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Johann Heinrich Vo

Johann Heinrich Voß: Johann Heinrich Vo - Die Freigelassenen
Quellenangabe
titleDie Freigelassenen
typepoem
booktitleWerke in einem Band
authorJohann Heinrich Voß
firstpub1775
year1966
publisherAufbau Verlag
addressBerlin und Weimar
pages24-35
created20051217
sendergerd.bouillon
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Johann Heinrich Voß

Die Freigelassenen

(1775)

Henning
                Wer da? du weiße Gestalt, die im Abendrote daherwankt
Zwischen dem Haselgesträuch.
Sabine
                                                  Ich komm als höllischer Geist! bu!
Henning
Aber du wankst wie ein Engel des Lichts.
Sabine
                                                                  Das machen wir künstlich!
Henning
Höllischer Geist, was willst du?
Sabine
                                                     Dich selbst abholen!
Henning
                                                                                        So komm denn!
Dirne, du Unhold! schone, mir so in die Lippe zu beißen!
Sabine
Singst du, Schalk, nun allein auf unserer schattigen Grasbank
Hier am geröteten Teich und verlangst nicht meine Gesellschaft,
Daß ich Hörerin sei und Richterin deines Gesanges?
Warte nur, führ ich dir erst als gebietende Frau den Pantoffel!
Henning
Was den Pantoffel betrifft, wird der Prediger, hoff ich, erläutern,
Wenn du als schüchterne Braut am Altar stehst künftigen Sonntag.
Durch Vorübungen tracht ich in Einsamkeit hier zu verdienen,
Daß du Hörerin seist und Richterin meines Gesanges.
Aber wie fandest du mich?
Sabine
                                            Nach wohlvollendeter Arbeit,
Käs und gelbliche Butter zu fertigen und in das Kübel
Abzurahmen der zehn großeutrigen Kühe Bescherung,
Nehm ich die Eier noch aus und schlendere froh in den Garten,
Anzuschaun, wie sich heute die Wunderlaube beschattet,
Die ich mit spanischer Kress' und hochaufrankendem Kürbis
Überwölbt und umpflanzt mit mancherlei Blumen des Herbstes.
Auch begieß ich die Nelken im Topf, die der freundliche Gärtner
(Eifere nicht!) mir geschenkt, und die Baumnelk unseres Vaters,
Samt der Violenlevkoj und der blühenden Myrte zum Brautkranz.
Heiter und still, wie der Abend mich anlacht, denk ich die Zukunft,
Murmele leisen Gesang und ein kindliches Stoßgebetlein,
Oft nach der Türe gewandt, und seufz: Ach, kommt er vielleicht noch?
Wer nicht kam, war Henning. Da tönt ein Geklimper vom Teich her,
Dumpf wie Mückengesumm; ich lausch, und die Stimme war Hennings.
Hui! ich über den Zaun, und im Flug durch Dornen und Disteln
Renn ich die Koppel entlang. O fühle das Herz, wie es hämmert
Henning
Du mein trautes Sabinchen!
Sabine
                                              Ja nun, mein trautes! und läßt mich
Ganz so allein! Nicht küssen! ich bin dir böse, du Unart!
Singe nur deinen Gesang ernsthaft den Karauschen des Teiches!
Henning
Sträubt sich der Mund, so küß ich die Wange dir! ... Mädchen, verständig
Setze dich her und vernimm die Entschuldigung, auch den Gesang dann.
Seit der Baron Freiheit und eigenes Erb und Gewerb uns
Sicherte, blühet das Dorf an Getreid und Herden und Baumfrucht,
An rotwangigen Mädchen und Jünglingen und an Gesängen.
Aber das sämtliche Dorf (zwar glaub ich's nimmer) behauptet,
Besserer Sänger sei ich und greif auch erträglich die Zither,
Weil ich zur Not durch neue, wo nicht anmutige Liedlein
Manchmal Freund und Gevatter belustige. Künftigen Sonntag
