für den Klub haben. Wenn Sie nun schreiben, dann –«

»Beruhige dich, John«, unterbrach ihn Mister Berns, »ich erhebe keinen Anspruch auf das Honorar und will meinen Anteil gern an dich für den Klub abtreten. – Und jetzt gehe zu unserem Fotografen, er soll sich fertigmachen, um mit mir zu deinem Klub zu gehen und dort Bilder aufzunehmen.« –

Nach knappen zehn Minuten jagten sie in einem Auto zum Klubhaus. – Mister Berns wollte den Artikel noch in die Mittagsausgabe bringen.

Es traf sich gut, daß eine Anzahl Jungen im Klub anwesend waren. –

Mister Berns staunte, als er die sauberen, freundlichen, hübsch eingerichteten Zimmer sah.

Das übertraf bei weitem alle seine Erwartungen.

Er ließ die anwesenden Jungen in den verschiedenen Räumen fotografieren, schrieb die Hausregeln ab, prüfte das hergestellte Mittagmahl. –

Als letztes betrachtete er den bunten Farbendruck des toten Eisenbahnkönigs Harriman über dem Kamin und las die Unterschrift:

»Zur Erinnerung an unseren toten
Charly Beckers!«

Und Mister Berns verstand, was weder John Workmann noch die anderen Jungens wegen ihrer Jugend verstehen konnten. –

Das Bild des Toten auf dem Ehrenplatz über dem Kamin war dort zu Recht angebracht.

Der kleine Charly Beckers hatte sterben müssen, um durch seinen Tod ein Segen für viele seiner Kameraden zu werden.

Er war der stille Urheber und ihm gebührte der Ehrenplatz.

»Ich werde euch für das Bild einen schönen Rahmen schenken«, sagte Mister Berns, als er das Klubhaus verlassen wollte, und legte fünf Dollar auf den Klubtisch. –

Dann eilte er zur Redaktion zurück und begann fieberhaft zu arbeiten.

Als die große Mittagsausgabe erschien, war die volle erste Seite mit einem Artikel und Bildern über den Klub der Zeitungsjungen gefüllt, und mit hellem Jubel riefen die Jungen die Zeitungen mit der Überschrift des Artikels aus:

»John Workmann, der Präsident des Klubs der Zeitungsjungen!« –

John Workmann aber war mit dem ersten Blatt nach Hause geeilt.

Mit Glückstränen betrachtete die Mutter bald das Blatt, bald ihren Jungen. –

Aber er hatte nicht viel Zeit. – Er rief ein fröhliches »auf Wiedersehen!« und lief, seine Zeitungen zu verkaufen.

An diesem Tage war es wie in einem Märchen.

Männer und Frauen, welche er noch nie gesehen, hielten ihn an, drückten ihm die Hände oder streichelten seine Locken. –

Wohl unzähligemal hörte er seinen Namen und Rufe, wie »braver Junge«.

In die Taschen steckte man ihm Geld und Süßigkeiten.

Er besaß nicht soviel Zeitungen, wie man von ihm kaufen wollte. –

Immer wieder aber holte er neue Stöße von der Office und im Nu waren sie verkauft. –

Das Schönste aber geschah ihm in einem Hochbahnzug.

Da saß eine vornehme Dame mit einem kleinen sechsjährigen herzigen Mädchen, und als er durch den Wagen zurückging, um ihn zu verlassen, trat das kleine Mädchen auf ihn zu und sagte:

»Du, hier schenkt dir Mama einen Scheck für die armen Jungens und ich soll dir als Belohnung einen Kuß geben.« –

Unter dem lauten Jubel der Passagiere schlang das kleine Mädchen die Arme um John Workmanns Hals und küßte ihn, daß er purpurrot wurde. –

Als er in das Klubhaus zurückkehrte, hielten vor der Tür eine lange Reihe von Wagen und Autos. – Hunderte von Menschen umdrängten es, und John Workmann hatte Mühe, in das Haus zu gelangen. –

Die Mutter stand von einer dichten Schar von fremden Besuchern umgeben und wußte nicht, was sie auf all die vielen Fragen antworten sollte. – Und in einem fort kamen Boten mit allerlei Geschenken – es war, als ob ein unerschöpfliches Füllhorn über John Workmann ausgeschüttet würde.

