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Johann Wolfgang Goethe: Gedichte

Johann Wolfgang von Goethe: Johann Wolfgang Goethe: Gedichte - Sendschreiben
Quellenangabe
typepoem
booktitleGedichte, I. Theil
authorWolfgang von Goethe
yearca. 1885
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSendschreiben
pages202-203
created20040416
sendergerd.bouillon
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Sendschreiben.

            Mein altes Evangelium
Bring' ich dir hier schon wieder;
Doch ist mir's wohl um mich herum,
Darum schreib' ich dir's nieder.

Ich holte Gold, ich holte Wein,
Stellt' alles da zusammen;
Da, dacht' ich, da wird Wärme sein,
Geht mein Gemäld' in Flammen!
Auch thät ich bei der Schätze Flor
Viel Gluth und Reichthum schwärmen;
Doch Menschenfleisch geht Allem vor,
Um sich daran zu wärmen.

Und wer nicht richtet, sondern fleißig ist,
Wie ich bin und wie du bist,
Den belohnt auch die Arbeit mit Genuß;
Nichts wird auf der Welt ihm Ueberdruß.
Denn er blecket nicht mit stumpfem Zahn
Lang' Gesottnes und Gebratnes an,
Das er, wenn er noch so sittlich kaut,
Endlich doch nicht sonderlich verdaut;
Sondern faßt ein tüchtig Schinkenbein,
Haut da gut taglöhnermäßig drein,
Füllt bis oben gierig den Pokal,
Trinkt, und wischt das Maul wohl nicht einmal.

Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig,
Unverstanden, doch nicht unverständlich;
Denn dein Herz hat viel und groß Begehr,
Was wohl in der Welt für Freude wär',
Allen Sonnenschein und alle Bäume,
Alles Meergestad' und alle Träume
In dein Herz zu sammeln mit einander,
Wie die Welt durchwühlend Banks, Solander.

Und wie muß dir's werden, wenn du fühlest,
Daß du Alles in dir selbst erzielest,
Freude hast an deiner Frau und Hunden,
Als noch keiner in Elysium gefunden.
Als er da mit Schatten lieblich schweifte
Und an goldne Gottgestalten streifte.
Nicht in Rom, in Magna Gräcia;
Dir im Herzen ist die Wonne da!
Wer mit seiner Mutter, der Natur, sich hält,
Findet im Stengelglas wohl eine Welt.

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