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Johann Heinrich Vo

Johann Heinrich Voß: Johann Heinrich Vo - Die Leibeigenen
Quellenangabe
titleDie Leibeigenen
typepoem
booktitleWerke in einem Band
authorJohann Heinrich Voß
firstpub1774
year1966
publisherAufbau Verlag
addressBerlin und Weimar
pages1-11
created20051216
sendergerd.bouillon
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Johann Heinrich Voß

Die Leibeigenen

(1774)

Michel
            Hell ging unter die Sonn, und der Mond da schwebet im Dunkeln
Blau wie ein silberner Kahn und verkündiget heitere Pfingsten.
Gern wohl hört ich vordem, wenn zum morgenden Feste der Küster
Beierte; doch nun schallt's mir wie Totengeläut von dem Kirchturm!
Hans
Nicht so verzagt! Sieh, Michel, wie rasch heut alles mit Kalmus,
Blumen und Maien sich schleppt und des Frühlinges heiligem Feste
Kirch und Wohnungen schmückt! Man ruht doch einmal vom Frondienst!
Komm, wir singen ein wenig; es klingt so prächtig des Abends.
Lustig allein schon hemmt die getüderten Pferde vom Kornfeld.
Lieblich rauscht ihr Gerupf und der Frösch anmutiges Röcheln;
Lieblich darein auch tönet die Nachtigall (Michel wie sagst du?),
Wie in den Salm der Gemeinde die liebliche Stimme Lenorens.
Michel
Hören wir denn in der Stille die Nachtigall! Hans, sie bewegt mich.
Hans
Weißt du das Lied: »Schon locket der Mai!« Dies lernt ich vom Küster
Samt der Weis am Klavier (er hatt es auf Noten), den Sonntag,
Als ich, zu einigem Lohn für mancherlei Lehr und Ermahnung,
Einen bunten Kapaun mit gebrüteten Enten ihm hintrug.
Lerne du dieses umsonst, und pfeife dazu auf dem Maiblatt.
Michel
Siehst du am Mühlenteiche die schimmernden Laken im Mondschein?
Dort! und kennst du sie, Hans, die dort vergeblich ihr Brauthemd
(Ach Unkundige!) bleicht? und nötigest mich zum Gesange?
Hans
Wohl! Lenore bewacht in der strohernen Hütte die Leinwand:
Eben vernahm ich ihren Gesang durch der Mühle Geklapper.
Aber was sagst du, Michel? Sie bleicht vergeblich das Brauthemd?
Schenkt doch der gnädige Herr beim Ährenkranze die Hochzeit.
Michel
Suche du Treu und Glauben bei Edelleuten! Betrieger,
Schelme sind ...
Hans
                          Sacht! ihm erzählt es ein Vögelchen oder sein Finger!!
Michel
Mag ihm erzählen, wer will! Da verspricht mir der Junker die Hochzeit
Und die Erlassung des Frons, für hundert Taler in Dritteln,
Und, wenn ich gut wirtschafte, die Huf in erträgliche Pachtung.
Mein grauköpfiger Alter und selbst mein Bruder, der Krüppel,
Den der Barbar an die Preußen verschacherte, daß ihn zuschanden
Hackte der wilde Kalmuck und Menschenfresser und Tater,
Raffen herbei in der Hast Taufpfennige, Bräutigamstaler,
Schimmlige Kronen und Ör und erbeutete Timpen und Rubel,
Auch den Silberbeschlag an der seligen Mutter Gesangbuch,
Und sie verkaufen dazu den braunen Hengst mit der Blesse,
Samt der bläulichen Stark auf dem Frühlingsmarkte für Spottgeld.
»Bring ihm«, sagen sie, »Michel, da bring ihm unseren letzten
Not- und Ehrenschilling, dem hungrigen Menschenhändler!
Besser arm und frei als ein Sklave bei Salomons Reichtum!
