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Johann Heinrich Vo

Johann Heinrich Voß: Johann Heinrich Vo - Die Kirschenpflückerin
Quellenangabe
titleDie Kirschenpflückerin
typepoem
booktitleWerke in einem Band
authorJohann Heinrich Voß
firstpub1780
year1966
publisherAufbau Verlag
addressBerlin und Weimar
pages61-68
created20051218
sendergerd.bouillon
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Johann Heinrich Voß

Die Kirschenpflückerin

(1780)

Hedewig
                    Schau doch, wie sinnig sie geht, die freundliche schöne Rebekka,
Auf dem gekrümmten Pfade des überwallenden Roggens!
Wie sie die Ähren im Gehn durch ausgebreitete Finger
Gleiten läßt und sogar den Regenbogen nicht ansieht,
Der von des Bergs Windmühle zum spiegelnden See sich herumbeugt!
Rebekka
Still im Geschäft geht einer; der andere liebt die Betrachtung.
Hedewig
Emsiger schwingt sie den Fuß, die geschäftige, wert der Betrachtung:
Ihre Hark auf die Schulter gelehnt und am Arme das Körbchen;
Rad' und Tremsen darin und Feuerblumen und Schwertel,
Wohl für die Kinder zum Kranz, und Vergißmeinnicht für sich selber,
Duftende Flieder dabei zum Getränk und gesunde Kamillen.
Wär ich ein Mann und ledig und jung, ich vergaffte mich wahrlich!
Aber die rosige Farbe der Wängelein ist, mit Erlaubnis,
Wohl nur Wiederschein vom rosigen Futter des Strohhuts.
Rebekka
Spötterin, birgt dich etwa die Baumlaub hoch in der Linde?
Kühlungen wehn dort immer, und weithin dehnt sich die Aussicht;
Daß dein häßlicher Schnabel auf jeglichen, wer nur vorbeigeht,
Niederstößt wie ein Habicht auf sorglos irrende Küchlein.
Piep eins, Hedewig.
Hedewig
                                  Piep!
Rebekka
                                            O sie schwebt in der Luft, wie ein Eichhorn,
Unter den Kirschen des Baums! Luftspringerin, laß mich bewundern!
Hedewig
Schone den Zaun, Ruchlose! Von vorn ist ehrlicher Eingang!
Über den Dorn, von Hopfen durchrankt und blühender Winde,
Klettert sie, flink wie die Katz! Ha recht, da hängt ihr der Rock fest!
Nimm dich in acht, Rebekka; du brennst dir die Knie in den Nesseln!
Rebekka
Sei mir gegrüßt! Wie der Baum voll spanischer Kirschen mich anlacht!
Alle so groß und so schwarz! Rings glänzet es gegen die Sonne!
Wirf doch ein Büschel herab mir Durstigen. Bis zur Ermattung
Kehrt ich das Heu auf der Wies; und ein Regenschauer vertrieb mich.
Sonderbar, wie es dort platzregnete; doch von der Brücke
Bis zu dem Dorf hat kaum ein einziger Tropfen gesprenget.
Hedewig
Dirne, dich plagt Mutwill! Unartige, laß mir die Leiter.
Rebekka
Sitze mir nun, und büße des vorigen Frühlinges Unfug!
Hedewig
Welchen, mein Kind? Du pflegst zu beschuldigen, wahr und auch unwahr.
Rebekka
Wessen ich nicht unwahr dich beschuldige, höre nur eines.
Als wir nachts auf der Bleich in der Strohhütt unsere Leinwand
Hüteten, schlief ich zuletzt in der Dämmerung; und, nach dem Erbfehl,
Den in der Tauf ich geerbt von meiner geschwätzigen Patin,
Schwatzt ich im Traum. »Kind«, sprachst du, »mit Hedewig freit ja dein Bruder
Friederich; hat er sie lieb?« – »Unerhört lieb!« – »Scheint sie dir wirklich
Schön?« – »Ein Gesicht, wie ein Apfel; und klar ihr Auge, wie Mailuft!« –
»Aber ihr Haar ist borstig, wie einige sagen, und brandrot.« –
»Lästerung! weich wie die Seide, kastanienbraun und geringelt!« –
»Ist dein Herzchen verliebt?« – »Ein weniges.« – »Und der Geliebte?« –
»Heißt (doch plaudere nicht!) Adolf, der gewaltige Ringer.« –
So mißhandeltest du; und wohl noch andres Geheimnis
Hätt ich dir unschuldig vertraut: doch es bellete Lustig.
Und ich erwacht, und wir eilten, den Dieb zu erspähn um die Leinwand.
Aber er schalt nur den Mond, der hell aus der Wolke hervorkam.
Du Hohnlachende sprachst: »Adolf, der gewaltige Ringer!«
Siehst du? ich weiß noch alles; und jetzo sollst du mir büßen.
Hedewig
Sage, womit ich den Zorn dir befriedige.
Rebekka
                                                                  Wenn du das Lied mir...
Hui ich erschrak! Laut platzte der Königsapfel vom Baum her,
Rot und mürb! O es hauset die Wespe darin mit dem Stachel!...
Wenn du das Lied absängst, das dir mein heimlicher Bruder
Vom grünschilfigen Sumpfe gefertiget. Neulich im Grasmähn
Sang er es nachdrucksvoll, daß rauschte die Sens in dem Umschwung.
Aber ich bracht ihm Essen und lauerte hinter dem Hagdorn.
Hedewig
Was? ein Lied auf mich selber, das soll ich singen? Unmöglich!
Löbliche freun sich im Herzen; doch Selbstlob singe der Kuckuck!
Rebekka
Ich, dein anderes Herz, bin allein hier. Nicht so verschämt doch!
Hedewig
Lieber die ganze Nacht hier ausgeharrt in dem Kirschbaum!
Rebekka
Gut; hier liegen genug wurmstichige Birnen und Äpfel.
Hedewig
Rasende, zähme dich doch! Heida! ein Puff auf den Rücken!
Wehe, der Fuß! und wieder die Hand! Um die Ohren wie Hagel
Sauset es! Jammer, da purzelt der Korb mit den Kirschen hinunter!
Halt! ich will ja singen, du Quälerin!
Rebekka
                                                            Willst du nun endlich?
Siehe, die Gegend umher ist recht einladend zum Singen:
Hoch in der Schwebe des Baums, die Nachtigall wählt ihn nicht schöner!
Wo durch Laub das Geflimmer der Abendsonne dich anglüht;
Heimengeschwirr ringsum, und surrende Bienen im Schauer,
Feldwärts Herdengeläut, und die lockende Stimme der Wachtel.
Singe denn!
Hedewig
                      Gern, wenn ich muß! Doch Schwesterchen, wo du mich ansiehst,
Und mit der Lippe nur zuckst...
Rebekka
                                                    Dann willst du von neuem gemahnt sein?
Räuspere nur zum Gesang! Frisch, Hedewig! Langes Gequäl ist
Bitterer Tod! Still schmaus ich und sammele wieder den Korb voll.

