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Jettchen Gebert

Georg Hermann: Jettchen Gebert - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleJettchen Gebert
publisherUllstein GmbH
year1963
firstpub1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131030
projectid9980a8d1
wgs
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Vorwort

Man lasse mich hier eine Geschichte erzählen, einfach deshalb, weil es mich gelüstet, es zu tun. Aus keinem Grunde sonst. Ich will mich ganz in ihr verplaudern, mich darin einspinnen wie der Seidenwurm in seine eigenen Fäden. Nehmt es als Laune! Denkt, es ist ein Spielzeug, das er sich da zusammenbaut! Weiß Gott, weshalb! Aber – hört zu! Denn erzähle ich nicht diese Geschichte, so wird niemand sein, der sie euch erzählen wird, und sie könnte verlorengehen, könnte ungeschehen werden – und das wäre schade! Sie selbst nämlich, die an den Vorgängen Anteil hatten, werden nichts mehr von ihnen verraten. Keine Silbe darüber werdet ihr von ihnen vernehmen; denn sie sind ein wenig schweigsam, seitdem sie sich vom Geschäft dieses Daseins vor einigen Jahrzehnten zurückgezogen haben, um ungestört in behaglicher Selbstbeschaulichkeit auf den Tag zu warten, an dem mit Schnur und Meßstange Wege und Straßen durch die lärmumwogte Einsamkeit ihres heutigen Domizils gezogen werden, und man statt ihrer bescheidenen efeubezogenen Hügel, zwischen denen sich nachmittags die Kinder jagen, granitene Bordschwellen und Platten für den Bürgersteig zu Haufen schichtet. Es ist Sage geworden, das Leben all derer, von denen ich sprechen werde. Mehr noch – es hat sich in Nichts aufgelöst, sie sind, wie der Psalmist sagt, dahingegangen, als ob sie nie gewesen wären.

Und deshalb laßt mich von ihnen sprechen! Denn es ist eine Ungerechtigkeit, eine schreiende Ungerechtigkeit, daß etwas, das einmal gewesen ist, so glatt wieder in das Nichts zurücktauchen soll, daß nach uns ... nach unserer Anwesenheit an dieser zweifelhaften Stelle, kaum fünfzig, sechzig Jahre nach unserem Abgang von der Lebensbühne keine Seele mehr fragen soll, kein Huhn gackern, kein Hahn krähen. Leben wir dazu? Weinen wir und freuen wir uns dazu? Tragen wir die Ketten von eisernen Ringen und goldenen Gliedern, die unlösbar miteinander verhakt und vernietet sind, von Glück und Leid, nur dazu? Soll niemand wissen, was wir getragen haben? Warum soll nicht das Wort vom Leben Zeugnis geben? Warum soll nicht der letzte Hall von Menschen und Dingen aufgefangen werden? Warum nicht den Stein noch einmal mühselig bergan wälzen, ehe er für immer von der nächtlichen Tiefe der Schluchten verschlungen wird?

Welch eine Vorstellung verbindet ihr damit, wenn ihr – solltet ihr euch einmal in diese Ecke Berlins verirren – in den geschwungenen Buchstaben, aus denen schon längst die letzte Spur von Vergoldung gewaschen ist, entziffert, »daß unsere teure Nichte, Henriette Jacoby geb. Gebert, am 15. May 1812 das Licht sah und sich am 3. Oktober 1840 allhier zur Ruhe begab«? Welche sonst ... außer der, daß sie nicht dreißig Jahre wurde und daß es vielleicht mit ihrer Ehe etwas haperte, da ihrer als Nichte und nicht als Gattin gedacht wird? Und was sagt euch der Stein schrägüber, auf dem steht, »daß der ehrenwerte und geachtete Kaufmann Salomon Gebert, ein Muster der Nächstenliebe, am 3. May 1775 zu Berlin geboren wurde und ebenda am 10. September 1850 starb«? Was mehr ... als daß der Mann fünfundsiebzig Jahre wurde und vielleicht ein Verwandter jener Henriette Gebert war. Und wenn ihr neben ihm den Stein betrachtet, so meint ihr, daß die mit vielen Tugenden geschmückte Gattin, Friederike Gebert, geb. Jacoby, gewiß jahrzehntelang den gleichen Strang zog; und wenn ihr weiter auf dem Friedhof umherstreift, so reimt ihr euch vielleicht zusammen, daß Jason Gebert, der fünf Reihen dahinter seine bescheidene Wohnstätte fand, und Ferdinand Gebert, der unter einem ganz verwahrlosten Hügelchen seine alten gichtischen Knochen ruht, da auch irgendwie einmal mit zum Bau gehörten. Aber mehr werdet ihr von ihnen nicht in Erfahrung bringen.

Ich weiß mehr von ihnen und will es euch nun erzählen. Ihr seht nicht ein, warum ihr euch, die ihr mit eigenen Sorgen genug zu schaffen habt, noch um fremde Dinge kümmern sollt, und gar noch um solche, die über ein halbes Jahrhundert zurückliegen! Aber ich werde darauf keine Rücksicht nehmen. Ich bin darin wie eine Hausfrau, die es nicht liebt und nicht duldet, daß in ihrer Wirtschaft Reste verkommen; denn ob es nun Brot oder Menschenleben ist – es ist doch Gottesgabel

Georg Hermann

 

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