Freies Werk schafft Segen und Fröhlichkeit! Michel, du bringest
Tränen und Blut! Gott helfe, wenn einst auf der Seel es ihm brennet!«
Weinend bring ich das Geld. Er zählet es: »Michel, die Hochzeit
Schenk ich euch; mit der Freiheit indes ...« Hier zuckt er die Achseln.
Hans
Plaget den Kerl sein Teufel? Was schützt denn der gnädige Herr vor?
Michel
Hans, der Hund, den hängen man will, hat Leder gefressen.
Vor auf dem Finger gezählt wird mir mein Sündenverzeichnis:
Daß ich heimlich sein Gras abweidete, daß ich zu flach ihm
Ackerte, daß ich sein Korn halb ausdrosch, daß ich mir Feurung
Sammelte, daß ich im Kohl ein naschendes Häschen ihm wegfing.
Kurz, es beträgt wohl mehr als hundert Taler die Rechnung.
»Seid nur ruhig, mein Freund!« so munkelt' er; »ehe wir nachsehn,
Was für Geld in die Lad euch regnete. Leise vermut ich,
Wer mir jüngst vom Speicher den Malter Roggen gestohlen.«
Hans
Hättest du Fronarbeiten versäumt, zu entschuldigen wär es.
Was? noch Treue verlangt der unbarmherzige Fronherr?
Der, mit Diensten des Rechts (sei Gott es geklagt) und der Willkür,
Uns wie die Pferd abquälet und kaum wie die Pferde beköstigt?
Der, wenn darbend ein Mann für Weib und Kinderchen Brotkorn
Heischt vom belasteten Speicher, ihn erst mit dem Prügel bewillkommt,
Dann aus gestrichenem Maß einschüttet den kärglichen Vorschuß?
Der auch des bittersten Mangels Befriedigung, welche der Pfarrer
Selbst nicht Diebstahl nennt, in barbarischen Marterkammern
Züchtiget und an Geschrei und Angstgebärden sich kitzelt?
Der die Mädchen des Dorfes mißbraucht und die Knaben wie Lastvieh
Auferzöge, wenn nicht sich erbarmeten Pfarrer und Küster,
Welche, gehaßt vom Junker, Vernunft uns lehren und Rechttun?
Nein, nicht Sünde fürwahr ist solcherlei Frones Versäumnis!
Doch für des Einbruchs ganz ehrlose Beschuldigung, Michel,
Als rechtschaffener Kerl, geh dreist nach Schwerin und verklag ihn,
Daß dir Gerechtigkeit werde von unserem gnädigsten Landsherrn!
Zeugnis stell ich und Eid, daß Johann, der Lakai, mit Erlaubnis
(Sagt man) der gnädigen Frau, sich das Korn vom Speicher geholet!
Michel
Hans, das Nachtmahl nehm ich darauf: Nichts hab ich verschuldet!
Seit mich die Hoffnung gelabt, die leidige! strebt ich und schafft ich,
Was ein Mann nur vermag, im Fron und im eigenen Haushalt.
Selbst ja lobtest du mich, wie ich Stall und Scheuer und Wohnung
Besserte, Dünger vermehrte, die Saat auswählte mit Sorgfalt,
Sümpfe zu grasigen Wiesen erhöht' und morastige Felder
Abgrub, dies mit dem Zaun einfriedigte, dies mit dem Steinwall,
Jeglichen Winkel und Rain mit nutzbaren Bäumen und Brennholz
Schmückt' und edleres Obst anpflanzt' im erweiterten Garten.
Selbst ja lobtest du mich und warnetest, mäßig zu bessern.
Hans
Daß die gebesserte Hufe dir nicht abnähme der Junker,
Und zum Ersatz anwiese die schlechtere, wieder zu bessern,
Bis er selber auch dort nachbesserte! Weißt du denn, Michel,
Ganz unschuldig dein Herz; wohlan! nach Schwerin und verklag ihn!
Michel
Ja verklage! Durch wen? wo ist Geld? und erfährt es der Herzog?
Gibt nicht der adlige Rat im Obergericht die Entscheidung?