Sind zwölf Ernten entflohn nach dem Anfang unseres Jubels,
Jenem gesegneten Tage, dem heiligen, da der Baron uns
Unter dem Glockengeläut und dem Schall der Trompeten und Pauken,
Ach, das verwilderte Volk! von des Frons unmenschlicher Drangsal
Lösete, menschlich gesinnt; als Braut und Bräutigam aber
Müssen wir beid in dem Zuge der jauchzenden Schnitter und Jungfraun
Feierlich nach dem Altar mit dem Ährenkranze vorangehn.
Sabine
Und mein Henning besingt den Freiheitstag? Das gefällt mir!
Wohl noch denk ich den Tag! Wir Kinderchen waren so herzlich
Froh des Geprängs und der langen mit Speis anlockenden Tafel.
Doch wir wunderten uns, wie besorgt aussahen die Männer,
Da sie der gütige Herr aufmunterte.
Henning
                                                          Ja, so betäubt wird
Endlich das Herz vom Drucke der unglückseligen Knechtschaft!
Neuerung, welche der Herr mit Gewalt sucht oder mit Güte,
Scheint, wohltätige selber, Verschlimmerung; häufig ja war sie's!
Sorgt' auch der Herr als Vater und gab zum Ersatze des Unrechts,
Welches die Seinen an uns Jahrhunderte, sagt' er, verübet,
Freiheit wieder und Feld auf Bedingungen mäßiger Erbpacht;
Half er auch Feld und Gehöft anbaun durch Kenntnis und Vorschuß:
Doch argwöhneten wir in zagender Angst des Verhungerns.
Sabine
Als ob nicht wir Armen genug durch den alten Baron einst
Hungerten! der (Gott gönn ihm die Seligkeit!) redliche Hüfner
Von der verbesserten Huf abwarf in die Kate des Kohlhofs,
Wo sie bei daurendem Frone das Brot kaum warben mit Taglohn!
Und wer im Hunger sich nahm vom Ertrag des eigenen Schweißes
Oder was über den Zaun herhing, der büßte gelagert
(Wohl zu verdaun, wie es hieß!) auf spitzigen Eggen im Kerker!
Henning
Dies lautschreiende Weh und der Nachbarn Haß und Verwünschung
Weckte den jungen Baron, den verständigen. Gütig und fromm sein
Hatt er gelernt aus der Bibel und sonst aus erbaulichen Büchern,
Auch mit seinem Erzieher, dem Prediger, weit in der Welt sich
Umgesehn und gemerkt in der Schweiz und dem werbsamen England:
Mensch sei der Bauer, nicht Vieh; doch Unmensch, wer ihn gekettet
Durch willkürlichen Zwang, ihn selbst und die Kinder der Kinder!
Wehmutsvoll nun löst' er die rostigen Ketten der Knechtschaft,
Teilte das Feld und belehrt' und tröstete; endlich an Gottes
Erntefest entließ er die Schmachtenden. Doch der Entlassung
Wagte sich keiner zu freun; nicht konnte man glauben so Großes!
Sabine
Nun denn freuen wir uns! nun glauben wir!
Henning
                                                                      Deutlich erschien das,
Mein ich, im vorigen Herbst, da die Unsrigen, so wie gewöhnlich.
Nach der gesegneten Ernte den Kranz in die Kirche gehänget!
O noch schallt mir im Ohre die herzeinnehmende Predigt:
Welches Heil nach welchem erbarmungswürdigen Unheil
Gott durch den Herrn uns gesandt, den freundlichen, der uns zu Menschen
Wieder erhub; wie aus Wust einöder Verwilderung aufstieg
Ordnung und Zier und ein Schwarm der betriebsamen Männer und Weiber
Ringsumher; wie das Dorf mit Wohnungen pranget und Scheuern,
Voll von Segen und Zucht; wie die Schule von Kinderchen wimmelt,
Welche zu frommer Vernunft anwachsen und häuslicher Tugend;
Und wie in Lieb und Vertraun und Gefälligkeit Herr und Gemeinde
Froh miteinander verkehrt und geendiget jegliche Fehd ist.
Feierlich war's, o Mädchen; und tief andächtige Rührung
Schluchzete leis im Gestühl und umher in den Chören der Männer:
