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Jean-Jacques

Karl Gutzkow: Jean-Jacques - Kapitel 1
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authorKarl Gutzkow
booktitleDie Kurstauben
titleJean-Jacques
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Der Flüchtling

»Haltet den Dieb!« rief es in den Frühstunden eines nebligen Oktobertages durch eine der dichtest bevölkerten Straßen von Paris. Rasch waren Polizeisoldaten zur Hand. Wir schreiben 1750. Die Polizei von Paris stand damals noch nicht auf jener Höhe, auf welche sie die Gisquet und Persigny in Louis Philipps und Napoleons III. Tagen gebracht haben.

Doch alarmierte ein am hellen Tage und unter so vielen Menschen ausgestoßener Hülferuf Häscher genug, und die freiwillige Polizei, die zu spielen der rechtschaffene Bürger immer aufgelegt ist, schloß sich sogleich in Scharen an, die Verfolgung eines jungen Menschen zu unterstützen, der aus einem Laden am Seine-Quai eine Uhr entweder gestohlen hatte oder hatte stehlen wollen.

Paris ist jenseits der Seine, wo der Bürger, der Beamte, der Gelehrte, der Student wohnt, wo die Gerichte und die Märkte gehalten werden, des Vormittags so volkreich, daß ein Flüchtling bald unter der Masse verschwindet, bald um eine Ecke der vielen alten Quergäßchen springt, einen Weinschank erreicht und sich, wenn die Umstände nicht zu ungünstig sind, sogar hinter ein Fenster stellen und den Vorübereilenden eine Nase drehen kann.

Unser Flüchtling schien es noch besser haben zu sollen. Er fand den in Paris noch seltenern Fall eines offenstehenden Torwegs, sprang in diesen, wie er glaubte ungesehen, hinein, fand einen stillen Hof, schlich sich die Treppe hinauf, hockte dort eine Weile und würde sich haben wohlgemut wieder auf die wahrscheinlich inzwischen sicher gewordene Gasse begeben können, wenn nicht plötzlich der Torweg wäre geschlossen worden und der Ruf: »Haltet den Dieb!« nun im Hause selbst vernehmbar ihm auf den Fersen gefolgt wäre.

Jetzt stieg der Bedrängte von Treppe zu Treppe, fand eine geöffnete Tür, die auf das Plattdach des Hauses führte, und entschloß sich zu einem halsbrechenden Spaziergang zwischen den Schornsteinen und Giebeln quer über die luftigen Häuser hinweg. Ein Verfolgtwerden brauchte er hier nicht mehr zu fürchten. Es kam nur darauf an, irgendwo unter sicheren Umständen wieder auf die Erde zu gelangen.

Der Nebel gestattete auch hier einen Vorsprung. Bis die Leute auf die Dächer stiegen, und das mußte man, um auch nur über ihre Querfläche hinwegsehen zu können (die Höfe und Gassen in Paris sind zu eng, um von jedem Fenster aus sogleich auf ein Dach blicken zu können), hatte der Flüchtling schon einen sichern Versteck gefunden, hinter dem ihn niemand suchte. Er streckte sich zwischen einigen Schornsteinen platt auf die Schiefer und hörte auch den Lärm der Verfolger allmählich verhallen. Da nichts mehr zu ihm heraufdrang als von unten her das Rollen der Wagen und das Geschrei der Ausrufer, so schlich er sich vorsichtig weiter und suchte eine Gelegenheit besserer Unterkunft. Er hoffte auf ein offenstehendes Dachfenster. Er fand ein solches. Es war in der Straße La Grenelle St.- Honoré und zu seiner besondern Freude das Fenster einer Wohnung, die er sehr wohl kannte und wo man ihn ganz gern aufnahm, auch wenn man wußte, daß er eben in einen heimlich aufgedrückten eleganten Laden eingetreten war und mit raschem Griff eine Uhr hatte stehlen wollen. Hatte doch Pierre Levasseur, der Bruder einer Schwester, die hier wohnte, seine Bekanntschaft schon im Zuchthause gemacht, hatten doch beide erst gestern soviel Pint guten Macon vieux zusammen in einer Spelunke am Palais Royal getrunken, bis sie die Versicherungen ewiger Freundschaft mit ihren schweren Zungen nicht mehr aussprechen könnten. Hier beim alten Matthieu Levasseur, bei Mutter Levasseur, bei Pierre, Fanchon, Lisette, Therese Levasseur hoffte er, um einen Rückfall in die Unarten, die ihm schon zwei Jahre Zuchthaus gekostet hatten, nicht so übel aufgenommen zu werden wie zum Beispiel von einem der Herren Professoren, die da drüben in der Sorbonne eben einen Kursus über Moral lasen.