Und wann hackt ein Rabe dem anderen Raben das Aug' aus?
Hans
Doch! hier wohnt noch im Lande Gerechtigkeit: klopfe getrost an,
Und sie erscheint! Selbst unter den Adligen denkt man vernünftig.
Michel
Unrecht schaun und gestehn an Adligen Adlige sparsam! –
Arme Lenore, du singst und weißt nicht, welcherlei Botschaft
Ich dir morgen zum Fest ankündige. Singst du ein Brautlied?
Mische der Freiheit Jubel hinein, o du freie Lenore!
Frei soll werden, wie du, dein Bräutigam! Bald wird gefiedelt,
Bald wird der Hochzeitsreigen getanzt und der lustige Kehraus
Unter Geschrei und Jauchzen der lang hinschwärmenden Jugend
Äcker und Wiesen hinab!... nach dem Takte des Vogts mit dem Prügel!
Weinest du, weil für die Haube das Jungfernkränzchen vertauscht wird?
Lächle mich an! du wirst ja ein freies und glückliches Ehweib,
Bald auch glückliche Mutter von freien Söhnen und Töchtern!...
Hans! mir empört sich das Herz! Ich lasse dem adligen Räuber
Einen rötlichen Hahn auf das Dach hinfliegen die Nacht noch,
Zäume den hurtigsten Klepper im Stall und jage nach Hamburg!
Hans
Hebe dich weg, Mordbrenner! Zugleich mit den Alten verbrennst du
Auch unschuldige Kinder!
Michel
                                            Die Wolfsbrut? Fällt denn der Apfel
Weit vom Stamm? Sie heulet ja schon mit den Alten, die Wolfsbrut!
Lacht doch das Jünkerchen schon, wo gestraft wird; drohet auch selber!
Hans
Aber es heißt ja: »Die Rach ist mein, und ich will vergelten!«
Denkest du nicht, wie der Pfarrer den Spruch so kräftig ans Herz uns
Legete, daß auch der Junker verstört aussah in dem Kirchstuhl?
Michel
Herrlicher Spruch! Ja, sein ist die Rach, und Gott will vergelten!
Ha, das labt, wie ein Trunk den Ermatteten! Nun in Geduld denn
Ausgeharrt! Einst treten auch wir vor unseren Rächer!
Hans
Oft auf ein Regengewölk folgt Heiterkeit, saget das Sprichwort.
Jenen erwecken vielleicht Pfingstpredigten noch zur Besinnung,
Hört er, wie Gott wohltut und ein Mensch mißtut an den Brüdern.
Doch dein Märchen vom Tanz, nicht tanzerlich macht's und gesangfroh;
Lern ein andres dafür, das wenigstens locket zum Anschaun.
Kennst du die wüste Burg, wo der Weg abgehet nach Güstrow,
Rechts auf dem Berg? Erst kömmt man die drei wacholder-bewachsnen
Hünengräber vorbei und den Bach, der die neue Papiermühl
Unten treibt; dann schräge den ausgeregneten Anberg,
Wo man so leicht umwirft (denn um adlige Güter ist Mordweg);
Und wie der Galgen erscheint, so sieht man Trümmer vom Raubnest
Rechts auf dem Berg. Nun gut. Mein seliger Ohm, der die Holzung
Hütete, laurt da einst auf den Fuchs in den Zwölften bei Mondlicht.
Fern nun blafft's und belfert mit nahendem Laut, und auf einmal
Braust wie ein Donnerwetter das wütende Heer aus dem Walde.
Hurra! rufen die Jäger, es funkt um die Rappen, das Hifthorn
Gellt und der Peitschen Geknall, und Hunde mit feurigem Atem
Bellen dir hinter dem Hirsch und jagen ihn grad in das Burgtor.
Ohm, der in Büchern las wie ein Prediger und an Gespenstern
Zweifelte, hält es für Jagd, duckt gleich sein Tiras mit Winseln;
Denk! und geht, wie er denn zeitlebens ein herzhafter Kerl war,
Ihnen nach in die Burg. Nun schau, wie der Satan sein Spiel hat.
