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Johann Wolfgang Goethe: Gedichte

Johann Wolfgang von Goethe: Johann Wolfgang Goethe: Gedichte - An Mademoiselle Oeser zu Leipzig
Quellenangabe
typepoem
booktitleGesammelte Werke in sieben Bnden
authorJohann Wolfgang Goethe
editorBernt von Heiseler
yearo.J.
publisherBertelsmann Lesering
addressGtersloh
titleAn Mademoiselle Oeser zu Leipzig
pages28-33
created19990205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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An Mademoiselle Oeser zu Leipzig

                    Mamsell,
                So launisch wie ein Kind, das zahnt,
Bald schüchtern wie ein Kaufmann, den man mahnt,
Bald still wie ein Hypochondrist
Und sittig wie ein Mennonist,
Und folgsam wie ein gutes Lamm,
Bald lustig wie ein Bräutigam,
Leb ich und bin halb krank und halb gesund,
Am ganzen Leibe wohl, nur in dem Halse wund;
Sehr mißvergnügt, daß meine Lunge
Nicht so viel Atem reicht, als meine Zunge
Zu manchen Zeiten braucht, wenn sie mit Stolz erzählt,
Was ich bei euch gehabt, und was mir jetzt hier fehlt.

Da sucht man nun mit Macht mir neues Leben
Und neuen Mut und neue Kraft zu geben;
Drum reichet mir mein Doktor Medicinä
Extrakte aus der Cortex Chinä,
Die junger Herren erschlaffte Nerven
An Auge, Fuß und Hand
Aufs neue stärken, den Verstand
Und das Gedächtnis schärfen.

Besonders ist er drauf bedacht,
Durch Ordnung wieder einzubringen,
Was Unordnung so schlimm gemacht,
Und heißt mich meinen Willen zwingen.
»Bei Tag, und sonderlich bei Nacht,
Nur an nichts Reizendes gedacht!«
Welch ein Befehl für einen Zeichnergeist,
Den jeder Reiz bis zum Entzücken reißt!
Des Bouchers Mädchen nimmt er mir
Aus meiner Stube, hängt dafür
Mir eine abgelebte Frau,
Mit riesigem Gesicht, mit halbzerbrochnem Zahne,
Vom fleißig kalten Gerhard Dow
An meine Wand; langweilige Tiscane
Setzt er mir statt des Weins dazu.

O sage du,
Kann man was Traurigers erfahren?
Am Körper alt und jung an Jahren,
Halb siech und halb gesund zu sein?
Das gibt so melancholsche Laune,
Und ihre Pein
Würd ich nicht los, und hätt ich sechs Alraune.
Was nützte mir der ganzen Erde Geld?
Kein kranker Mensch genießt die Welt.

Und dennoch wollt ich gar nicht klagen,
Denn ich bin schon im Leiden sehr geübt,
Hätt ich nur das, was uns, die Plagen,
Die Last der Krankheit zu ertragen,
Mehr Kraft als selbst die Tugend gibt,
Verkürzung grauer Regenstunden,
Balsamsches Pflaster aller Wunden:
Gesellschaftsgeister, die man liebt.

Zwar hab ich hier an meiner Seite
Beständig rechte gute Leute,
Die mit mir leiden, wenn ich leide;
Sie sorgen mir für manche Freude,
Es fehlt mir nur an mir, um redet beglückt zu sein.
Und dennoch kenn ich niemand, der die Pein
Des Schmerzes so behende stillt, die Ruh
Mit Einem Blick der Seele schenkt, wie du.

Ich kam zu dir, ein Toter aus dem Grabe,
Den bald ein zweiter Tod zum zweitenmal begräbt;
Und wem er nur einmal recht nah ums Haupt geschwebt,
Der bebt
Bei der Erinnerung gewiß, solang er lebt.
Ich weiß, wie ich gezittert habe;
Doch machtest du mit deiner süßen Gabe
Ein Blumenbeet mir aus dem Grabe,
Erzähltest mir, wie schön, wie kummerfrei,
Wie gut, wie süß dein selig Leben sei,
Mit einem Ton von solcher Schmeichelei,
Daß ich, was mir das Elend jemals raubte,
Weil du's besaßst, selbst zu besitzen glaubte.
Zufrieden reist ich fort und, was noch mehr ist, froh,
Und ganz war meine Reise so.

Ich kam hierher und fand das Frauenzimmer
Ein bißchen – ja, man sagt's nicht gern – wie immer;
Gnug, bis hierher hat keine mich gerührt,
Zwar sag ich nicht, was einst Herr Schübler
Von Hamburgs Schönen prädiziert,
Doch bin ich auch ein starker Grübler,
Seitdem ihr Mädchen mich verführt,
Die ich wohl schwerlich je vergesse;
Und da begreifst du wohl, daß jede leicht verliert,
Die ich nach eurem Maßstab messe.
Du lieber Gott! an Munterkeit ist hie,
An Einsicht und an Witz dir keine einzge gleich,
Und deiner Stimme Harmonie,
Wie käme die heraus ins Reich.

