Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Dominik >

John Workmann der Zeitungsboy

Hans Dominik: John Workmann der Zeitungsboy - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleJohn Workmann der Zeitungsboy
publisherHoch-Verlag GmbH
printrun11.-15. Tausend
year1952
firstpub1921
illustratorWilhelm Kelter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151008
projectid8be3f044
Schließen

Navigation:

10. Kapitel

»Weißt du, Mutter«, sagte John Workmann am nächsten Tage, »ich habe eine große Sache vor, bei welcher du mir helfen mußt. Ich glaube, sie wird mich in die Lage setzen, für deine ganze Lebenszeit eine gute Unterkunft zu schaffen.«

Seine Mutter, die ihm gegenüber am Abendbrottisch saß, legte erschrocken ihr Messer auf den Teller. Sie kannte ihren John, und so hörte sie aus seinen Worten mehr heraus, als sie anscheinend besagten.

»Was willst du?« fragte sie in langsamem Tone. »Du willst mir für Lebenszeit ein Unterkommen schaffen? Das klingt ja gerade, als ob du dich von mir trennen willst!«

John Workmann vermochte nicht gleich zu antworten.

Er wußte, daß er seiner Mutter einen großen Schmerz bereitete, wenn er ihr das sagte, was er vorhatte.

Trotzdem war es nicht seine Art, auf Umwegen vorwärts zu gehen, und nachdem er einige Male tief Atem geschöpft, blickte er ihr fest in die Augen, ergriff ihre auf dem Tische liegende Hand, streichelte sie und sagte:

»Sieh mal, Mutter, du siehst wohl zu schwarz.«

»Nein, nein«, antwortete sie. »Das, was du jetzt sagst, hat dein Vater auch immer gesagt. Und ich sah niemals zu schwarz, sondern leider stets zu rosig.«

»Wirklich«, versuchte John Workmann sie zu beruhigen, »du mußt nichts Böses von mir denken.

Sieh mal, Mutter, du weißt, daß ich seit Vaters Tode nur immer darüber nachsinne, wie ich für dich Geld verdiene. Und ich danke dem lieben Gott, daß er es mir ermöglicht, für dich zu verdienen. Ich bin nun in den Jahren und werde von vielen Menschen schon mit ›Sir‹ angeredet. Ich kann doch nicht immer auf dem Broadway stehen und Zeitungen verkaufen.«

»Du hast ganz recht, lieber John, aber soviel ich verstehe, hast du gar nicht nötig, weiter Zeitungen zu verkaufen. Du kannst doch, falls du Mister Bennett nur ein einziges Wort sagst, sofort gegen guten Wochenlohn bei ihm im Betriebe als Arbeiter eingestellt werden.

Tausende schätzten sich glücklich, wenn sie solche Stellung erhielten bei Mister Bennett!«

Ein ernster und herber Ausdruck legte sich um John Workmanns Lippen, als er antwortete:

»Verzeih mir, Mutter, aber was du da sagst, klingt für Tausende von Menschen verständlich, aber nicht für mich.

Sieh mal, ich könnte ja morgen eine Stellung mit zwanzig Dollar oder mehr bei Mister Bennett antreten, aber dann wäre ich, soviel ich schon vom Leben gesehen habe, ein für allemal fertig.

Ich würde tagtäglich von morgens bis abends meine stets wiederholte Arbeit vollenden und, glaube mir, wenn man dann müde von seinem Arbeitsplatz nach Hause kommt, hat man kein Interesse mehr für irgend etwas anderes als für ein behagliches Zimmer, ein gutes Essen und ein gutes Bett.«

Die Mutter schlug die Hände zusammen:

»John, John, du versündigst dich. Ist das nicht etwa genug, was du da sagst. Beten nicht Tausende von Menschen zum lieben Gott, daß er ihnen ein behagliches Heim, ein warmes Bett und ein gutes Essen gibt?

Du kennst doch die hungernden Männer, welche sich um die Küchenwagen Mister Bennetts jede Nacht drängen. Was glaubst du, wie glücklich die sein würden, wenn sie das hätten, was du eben sagtest.«

»Gewiß«, antwortete John Workmann, »aber du mußt nicht vergessen, daß es Unterschiede unter uns Menschen gibt. Ich kann doch nicht deswegen, weil sich Tausende nach einem warmen Essen und behaglichen Heim sehnen und es nicht haben, mich nun glücklich schätzen, daß ich es besitze.