Pferd' und Jäger und Hunde, mitsamt dem gehörneten Hirschbock,
Werden ihm klar vor den Augen in Edelleute verwandelt,
Wie die Schlaraffengemäld in dem Tanzsaal unseres Junkers:
Teils mit Bart und Schulterperück und samtenen Mänteln,
Teils in Eisen vermummt; und der Hirschbock trägt das Geweih noch.
Adlige Fraun mit Fontanschen und Bügelröcken und Schlentern
Knicksen hervor und fodern zum walzenden Reigen die Sippschaft;
Und rotglühende Ketten umklirren sie. Statt der Musik schallt
Rings aus der Wand Wehklagen und Jammerseufzen und Wimmern.
Drauf wird die Tafel gedeckt von verschwiegerten Kammerlakaien
Und hartherzigen Vögten, mit lederner Peitsch um die Schulter,
Denen hell auf der Brust das große Familienwappen
Brennt in farbiger Glut. Ganz oben im feurigen Lehnstuhl
Brüstet sich großachtbar mit der Frau Ahnherrin der Ahnherr
Vom hochadligen Haus, ein genarbeter Straßenräuber.
Beinkleid, Wams und Kappe sind bläulich funkelndes Eisen.
Wild wird jetzo geschmaust und gezecht: der entsetzliche Fraß ist
Blutiges Menschenfleisch, das Getränk aufsiedende Tränen.
Unten, der Türe zunächst, als letztverstorbenes Mitglied,
Sitzt des Junkers Papa, der Landrat, welcher noch umgeht
Nachts im Dorf und die Mädchen beleidiget. Jetzt, wie verwundert,
Schnüffelt er um, denn er riecht was Lebendes. Als er den Ohm nun
Draußen erblickt, auf springt er vom feurigen Stuhl, daß es rasselt;
Bringt ihm den Tränenbecher und ruft: »Da trink Er eins, Jochen!«
Jochen weigert sich, muß. »Nun soll ich denn trinken, so trink ich«,
Sagt er, »in Gottes Namen!« Und knall! war alles verschwunden.
Michel
Bald auch schlemmt sich der Junker hinab zu den würdigen Vätern,
Mitzuschmausen am Mahl! Dann schallen ihm unsere Seufzer
Statt der Musik, dann brennen die Seel ihm unsere Tränen!
Hans
Hagel! ich selbst wohl möchte das Willkommstänzchen mit ansehn!
Siehe, da tanzt mein Junker die Sarabande mit seiner
Gnädigen Frau Urältermama; und die hagere Großmuhm
Äugelt nach ihm, und Basen vom fernesten Sprosse des Stammbaums.
Auch wird Takt da geschlagen vom Satanas, welcher den Stab nun
Führt als Vogt und grinsend Gerechtigkeit übet und Ordnung.
Aber sein Weib, das Geripp! das sprudelt und flucht auf französisch
Im altfränkischen Tanz, wo kein Putzmädchen die Kettlein
Ihr nach der neuesten Mode gehängt; dann schmunzelt der Satan.
Michel, hast du Tobak? Der Tau blinkt lieblich im Mondschein,
Aber er fällt auf die Brust, und die schwärmenden Mücken sind schamlos.
Michel
Nimm den Beutel und stopf; ihn gab mir Lenore zu Weihnacht.
Damals hofften wir noch und waren so froh wie die Kinder!
Hans, da pinkt man umsonst, wo der Wind die Funken hinwegweht.
Drehe dich um. Mein Stahl ist gut und der Zunder geschwefelt.
Hans
So, nun brennt's. Komm, Michel! du rauchst doch eins in Gesellschaft?
Lustig! da reißt der Schimmel sich los! Wie die Mähr an dem Tüder
Schnaubend sich bäumt! Dich soll, wo du mit dem Junker ins Korn gehst!
Blitz! er prügelt uns krumm und lahm! He, Lustig, den Schimmel!
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