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Jean de La Fontaine: Fabeln

Jean de La Fontaine: Jean de La Fontaine: Fabeln - Das Hähnchen, die Katze und das Mäuschen
Quellenangabe
typefable
booktitleMeine schönsten Gute-Nacht-Geschichten
titleDas Hähnchen, die Katze und das Mäuschen
authorLa Fontaine, Jean de
yearo.J.
pages119
publisherHerrenberger, München
copyrightWiener Verlag, 1978
senderjohana_johns@exterritorial.de
created20010117
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Jean de La Fontaine

Das Hähnchen, die Katze und das Mäuschen

Ein junger Mäuserich hatte zum ersten Mal das Nest verlassen und war auf Wanderschaft gegangen. Ganz aufgeregt kehrte er zu seiner Familie zurück und sprudelte über von Neuigkeiten.

»Ich habe viele Berge übersprungen, ein großes Meer durchschwommen und einen langen Tunnel unter einer riesigen Mauer gegraben. Da stand ich auf einmal mitten in herrlich duftenden Kräutern. Als ich sie kosten wollte, störte mich ein seltsames Schnurren. Neugierig pirschte ich mich näher und linste vorsichtig hinter einem dicken Stein hervor.

Da sah ich ein großes, hübsches Tier, das mit sanften Sprüngen einem kleinen Tierchen in der Luft nachjagte. Das große Tier hatte ein ganz weiches Fell und einen schönen, langen Schwanz und so freundlich leuchtende Augen, daß es mir sehr gefiel. ›Ein großer Freund ist immer gut‹, sagte ich mir und wollte mit dem hübschen Tier Freundschaft schließen.

Gerade wollte ich meinen neuen Freund begrüßen, da brauste ein anderes, gräßliches Tier herbei. Es hatte seine flattrigen Arme weit ausgebreitet und schlug mit ihnen kraftvoll auf und ab. Auf seinem Kopf wackelte ein blutroter Lappen grimmig hin und her. Sein Schwanz war viel zu kurz für den dicken Körper und sehr struppig. Das Schrecklichste an diesem häßlichen Tier war die Stimme.

Denkt euch, in welcher Gefahr ich geschwebt habe. Mit grellen Schreien lief dieses furchtbare, zweibeinige Wesen plötzlich auf mich zu und wollte mich töten. Ich mußte sofort fliehen.

Schade, daß ich das hübsche, sanfte Tier nicht näher kennengelernt habe.«

»Du dummes Kind«, rief die Mausemutter entsetzt aus, »dein hübsches, sanftes Tier war eine Katze, unser ärgster Feind. Sie verfolgt uns, wo sie uns nur findet, und tötet uns auf grausame Art. Das Tier aber, vor dem du dich gefürchtet hast, war ein Hahn, der uns nichts tut. Er hat dir dieses Mal das Leben gerettet.

Du darfst niemals danach urteilen, wie jemand aussieht. Oft verbirgt sich hinter einem sanften, schönen Gesicht ein boshafter Heuchler, der nur dein Verderben will.«

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