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Jean de La Fontaine: Fabeln

Jean de La Fontaine: Jean de La Fontaine: Fabeln - Die Hornissen und die Bienen
Quellenangabe
typefable
authorLa Fontaine
titleDie Hornissen und die Bienen
senderLorelies.Kuhn@t-online.de
created20011119
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La Fontaine

Die Hornissen und die Bienen

Am Werke kann den Meister man erkennen.
Ein paar Honigwaben waren herrenlos; Hornissen
hatten sie an sich gerissen,
doch auch die Bienen wollten sie ihr eigen nennen.
Vor eine Wespe kam der Streit, die sollt' ihn schlichten;
allein es ward ihr schwer, nach Fug und Recht zu richten.
Die Zeugen sagten, daß sie um die Wabe her
geflügeltes Getier, das braun und länglich wär'
und summte, oft bemerkt. Das sprach wohl für die Bienen;
jedoch was half's, da die Kennzeichen ungefähr
auch den Hornissen günstig schienen?
Die Wespe wußte nun erst recht nicht hin und her,
und sie beschloß – die Sache wirklich aufzuklären –,
der Ameisen Meinung anzuhören.
Umsonst! Denn alles blieb, wie's war.
»Auf diese Art wird's nimmer klar!«
sprach eine Biene, eine weise.
»Sechs Monde schleppt sich schon der Streit im alten Gleise,
und wir sind weiter um kein Haar.
Will sich der Richter nicht beeilen,
verdirbt der Honig mittlerweilen.
Am Ende frißt der Bär ihn gar!
Erproben wir jetzt drum ohn' Advokatenpfiffe
und ohne Krimskrams der Juristenkniffe
nur durch die Arbeit unsre Kraft!
Dann wird sich's zeigen, wer von uns den süßen Saft
in schöne Zellen weiß zu legen.«
Durch der Hornissen Weig'rung war
gar bald ihr Unrecht sonnenklar.
Der Bienen Schar gewann den Streit von Rechtes wegen.
O würde jeder Streit doch nur auf diese Art
entschieden und, wie man im Morgenlande richtet,
nach dem Buchstaben nicht, nein, nach Vernunft geschlichtet!
Was würd' an Kosten dann gespart,
statt daß mit endlosen Prozessen
man jetzt uns zur Verzweiflung treibt!
Wozu? Die Auster wird vom Richter aufgegessen,
während uns die Schale bleibt.
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