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Jean de La Fontaine: Fabeln

Jean de La Fontaine: Jean de La Fontaine: Fabeln - Der Mensch und sein Ebenbild
Quellenangabe
typefable
authorLa Fontaine
titleDer Mensch und sein Ebenbild
senderLorelies.Kuhn@t-online.de
created20011112
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La Fontaine

Der Mensch und sein Ebenbild

Es war einmal ein Mann, der, in sich selbst verliebt,
sich für den Schönsten hielt in aller Welt.
Den Spiegel schalt er, daß er nur entstellt
sein wundervolles Antlitz wiedergibt.
Ihn zu heilen, sorgt ein günstiges Geschick,
daß stets, wohin auch geht sein Blick,
er in der Damen stumm-geheimen Rat muß schauen:
Spiegel in Stub' und Saal, Spiegel, ob nah, ob fern,
Spiegel in Taschen feiner Herrn,
Spiegel im Gürtel schöner Frauen.
Was tut unser Narziß? Er tut sich selbst in Bann,
verbirgt am stillsten Ort sich, den er finden kann,
wohin kein Spiegel wirft sein trügerisches Bild.
Doch durch der Einsamkeit verlassenstes Gefild
rieselt ein klarer Silberbach.
Er schaut sich selbst darin, und zürnend ruft er: »Ach,
auch dieser schöne Ort wird mir verleidet!«
Er gibt sich alle Müh', woanders hinzugehen;
allein der Bach ist gar so schön,
daß er nur ungern von ihm scheidet.
Was die Moral der Fabel sei?
Ich sag' es allen: Sichselbstbetrügen,
von diesem Übel ist kein Sterblicher ganz frei.
Dein Herz, es ist ein Narr, geneigt, sich zu belügen;
im Spiegel, den als falsch zu schelten wir geneigt,
sehen wir Torheit nur, die wir an uns vermissen.
Der Bach, der unser Bild uns zeigt,
man kennt ihn wohl und nennt ihn – das Gewissen.
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