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Fanny Lewald: Jenny - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleJenny
authorFanny Lewald
year1996
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02387-2
titleJenny
pages7-322
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Fanny Lewald

Jenny

Roman

Bei Gerhard, dem ersten Restaurant einer großen deutschen Handelsstadt, hatte sich im Spätherbst des Jahres 1832 nach dem Theater eine Gesellschaft von jungen Leuten in einem besondern Zimmer zusammengefunden, die anfänglich während des Abendessens heiter die Begegnisse des Tages besprach, allmählich zu dem Theater und den Schauspielern zurückkehrte und nun in schäumendem Champagner auf das Wohl einer gefeierten Künstlerin, der Giovanolla, trank, welche an jenem Abende die Bühne betreten hatte.

»Sie soll leben und blühen in ewiger Schönheit!« sagte entzückt der Maler Erlau, »und möge es mir vergönnt sein, die Feueraugen und den Götternacken dieses Mädchens immer vor meinen Augen zu haben, wie sie sich mir bei der gestrigen Sitzung zeigten. Ihr seht sie alle in der falschen, täuschenden Beleuchtung der Bühne und könnt nicht ahnen, wie schön ihre Farben, wie regelmäßig und vollendet ihre Züge und wie üppig ihre Formen sind. Ich sage euch, sie ist der Typus einer italienischen Schönheit.«

»Wenn sie nur nicht so verdammt jüdisch aussähe«, sagte wegwerfend der junge Horn, der Sohn und Erbe eines reichen Kaufmanns. »Ich sagte es gleich zu meinem Vetter Hughes, den ich Ihnen, lieber Erlau, als einen Mitenthusiasten empfehlen kann und der für nichts Augen hatte als für diese Person, die mir wirklich mit all ihrer gepriesenen italienischen – oder sagten Sie orientalischen? – Schönheit im höchsten Grade mißfallen hat. Wir lieben in unserer Familie diese Art von Schönheit nicht, es ist eine uns angeborene Antipathie, und mir wurde erst wieder in England bei den schlanken, blonden Insulanerinnen recht wohl, nachdem ich mich in Havre ein Jahr lang unter jenen kleinen, brünetten Französinnen in der Frankfurter Judengasse geglaubt hatte.«

»Apropos Judengasse, lieber Ferdinand!« fiel der Vetter, ein geborner Engländer und erst seit wenig Tagen in dieser Stadt, dem Sprechenden ins Wort, »wer war wohl das ganz junge Mädchen in der zweiten Loge rechts von der Bühne? Sie ist offenbar eine Jüdin, aber es ist ein sehr interessantes Gesicht.«

»Ich kenne die Leute nicht«, antwortete der Gefragte.

»Schämen Sie sich«, rief im komischen Zorn der Maler, »und verleugnen Sie nicht, wie unser heiliger Apostel Petrus seligen Angedenkens, Ihren Meister und Herrn. Sie sollten den reichen Bankier Meier nicht kennen, bei dessen Vater Ihr Herr Vater die Handlung erlernte und von dem er die Mittel zu seinem Etablissement erhielt, als er sich in Ihre Mutter verliebte? Freilich kam Ihr Herr Papa durch diese Heirat in die schönste Mitte der Kaufmannsaristokratie und mag in der Gesellschaft wohl seine alttestamentarischen Verbindungen vergessen haben.«

Horn war halb beleidigt, halb verlegen. »Ach so!« sagte er, »die Meiers hatten die Loge? Es waren die Meiers? Die Tochter soll ein hübsches Mädchen werden, eine sehr reiche Erbin, sie steht noch zu Diensten, lieber Vetter! – Das ist aber auch alles, was ich von ihnen weiß.«

»So erlauben Sie mir«, nahm der Kandidat Reinhard, ein schöner junger Mann, der bis dahin schweigend der Unterhaltung zugehört hatte, die ihm nicht zu gefallen schien, das Wort, »so erlauben Sie mir, Ihnen, falls es Sie interessiert, nähere Auskunft über die Familie zu geben. Das Meiersche Haus ist eines der gastlichsten in unserer Stadt, die Mutter eine freundliche, wohlwollende Frau, der Vater ein sehr gescheiter und braver Mann, der ein offenes Herz für die Menschen und die Menschheit hat und sich lebhaft für alles interessiert, was es Großes und Schönes gibt. Die Leute haben nur zwei Kinder: einen Sohn, der mein genauer Freund ist, den Doktor Meier, und eben diese Tochter, Jenny Meier, die ich bis vor kurzem unterrichtet habe.«

»Und ist niemand da, der die Handlung fortsetzt, wenn der alte Meier, dessen Firma ja sehr bekannt ist, einmal stirbt?« fragte der Vetter.