Als vielduldende Greis und Mütterchen bargen das Antlitz;
Als sein Weib anschaute der Mann, sein Mädchen der Jüngling;
Als die Mutter den Sohn, und das Schwesterchen herzte der Bruder;
Als mit bebender Stimme der Prediger selbst auf der Kanzel
Stockt' und lange verstummt' und dann voll inniger Wehmut
Dank und Gebet aussprach und die Segensworte des Friedens.
Sabine
Nicht mir so wild, mein Junge! Dir glänzt ja das Auge vom Abend.
Bald auch tränete mir's doch eiferig streb ich dagegen.
Gut zwar ist der Baron, das wissen wir; aber auch tückisch.
Höre die heimliche Tück und wundre dich! Vorigen Sonntag
Aß mein Vater im Schloß mit der Herrschaft. Über der Mahlzeit
Schwatzt mein kleiner Matros Adolf mit dem Schwesterchen seitwärts:
»Schau sein freundliches Aug, Amalia!« – »Ja, wie Sabinchens!« –
»Welch ein Vergleich! Die lacht viel freundlicher, weil sie mit Henning,
Der die Karjol uns machte, den Kranz trägt künftigen Sonntag.«
»Brüderchen, schön! Heiraten sich die?« – »Heiraten, was ist das?« –
»Ei! dann tanzen sie erst, und dann wirtschaften sie lustig!
Sahst du es nie bei den Puppen?« – »Getanzt wird, Schwesterchen, freilich,
Unter den Ahornbäumen; da ist es so grün und so dunkel!
Und im Vertraun, da essen wir auch!« – Schnell winkt die Baronin,
Aber umsonst. – »O Mama, ich rede ja«, sagt er, »die Wahrheit!
Sonntag kommt es gekutscht und getrabt aus Städten und Dörfern,
Unsere schmucke Sabine zu sehn und den wackeren Henning,«
Welche den Kranz vortragen, sie selbst in Sträußchen und Kränzlein.
Dann ist große Musik; dann tanzen wir untereinander;
Dann schenkt jeder ein Stück in die Wirtschaft, Kleines und Großes.« –
Lächelnd schilt der Baron den Plauderer, der ihn behorcht hat;
Und er empfiehlt dem Vater, uns nicht zu verderben die Kurzweil.
Aber der alte Mann hat kaum zu Hause den Krückstock
Hinter den Ofen gestellt, so kann er sich länger nicht halten,
Weint wie ein Kind vor Freud und vertraut mir das ganze Geheimnis.
Wieder vertrau ich es dir; du bewahr es und küsse mich, Henning.
Henning
O mildtätiger Herr! Wie er stets auf unsere Wohlfahrt
Sinnt und auf heimliche Freude, wie väterlich! Nun, es vergelt ihm
Gott, der alles vergilt, in Ewigkeit! Selig allhier schon
Ist er fürwahr! Rings schaut er die dankbaren Herzen im Antlitz;
Alles nennt ihn Vater, geheim und öffentlich; alles
Segnet ihn, kommt er zu sehen die Feldarbeit und den Haushalt;
Alles betet für ihn und die Seinigen, Morgen und Abend!
Sabine
Alles umher auch lobt mit Gesang ihn, altem und neuem!
Singe mir denn, zur Ehre des Gütigen, deinen Gesang vor,
Der, was längst um die Lippen getönt, auffrischet in Neuheit.
Aber wo bleibt mir der Kuß? Du denkst an den lieben Baron nur!
Henning
Du! ... Nun nimm von der Schulter die Hand, sonst fehl ich im Singen.
Wir kranztragendes Paar, das merke dir! singen den Vorsang;
Daß du morgen die Weis in der Kürbislaube mir lernest.
Jegliche Hälfte vom Vers wird dann mit voller Musik laut
Wiederholt und im Takte die Sens und die Harke geschlagen;
Dann in das Nachspiel tönet nach Lust hellkreischender Jubel,
Eigenes Erntegetön. Ich geb auf der Zither die Deutung.
Ehrbar, liebe Sabine! Du kuckst mir so freundlich ins Antlitz!
Sabine
Sing; ich kuck in den Teich, wo die Abendwolke sich spiegelt.
Henning
            Wir bringen mit Gesang und Tanz
Dir diesen blanken Ährenkranz,
  Wir Bräutigam und Braut.Chor: Durch Bräutigam und Braut.
Die Fiedel und Hoboe schallt;
Die Glocken gehn; und jung und alt
  Springt hoch und jauchzet laut.