Hedewig

        Beschattet von der Pappelweide
    Am grünbeschilften Sumpf,
Saß Hedewig im roten Kleide
    Und strickt' am kleinen Strumpf;
Sie strickt' und sang mit süßem Ton
Ein Lied, ich weiß nicht mehr wovon.

Rebekka

    Du holdselige Kehle! wie klar, und ohne Gekräusel
Trägst du den Ton! Nur ein wenig vernehmlicher, bitt ich, und lauter.
Kein Argsinniger ja, noch Höhnischer lauscht dem Gesang hier.
Hedewig
Laß mich: blödem Gemüt muß leisere Stimme vergönnt sein.
                      Da ging ich an dem Bach zu fischen
    Mit meiner Angel hin,
Und hörte hinter Erlenbüschen
    Die schöne Nachbarin.
Ich ließ die Angel an dem Bach,
Und ging dem lieben Mädchen nach.

»So einsam, Mädchen? Darf ich stören?
    Hier sitzt man kühl und frisch.« –
O gern! Ich suchte Heidelbeeren
    In dieses Tals Gebüsch;
Allein die Mittagssonne sticht,
Auch lohnet es der Mühe nicht.« –

Ich setzte mich mit bangem Mute,
    Mir lief's durch Mark und Bein,
Und neben meinem Fuße ruhte
    Ihr Füßchen zart und klein,
Auf Gras und Blumen hingestreckt
Und bis zum Zwickel nur bedeckt.

Wir zitterten wie Maienblätter
    Und wußten nicht warum;
Wir stammelten von Saat und Wetter
    Und saßen wieder stumm
Und horchten auf die Melodien,
Die Kibitz und Rohrdommel schrien.

Jetzt kühner, stört ich sie im Stricken
    Und nahm den Knaul vom Schoß;
Doch herzhaft schlug sie mit dem Sticken
    Auf meine Finger los;
Und als sie hiermit nichts gewann,
Da setzte sie die Zähnchen an.

»O sieh, wie durch das Laub, mein Liebchen,
    Die Sonne dich bestrahlt
Und bald den Mund, bald Wang und Grübchen
    Mit glühndem Purpur malt!
Auf deinem Antlitz hüpft die Glut
Wie Abendrot auf sanfter Flut.«

Sie lächelte; ihr Busen strebte
    Mit Ungestüm empor,
Und aus den heißen Lippen bebte
    Ein leises »Ach!« hervor.
Ich nahte mich, und Mund an Mund
Versiegelten wir unsern Bund.

Rebekka

        Hast du geendet das Lied?
Hedewig
                                            Mit Ärgernis!
Rebekka
                                                                    Dennoch mit Anmut.
Nur das Letzte verlor sich in gar zu schüchterne Lispel,
Als ob dämpfte der Kuß. Nun, Hedewig, komm von der Leiter
Züchtiges Trittes herab, und küsse mich.
Hedewig
                                                                  Freilich, das fehlt noch.
Brannte mir doch das Gesicht wie dem vierzehnjährigen Mägdlein,
Das im sechsten Gebote verstummt auf die Frage des Pfarrers,
Öffentlich! Wart, ich klage bei Adolf künftigen Sonntag,
Daß er ebenso rot dir Frevlerin küsse das Antlitz
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