Es kommt immer darauf an, Mutter, was man als das höchste Glück in der Welt ansieht. Für mich ist ein behagliches Heim zur Zeit nicht das Höchste, sondern nur für dich!

Und das nur aus dem Grunde, damit ich den Weg vorwärtsgehen kann, den ich mir vorgeschrieben habe.

Ich eigne mich nicht zum einfachen Arbeiter. Ich kann es nicht, stundenlang an einer Maschine stehen und im Laufe eines Tages, einer Woche oder eines Monats dieselbe Tätigkeit tausendmal wiederholen.

Solche Beschäftigung können nur Leute ausüben, welche kein weiteres Interesse in sich fühlen. Und diese Leute, diese einfachem Arbeiter, sind in ihrer Art mit ihrer Beschäftigung vollkommen zufrieden in dem Leben, weil sie eben auf ihrem Arbeitsplatz den höchsten Grad ihres Könnens erreicht haben.

Verstehst du mich, Mutter, was ich damit meinte?«

Die Frau nickte.

»Ja, ja, das verstehe ich schon, John, aber was willst du denn werden?«

Da lächelte John Workmann mit knabenhaftem und doch siegesbewußtem Lächeln seine Mutter an und sagte:

»Das, was Mister Bennett ist.« –

Mehrere Minuten erwiderte die Mutter gar nichts.

Endlich atmete sie tief auf, so, als ob sie nicht genügend Luft bekäme, als ob eine schwere Last ihre Brust bedrücke und sie am freien Atmen hindere.

»John, ich sehe keinen guten Weg für dich. Ich glaube, du bist zu sehr wie dein Vater und wirst in deinen Phantasien ein unglücklicher Mensch werden.«

»Nun, Mutter«, sagte John Workmann, »dann habe ich es mit mir selbst auszumachen. Ich denke aber, es wäre besser, wenn du dich mit mir über meine Zukunftspläne freutest.«

»Wie kann ich das, John? Wenn du mir ein Ziel nennst, das du vorhast und welches so hoch über dir steht, daß ich deinen Wunsch nicht verstehen kann.«

»Bin ich etwa der erste Zeitungsjunge, der es in Amerika zu einem großen Manne gebracht hätte?«

»Das nicht, das nicht, John.«

»Also dann widersprich nicht eher meinen Absichten, als du sie von mir unausgeführt erkennst.

Nun höre einmal zu, Mutter. Ich glaube, ich habe einen Plan, der für dich von größtem Werte wäre.

Sieh mal, ich habe von Mister Bennett fünfzig Dollar bekommen. Ich kann fast sagen, es ist unverdientes Geld. Denn daß ich mit den Berichterstattern die Seefahrt zu dem Wrack der ›Republic‹ gemacht habe, das war für mich keine Arbeit, sondern eine Lehre.

Ich erkannte daraus einen Teil des Wohlwollens von Mister Bennett, und er ist mir für meine Zukunft, falls ich ihn einmal brauchen sollte, nicht fremd.«

»Ja, ja«, sagte die Mutter, »warum willst du denn nicht als Berichterstatter bei Mister Bennett dein Brot verdienen?«

John Workmann lächelte. »Glaubst du wirklich, ein Berichterstatter könnte seine Arbeit ebenso tun wie irgendein gelernter Arbeiter?

Nein, Mutter, ein Berichterstatter muß ungeheuer viel wissen und reisen, und je mehr er die Welt kennenlernt, um so besser erfüllt er seinen Beruf als Journalist.

Sieh mal, Mutter, zu einem solchen habe ich allerdings die Absicht, mich auszubilden. Aber da nutzt mir nicht New York. Da kann mir nur die weite Welt helfen.«

»Aber, Junge«, erwiderte die Mutter, »so lies doch nur die Zeitung. Die Hälfte der Zeitung ist doch nur ausgefüllt von dem, was in New York passiert.«

»Da hast du recht, Mutter, aber für diese Hälfte, die da mit Berichten aus New York ausgefüllt ist, sind auch schon an hundert Berichterstatter für Mister Bennett tätig und –« er machte eine nachdenkliche Pause, bevor er weitersprach:

»Sieh mal, Mutter, diese Berichterstatter, welche die Nachrichten für New York in die Zeitungen bringen, heißen Reporter und werden am schlechtesten bezahlt. Sie verdienen oftmals viel weniger als ein Arbeiter in dem Maschinensaal.