»Jawohl, ein Neffe, seines Bruders Sohn, der auch Meier heißt und schon lange in der Handlung ist. Man sagt, er werde die Tochter heiraten und das Geschäft einst übernehmen«, antwortete Reinhard zögernd.

»Der Glückliche, ich könnte ihn beneiden, denn das Mädchen ist wahrhaft reizend«, rief der Engländer aus.

»Das denkt Freund Reinhard auch«, lachte Erlau, »und gewisse Leute wollen behaupten, daß er die junge Dame, nachdem er ihre geistige Ausbildung meisterhaft geleitet, jetzt praktisch in der Konjugation mancher Zeitwörter unterrichte, als da ist: ich liebe, du liebst, usw. usw. Werde nicht rot, lieber Reinhard, es ist eine Bemerkung wie jede andere, und ich teile deine Neigung und Anhänglichkeit für das ganze Meiersche Haus. Es sind gute und gebildete Leute, und wenn auch die sogenannte Elite der Gesellschaft dort im Hause nicht zu sehen ist, so findet man den größten Teil unserer Gelehrten und Künstler, eine Menge von Fremden und vortreffliche Unterhaltung bei Meiers. Ich wüßte kein Haus, das ich lieber besuchte als das ihre.«

»Sie schildern die Familie so anziehend, daß Sie mir fast den Wunsch einflößen, mich in dem Hause einführen zu lassen«, sagte Hughes.

»Nicht doch, William!« fiel Horn ein, »meine Mutter würde das sehr ungern sehen, wie kommst du nur darauf? Ich bitte dich, diese Juden hängen wie die Kletten zusammen, und bist du erst in einem ihrer Zirkel, so steckst du auch gleich so fest in der ganzen Clique, daß man sich scheuen muß, mit dir an öffentlichen Orten zu erscheinen, aus Furcht, von deiner mosaischen Bekanntschaft überfallen zu werden. Die Visite bei Meiers...«

»Würde Ihnen beweisen, daß Ihr Herr Vetter mit seinen Gesinnungen in mancher Beziehung noch tief im Mittelalter steckt«, unterbrach Reinhard die Rede, »und ich bekenne Ihnen, Herr Horn, daß mir Ihre Äußerungen nicht nur in unserer Zeit höchst befremdlich erscheinen, sondern daß ich sie geradezu für unschicklich halte, nachdem ich Ihnen gesagt habe, daß ich der Familie befreundet bin und sie hochachte.«

»Entschuldigen Sie, ich vergaß, daß Sie Lehrer in dem Hause sind und die Sache also anders ansehen müssen. Ich aber, der ich unabhängig bin, gestehe Ihnen...«

»Gestehen Sie nichts mehr, Sie haben ja schon so vieles heute gestanden«, rief Erlau dazwischen, »was Sie lieber hätten verschweigen sollen. Sie sind ein reicher, junger Kaufmann, sehr elegant, sehr fashionable, was kümmern Sie Geständnisse und Juden? Mein Gott! Sie haben nun einmal die Antipathie, und Sie brauchen ja auch nicht zu Meiers zu gehen, es hat Sie niemand gebeten – selbst nicht«, so fügte er halblaut, gegen Reinhard gewendet, hinzu, »als vor drei Jahren die Sontag dort war und der junge Herr alle Segel aufsetzte, um eingeladen zu werden. Ich bitte dich, Reinhard, ärgere dich über den Laffen nicht und laß ihn laufen.«