Vorsichtig wie ein Marder und behend wie eine Katze schlich der junge Mensch seinem Ziele entgegen. Einige Sprünge, und er war an dem Staatsfenster der drei, die zur Wohnung der ihm befreundeten Familie gehörten. Eine Dachrinne schützte den Tollkühnen vor dem Ausrutschen und Hinunterstürzen auf das sechs Stock tieferliegende Straßenpflaster. Wohlgemut schwang er sich um den Hals des vorspringenden Dachfensters, stemmte die Beine in eine Dachziegellücke und wandte sich mit behutsamer Schwenkung so weit seitwärts, um sich überzeugen zu können, ob bei seinen Freunden jemand mehr zu Hause wäre als die jüngsten Bewohner, die kleine Madelon oder der dicke Paul, von denen die erstere, in ihrer Wiege oft sich selbst überlassen, dann wohl stundenlang zu schreien pflegte, während der einjährige Paul das Seinige tat, hülflos und verlassen wie er ebenfalls war, ihr zu sekundieren.

Das Rutschen des Flüchtlings hätte man in den Stuben hören müssen, wenigstens in der gewiß, zu welcher das Staatsfenster gehörte. Sogar ein Blumenstock fiel von des Flüchtlings nach Anhalt suchendem Fuß vom Gesimse des Staatsfensters in die Straße hinunter und konnte möglicherweise irgend jemand auf der Straße La Grenelle St.-Honoré ein Loch in den Kopf schlagen. Um so auffallender war die betrachtende, völlig ungestörte Ruhe, in die der Flüchtling einen hinter den zurückgezogenen weißen Vorhängen arbeitenden Schreiber versunken sah.

»Es ist Theresens Liebhaber«, flüsterte der Dieb vor sich hin, und bald auch hörte er die kleine Madelon heftig schreien, trotzdem daß sie nicht eingeschlossen war. Von »Theresens Liebhaber« sah man nichts als den Rücken, der krumm gebeugt über sein Papier sich lehnte, nichts als die Fahne der Feder, die etwas bedächtig in seiner Hand auf und nieder ging.

»Daß der Narr nicht gut sehen kann, weiß ich«, sagte der junge durchtriebene Mensch zu sich selbst, »aber es scheint, auch am Gehör fehlt ihm etwas, wie an seinem Verstand ohnehin.« – Er überlegte, ob er ans Fenster klopfen und Einlaß begehren sollte. Der Schreiber hatte offenbar nichts um sich her vernommen als das Kritzeln seiner Feder. Er arbeitete ruhig weiter. Madelon schrie, auch Paul wurde hörbar, und ein Hund bellte. Der Hund schien schon die Witterung des Flüchtlings zu haben. Nichts von alledem störte den Schreiber, der das, was er niederschrieb, nicht einmal selbst zu erfinden, sondern nur abzuschreiben schien.

Wäre der Blumenstock nicht in die Straße hinuntergefallen, so hätte der Flüchtling wohl noch eine Weile in seiner Lage ausgeharrt, trotzdem daß es zu regnen anfing. Die Kombination aber, daß durch jenen Fall seine Fährte könnte entdeckt werden, bestimmte ihn, mit der Überraschung, die er der Familie Levasseur zugedacht, nicht länger zu zögern, sondern ohne weiteres an die Fensterscheiben anzuklopfen und höflichst um Einlaß zu bitten. Gedacht, getan. Kräftig pochte er an die Scheiben des Fensters und sah den Schreiber natürlich im heftigsten Schreck aufspringen. Dieser, in seinem grauen Kamisol, das ihm fast bis an die Knie reichte, in Hauspantoffeln, eine Brille auf der Nase, mit unordentlich durcheinandergehendem, von aller Zopf-, aller Pudermode abweichendem blonden Haar, stand hinter den Scheiben verdutzt, schier aus den Wolken gefallen über einen Besuch, der sich vom Dache ankündigte.

»Herr Jean-Jacques«, sagte der Flüchtling, »vergeben Sie die Störung! Ich wollte nur fragen: Ist Pierre zu Hause?« Das Fenster wurde geöffnet. Herr Jean-Jacques drückte sein Befremden aus, wie man seinen Schwager Pierre so vom Dache aus durchs Fenster besuchen könnte.