Nein, Mutter, ich will kein Reporter werden, sondern ein tatsächlicher Berichterstatter, oder besser gesagt, ein Journalist.«

»Was ist denn ein Journalist? Ich habe das noch nie gehört.«

»Das glaube ich, Mutter. Ich werde es dir erklären.

Ein Journalist ist derjenige Mitarbeiter einer Zeitung, welcher aus fremden Ländern Berichte schreibt über Politik, Kunst, Wirtschaft oder bedeutsame Ereignisse. Ein Journalist, Mutter, muß fähig sein, bei schwierigen Verbrechen das, was die Polizei nicht finden kann, zu erfahren.

Ein Journalist, Mutter, wie mir Mister Bennett es erklärte, muß stets für das Beste und für das Recht in der Welt kämpfen. Und um zu verstehen, was das Beste und Richtige ist, muß er reisen.

Nur dort in der Ferne, in fremden Ländern, unter Menschen, vermag er das zu lernen, was er für seinen Beruf nötig hat.«

»Das ist mir alles zu hoch«, erwiderte seine Mutter. »Ich erkenne nur aus deinen Worten, daß du nicht mehr bei mir bleiben, sondern fortwillst. –

Denkst du denn auch daran, daß du, wenn du nicht mehr bei mir bist, niemand hast, der dir deine Strümpfe und Hemden wäscht und deine Anzüge in Ordnung hält?«

»Ja, ja, Mutter, das habe ich schon bedacht. Aber da muß ich eben lernen, mir selbst zu helfen. Oder glaubst du, ich könnte nicht meine Strümpfe auswaschen?«

»John, aber – aber – es will mir gar nicht in den Kopf, daß wir uns trennen. Sieh mal, John, dann habe ich niemand mehr in der Welt.«

»Aber, Mütterchen!« John Workmann streichelte wieder die schmale Hand seiner Mutter. »Du siehst wirklich zu schwarz! Du kannst mir ja Briefe senden und ich werde auch viel an dich schreiben und, falls ich gut verdiene, werde ich dir Geld schicken. Und sollte dir irgend etwas geschehen, so komme ich mit dem nächsten Zug oder mit dem nächsten Dampfer zu dir.«

»Und was soll ich in der ganzen Zeit machen, bis du einmal wiederkommst?«

Ein leuchtender Glanz trat in John Workmanns Augen.

»Wenn ich wiederkomme, Mutter, dann komme ich mit einem Auto, und alle Leute werden zusammenlaufen, wenn ich vor deinem Hause anhalte. – – Und auf den Banken wird viel Geld von mir liegen, und alle Menschen werden wissen, daß ich John Workmann bin.«

»Junge, Junge!«

»Ja, Mutter, paß auf. Ich habe das Gefühl, daß ich das kann. Meine größte Sorge war nur, wo ich dich unterbringe. Und das, glaube ich, wird durch meinen neuen Plan so gelingen, wie ich es mir nur wünschen kann.

Mit den fünfzig Dollar, die ich von Mister Bennett erhielt, werde ich mir eine große Wohnung mieten und in der Wohnung wirst du dein behagliches Zimmer und deine Küche haben und hast dich um nichts zu kümmern, als nur, daß Ordnung und Ruhe in der Wohnung herrscht.«

Die Frau schüttelte ihren Kopf, sie verstand ihren Sohn nicht mehr.

»Was soll ich denn mit einer großen Wohnung! Und warum soll ich darin nur ein Zimmer bewohnen? Und wer soll denn die Miete für den zweiten Monat bezahlen? Die fünfzig Dollar von Mister Bennett reichen nicht weit.«

Da lachte John Workmann wieder sein siegesgewisses Lachen.

»Mütterchen, fünfzig Dollar für eine geschickte Sache angelegt, können ein Vermögen bedeuten. Und, glaube mir, was ich vorhabe mit den fünfzig Dollar, das wird für dich eine Existenz für das ganze Leben. Und für Hunderte meiner Kameraden ein großer Segen.«

Immer verwunderter wurde die Mutter.