So ein Gespräch, wie unsres war, im Garten,
Und in der Loge noch, mit diesem seltnen Zug
So aufgeweckt und doch so klug,
Ja, darauf kann ich warten.

Bin ich bei Mädchen launisch froh,
So sehn sie sittenrichtrisch sträflich;
Da heißt's: der Herr ist wohl aus Bergamo?
Sie sagen's nicht einmal so höflich.
Zeigt man Verstand, so ist auch das nicht recht.
Denn will sich einer nicht bequemen,
Des Grandisons ergebner Knecht
Zu sein und alles blindlings anzunehmen,
Was der Diktator spricht,
Den lacht man aus, den hört man nicht.

Wie seid ihr nicht so gut, so euch zu bessern willig,
Auf eigne Fehler streng und gegen fremde billig,
Und zum Gefallen ohnbemüht,
Ist niemand, den ihr nicht gewännet.
Ah, man ist euer Freund, so wenig man euch kennet,
Man liebt euch, eh mans sich versieht.
Mit einem Mädchen hier zu Lande
Ists aber ein langweilig Spiel,
Zur Freundschaft fehlts ihr am Verstande,
Zur Liebe fehlts ihr am Gefühl.

Drauf ging ich ganz gewiß, hätt ich nicht so viel Laune,
Bräch ich mir nicht gar manche Lust vom Zaune,
Lacht ich nicht da, wo keine Seele lacht;
Und dächt ich nicht, daß ihr schon oft an mich gedacht

Ja, denken müßt ihr oft an mich, das sage
Ich euch, besonders an dem Tage,
Wenn ihr auf eurem Landgut seid,
Dem Ort, der mir so manche Plage
Gemacht, dem Ort, der mich so sehr erfreut.

Doch du verstehst mich nicht; ich will es dir erklären,
Ich weiß doch, du verzeihst es mir.
Die Lieder, die ich dir gegeben, die gehören
Als wahres Eigentum dem schönen Ort und dir.

Wenn mich mein böses Mädchen plagte,
Wenn der Verdruß mich aus den Mauern jagte,
War ich verwegen gnug und wagte
Dich aufzusuchen, eh es tagte,
Auf deinen Feldern, die du liebst,
Die du mir oft so schön beschriebst.
Da ging ich nun in deinem Paradiese,
In jedem Holz, auf jeder Wiese,
Am Fluß, am Bach, das hoffende Gesicht
Vom Morgenstrahl geschminkt, und sucht und – fand dich nicht.

Dann schlug ich, angereist von launischem Verdrusse,
Den armen Frosch am sonnbestrahlten Flusse,
Dann jagt ich ringsumher und fing
Bald einen Reim, bald einen Schmetterling.
Und mancher Reim und mancher Schmetterling
Entging
Der ausgestreckten Hand, die mitten
In ihrem Haschen stille stand,
Wenn aus dem Wald von Stimmen oder Tritten
Den Schall mein lauschend Ohr empfand.

Am Tage sang ich diese Lieder,
Am Abend ging ich wieder heim,
Nahm meine Feder, schrieb sie nieder,
Den guten und den schlechten Reim.
Oft kehrt ich noch mit immer schlechterm Glücke
Auf die fatale Flur zurücke,
Bis mir zuletzt das günstige Geschicke
Noch einen Tag, den ich nicht hoffte, gab.
Doch ich genoß sie kaum, die süßen letzten Stunden,
Sie waren gar zu nah am Grab.
Ich sage nicht, was ich empfunden,
Denn mein prosaisches Gedicht
Stimmt dieses Mal sehr zur Empfindung nicht.

Du hast die Lieder nun und zur Belohnung
Für alles, was ich für dich litt:
Besuchst du deine selge Wohnung,
So nimm sie mit
Und sing sie manchmal an den Orten
Mit Lust, wo ich aus Schmerz sie sang;
Dann denk an mich und sage: Dorten
Am Flusse wartete er lang,
Der Arme, der so oft mit ungewognem Glücke
Die schönen Felder fühllos sah!
Käm er in diesem Augenblicke,
Eh nun, jetzt wär ich da.

Jetzt, dächt ich nun, wärs hohe Zeit zum Schließen;
Denn wenn man so zwei Bogen Reime schreibt,
Dann wollen sie zuletzt nicht fließen.
Doch warte nur, wenn mich die Laune treibt,
Und deine Gunst mir sonst versichert bleibt,
So schreib ich dir noch manchen Brief wie diesen.

Willst du mir die Geschwister grüßen,
So schließe Richtern auch mit ein.
Leb wohl! Und wird das Glück dein Freund beständig sein
Wie ich, so wirst du stets des schönsten Glücks genießen.

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