Die Unterhaltung war zu einem Punkte gekommen, auf dem sie leicht eine verdrießliche Wendung nehmen konnte, da öffnete sich plötzlich die Türe und ein junger, hübscher Mann, kaum dreißig Jahre alt, trat in das Zimmer. Er war nur mittlerer Größe, aber kräftig und wohlgebaut, hatte krauses, schwarzes Haar, eine gebogene Nase, ein paar durchdringend kluge, schwarze Augen und vor allem eine hohe, gewölbte Stirn, die beim ersten Anblick den Mann von Geist und Charakter verriet. Seine Bewegungen waren rasch wie sein Blick. Er hatte eine gelbliche, aber gesunde Farbe und war modern, doch ganz einfach gekleidet. Kaum war er in das Zimmer getreten, als Erlau und Reinhard ihm mit dem Ausruf. »Guten Abend, Meier, gut, daß du kommst!« entgegengingen. Er wandte sich aber, die Begrüßung nur flüchtig erwidernd, an Horn und sagte: »Ich komme eben aus dem Hause Ihrer Eltern. Ihr Fräulein Schwester hat sich den Fuß beschädigt, als sie nach der Rückkehr aus dem Theater aus dem Wagen stieg. Man hat mich holen lassen, es ist jetzt alles in Ordnung, durchaus nichts zu befürchten, und ich freue mich, daß ich Sie hier treffe, denn ich glaube, man erwartet Sie zu Hause. – Guten Abend, und schön, daß ich euch noch finde«, fuhr er, gegen die Freunde gewendet, fort und setzte sich zu ihnen nieder.

Horn machte ein paar besorgte Fragen, die von Doktor Meier beruhigend beantwortet wurden, dann brach jener auf, und William wollte ihn begleiten. Erlau indessen, der niemals genug Leute beisammen haben konnte und dem der Engländer gefiel, redete ihm zu, bei ihnen zu bleiben, um noch ein paar Stunden zu plaudern. »Im Hause Ihres Onkels können Sie nichts nützen und hier«, sagte er, »haben wir Gelegenheit, Sie unserm Freunde, dem Doktor Meier, von dem wir vorhin sprachen, vorzustellen, also bleiben Sie immer hier.«

William war das zufrieden, und Horn empfahl sich dem kleinen Kreise, indem er William versicherte, er beneide ihn um den Genuß, in so vortrefflicher Gesellschaft noch länger zu bleiben, dabei warf er einen spöttischen Blick auf Meier, den dieser nicht sah, da er Horn den Rücken zugewendet hatte, und den Reinhard mit verächtlichem Achselzucken erwiderte.

Ein Kellner räumte die leeren Bouteillen, die gebrauchten Gläser fort und setzte eine volle Flasche vor die Zurückgebliebenen hin.

Erlau, Reinhard und William, die schon seit einer Stunde beim Weine saßen, gerieten allmählich in eine immer munterere Laune, gegen welche Meiers Ruhe eigentümlich abstach. Vor allem konnte Erlaus ausgelassene Fröhlichkeit sich nicht genug tun; ein Witz folgte dem andern, ein Toast dem andern. »Alt-England soll leben!« rief er aus, »mit seinen freien Institutionen, seinem edlen Lord auf dem Wollsack, seiner Magna Charta und seinen Constables und Beefsteaks, und Sie sollen leben und leben immer mit uns, wie heute, Mr. Hughes.«

Der Toast wurde erwidert. Hughes trank auf die Einheit Deutschlands; Reinhard ließ die deutschen Frauen leben, Erlau vor allem die Schauspielerin, von der schon früher die Rede gewesen war, und Meier gab sich dem Treiben hin wie ein Erwachsener, der mit Kindern spielt. Er nahm äußerlich teil daran, während ihn im Innern offenbar ein anderer Gegenstand beschäftigte und er in ein Hineinträumen versank, aus dem Erlaus Ruf: »Meier, die Deinen sollen leben!« ihn aufstörte. Schweigend und nur mit dem Kopfe nickend dankte dieser und trank sein Glas aus. Damit war aber Erlau noch nicht zufrieden.

»Mein Gott! Du unerträglich ernsthafter Doktor und Misanthrop, gibt es denn nichts mehr auf der Welt, was dich aus deiner philosophischen Philisterlaune herausreißen kann? – Ich erschöpfe mich in hinreißender Geistreichheit, ich verschwende die beste Laune, den allerbesten Wein an dir, und du nimmst meine Liebenswürdigkeit, die doch heute ganz außerordentlich ist, hin wie ein Bettler das tägliche Brot, ohne Freude und Genuß, und gießt den edlen Wein hinunter, gedankenlos, als gälte es, das harte tägliche Brot mit langweiligem Wasser hinabzuspülen. Ich werde irre an dir, Doktor! Was fehlt dir, was denkst du, was meinst du? Soll ein Gott vom Himmel steigen, um dir zu beweisen, daß die Welt die beste ist, in der auf ödem Kalkfelsen dieser Göttertrank zu wachsen vermag? In der auf allen Wegen die schönsten Blumen erblühen und in manchen alten Häusern die hellsten Mädchenaugen blitzen? Sünder, gehe in dich und tue Buße und rufe mit mir: Die Weiber sollen leben! – Und – ha! Nun hab' ich's, was ihn wecken wird; steht auf, ihr Weisen, und trinket mit mir! Meier, deine Schwester soll leben! –«