»Für deine Kameraden? – – Ja, was haben denn die Zeitungsjungen, deine Kameraden, mit den fünfzig Dollar und der Wohnung und meiner Existenz zu tun?«

»Das wirst du schon sehen, Mutter. Morgen abend bereits werde ich dir alles mitteilen können, was ich unternommen habe. Und du wirst sehen, daß ich mich nicht getäuscht habe, daß mir mein inneres Gefühl den richtigen Weg gezeigt. Der Plan ist gut, den ich vorhabe.«

Vergebens bemühte sich die Mutter, mit John Workmann an diesem Abend noch ein weiteres Gespräch über seinen seltsamen Plan zu führen. – –

Er hatte Papier, Tinte und Feder vorgenommen, und seine Mutter sah nur, daß er allerlei Berechnungen aufstellte.

Als sie zu Bette ging, saß er immer noch und rechnete.

Sie wagte es nicht, wie sonst es ihre Art war, ihm gute Nacht zu sagen. Und er achtete auch nicht darauf, daß seine Mutter kopfschüttelnd und mit traurigem Gesicht das Zimmer verließ.

Als sie in ihrem Zimmer war, faltete sie die Hände und betete:

»Lieber Gott, laß meinen Jungen nicht untergehen. Führe ihn den Weg, den du für richtig erachtet hast.«

Und das kurze Gebet gab ihr endlich etwas Frieden. Aber das wehe Gefühl, das in ihrem Herzen aufgewacht war, wurde sie nicht los.

Das war ihr Junge nicht mehr – ihr Knabe – nein! Der hatte plötzlich die Knabenschuhe ausgezogen und stand als ein Fremder vor ihr.

Am nächsten Morgen beeilte sich John Workmann, seine Zeitungen möglichst schnell loszuwerden. Danach begab er sich auf die East-Seite von New York und blieb vor jedem Hause stehen, an dem ein Mietszettel zu sehen war.

Ab und zu betrat er ein Haus und sah die Wohnungen an, aber immer wieder hatte er diese oder jene Bedenken.

Endlich, es war bereits gegen Mittag, fand er ein kleines einstöckiges Haus mit sechs Zimmern, das in der Nähe des Hafens lag und dessen Besitzer vor kurzem gestorben war.

Es gelang ihm, mit dem Verwalter des Hauses über den Mietpreis einig zu werden. Und da nach amerikanischem Gesetz der Dollar der bindende Mietvertrag ist, so bezahlte er dem Verwalter für einen Monat die Miete und legte ihm 35 Dollar auf den Tisch.

Jetzt bekam er die Schlüssel eingehändigt, und als er nun zum erstenmal allein als berechtigter Mieter das Haus durchschritt, kam er sich wie ein König in einem kleinen Reiche vor. Fast traute er sich nicht, laut aufzutreten. –

Jeden Winkel besah er. Jede Kammer auf dem Boden und im Keller.

Als er in den Hof trat und in den kleinen verwilderten Garten, stieß er einen lauten Freudenruf aus, als er eine Schaukel entdeckte. Er vergaß seine vierzehn Jahre und wie ein echter Junge kletterte er auf die Schaukel und setzte sie in Bewegung.

Heidi, wie das flog, wie ihm das wohltat.

In seinen Jungenjahren war eine Schaukel immer sein unerfüllter Wunsch gewesen. –

In den Mietshäusern der Armen gab es keine Schaukel und auch keinen Garten. –

Mit leuchtendem Frohsinn in den Augen blickte er von seiner Schaukel in den Garten.

Lustig sang er ein Lied, und plötzlich brach er es ab, sprang mit einem Satz auf den Boden und bückte sich.

Unter dem Schnee hatten seine scharfen Augen einige noch grüne Blätter von Sommerpflanzen entdeckt. –

Als seien es köstliche Blumen, betrachtete er sie, und dann sah er prüfend weiter um sich.

»Dahinten am Zaun«, sprach er leise, – »würde ich für Kaninchen einen Stall bauen und daneben einen Hühnerhof einrichten. – Da hätte das Muttchen immer schöne frische Eier, die ihr der Doktor verordnet. – Und hier vorne müßte die Hundehütte sein. Tauben könnte ich mir oben auf dem Dach halten. – Lieber Gott, wird sich das Muttchen freuen!«

Von neuem sprang er auf die Schaukel, sauste durch die Luft und sah im Geiste all seine gewünschten Herrlichkeiten aufgebaut. –

Auf dem grünen Rasen spielten Kaninchen und liefen Hühner.

Unter dem Flieder saß das Muttchen hinter einem weißgedeckten Tisch mit einem goldbraunen Napfkuchen und einer großen Kaffeekanne.