Nützliche und überflüssige Dinge füllten jeden Platz an. – Da standen Möbel und Kisten, Betten, Teppiche, Decken, Bücher, Kleidungsstücke – ja selbst zwei Klaviere, und soeben kamen Arbeiter und wünschten ein Billard aufzustellen. Eine Wagenladung von Briefen und Blumen war auf dem großen Klubtisch, und um ihn drängten sich Kopf an Kopf die Besucher, wie bei einem Empfang des Präsidenten in Washington.

Fast verzweifelt und gleichsam kopflos stand die Mutter in dem Strudel der Ereignisse. –

Sie wußte nicht mehr, was sie beginnen sollte. Alle die fremden Leute sagten ihr Lobpreisungen auf ihren John und wollten ihn durchaus sehen. –

Endlich entdeckten ihn ihre Augen, und wie eine Hilfesuchende rief sie laut und ängstlich:

»John – John – komm zu mir –!«

Jeder machte ihm sofort Platz, und durch ein dichtes Spalier vermochte er sie endlich zu erreichen. –

Sie schmiegte sich an ihren Jungen, und in tiefem Schweigen verharrten die Anwesenden, als er seine Mutter küßte.

Dann aber klang seine helle und doch so warme Stimme:

»Hier sieht es ja wie in einem Warenhaus aus. Was soll das alles bedeuten?«

Da trat ein älterer Herr, der dicht bei ihm stand, nach amerikanischer Sitte vor und antwortete John Workmann.

»Sir«, begann er, »oder besser gesagt, Präsident des Klubs der Zeitungsjungen, Mister Workmann. Sie sehen uns hier versammelt, um Ihnen unsere Hochachtung für Ihre bewundernswerte Tat auszusprechen und Sie in Ihrem Wohlwollen mit Tat und Kraft praktisch zu unterstützen. Tausende unserer Mitbürger sind auf demselben Kampfplatz, auf dem Sie und Ihre Kameraden heute stehen, groß geworden, und wenn mich nicht alles täuscht, sind es diese ehemaligen Zeitungsjungen, die Ihnen Geschenke aller Art zusenden. –

»Ich selbst – heute Besitzer eines bekannten Eisenwerkes – war einst ein Zeitungsjunge und kenne die grausam harten Entbehrungen, unter denen wir zu leiden hatten.

Das hat sich nun geändert. –

Ihnen war es vorbehalten, das durchzuführen, wonach wir uns stets sehnten und was wir nicht zu erreichen wußten:

Ein Heim für die armen, elternlosen Zeitungsjungen, einen Schutz gegen Hunger und Kälte, einen Hort gegen das Laster. –

Und nun wende ich mich an die verehrten edlen ersten Gäste dieser Burg und bitte Sie, mit mir in drei Hochs für den ersten Präsidenten des Klubs der Zeitungsjungen, für den hochehrenhaften John Workmann einzustimmen.«

Brausende Cheers klangen durch den Raum, und wohin auch John Workmann blickte, überall strahlten ihm leuchtende, frohe Menschenaugen entgegen.

Und diese glückfreuenden Augen gaben ihm jetzt erst die Erkenntnis, daß er tatsächlich etwas Außergewöhnliches getan hatte.

Dutzende von Händen streckten sich ihm entgegen und keine Hand war leer. Schecks und Banknoten, Gold und Silber legte man in seine Hand, und da er nicht wußte, wo er damit bleiben sollte, so mußte die Mutter ihre Hausschürze aufhalten und er warf es alles hinein.

Endlich hatte ihm der letzte Besucher die Hand gereicht, und nun hob der alte Herr, der die Rede gehalten, ihn auf einen Stuhl, zum Zeichen, daß er ihnen einige Worte sagen solle.

John Workmann verstand den Hinweis; einige Sekunden blickte er sinnend auf die fremden Menschen, kein Laut war hörbar, jedes Gespräch verstummte, als John Workmann seine Dankesrede begann und sagte:

»Ladys und Gentlemen!