Die Freiheit schenkt uns solchen Mut!
Die Dirn ist frisch wie Milch und Blut,
  Gerad und schlank wie Rohr.
Ihr Schnitter prahlt mit ihrem Strauß
Und sieht so braun und trotzig aus,
  Den Hut auf einem Ohr.

Der du zur Freiheit uns erhobst,
Komm her und schau: dort glüht das Obst,
  Das seinen Baum beschwert;
Dort brüllen Rinder ohne Zahl,
Dort blöken Schafe durch das Tal,
  Dort stampft im Klee das Pferd!

Und ob's der Sens an Korn gebrach,
Da frag umher die Scheuren nach,
  Bis an den Giebel voll!
Die Dröscher klappern sonder Rast,
Der Städter holet Last auf Last;
  Sie sind und bleiben voll!

Nicht hungrig hungerharken wir;
Genug noch fand zu lesen hier
  Der Wais und Witwe Hand.
Laß hungerharken, die das Joch
Des Frones drückt; sie harken doch
  Meist Hedrich, Tresp' und Brand.

Im blauen Tremsenkranz juchhein
Zu Weidenflöten und Schalmein
  Die Kinder, rund und rot;
Sie schenken froh dem bleichen Mann,
Des Sklavendorfes Untertan,
  Ihr kleines Vesperbrot.

Wir ackern tief und dröschen aus
Und bessern Feld und Wies und Haus;
  Kein Schweiß ist uns zu teur!
Kein harter Vogt steht hinter uns;
Ein Wink vom lieben Herrn: wir tun's!
  Und liefen durch das Feur!

Des Sonntags auf der Kegelbahn
Setzt alles auf dein Wohlsein an
  Und schlürft den letzten Tropf;
Laßt leben unsern Vater hoch!
Er nahm von uns des Frones Joch!
  Die Gläser übern Kopf.

Am Sommerabend singen wir,
Wir Bursch und Jungfern vor der Tür,
  Zur Fiedel und Schalmei:
Es lebe unser Vater hoch!
Zerbrochen ist des Frones Joch!
  Juchheißa! wir sind frei!

Wir bringen mit Gesang und Tanz
Dir, Vater, diesen Ährenkranz,
    Wir Bräutigam und Braut!Chor: Durch Bräutigam und Braut.
Wir schwitzten gern bei Egg und Pflug
Und Sichelklang und mähten gnug!
  Wohl dem, der Gott vertraut!

Er hängt, er hängt, der blanke Kranz!
Beginnt, ihr Schnitter, Reihentanz
  Und singt mit frohem Mut:
Es lebe unser Vater hoch!
Und seine Frau und Kinder hoch!
  Juchheißa! schwingt den Hut!

Sabine
            Herzhaft klingt der Gesang und bäuerlich und so natürlich,
Daß man sogleich auswendig behält. O mit weniger Übung
Werd ich getrost samt dir Vorsängerin! Treibet das Herz an,
Dreist auch vor mehreren bricht der Gesang aus! Lange, ja lange
Lebe der gnädige Herr und freue sich unseres Dankes,
Mehr noch des eignen Gefühls! Ach denke dir, trautester Henning:
Wenn der Baron einst scheidet und wir, die Verwaiseten alle,
Schwarzumflort, Hausväter und schwächliche Greise des Altteils,
Mütter und Braut und Kinder und Jünglinge, langsames Zuges
Vor und hinter dem Sarg mit Gesang im Halle des Läutens
Gehn zur offenen Gruft, wo er väterlich unter den Kindern
Ausruhn will im Schatten des niederhangenden Laubes!
Wenn an der düsteren Bahre der überlebende Pfarrer
Wehklagt, ach! um den Freund, in stammelnder Leichenpredigt,
Und mit Schluchzen erzählt, wie gut der entschlafene Vater
Gegen uns war! wenn jetzo der Sarg an den Seilen hinabsinkt,
Jetzo geschaufelte Erd ihn verbirgt nachschauenden Blicken
Und wir mit Blumen bepflanzen den aufgeworfenen Hügel,
Der uns, sein zu gedenken und fromm wie jener und liebreich
Gegen die Menschen zu sein, anmahnt bei jeglichem Kirchgang!
Henning
Anders weinen wir dann als dort, wo der Bauer mit Knochen
Seiner verfaulten Tyrannen das Obst abschleudert und fluchend
Hin in die Grube sie wirft, wo der Pferd' und Hunde Gebein dorrt!
Sabine
Laß doch Tyrannen und Knochen in Ruh! Mir graut vor Gespenstern!
Henning, es blitzt! Hell zuckte zum Abendsterne die Leuchtung
Unten vom bläulichen Duft! O Trautester, wenn es am Sonntag
Regnete! Wieder, o schau! Ganz flammte der Teich, wie in Feuer!
Henning
Prächtig war's! O du Kind! Was drückst du die Hand mir so ängstlich!
Heitere Lust weissag ich gewiß, da das Wetter sich abkühlt,
Für die Geschäfte des Feldes und unseren festlichen Sonntag:
Wann die geladenen Gäste vergnügt anstaunen den großen
Flimmernden Ährenkranz, noch mehr mein Mädchen im Brautkranz!
Sabine
Das sich bei deinem Gesang rot singt vor Freud und Beschämung
Und das Gesicht oft wendet! Doch aufstehn laß uns, o Henning.
Siehe, da brauet der Has im weißlichen Dampf auf der Wiese,
Und feucht wehen am Abend die Herbstwind' über die Stoppel.
Du mit der luftigen Jacke Gekleideter, höre die Warnung;
Daß du dein Lied nicht singst wie der heisere Küster sein Amen!
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