»Ich hatte einen Krawall mit der Polizei«, sagte der Flüchtling, »eine kleine Bataille auf der ›Insel‹« – er meinte die innere Stadt – »bei der einäugigen alten Martonnière, die für ein paar zerschlagene Weingläser mehr Sous haben wollte, als ich gerade in der Tasche hatte. Sie wissen doch, Herr Jean-Jacques, daß ich ein guter Freund ...« – »Aber ist's denn möglich!« rief schon eine helle weibliche Stimme dazwischen. »Michel Labrousse! Bist du des Teufels?« – »Michel Labrousse?« widerhallte es jetzt schon von mehren Stimmen, die aus dem Innern der Wohnung drangen, und schon war Michel Labrousse im Begriff, sich mit einem Satz ins Zimmer zu schwingen, als sich mit Blitzesschnelle auch schon wieder die Szene veränderte. Ein junger Mensch brach in die Tür des Zimmers, rief in bleichem Schrecken aus: »Die Polizei!«, und im Nu ging die aufgeregte Physiognomie der vier bis fünf zurechnungsfähigen Wesen, die hier so plötzlich beisammenstanden, in einen dieser Mitteilung angemessenen Ausdruck über.

Zwei weibliche Wesen, ein junges und ein altes, voll Erstaunen, ein junger Mensch voll Furcht, der Schreiber wie einer andern Welt angehörend, der Flüchtling mit dem Ausrufe: »Reinen Mund!« zurück aufs Dach. Die Säbel der Gendarmen klapperten schon die Treppe herauf. Kräftige Stimmen ließen sich drohend genug vernehmen. Es ging rasch; aber doch nicht rasch genug, um sich nicht noch gegen die Gefahr waffnen zu können, wenigstens mit einer Lüge.

Die Häscher mit ihren Schleppsäbeln und dreieckigen Hüten waren eingetreten. Es hieß, man verfolgte einen Flüchtling, der an der Seine am hellen Tage eine Uhr hätte stehlen wollen; über die Dächer entflohen, wäre der Dieb unzweifelhaft die Veranlassung gewesen zum Niedersturze eines Blumenstocks aus diesem Hause; ob man nichts hier auf dem Dache beobachtet hätte.

Ein starres Schweigen und gleichgültiges Kopfschütteln war die Antwort.

»Der Blumenstock ist aber der ihrige«, hieß es, »die Leute im Hause bezeugen es.«

Man blickte hin zum Fenster.

»Ja, ist's möglich«, sagte die jüngere der Frauen, eine stattliche Gestalt mit feurigen Augen unter dem rotgelben Kopftuche und die Arme in die hochgewölbten Hüften stemmend, »ja, ach, du lieber Himmel, es ist unser schöner Goldlack; aber, meine Herren, Sie sehen ja, es regnet! Das Wetter hat uns schon oft einen unserer Blumentöpfe so mitgenommen. Fanchon! Lisette! Wie oft hab ich euch nicht schon gesagt, daß die Töpfe angebunden werden sollen! O mein Goldlack! Mein prächtiger, herrlicher!«

Sie weinte laut, worauf sich noch einige jüngere Bewohnerinnen der Dachstube erblicken ließen. Und die ältere der Frauen, die Mutter der Schwestern, fing ebenfalls zu klagen an um den schönen, von ihr aufgezogenen Goldlack, dessen Scherben einer der Sergeanten noch in der Hand hielt.

Man öffnete das Fenster, rückte die Schreibereien des Herrn Jean-Jacques beiseite und lehnte sich hinaus. Der Regen strömte heftig. Es war jedenfalls lästig, eine trockene Nase in diesem Augenblicke so lange ins Freie zu stecken. Das Fenster wurde geschlossen, und da die Hartnäckigkeit der Ableugnung, man hätte auch nur irgend etwas Verdächtiges auf dem Dache bemerkt, dieselbe blieb, ja, sich den Kindern gegenüber, die man in die Kammer brachte, steigerte, so waren die Häscher schon im Begriff, sich unverrichtetersache zu entfernen. Die Erkundigung jedoch, die sie schon im Hinaufsteigen in diesen fünften Stock über die Bewohner desselben eingezogen hatten, schien ihnen wenigstens der Mühe wert zu sein, noch einige Fragen an diese, sie selbst betreffend, zu richten, und so wurde denn noch ihren geöffneten Brieftaschen mit Bleistift über die Bewohner von Nr. 14, Rue de Grenelle St.-Honoré fünften Stock, folgendes kurze Protokoll übergeben.

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