Und er – ihr Einziger – hatte das alles für sie verdient und konnte der Guten all ihre Liebe danken.

Heidi – wie die Schaukel flog. –

Ob sie wohl schon einmal solchen glücklichen Jungen getragen? – Jungens, die eine Schaukel haben, müssen glücklich sein. – Aber so glücklich wie er – – nein, das gab es nicht ein zweites Mal.

Und jetzt dachte er plötzlich an Charly Beckers. Er wußte selbst nicht, warum. –

Vielleicht, weil der ihm einmal erzählt hatte, daß er sich einen Garten kaufen wollte, in welchem ein Teich mit Goldfischen wäre. – Unsinn! Kaninchen und Hühner waren besser – beide kann man braten, und dann die guten, feinen Eier. – Lieber Gott! Wie wird sich das Muttchen freuen. – Am liebsten hätte er gewünscht, morgen wäre ihr Geburtstag. – Doch jetzt hörte er mit Schaukeln auf.

Die Zeit brauchte noch an dem Tag viel von ihm. –

»Auf Wiedersehen, du schöner Garten«, rief er mit liebevollem Blick, als er ins Haus trat.

Und nochmals trat er an ein Fenster und schaute auf die kleine Gartenwildnis. Nicht mit dem größten Park eines Millionärs hätte er ihn vertauscht. –

Dann schritt er nochmals durch die Zimmer. –

Im oberen Stockwerk blieb er in dem größten und hellsten stehen und sagte: »Das erhält das Muttchen. Da sieht sie den Garten und hat viel Sonne.« –

Und plötzlich war all seine frohe Stimmung fort. –

Was nutzte ihm all das Schöne – das Haus, der Garten, die Schaukel und die Hühner –

Er war ja nicht hier. –

Er mußte fort – –

Weit fort –

Vor seine Augen legte sich ein trüber Schleier, er achtete nicht, daß ihm Tränen über die Backen liefen. –

Stumm – seine Tränen verbergend, lehnte er an dem Kamin.

All seine Freude war vergeblich gewesen –

Sein prächtiger Traum in Nichts zerflogen.

Da gab er sich einen Ruck. –

»Flenne nicht, John«, sagte er laut – »mit Heulen besserst du nichts.«

Und als ob es ein anderer war, der vor ihm stand, setzte er ihm auseinander, warum er nicht heulen, sondern sich freuen sollte.

Fast eine Viertelstunde dauerte es, bis er wieder mit seinem frohen, lieben Gesicht durch das Haus zur Türe ging, um das Muttchen zu holen.

»Hier sind die Schlüssel zu unserem Haus«, so begrüßte er sie. »Es liegt in der 14. Straße an der zweiten Avenue Nr. 216.

Und nun will ich dich bitten, Mutter, daß du deine alte Reinemachefrau mit Eimer, Besen und Handwerkszeug in das Haus schickst. Sie kann sogar noch eine Hilfe mitnehmen, damit das Haus in wenigen Stunden in Ordnung kommt.

In zwei Stunden werde ich da sein und die Frauen für ihre Arbeit bezahlen.«

Während die Mutter den ihr unerklärlichen Wunsch ihres Jungen erfüllte und sich mit den beiden Frauen persönlich zu dem Hause hinbegab, da war sie doch überrascht. Ihre Mienen glätteten sich, als sie das wirklich hübsche, in einem kleinen Garten liegende Haus erblickte.

John Workmann aber ging inzwischen mit wichtigster Miene zu dem ihm bekannten Möbelhändler und trug ihm sein Anliegen vor:

»Mister Jonas, ich komme heute geschäftlich zu Ihnen. Ich habe eine große Sache vor.«

»All right«, erwiderte der Möbelhändler. »Ich bin gern bereit, mit dir ein Geschäft zu machen. Um was handelt es sich denn?«

»Ich brauche Möbel!« erwiderte John Workmann.

Der Möbelhändler machte erstaunte Augen.

»Nanu, willst du heiraten?«

John Workmann lachte.

»Nein, Mister Jonas. Das überlasse ich anderen Jungen.«

»Ja, aber wozu brauchst du denn in aller Welt Möbel?«

»Das will ich Euch erklären«, erwiderte John Workmann. »Ich habe ein Haus gemietet. Wie Ihr hier sehen könnt, habe ich 35 Dollar Miete dafür bezahlt. Ich denke, das wird Euch genügen, daß Ihr mir, wie Ihr es bei allen Euren Kunden macht, einen Kredit eröffnet.«

»Selbstverständlich«, entgegnete der Möbelhändler. »Wenn du Kredit von mir wünschst, so bist du mir jederzeit ein angenehmer Kunde. Ich würde dir auch Möbel kreditieren, ohne daß du mir die Quittung über deine Hausmiete zeigtest.