Sie sind in unseren Klub gekommen, um mir zu danken.

Ich glaube aber, daß der Dank einem toten Kameraden gebührt. So stand es heute in meiner Zeitung, die ich verkaufe, und der Mann, der das schrieb, hat recht.

Als ich den kleinen Charly Beckers in seiner schlechten Stallwohnung sterben sah, da mußte ich darüber nachdenken, ob in Zukunft so etwas zu ändern wäre.

Der brachte mich auf die Idee, und die Liebe zu meiner Mutter, für welche ich zu sorgen habe, gab mir Kraft zur Ausführung.

Ich danke Ihnen, daß Sie mir dabei helfen, und auch die Jungen, welche nicht alle hier sind, danken Ihnen. –

Und nun –« er wandte sich an die hinter ihm stehenden Jungen – »gebt unseren Gästen ein dreimaliges Hurra.«

Wie auf Kommando schmetterte ein frisches Hurra aus den Kehlen der Jungen, nicht drei-, sondern wohl ein dutzendmal. –

Sie mußten der in ihnen zurückgehaltenen Freude einen jubelnden Ausdruck geben, und plötzlich – John Workmann wußte nicht, woher und von wem – hielt er eine große aufgerollte amerikanische Flagge in den Händen und irgend jemand stimmte die Nationalhymne an.

Hell fielen die Knabenstimmen ein und tief ergriffen lauschten die Gäste.

Dann nahmen sie Abschied.

Als endlich Ruhe eingetreten war, machten sich die Jungen an das Ordnen. –

Zuerst wurden die Briefe geöffnet.

Geld und Bankanweisungen in jedem Umschlag.

Stundenlang mußten die Jungen zählen und rechnen, und als sie das Gesamtresultat in der Nacht besaßen, da starrten sie sich mit ungläubigen Mienen an.

Das war wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Ein Vermögen lag vor ihnen auf dem Klubtisch – ein großes Vermögen – wie es nur die Amerikaner in ihrem Wohltätigkeitssinn so schnell und praktisch geben konnten.

Über 80 000 Dollar! –

Mancher Scheck lautete über Tausende, und die ersten Millionäre hatten ihre Namen auf den Bankanweisungen. –

Ein Scheck aber entlockte den Jungen ein neues Hurra.

Eine Bankanweisung von Mister Bennett auf 2 000 Dollar und ein Brief, in welchem er versprach, alle Jahre für alle Zeitungsjungen ein Weihnachtsessen zu geben. –

Keiner der Jungen dachte in dieser Nacht an Schlaf. –

Wie Kinder, zu denen der Weihnachtsmann gekommen war, saßen sie bei den Geschenken und wußten nicht, was sie mit all den Dingen anfangen sollten.

Umsonst ermahnte sie Johns Mutter, sich zur Ruhe zu legen.

Heute sprach sie in taube Ohren, und selbst John Workmann saß mit freudegeröteten Wangen unter ihnen und lachte sie so glücklich an, daß sie ihm nicht zürnen konnte.

Endlich gegen Morgen fielen doch den Tapfersten die Augen zu. –

Einer nach dem andern schlief auf dem Stuhl, wo er gerade saß, ein oder legte sich auf den Fußboden.

Nur John Workmann wachte noch. – Ernst blickte er auf seine schlafenden Kameraden und ließ noch einmal all die Ereignisse vorüberziehen. – Sein Plan war geglückt. – Für seine Mutter und die Jungen war gesorgt. – Nun konnte er, aller Sorgen ledig, in die Welt ziehen, um etwas zu werden. Jetzt hatte er sein Recht dazu erworben. –

Und vor sich sah er sich selbst als erwachsener Mann, wie er vielen Tausenden Brot durch seine Arbeit gab.

Das sollte sein Ziel sein. –

So schlief er ein und sank mit der Flagge, die er immer noch im Arm hielt, auf den Boden. – – –

Gleich einem schützenden mütterlichen Gewande schmiegten sich ihre weichen Falten um John Workmann, den Zeitungsjungen.

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