Reinhard und Hughes standen auf, und der letztere rief lebhaft: »Ja! Das schöne Mädchen mit dem dunkeln Flammenblick soll leben und immer leben! –«

Auch Reinhard, in dem noch mancher Widerhall seiner Studentenjahre nachtönte, erhob sein Glas und bereitete sich, es gegen die andern Gläser klingen zu lassen, nur Meier blieb ruhig sitzen und sagte: »Seit wann ist es Sitte, daß man bei Zechgelagen auf das Wohl unbescholtener Mädchen trinkt? Ich werde es wenigstens nicht leiden, daß der Name meiner Schwester in meiner Gegenwart im Weinhause entweiht werde. Setzen Sie sich, meine Herren! Den Toast nehme ich nicht an. –«

Dieser ruhige, ernste Ton schien Erlau plötzlich abzukühlen, während er den Engländer in lebhafte Bewegung versetzte. Er ging rasch auf Meier zu und rief»Verzeihen Sie mir, mein Herr! Aber Sie müssen mein Freund werden! Wir Engländer haben sonst nicht das Herz auf der Zunge – aber ihr Deutschen seid unsere Stammverwandten. Ihr wißt es, was sweet home und a blushing maid dem Herzen sein können – Sie wissen es vor vielen gut, darum schlagen Sie ein, Doktor! Ich bin dessen nicht unwert!«

Meier tat, wie jener es verlangte, und tat es gern, denn es lag so viel Ehrenhaftes in dem Gesicht des Fremden, daß es augenblicklich für ihn einnahm. Auch Reinhard schüttelte ihm die Hand, und man trank auf die Dauer und das Gedeihen des neuen Bundes. Dadurch blieb Erlau allein stehen; er goß zwei Gläser voll, nahm in jede Hand eins derselben und sprach in affektierter Traurigkeit: »Auf das U folgt gleich das Weh, das ist die Ordnung im ABC – auf jeden Augenblick voll Wonne eine Ewigkeit von langer Weile, denn ich schwöre euch, die rechte, wahrhafte Ewigkeit wird erst recht langweilig sein! Auf jede liebenswürdige Sünde folgt bei euch eine unausstehliche Bußfertigkeit. Anathema über das ausgeartete Geschlecht, das nicht begreift, wie man sündigt aus süßer, inniger Überzeugung, dem nur en passant ein kleines, borniertes Sündchen in den Weg kommt und das nie jenes großartige Gebet des edlen Russen begriff und gläubig zu beten vermochte: ›Herr! Führe mich in Versuchung, damit ich unterliege!‹ – Hier stehe ich allein, ich fühle es, in einer verderbten Zeit, in der mich niemand versteht, und so muß ich für mich allein den Toast ausbringen: Gott erhalte mich in meiner geliebten Sündhaftigkeit, worauf ich dies Glas ausleere – und hole der Teufel eure verdammte Tugend, bei der man nicht an ein hübsches Mädchen denken und ihm Glück wünschen darf, ohne eine Ladung Moral und ein Fuder Gefühl in den Kauf zu bekommen.« – Dabei leerte er das zweite Glas und sagte verdrießlich, während die andern herzlich lachten: »Und nun könnt ihr alle ruhig nach Hause gehen, nachdem ihr mich mit eurer abgeschmackten Sentimentalität um meine beste Laune gebracht habt. Geht nach Hause und schlaft wie die Ratten und träumt tugendhaft – ich werde noch nach dem Fenster der göttlichen Giovanolla wandeln und sehen, ob dieser süße Strahl der Liebe, der Gott sei Dank keine Heilige ist, noch über der Erde leuchtet oder ob er sich schon hinter den Wolken des Schlummers verborgen hat und mir erst morgen wieder als Stern und Sonne aufgehen will. – Beiläufig könnte ich dann diesen unsern Insulaner in das Haus seines Onkels geleiten, in sein sweet home, damit er uns nicht auf den Querstraßen des Lebens verloren gehe und seine warme Seele nicht erstarre in kalter Winternacht. – Gute Nacht, liebe Söhne! Gute Nacht, Meier – kommen Sie, Herr Hughes!« – Mit diesen Worten brach er auf, und die Gesellschaft ging auseinander.

*

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