Was brauchst du denn für Möbel?«

»Das will ich Ihnen sagen«, begann John Workmann. »Ich werde Ihnen zehn Dollar Anzahlung geben. Können Sie mir dafür bei monatlich zehn Dollar Abzahlung zehn einfache Feldbetten mit Kissen und Decken und Bettwäsche, sowie einige Waschtoiletten, einige Tische und mehrere Dutzend Stühle geben?«

»Das ist die merkwürdigste Bestellung, die ich je von einem Kunden gehört habe. Willst du etwa ein Hospital eröffnen?«

»Etwas Ähnliches«, sagte John Workmann und ein feines Lächeln umspielte seinen Mund. »Ihr werdet schon sehen, was ich vorhabe! Vor allen Dingen muß ich von Euch wissen, ob Ihr mir diese Sachen noch heute nachmittag in mein Haus senden könnt. Es wäre mir auch angenehm, wenn Ihr mir einige Gardinen und Handtücher mitgeben würdet.«

»Das will ich alles machen«, erwiderte der Möbelhändler, »damit ich aber nichts vergesse, wollen wir eine Liste aufstellen von dem, was du wünschest.«

Er nahm John Workmann in sein Büro und stellte nach dessen Angaben die gewünschte Liste auf.

Dann zahlte ihm John Workmann zehn Dollar und nachdem er nochmals das Versprechen erhalten, daß die Sachen bereits in den nächsten Stunden geliefert würden, verabschiedete er sich und begab sich auf den Weg nach seinem neuen Hause.

Kopfschüttelnd sah ihm der Möbelhändler nach und sprach zu sich selbst:

»Ich möchte doch wissen, was John Workmann eigentlich vorhat. Ein Hospital kann er nicht eröffnen. Er ist kein Arzt. Ich verstehe das Ganze nicht.«

Es genügte aber, daß John Workmann wußte, was er wollte.

Er war inzwischen zu dem Haus gekommen und sah, wie die Frauen, die seine Mutter beaufsichtigte, bereits weit mit der Arbeit vorgeschritten waren. Die Fenster blitzten, die Fußböden waren sauber, nur grimmig kalt war es im ganzen Hause. Aber John Workmann wußte Rat.

Sofort ging er zu einem Kohlenhändler und ließ für einen Dollar Heizmaterial bringen, worauf er sich selbst daran machte, sämtliche im Hause vorhandene Öfen einzuheizen.

Bald war es gemütlich warm. Immer wieder fragte ihn seine Mutter:

»Junge, was hast du bloß vor?«

Statt einer Antwort aber sagte John Workmann:

»Du wirst im oberen Stock das große helle Zimmer, das nach Süden liegt und die meiste Sonne hat, nebst Kammer und Küche nehmen. Das übrige werde ich für mich gebrauchen. Wir haben ja morgen bereits den Monatsersten und da kannst du, ohne daß wir dem Wirt etwas schuldig bleiben, gleich morgen im Laufe des Tages mit unseren Sachen hier einziehen.«

Während die Mutter noch mit ihm sprach, fuhr der Wagen des Möbelhändlers vor, und die Leute begannen die Bettstellen, Tische, Kommoden, Spiegel und einen großen Korb mit Bettdecken und der bestellten Wäsche abzuladen.

Auf John Workmanns Weisung stellten die Leute gleich sämtliche Bettstellen und Möbel auf und schon nach kurzer Zeit verließen sie das Haus, nachdem John Workmann ihnen ein Trinkgeld eingehändigt hatte.

Die Mutter hatte stillschweigend alles beobachtet.

