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Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Fabeln

Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Fabeln - Die Berathschlagung der Pferde
Quellenangabe
typefable
booktitleGleim's Gedichte (Nationalbibliothek der Deutschen Classiker, Sechster Band) II
authorJohann Wilhelm Ludwig Gleim
yearvor 1876
publisherBibliographisches Institut
addressHildburghausen und New York
titleDie Berathschlagung der Pferde
pages61-63
created20010929
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Die Berathschlagung der Pferde.

        »Ha!« sprach ein junger Hengst, »wir Sklaven sind es werth,
Daß wir im Joche sind! Wo lebt ein edles Pferd,
Das frei seyn will? Ha! wie glückselig war
Zu jener Zeit der Väter Schaar! –
Der ungeheure weite Wald
War ihr geraumer Aufenthalt;
Auch scheuten sie kein offnes Feld;
Sie gras'ten in der ganzen Welt
Nach freiem Willen! Ach, und wir
Sind Sklaven, geh'n im Joch, arbeiten wie der Stier!
Dem schwachen Menschen sind wir Starken unterthan;
Dem Menschen! – – Brüder, seht es an,
Das unvollkomm'ne Thier,
Was ist es? Was sind wir? –
Solch ein Geschöpf bestimmte die Natur
Uns prächtigen Geschöpfen nicht zum Herrn!
Pfui, auf zwei Beinen nur!
Riecht er den Streit von fern?
Bebt unter ihm die Erde, wenn er stampft?
Sieht man, daß seine Nase dampft?
Hat er die Mähne, die uns ziert?
Und doch ist er, o Schmach, der Herr, der uns regiert!
Wir tragen ihn, wir fürchten seine Macht;
Wir führen seinen Krieg und liefern seine Schlacht;
Er siegt, man singt ihm Lobgesang;
Und doch die Schlacht, die er gewann,
War unser Werk, wir hatten es gethan!
Was aber ist der Dank?
Wir dienen ihm zur Pracht vor seinem Siegeswagen!
Und ach! nach wenig Tagen
Spannt er vor einen Pflug
Den Rappen, der ihn trug!
Entreißt, ihr Brüder, euch der niedern Sklaverei!
Entreißet euch dem Joch und werdet wieder frei!«

Er schwieg. Ein wieherndes Geschrei,
Ein wilder Lärm entstand, und jeder fiel ihm bei;
Ein einziger erfahrner Schimmel nur,
Ein zweiter Nestor, sprach:

                                            »Wahr ist es, die Natur
Gab uns die prächtige Gestalt,
Die keiner hat, als wir, auch gab sie uns Gewalt
In unsern Huf; allein aus mild'rer Hand
Bekam der Mensch Verstand.
Wer baute diesen Stall, in dem wir sicher sind
Vor Tiger und vor Wolf, vor Regen, Frost und Wind?
Wer macht, daß wir auch dann dem Hunger widerstehn,
Wenn wir der Augen Grün im Winter sterben sehn?
Wenn Eis vom Himmel fällt, wenn Alles wüst' und todt
Auf allen Fluren ist? Wer wendet alle Noth
Von unsern Krippen ab?
Der Mensch, der gute Mensch, den uns der Himmel gab!
Er streut den Hafer aus und erntet siebenfach;
Er trocknet süßes Gras und bringt es unter Dach!
Zwar helfen wir dabei, thun aber keinen Schritt
Und keinen Zug umsonst, er macht uns täglich satt;
Und wenn er Ruhetag nach seiner Arbeit hat,
So haben wir ihn mit!
Wir dienen ihm, er uns, wir leben mit einander;
Sind mit einander frei! Der Rappe Bucephal,
Der Grieche, welcher einst den großen Alexander
Auf seinem Rücken trug, war König in dem Stall,
Wie jener auf dem Thron, und kam er in ein Feld,
Wo Ruhm zu ernten war, so war auch er ein Held,
Und beide, Pferd und Mensch, eroberten die Welt,
Und theileten den Ruhm des Sieges! Würden wir
Vom Bucephal sonst Nachricht haben?
Er läg' in tiefer Nacht begraben,
Das edle Tier!«

Kein Brutus und kein Cicero
Besänftigte die Römer so,
Wie dieser Redner seine Brüder.
Denn er voran und hinter ihm die Schaar
Der muthigen Rebellen alle,
Nebst diesem, der der Sprecher war,
Begaben alsobald sich wieder nach dem Stalle!

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