»John, John«, sagte sie jetzt, »mir ist geradeso, als drehe sich alles im Kopfe herum, was willst du nur mit den vielen Betten.«

»Du wirst schon sehen, Mutter«, sagte John Workmann mit geheimnisvoller Miene. »Hab nur noch etwas Geduld. Und jetzt kannst du mir helfen, die Gardinen anzumachen. Und dann sollen die Frauen die Betten beziehen.«

»Ja, ja, aber für wen sind denn nur die Betten bestimmt?«

»Geduld, Geduld! Du wirst schon sehen«, mahnte John Workmann mit derselben geheimnisvollen Miene. »Tu nur, um was ich dich bitte, und dann wollen wir nach Hause gehen. Deine Arbeitsfrauen sollen mir helfen, allerlei Sachen von Hause mit hierher bringen.«

Eine halbe Stunde später waren die Fenster mit den Gardinen geschmückt, die Betten bezogen und die Zimmer machten einen freundlichen und behaglichen Eindruck.

»Das sieht so nett und freundlich aus«, sagte die eine Reinemachefrau, »daß man gleich wohnen bleiben möchte.«

»Das wird alles noch viel netter aussehen, jetzt wollen wir aber eilen«, sagte John Workmann.

Nach zwei Stunden kehrte er mit den Frauen wieder in das neue Haus zurück. Die Mutter war jetzt zu Hause geblieben. Alle drei waren schwer beladen. Sie trugen Körbe mit Geschirr und sonstigem Hausrat, während John Workmann ein großes Bündel unter dem Arm hatte.

Er schickte die Frauen sofort in die Küche, damit sie dort die Gläser, Tassen, Töpfe und Kochgeschirre ausräumten. Er selbst machte sich daran, in dem großen Zimmer, das vom Flur als das erste lag, und in dessen Mitte ein großer runder Tisch mit zwölf Eichenstühlen stand, allerlei Bilder an die Wände zu nageln. Es waren Farbendrucke, die er aus der Sonntagszeitung des »New York Herald« geschnitten und gesammelt hatte.

In der Mitte aber befestigte er das geerbte Bild von Charly Beckers und schrieb darunter:

»Zur Erinnerung an unsern Charly Beckers!«

Dann befestigte er an der Decke eine Gaskrone, legte über den Tisch eine große rote Decke und stellte eine Vase darauf. Schließlich legte er allerlei Bücher, Robinson Crusoe und andere Jugenderzählungen, auf den Tisch und schickte dann eine Frau zur nächsten Office der Gasanstalt, damit er sofort, wie es in New York üblich, den Gashahn im Hause geöffnet bekam.

Er selbst begab sich zu einem Blumenhändler, wo er trotz des Winters einen großen Strauß frischer Blumen erstand.

Diese Blumen fanden ihren Platz in der Vase auf dem großen runden Tisch.

Nun begab sich John Workmann in die Küche, ließ Tee, Zucker, Brot und Butter holen, und als alles fertig war, sagte er vergnügt: »Jetzt können meine Gäste kommen.«

Mit vor Freude gerötetem Antlitz blickte er auf sein Tagewerk.

Es war kurz vor 6 Uhr, als er zur Abendausgabe des »New York Herald« noch in letzter Minute eintraf. Seine Kameraden begrüßten ihn mit lautem Hallo, und als er sie um sich versammelt, sagte er:

»Jungens, ich habe eine große Überraschung für euch. Ihr habt mir einmal, als ich durch eine Kugel von Bill Smith verwundet war, eine große Freude gemacht, daß ihr mit mir euern Verdienst geteilt habt.

Ich will mich dafür erkenntlich zeigen. Hört einmal zu:

Ich habe die Absicht, mit euch zusammen einen Klub der Zeitungsjungen vom Broadway zu gründen. Genau so einen Klub, wie ihn die Kaufleute und die Reichen in der Stadt besitzen.

Ich habe deshalb eine Wohnung gemietet, und jeder von euch, der einen kleinen Beitrag für die Wohnung zahlt, kann dort wohnen, essen und trinken, soweit es der Platz erlaubt. Was haltet ihr von meinem Plan?«

Zuerst waren die Jungens fast verblüfft, dann aber brachen sie in ein lautes Hurra aus.

Nachdem sich der Jubel gelegt hatte, sagte John Workmann:

»Ich mache euch einen Vorschlag. Wir wollen heute abend unsere erste Sitzung in unserem Klub abhalten und alles weitere beraten.

Versammelt euch um 8 Uhr in der 14. Straße Nr. 216, dort werde ich euch erwarten.«

Wo sich an dem Abend nur zwei Zeitungsjungen zusammenfanden, unterhielten sie sich lebhaft über den von John Workmann geplanten Klub. Und ihre Augen blitzten in hellem Eifer und Stolz über das neue Unternehmen, dem sie nun angehören sollten.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.